Tagesarchiv für den 26. September 2012

2:2 – der HSV verschenkt zwei Punkte

26. September 2012

Welch ein Pech. Welch ein verdammtes Pech! 2:2 in Mönchengladbach, aber der HSV hätte der Sieger sein müssen, stand vor dem ersten Auswärtserfolg der Saison – und wurde in der 91. Minute eiskalt bestraft. Ein ganz bitterer Abend nach einem Klasse-Spiel. Rafael van der Vaart, der den HSV mit 1:0 in Führung geschossen hatte, schoss einen Foulelfmeter in der 55. Minute an den Pfosten – es wäre wohl die Entscheidung gewesen. Der HSV macht durch diesen Auswärtspunkt einen kleinen Schritt nach oben, von Platz 15 auf Platz 14. Aber das, was der HSV jetzt spielt, das ist Fußball. Dieser HSV wird mit dem Abstieg schon sehr bald nichts mehr zu tun haben, ganz sicher. Weil man so viel Pech ja nicht immer haben kann.

Bevor ich zum Spiel komme: „Scholle“ und ich sitzen im „Champs“ in Schnelsen (Burgwedel), unser heutiger Gast ist Lotto King Karl, und wir werden jetzt in wenigen Minuten live auf Sendung mit „Matz ab live“ sein. Wir hoffen sehr, dass ihr alle einschalten werdet.

Zum Spiel:

Der HSV begann mit der „Dortmund-Elf“. Ein gutes Omen. Doch in den ersten Minuten drängte Mönchengladbach. Die Borussen hatten sich offenbar viel vorgenommen, wollten den HSV gleich unter Druck setzen – doch am Hamburger Strafraum war meistens Endstation für die quirligen „Fohlen“. Der HSV-VDV ist nicht mehr mit dem HSV der ersten Bundesliga-Spieltage zu vergleichen. Die Mannschaft lässt sich durch einen kleinen Sturm nicht gleich umwerfen, sie hält dagegen. Mit großem Selbstvertrauen. Das ist wirklich schön zu sehen. Was ein Mann doch so ausmacht – hat „uns Scholle“ zum neuen HSV gesagt. Und dieser Mann heißt Rafael van der Vaart. Er hat allen neues und frisches Leben eingehaucht, jeder einzelne HSV-Spieler tritt jetzt ganz anders auf, als noch vor Wochen, als das Team sieglos war und auch schon ein wenig hoffnungslos.

Die erste Chance des Spiels hatten die Gladbacher. De Jong, nicht verwandt und nicht verschwägert, spitzelte den Ball aus 14 Metern knapp am HSV-Tor vorbei (9.). 120 Sekunden später hatte der HSV seine Möglichkeit. Artjoms Rudnevs stand frei vor Keeper ter Stegen, wurde aber zu weit nach rechts abgetrieben, sodass der Gladbacher den Winkel verkürzen konnte – kein Vorwurf an Rudnevs, den konnte er nicht mehr ins Tor bekommen.

Aber diese Szene machte der gesamten Hamburger Truppe noch mehr Mut – auch für offensive Aktionen. Bei Gladbach schlichen sich vermehrt Abspielfehler ein, am Rande tobte Trainer Favre, doch der HSV bekam das Geschehen von Minute zu Minute mehr und besser in den Griff. Und ging in der 23. Minute in Führung. Ein herrlicher Treffer, ein“ Tor des Monats“ – ein Traum von Tor: Abschlag Rene Adler, an der Mittellinie verlängerte Heiko Westermann per Kopf (in einem engen Duell!) zu van der Vaart, und der machte mit der Kugel etwas ganz Ausgefallenes. Er schoss den Ball von der Linksaußen-Position in den hinteren Winkel. Das sah in etwa so aus, wie das Dortmunder Tor am Sonnabend von Perisic, als dieser flanken wollte – und er Ball in die lange Ecke flog. So ähnlich sah auch dieses 1:0 aus – nur dass van der Vaart dieses Tor ganz genau so schießen wollte – sein 30. Bundesliga-Treffer. Wie gesagt, ein Traum! Und auch die verdiente Führung.

Der HSV bestimmte danach den Rhythmus des Spiels, hielt die Kugel gekonnt in den eigenen Reihen, wenn es nötig war, und spielte nach vorne, wenn sich die Räume dazu boten. So sieht Fußball aus. Da wurde nicht mehr quer, quer und zurück gespielt, sondern auch entschlossen und schnell nach vorne. Und es hätte alles so schön sein können, hätte nicht Schiedsrichter Deniz Aytekin gleich zweimal einen totalen Blackout gehabt. Erst „übersah“ er ein klares Foul von de Jong an Heiko Westermann, denn der Gladbacher sprang den HSV-Kapitän im Fünfmeterraum eindeutig um. Ein klareres Foul gibt es nicht – aber Aytekin gab Eckstoß für Mönchengladbach. Und diesen schoss Nordtveit zur Mitte – wieder stand Westermann im Mittelpunkt. Stranzl stützte sich bei seinem Kopfballtor so was von klar auf, dass es ein Lehrbeispiel werden könnte (oder auch vielleicht wird), wie man es als Unparteiischer nicht machen soll. Aber das Tor zählte, obwohl diese beiden Entscheidungen eigentlich skandalös waren – 1:1. Stranzl gab nach dem Spiel zu, dass sein Treffer irregulär war – aber was hilft es?

Ein Tor aus dem Nichts – und irgendwie auch unverdient. Aber dabei blieb es nicht. Sekunden vor dem Pausenpfiff die erneute Hamburger Führung: Klasse-Flanke vom Klasse-Fußballer Milan Badelj, und Kopfball von Artjoms Rudnevs. Aus vier Metern köpft der Lette das 2:1 und sein erstes Bundesliga-Tor. Zum Glück hatte Trainer Thorsten Fink den Stürmer im Team gelassen, obwohl der Coach auch ein wenig damit geliebäugelt hatte, Maxi Beister rechts und Heung Min Son in der Mitte zu bringen. Fink tat es nicht, und er tat gut daran. Wobei wir uns im „Champs“ gleich über Rudnevs unterhielten, und „Scholle“ wusste: „Der Junge ist unheimlich beliebt in der Mannschaft, den mögen alle.“

Und er wird wohl auch kommen. Sein Tor wird ihm Auftrieb geben, noch mehr – und er erarbeitet sich diese Form ja auch durch seinen Fleiß und durch seinen enormen Einsatz. Ein Beispiel: In der 21. Minute attackierte Rudnevs den Gladbacher Torwart an dessen Fünfmeterraum – auch ein Traum. Der HSV setzt nach, der HSV geht jedem Ball hinterher, der HSV kämpft und gibt alles, setzt den Gegner sogar in dessen Hälfte und sogar im dessen Strafraum unter Druck. Super.

Der zweite Durchgang begann dann mit einem Paukenschlag. Ivo Ilicevic dringt in der 53. Minute in der MG-Strafraum ein, Stranzl kommt mit dem langen Bein, der HSV-Spieler springt hoch und geht zu Boden – Elfmeter. Und Stranzl sieht noch Rot. Das roch stark nach Konzessions-Entscheidung. Es gab Rudelbildung, Torwart ter Stegen stellte sich, als van der Vaart schießen wollte, drei Meter vor das Tor – das alles kostete Zeit. Und wohl auch Nerven. Van der Vaart schoss den Ball in der 55. Minute an den Pfosten, die mögliche Vorentscheidung war vertan. Schade, schade.

Gladbach fortan nur noch zu zehnt, der HSV hielt den ball, vergab aber einige Konteransätze durch zu ungenaues Abspiel. So baut man einen müden Gegner eigentlich wieder auf, aber diesmal nicht. Der HSV war eindeutig Chef im Ring. Gladbach hatte nur noch eine große Chance, als ein Freistoß von Arango knapp am HSV-Tor vorbeisegelte (76.) – das war Glück, wer weiß, ob Rene Adler den gehalten hätte?

Der HSV war auf der Siegerstraße, ganz klar, es ging nur um die Höhe des Erfolges. Zu viele Konter aber wurden vergeben – leichtfertig. Und das rächte sich bitter. In der Nachspielzeit köpfte Dominguez nach einem Arango-Freistoß (Foul von Ilicevic) das nicht mehr für möglich gehaltene 2:2. Welch ein Pech! So ungerecht kann Fußball sein. Der HSV verschenkt seinen Sieg.

Die Einzelkriktik:

Rene Adler spielte absolut souverän, am Gegentor gab es nichts zu halten – auf ihn ist nicht nur Verlass, die Mitspieler verlassen sich auch auf ihn. Eine großartige Verstärkung für den HSV, man kann es nicht oft genug wiederholen.

Dennis Diekmeier bot eine solide Partie, ohne jeden Kompromiss, er spielte „Karo einfach“ – und das war zweckmäßig und gut.

Michael Mancienne knüpfte an die starke Leistung aus dem Dortmund-Spiel nahtlos an, er hing wie eine Klette an seinen Gegenspielern – er hat seine Chance (durch Brumas Verletzung) genutzt. Stark.

Heiko Westermann war wieder Dreh- und Angelpunkt in der Defensive, er ist aus dieser (nun erfolgreichen) Mannschaft nicht mehr wegzudenken, er ist ein Mann, der stets 100 Prozent gibt – ein Vorbild. Großartig.

Marcell Jansen hat seinen dritten Frühling zufassen. Es ist unfassbar, wie er sich oft mit Haut und Haaren in die Aktionen des Gegners wirft, wie er grätscht, wie er rennt und sprintet. Note zwei.

Milan Badelj ist ein ebenso großer Gewinn wie Adler für den HSV. Ein ganz feiner Fußballer und mit einem guten Auge.

Tolgay Arslan imponiert mir immer mehr – muss ich schon sagen. Wie er seine Defensivarbeiten erledigt, das ist schon spitze. Er hat bewiesen, dass er eine Alternative ist – aber nun kommt ja Petr Jiracek wieder.

Heung Min Son nicht ganz so spektakulär wie gegen Dortmund, dennoch auf dem aufsteigenden Ast. Das war okay.

Rafael van der Vaart war der Regisseur, er bracht Linie und Ordnung in das Spiel seiner Mannschaft – hervorragend.

Ivo Ilicevic scheint zu kommen, er hatte viele gute Szenen, Szenen, die er vor Wochen nie hatte – nun lässt er sich offenbar anstecken und mitreißen – zum Wohle des HSV.

Artjoms Rudnevs überzeugte (bis zur 77. Minute, dann kam Marcus berg für ihn) durch seinen Einsatz und glänzte durch sein Tor. Immer eine Gefahr für das Gladbacher Tor. Jetzt wird er kommen! Und zwar ganz stark.

In der 89. Minute kam Jacopo Sala für van der Vaart, und in der 91. Minute kam Maxi Beister für Ilicevic.

22.08 Uhr