Tagesarchiv für den 24. September 2012

Neue Größen in van der Vaarts Schatten

24. September 2012

Was gibt es nicht für schöne Momente – wenn man zuvor sein Spiel gewonnen hat. Da wird selbst die Vorstellung des neuen Mannschaftsbusses zum dreistündigen Top-Event. Mit bei der Präsentation des „Rauten-Express“ wie ihn die Fans in einer Umfrage getauft hatten, waren heute fast ausnahmslos glückliche HSVer. Rafael van der Vaart, Marcell Jansen, Heiko Westermann, Carl Jarchow und Fink, dessen Freude nur durch die Verletzungen von Jeffrey Bruma (Knieprobleme), Zhi Gin Lam (Muskelfaserriss) und Christian Norgaard (Riss des Syndesmosebandes). Dennoch überwog auch bei Fink die Erleichterung nach dem ersten Saisonsieg. „Ich kann mit Sicherheit sagen: So ein Termin ist deutlich angenehmer, wenn man vorher gewonnen hat.“

Und das haben sie.

Dank Rafael van der Vaart. Zumindest wird an dem Niederländer gefühlt 98 Prozent des Sieges festgemacht. Die anderen zwei Prozent teilen sich das mannschaftliche Kollektiv (es gibt es tatsächlich!) und Rene Adler, der gegen Dortmund tatsächlich den Beweis antrat, dass es richtig war, ihn trotz des laufenden Vertrages vom ebenfalls hervorragenden Keeper Jaroslav Drobny zu verpflichten. Adler war Weltklasse. Dass er nun gleich wieder mit der Nationalelf in Verbindung gebracht wird ist vielleicht etwas verfrüht – aber bei der ehemaligen Nummer eins bin ich mir absolut sicher, dass es ihn nicht abheben lassen wird. Im Gegenteil: nach dessen unendlich langem und harten Kampf ums Comeback dürften solche Anerkennungen wie Wind unter den Flügeln sein. Adler ist noch lange nicht am Ende seiner Leistungsfähigkeit. „Ich habe noch nie einen Spieler wie ihn gesehen“, hatte mir Jörg Butt erzählt, als der HSV Adler verpflichtet hatte. Und der ehemalige Elfer-Killer und –Verwandler des HSV lobte weiter in Superlativen. Obwohl es Adler war, der seine Bundesligakarriere zumindest ins Stocken geraten ließ, als er Butt in Leverkusen die Position als Nummer eins abnahm. „Rene ist der Torwart mit dem größten Talent gewesen, das ich je gesehen habe“, so Butt, der bekannt dafür ist, lieber mal nichts zu sagen, ehe er etwas Falsches sagt.

Und – für mich nicht überraschend – Butt hat Recht. Adler ist der wahrscheinlich beste HSV-Keeper seit Uli Stein. Damit möchte ich ganz sicher nicht andere Größen wie Golz, Butt selbst oder auch Drobny und vor allem Frank Rost herabwerten – im Gegenteil. Allesamt waren hervorragende Keeper, die oft aus ihren jeweiligen Mannschaften herausstachen. Aber Adler ist ein Torwart mit dem X-Faktor. Er ist eine Mixtur aus riesengroßem Talent, reichlich Erfahrung, großer Perspektive und vor allem der Persönlichkeit und dem Erfolgshunger. Adler war ganz oben, fiel extrem tief und hat sich mühsamst wieder herangearbeitet. Er ist demūtig im Umgang mit dem Multimillionen-Euro-Job, der andere Talente zu schnell zufrieden sein lässt. Adler weiß, worauf es im Leben und im beruf ankommt. Und dass er sein Wissen auch umzusetzen weiß, konnten wir nicht erst am Sonnabend in der Imtech-Arena sehen.

Zurück zum Thema Nationalelf, das ich persönlich bei Adler nie angestoßen hätte, da es ein Selbstgänger ist. „Wenn er so weiter hält, ist er natürlich schnell wieder ein Kandidat für die Nationalmannschaft“, lobte Fink seine Nummer eins heute im Rahmen der Bus-Vorstellung. Allerdings scheint Fink nicht ganz meiner Meinung zu sein. Zumindest holte er Adler heute wieder ein wenig runter. „Er hat gegen Dortmund gut gehalten. Aber eben keine Unhaltbaren.“ Finks ehrenwerter Versuch, Adler in der Spur zu halten, ist allerdings schnell widerlegt, wenn man sich die Partie noch mal ansieht. Allein die Szene gegen Blaszczykowski nach dessen Einwechslung war für mich ein so genannter „Unhaltbarer“, zu dem sich noch etliche sehr gefährliche Szenen gesellten, die Adler entschärfte.

Egal wie, Fink ist sichtlich froh über seinen Keeper, der wie alle(s) andere vom Heimcomeback van der Vaarts in den Schatten gestellt wurde. Allerdings finde ich, dass der Niederländer zu recht – jetzt allerdings auch genug gelobt wurde. Zumal ich kein Freund von Heroisierungen bin. Schon gar nicht bei einer Mannschaftssportart, in der zu 99 Prozent das Kollektiv entscheidet. Mit Adler haben wir schon einen weiteren Mann gelobt. Auch Heung Min Son hatte seinen maßgeblichen Anteil mit den beiden Toren. Dass der Südkoreaner ansonsten allenfalls eine mäßige Partie absolvierte – scheißegal. Und das meine ich tatsächlich so. Aber mir fehlt in er Aufzählung der zu lobenden Spieler neben Heiko Westermann noch ein ganz entscheidender Mann – vor allem auch für van der Vaart: Milan Badelj.

Der Kroate ist am Ball eine Augenweide. Er spielt fast keine Fehlpässe, weiß immer schon vor der Ballannahme, wo Gegen- und Mitspieler sind und ist ein beruhigendes Element in hektischen Momenten. „Milan ist ein super Fußballer“, lobte van der Vaart seinen „Wasserträger“, der in meinen Augen noch besser werden dürfte, wenn neben ihm jemand spielt, der über etwas mehr Defensivqualitäten verfügt. Tolgay Arslan gab sich diesbezüglich alle Mühe und machte ein gutes Spiel. Und obwohl dem gelernten Offensivspieler anzumerken ist, dass ihm der Weg nach hinten und vor allem das defensive Zweikampfverhalten schwerer fällt als der Weg Richtung Spitze, hat er sich die zweite Chance redlich verdient. „Wenn Tolgay weiter so gut nach hinten arbeitet“, lobte Fink heute, „dann ist das gut.“ So gut zumindest, dass Fink seinen Youngster Arslan in Gladbach erneut auf die Doppelsechs stellen wird.

In Gladbach am Mittwoch noch fehlen wird Jeffrey Bruma, den ich heute bei der Reha im UKE (ich muss mein Knie wieder in Schuss bekommen) traf. „Es ist noch nicht wieder richtig gut“, antwortete Bruma auf meine Frage nach seinem Gesundheitszustand, „aber es wird besser.“ Der Niederländer hofft, dass er am Sonnabend gegen Hannover (15.30 Uhr, Imtech-Arena) zumindest wieder auf der Bank Platz nehmen kann.

Gegen Gladbach will Fink nichts umstellen. Er habe kurzzeitig überlegt, ob er im Sturm umbesetzt, diesen Gedanken aber recht zügig wieder verworfen. Zudem kommt es für Fink und den HSV zum Treffen mit einem Spieler, um den sich die Hamburger extrem bemüht hatten: Granit Xhaka. Der ehemalige Baseler sollte bereits im Winter zum HSV. Damals scheiterten die Verhandlungen offiziell am abgebenden Klub FC Basel. Heute sagte Fink, dass der Wechsel seines absoluten Wunschspielers in erster Linie an dessen Berater gescheitert sei. Zumindest im Winter. „Klar hätte ich ihn sehr gern gehabt“, so Fink. Zum Sommer hin habe ihm Xhaka dann allerdings selbst bestätigt, dass es besonders wichtig für ihn sei, Champions League zu spielen. Daher die Entscheidung pro Gladbach.

Heute spielen die Borussen – aus deutscher Sicht: leider – nicht mehr Champions League. Aber vielleicht hatte die Entscheidung des Schweizers gegen den HSV auch etwas Gutes. Immerhin war so die Position des Zehners noch unbesetzt und die Not so groß, dass beim HSV alle Kräfte gebündelt wurden, um Rafael van der Vaart zu holen, dem ich dann doch noch einen Qualitätsvorsprung gegenüber Xhaka zuschreibe.

Jetzt habe ich den Blog mit van der Vaart begonnen und beendet. Und das, ohne den extrem gelungenen Auftritt des neuen Hoffnungsträgers beim HSV im Sportclub zu erwähnen. Deshalb noch ein Wort zum ersten TV-Auftritt van der Vaarts: Sensationell sympathisch. ich glaube inzwischen fest daran, dass der HSV tatsächlich einen Superstar in den eigenen Reihen hat, der sich mit der Stadt, den Fans und dem Klub identifiziert. Allein die Tatsache, dass van der Vaart zuerst im N3-Sportclub und nicht auf der großen Bühne des Sportstudios Platz nahm, unterstreicht dessen Nähe zu Hamburg nur…

In diesem Sinne, ich bin heilfroh, dass der HSV mit Adler, einem Westermann in Dortmund-Form sowie Badelj, Jiracek und van der Vaart eine starke Mittelachse hat. Auch wenn es vorne dann etwas hapert, können Spiele gewonnen werden. Und vielleicht bessert sich auch das noch. Morgen wird auf jeden Fall unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Zumindest wurde das heute so angekündigt. Aber vielleicht ändern sie das ja wieder kurzfristig wie vor dem Dortmund-Spiel. Es gibt ja Leute, die behaupten, Fink sei abergläubisch…

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Weil ich von einigen Blogger-Freunden gefragt wurde: Solche Geschichten wie die Fragebögen (an Jarchow sowie der an Dieter und mich) werden wir sicher noch mehrmals wiederholen. Versprochen. Auch, wenn wir das sicherlich in etwas größeren Abständen machen…