Tagesarchiv für den 23. September 2012

Van der Vaart reißt alle und jeden mit

23. September 2012

Durchatmen!

Dieses 3:2 ist Erleichterung pur.

Und wirft dennoch Fragen auf.

Nämlich die, warum erst jetzt? Und: Wieso nicht immer so?

Die ersten 70 Minuten gegen den Meister haben es bewiesen, dass diese HSV-Mannschaft durchaus in der Lage ist, guten Fußball mit Herz und Leidenschaft zu spielen. Dann war auch Glück im Spiel, ein überragender Heiko Westermann als Abräumer und ein Rene Adler, der zwischen den Pfosten eine Weltklasse-Leistung bot. Aber all das gehört natürlich auch dazu. Ein Kapitän darf über sich hinaus wachsen, und ein Keeper darf auch mal den einen oder anderen „Unhaltbaren“ abwehren. Alles ganz legal. Und wenn sich dazu dann auch noch die Glücksgöttin Fortuna ganz deutlich auf die Hamburger Seite schleicht, ist das natürlich die perfekte Mischung für einen Überraschungs-Sieg. Dieser 22. September 2012 wird so schnell nicht in Vergessenheit geraten, schon allein deshalb, weil dieser HSV wieder einmal Begehrlichkeiten geweckt hat. Mit einer Leistung, zu der jeder sagen kann: „Das war Fußball! Endlich einmal wieder.“

Die nackten Zahlen dieser 90 Minuten vom Sonnabend sprechen nicht gerade für den HSV. Obwohl ich bis in etwa der 70. Minuten keinen großen Unterschied zwischen beiden Mannschaften erkannt haben wollte. Dortmund erschien mir zu pomadig, der HSV aggressiver, mit einer großen Portion Willen in den Trikots. Aber: Dortmund hatte 26 Torschüsse, der HSV sechs. Das Eckballverhältnis lautete 10:2 für den BVB, Flanken gab es ein 13:10 für den Meister, die Ballkontakte waren mit 56:44 Prozent für die Borussia verteilt, nur zweimal führte der HSV: Fouls 22:10, Abseitsstellungen 3:0. Und die Bilanz der gewonnenen Zweikämpfe war ausgeglichen: 50:50. Die meisten Torschüsse: Perisic sechs, Ilicevic und Son je zwei. Die meisten Torschussvorlagen: Lewandowski sechs, Diekmeier und van der Vaart je zwei. Die meisten Ballkontakte: Leitner 92, Badelj 67. Und die beiden Zweikampfstärksten: Hummels gewann 84 Prozent seiner Duelle, Mancienne immerhin 77.

Aber in der Rubrik Toren führte der HSV mit 3:2. Und das war auch gut so.

Alle Welt hatte ja bei der Verpflichtung von Rafael van der Vaart gesagt: „Er ist nicht der Messias, er allein wird es niemals schaffen können.“ Wer hat das nicht gesagt? Die größten Experten des deutschen Fußballs. Und dennoch hat er es geschafft – allen Unkenrufen zum Trotz. Nicht allein, aber er hat diese Mannschaft zu neuem Leben erweckt, er hat die Verantwortung übernommen, er hat alle mitgerissen und mutiger gemacht, er ermuntert alle zum Fußballspielen, und alle in dieser Mannschaft wissen, dass da kein Star auf dem Rasen steht, der unantastbar ist, sondern ein Mensch, der Spaß und Freude am Fußball hat und versprüht, und der gewinnen will. Und der anspielbereit ist, wenn der Ballführende nicht mehr weiß, wohin mit der Kugel.

Dieser Rafael van der Vaart ist Gold wert für den HSV, er ist die Garantie dafür, dass dieser HSV nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben wird. So lange van der Vaart gesund ist und mitspielen kann.

In der 87. Minute war der erschöpfte Niederländer ausgewechselt worden, nach dem Schlusspfiff sprang er dann zuerst Trainer Fink in die Arme, dann raste der „kleine Engel“ über den halben Platz und herzte Torwart Rene Adler. Van der Vaart erklärte seinen Sprint: „Ich bin nach dem Spiel zu ihm gerannt, weil er den Sieg festgehalten hat. Mit seinem Können, seiner Erfahrung und seiner Präsenz verkörpert er Weltklasse. Wenn man sieht, wie er sich auch in der Kabine gibt, dann weiß man, dass er ein Gewinner-Typ ist.“

Rene Adler zu dieser Szene nach dem Spiel: „Ich war überrascht, wie schnell er nach dem Abpfiff noch ist. Aber da kam zum Ausdruck, wie viel Druck auch von ihm abgefallen ist. Er nimmt 98 Prozent der Verantwortung auf sich, so können die anderen in seinem Schatten arbeiten. Er ist nicht nur sportlich, sondern auch psychologisch der Typ, der uns bis dahin gefehlt hat.“

Ganz, ganz sicher. Plötzlich spielen sie befreit auf und zeigen Erstliga-Fußball. Als wäre es nichts, als wäre es selbstverständlich. Es wird nicht nur niveauvoll gekämpft, sondern auch gespielt. Und ganz gleich, ob es nur sechs Torschüsse gab – drei Tore gegen den Doublegewinner schießt auch nicht jeder. Rafael van der Vaart über dieses Spiel, diesen großen und großartigen Sieg: „Ich bin hierher gekommen, um der Mannschaft zu helfen, und das hat ganz gut geklappt, ich bin sehr zufrieden. Aber wir sind, das muss auch gesagt werden, noch lange nicht da, wo wir sein wollen, aber wenn man den Meister schlagen kann, dann kann man jeden schlagen. “ Und weiter sagte die „ewige 23“: „Der Druck war unglaublich, ich bin so froh, dass es geklappt hat. Jetzt ist das Vertrauen zurück, denn wenn man eine Topmannschaft wie Dortmund schlägt, dann kann man in jedem Spiel bestehen. Hut ab vor unserer Truppe, genau deshalb bin ich zurück nach Hamburg gekommen. Es war eine Befreiung für den ganzen HSV. Dieser Sieg fühlt sich wundervoll an, und dieses Gefühl genießen wir nun auch noch an diesem Wochenende, aber dann müssen wir direkt wieder umschalten und nach vorn schauen. Am Mittwoch wartet schon Mönchengladbach. Wir sind wieder da, aber es war nur der erste Schritt, nicht mehr. Das muss jedem bewusst sein.“

Und auch das scheinen alle begriffen zu haben. Der Blick für das Wesentliche ist geschärft worden. Trainer Thorsten Fink sagte in seinem Resümee: „Wir haben es geschafft, von Anfang an hellwach zu sein und sehr konzentriert zu arbeiten. Das frühe Führungstor hat uns natürlich in die Karten gespielt, da haben wir Dortmund auf dem falschen Fuß erwischt und uns hat es einen Schub gegeben. Doch auch nach dem 1:1 unmittelbar nach Wiederbeginn hat meine Mannschaft eine Reaktion gezeigt und weiter an sich geglaubt.“

Der Coach war an der Seitenlinie 90 Minuten lang in Topform, er gestikulierte, trieb an, korrigierte, gab Tipps. Er lebte die hundertprozentige Einstellung von außen prächtig vor. Und er sagte: „Es war eine leidenschaftliche Vorstellung, wir haben mit Glück, Geschick und Kampfgeist aus meiner Sicht verdient gewonnen. Der Druck war immens, ich habe versucht, das von den Jungs fernzuhalten. Es ist uns gelungen, die Fans mitzunehmen, sie haben uns dann getragen. Es war genau das Spiel, das wir gebraucht haben. Ich hoffe, dass das eine Initialzündung war für die nächsten Wochen, das Vertrauen nehmen wir jetzt mit ins nächste Spiel am Mittwoch. Jetzt weiß die Mannschaft, dass sie die Qualität hat, jeden Gegner schlagen zu können.“

Dann gab Thorsten Fink auch zu: „Ich bin überglücklich, aber es war eben auch nur ein Spiel. Heute ist die Freude groß, und ich bin natürlich auch erleichtert, denn ich kam mir doch schon vor wie täglich grüßt das Murmeltier. Weil es immer wieder Niederlagen einzustecken gab. Aber wir haben hart an unseren Fehler gearbeitet, oder auch kritisch daran gearbeitet, haben alles aufgearbeitet – und diesmal haben wir es gut gemacht. Es kam nicht so oft vor, dass wir gewonnen haben, aber ich habe immer daran geglaubt, dass wir es schaffen können.“

Dann ging es auch noch kurz mal ans Eingemachte. Fink ergänzte noch: „Wir haben ein tolles Spiel gezeigt, und das haben wir gemeinsam geschafft. Weil wir auch ruhig geblieben sind – im Verein. Man hat mich in Ruhe arbeiten lassen, von daher bin ich sehr, sehr zufrieden, dass die Mannschaft so reagiert hat, dass sie an sich glaubt.“ Und: „Wenn man nicht gewinnt, hat man auch kein Vertrauen, dann gibt es Zweifel, dann glaubt man nicht an die Sache – aber ich habe dagegen immer an gekämpft. Ich weiß, dass die Mannschaft die Qualität hat, ich habe auch gesagt, dass wir ein wenig Zeit brauchen, und wir können ja auch noch einige Dinge verbessern, im Defensivverhalten. Und manchmal noch cleverer zu sein, nicht den Konter zu suchen, nicht immer nur den Weg nach vorne suchen, sondern den Ball zu halten – und nur wenn es geht nach vorne. Das sind Kleinigkeiten. Aber daran arbeiten wir, und jetzt gibt es ja auch mal etwas Positives zu vermelden.“

Über „Matchwinner“ Rene Adler befand Fink: „Er ist für die Mannschaft da, ein starker Rückhalt. Mich überrascht das nicht, schließlich haben wir ihn genau deshalb geholt, weil wir absolut überzeugt davon waren, dass uns Rene sportlich, aber auch als Persönlichkeit und Leitfigur weiterbringen würde. Das hat er bisher vollauf bestätigt.“

Der so gelobte Keeper nach dem Super-Spiel:: „Ich will gar nicht über mich reden, denn das wäre nicht gerecht. Wir haben eine sensationelle Mannschaftsleistung gezeigt, das war ein Spiel, wie wir es gebraucht haben. Vor dem Anpfiff hat niemand einen Pfifferling auf uns gesetzt, da wurde doch nur über die Höhe des Dortmunder Sieges gerätselt. Die Art und Weise, wie leidenschaftlich wir aufgetreten sind, war überragend. Wir haben Herz gezeigt, uns in jeden Schuss geworfen und vorn zugeschlagen, als sich die Gelegenheiten boten. Aber: Es geht direkt weiter, jetzt gilt es, auch in Mönchengladbach unter Beweis zu stellen, dass wir den Gegner auffressen wollen.“

Dann ergänzte der frühere und kommende Nationaltorwart noch: „Ich habe so viel Spaß am Fußball wie nie zuvor. Nach meiner Verletzungspause bin ich körperlich auf Topniveau, dazu kommt die nötige Lockerheit. Und ich fühle mich richtig wohl beim HSV, hier passt alles für mich. Trotz des schlechten Starts war und bin ich total davon überzeugt, dass wir das Potenzial haben, eine gute Rolle in der Bundesliga zu spielen.“

Und plötzlich können sie ja auch alle. Nämlich Fußball. Selbst die „Sorgenkinder“.

Wie Michael Mancienne
zum Beispiel, über den Thorsten Fink sagte: „Er hatte einen Super-Tag, er hat viele Chancen der Dortmunder vereitelt. Er hatte eine tolle Ausstrahlung, das hatte ich so nicht erwartet, aber er kam in der Woche nach dem Spiel in Frankfurt zu mir in die Kabine und sagte: ‚Trainer, ich habe ein Scheiß-Spiel gemacht, hatte ein ganz schlechtes Timing, aber wenn ich beim nächsten Mal wieder dabei bin, dann mache ich es wieder besser.’ Das hat er gemacht. Ich finde es gut, dass man solche Leute hat, die auch Fehler zugeben und dann aber auch das nächste Mal wieder gut spielen.“ So wie nun Mancienne. Ich bin ehrlich, ich war vorher enorm skeptisch – gegen Lewandowski . . .

Wie Ivo Ilicevic,
der ein Tor schoss und endlich einmal nicht abfiel, im Gegenteil, in der Nähe von Rafael van der Vaart hat er offenbar seine alte Sicherheit und auch Gefährlichkeit wieder zurück. Ilicevic könnte ein weiterer „Neuzugang“ für den HSV sein.

Wie Tolgay Arslan.
Der Trainer über den neuen „Sechser“: „Er hat ein tolles Spiel gemacht, das hat doch keiner erwartet, dass er so auftritt, auf dieser eher defensiven Position. Dass er technisch stark ist, dass er keine Angst hat und dass er heiß war, das wusste ich, deswegen habe ich mich für ihn entschieden.“ Arslan sagte später: „Das war ein Super-Spiel, voller Emotionen, der pure Kampf. Wir wollten den Gegner kaputtrennen. Wenn man den Meister schlägt, dann kann man jeden Gegner schlagen. Mit dieser Überzeugung müssen wir weiter auftreten.“

Wie Heung Min Son,
der zwei herrliche Tore erzielen konnte und zeigte, dass er ein gefährlicher Stürmer ist. Beide Treffer hat er aus der Mitte erzielt, beim 3:1 kam er von rechts und schoss fast aus der Mitte und aus 18 Metern – mit links. Ein Traumtor. Fink über den Südkoreaner: „Einige wollten ihn mir ja schon wieder ausreden, oder in die Spitze reinreden, aber jetzt, wo Rafael van der Vaart die Bälle in dies Spitze spielt, kann Sonny von hinten kommen, auch von rechts und dann zur Mitte ziehen – dann ist er einfach gefährlich. Deswegen habe ich immer an ihn geglaubt.“
Obwohl ich einer derjenigen bin, der Heung Min Son lieber in der Spitze sehen würde – und Maximilian Beister dann über rechts kommend. Aber das ist natürlich ganz allein Sache des HSV-Trainers.

Der auch Artjoms Rudnevs lobte. Der Zugang von Lech Posen blieb etwas unglücklich in seinen Aktionen, strahlte auch nur wenig Torgefahr aus, aber beim 1:0 und beim 2:1 hatte er seinen Kopf (als Vorbereiter) mit im Spiel. Thorsten Fink über den Letten: „Rudi hat gezeigt, dass er sehr torgefährlich ist, dass er zumindest weite Wege gehen kann – dass er ins Team passt. Ich bin mir sicher: Schießt er ein Tor, dann wird der Knoten bei ihm platzen.“

Die nächste Gelegenheit dazu wird „Rudi“ am Mittwoch haben, beim Auswärtsspiel gegen Borussia Mönchengladbach.

Ganz schnell noch zum heutigen Vormittag. Da war HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow auf „SPORT1“ beim Doppelpass zu hören. Er sagte. . .

… zu HSV-Sportdirektor Frank Arnesen:
„Ich weiß, dass er das Vertrauen des Aufsichtsrats genießt und aus dem Vorstandskreis kann ich ihnen nur versichern: Unser Vertrauen hat er nach wie vor!“

… über die Kritik zu Arnesens Transfers:
„Frank Arnesen war bei allen Transfers dabei. […] Er wurde damals hier verpflichtet und es wurde ihm in Aussicht gestellt, er könne hier einen hohen zweistelligen Millionenbetrag für neue Spieler ausgeben. Nachdem ich ins Amt gekommen war und wir Kassensturz gemacht haben, musste ich ihm sagen, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir mussten 15 Millionen Euro sparen. Aus dieser Situation heraus sind die Chelsea-Transfers zustande gekommen. Also aus einer rein finanziellen Schwierigkeit heraus und nicht daraus, dass Herr Arnesen das unbedingt wollte. Dass er sicherlich etwas Zeit braucht, um in der Bundesliga anzukommen ist normal. Ich glaube aber, dass er das in der Zwischenzeit voll und ganz ist.“

… über den Wirbel nach dem Badelj-Transfer:
„Es gibt hier keinen Verdachtsmoment. Der DFB hat hier auch nicht ermittelt oder Ähnliches, sondern hat das einfach der Zuständigkeit halber an die Fifa weiter geleitet. Wir haben einen Beratervertrag im Falle Badelj mit einem Berater, der nachgewiesenermaßen ein lizenzierter Berater ist. Da gibt es keine Probleme.“

… über Trainer Thorsten Fink:
„Ich stehe total hinter Thorsten Fink. Wir sind überzeugt, dass er hier noch sehr lange Trainer ist.“

Ich komme zum Schluss – aber noch mit unserer „Sprechstunde“ (vielen Dank an “el Presidente” Benno Hafas). Es gab da aus eurer Mitte einige Fragen. „Uns Scholle“ und ich haben die Fragen der „Matz-abber“ auf Video beantwortet (nicht alle, das wäre zu viel des Guten gewesen) – und diese Sprechstunde wird sicher auch bei passender Gelegenheit mal wiederholt.
Nicht beantwortet wurden Fragen wie zum Beispiel diese: „Warum machen Matz und Scholle immer noch einen ganz großen Bogen um eine ganz, ganz wichtige Frage . . ?“ Und dann wird ein HSV-Spieler zerrissen, der nachweislich stets zu den besten Hamburgern gehört.
Darauf habe ich, ganz ehrlich gesagt, keine Lust – schlimm genug, dass hier HSV-Fans gewisse HSV-Spieler immer munter herunterputzen, das muss in meinen Augen alles nicht sein – aber anonym geht eben vieles . . .

16.49 Uhr