Tagesarchiv für den 22. September 2012

3:2 – das war ein gigantisches HSV-Spiel!

22. September 2012

Der HSV ist wieder da! Mit einem grandiosen Auftritt wurde Doublegewinner Borussia Dortmund mit 3:2 besiegt – ein traumhaftes Spiel, ein großer Erfolg, der erste und wo wichtige Saisonsieg, der endlich einmal mit Herz und Leidenschaft eingefahren wurde, ein sensationeller Nachmittag im Volkspark. Damit hatte doch kaum einer gerechnet, aber jetzt kann der 125. Geburtstag kommen, jetzt ist die Super-Serie von 36 ungeschlagenen Spielen nicht mehr gefährdet (vom BVB) – jetzt geht es aufwärts. Das erste Heimspiel des „verlorenen Sohnes“ Rafael van der Vaart wurde ein Triumphzug für den HSV, der endlich einmal wieder so spielte, wie es sein großer Ruhm immer gefordert hat. Das ist der „alte HSV“, den die Fans jahrelang vermisst haben, das war ein Auftritt, von dem die Anhänger noch lange Jahre sprechen werden. Vielen Dank für dieses sensationelles Spiel, das war wie einst beim 4:4 gegen Juventus – das war klasse, phänomenal, einfach nur traumhaft.

Jetzt feiert schön! Der HSV ist wieder da!

Vor dem Anstoß ging es schon optimistisch-freundschaftlich zu. Das begann schon mit Ersatztorwart Jaroslav Drobny, der sich mit allen abklatschte, die ihm in den Weg kamen. Dann lagen sich Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen in den Armen und klopften sich gegenseitig auf die Schultern – und aus dem Norden ertönte es stimmgewaltig: „Hier regiert der HSV!“ Und das wurde nach einer Minute und 50 Sekunden noch viel, viel lauter: „Hier regiert der HSV! Hier regiert der HSV!“ Weil der Ball zu diesem Zeitpunkt schon führte. Linksflanke von Rafael van der Vaart, Kopfball Heung Min Son aus vier Metern – Tor. Welch ein Raketenstart! Davon träumt jeder Trainer, jede Mannschaft, jeder Anhang. Gegen den Meister so früh zu führen – 1:0.

Der HSV war heiß wie Frittenfett. Kompliment! Dickes Kompliment sogar! Alle Spieler hellwach, von Beginn an, und jeder auf seine Art aggressiv. Nie unfair, aber immer wurde dem Dortmunder Gegenspieler gezeigt, dass man nicht gewillt ist, Terrain zu verschenken. Und am Rande brannten auch alle. Thorsten Fink dirigierte wie Karajan zu dessen besten Zeiten, Co-Trainer Patrick Rahmen legte sich mit BVB-Coach Jürgen Klopp an – da kam Freude auf. Es ging zur Sache, in allen Ebenen, auf allen Etagen. So hatte man den HSV wirklich seit Monaten nicht mehr gesehen. Oder war was im Tee – vor dem Spiel?

Dem HSV, und das soll ganz sicher keine Erklärung für diese neue HSV-Stärke sein, also dem HSV kam entgegen, dass der BVB rotieren ließ. Ganz Hamburg hatte vor dem Spiel Angst vor HSV-„Killer“ „Kuba“ Blasczcykowski, aber Klopp ließ den Polen auf der Bank. Ohnehin, die BVB-Bank: Da saßen Sven Bender, Großkreutz, Schieber, Löwe, Santana und eben „Kuba“. Spieler, die beim HSV in der Anfangsformation stehen würden. Das offenbar haben auch einige Dortmunder, die auf dem Rasen standen, gedacht. Sie ließen es hier in Halbzeit eins ganz locker und leger angehen, komme ich heute nicht, komme ich morgen. Oder der HSV hatte den Kicker in Gelb den Schneid abgekauft.

Und dabei gab es auf Hamburger Seite durchaus die eine oder andere positive Überraschung dabei. Michael Mancienne, nur dadurch im Team, weil Jeffrey Bruma verletzt ausgefallen war, klebte an Torjäger Lewandowski, der in den ersten 45 Minuten schon leicht zu resignieren schien. Oder Tolgay Arslan – auf der Sechs! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: auf der Sechs! Aber er machte seine Sache sehr gut. Und auch er aggressiv wie noch nie. Gegen seinen alten Kumpel Reus fuhr er die Schulter aus, gegen Leitner trat er kräftig zu, ohne dass gepfiffen wurde. Auf der rechten Seite Dennis Diekmeier giftig wie selten einmal zuvor – und alle überaus konzentriert.

Auch vorne. Son wirbelte gewaltig auf rechts und auch (sogar mehr) in der Mitte, Artjoms „Rudi“ Rudnevs ging jedem Ball hinterher, war sich für keinen und noch so aussichtslosen Weg zu schade – das sah unheimlich gut aus. Und einmal erinnerte der Lette sogar an Uwe Seeler: In der 35. Minute flankte Diekmeier von rechts, Rudnevs lag waagerecht in der Luft: Fallrückzieher Marke „uns Uwe“. Zwar weit, sogar meilenweit vorbei, aber es passte zu diesem Tag, denn der HSV tobte vor Begeisterung! Erst in der 45. Minute hatte Dortmund die erste „richtige“ Chance, als ein Kopfball von Piszczek (aus vier Metern) knapp neben das HSV-Tor flog. Glück gehört dazu! Zur Halbzeit erhoben sich die meisten Zuschauer von ihren Plätzen und applaudierten voller Begeisterung. So gut hatten sie ihren HSV schon lange nicht mehr gesehen. Die beste erste Halbzeit seit Monaten.

Und dennoch gleich eine Ernüchterung nach der Pause. Ganz bitter, dieser Auftakt. Und Dortmund war dabei viel schneller als der HSV in Halbzeit eins. Nach nur 29 Sekunden lag die Kugel im zweiten Durchgang im HSV-Netz: Perisic wollte mehr flanken als schießen, aber der Ball flog ins lange Eck. Ein echtes Glückstor für den Meister, viel Pech für Rene Adler und den HSV.

Vor einer Woche vielleicht wäre der HSV in sich zusammengefallen, diesmal passierte das Gegenteil. Der HSV spielte weiter munter mit. „Und ihr wollt deutscher Meister sein?“ hätte der HSV-Anhang singen können, denn ein Unterschied zwischen Dortmund und dem HSV war nie auszumachen. Zu keiner Phase. Und der HSV kam. Aber wie! Ganz gewaltig. Wie entfesselt. So wie seit Jahren nicht mehr. Welch eine fantastische Stimmung im Volkspark. Das war Fußball! Endlich, endlich einmal toller Fußball. Die, die diesmal im Stadion waren, die kommen wieder – garantiert.

Weil sie auch Tore bejubeln konnten. Es ging hin und her. Diesmal erst hin: Der HSV ging durch einen Treffer von Ivo Ilicevic in Führung – nach Pass von van der Vaart. Ein Ball aber, den Torwart Weidenfeller hätte halten dürfen. Aber der Keeper hatte gegen Ende der Woche ja noch eine Grippe, die muss ihn behindert haben. Ansonsten hätte er mindestens eine Hand zur Hilfe nehmen dürfen . . . Egal, der HSV lag 2:1 vorn (55.). Und es kam noch viel besser. Son aus der halbrechten Position mit einem herrlichen Schlenzer („Tor des Monats“) zum 3:1 ins lange Eck – der Volkspark explodierte. Und von der Bank waren alle auf das Spielfeld gestürmt, um dieses Tor zu feiern. Ein traumhaftes Bild. Und Son raste auf Thorsten Fink zu, fiel dem Trainer um den Hals. HSV-Freude pur, endlich auch einmal wieder.

Während Rafael van der Vaart noch Sekunden nach diesem Treffer versuchte, verbal für Ordnung zu sorgen (er wollte den immer noch feiernden Son auf dessen Position sehen!), lief der Konter: Pisczcek legte vor Ader quer zur Mitte, Perisic ohne Mühe zum 2:3. Ein Schönheitsfehler, aber mehr nicht. Der HSV, dem so langsam die Kräfte ausgingen, fightete zurück, fightete mit. Grandios. Dortmund hatte große und beste Chancen, Adler, hielt wie ein Gigant, und die Dortmunder versagten bei zwei Hundertprozentigen. Erst der freistehende Blasczcykowski, dann Schieber, der nur ein harmloses Schüsschen zustande brachte. Viel Glück für den HSV, aber wer hat Glück? Genau, nur der Tüchtige! „Super Hamburg – ole“ – der Volkspark kochte, besonders im Norden. Und der HSV hatte einen Rene Adler zwischen den Pfosten, und einen Heiko Westermann, der der Turm in der Schlacht war – an diesen beiden Helden konnten sich alle anderen HSV-Spieler aufrichten. Das Bollwerk hielt bis zum Schluss! Hervorragend!

Die Einzelkritik:

Rene Adler spielte und hielt souverän, überragend, weltmeisterlich, gigantisch! Ein Super-Torwart, ein hervorragender Rückhalt. Note eins.

Dennis Diekmeier spielte eine starke erste Halbzeit, eventuell seine beste im HSV-Trikot. So kann es weitergehen.

Michael Mancienne konzentriert und fast fehlerlos – das war eine glatte Drei. Großartiges „Comeback“.

Heiko Westermann war ein hervorragender, ein sensationeller Kapitän. Hoffentlich sehen alle Westermann-„Fans“ sich dieses Spiel noch einmal an, damit sie endlich, endlich mal erkennen, wie wichtig dieser Mann für den HSV ist. Westermann war bester Mann.

Marcell Jansen war gut. Selbst auf einer Position, die er eigentlich gar nicht (so richtig) kann. Note zwei.

Tolgay Arslan mischte super mit, ich hätte ihm die „Sechs“ nicht zugetraut, aber er kann sie auch, toll. Es geht weiter aufwärts mit ihm.

Milan Badelj war großartig. Nie so absolut spektakulär, aber souverän in jeder Lage. Ein deutlicher Gewinn für diese HSV-Mannschaft.

Heung Min Son schoss zwei herrliche Tore, war auch sonst quirlig und viel unterwegs. Das war sein bestes Spiel seit langer, langer Zeit.

Rafael van der Vaart lief unheimlich viel, ging auch die weitesten Wege, legte zweimal auf – erstklassig. Gegen Ende musste er dem großen Pensum Tribut zollen, für ihn kam Jacopo Sala (87.).

Ivo Ilicevic blühte endlich einmal auf, ließ sich von diesem „heißen“ HSV mitreißen – so war er endlich so wertvoll, wie er einst in Hamburg angekündigt worden ist.

Artjoms Rudnevs rackerte, blieb aber ohne Glück.

Maximilian Beister (kam in der 69. Minute für Ilicevic) kämpfte mit, meistens nach hinten, das war in dieser Phase so, und er musste gelegentlich animiert werden, den einen oder anderen Gang mehr nach hinten zu tun – alles wird gut.

Marcus Berg (kam in der 77. Minute für Rudnevs) machte noch mit, aber er konnte im Prinzip nur den Ball halten, mehr war nicht mehr drin. Das tat er aber gelegentlich recht effektiv.

Endlich, der erste Sieg seit Monaten, der HSV ist wieder da. Und wie. So darf es ruhig weitergehen. Am Mittwoch in Mönchengladbach. Da verliert dieser HSV niemals . . .

17.37 Uhr