Tagesarchiv für den 19. September 2012

Adler küsst die Schienbeinschoner

19. September 2012

Der große Harald Schmidt dribbelt sich auf Sky ins Abseits – immerhin in HD-Qualität, Profi Thomas „Tommy“ Gottschalk stürzt ab bis zu den Amateuren des Fernsehens – warum soll da der HSV eigentlich alles richtig machen? Auch ein „Dino“ hat verdammt noch einmal das gute Recht, einiges, vieles oder alles falsch zu machen. Und das hat seit einigen Jahren wahrlich bestens geklappt. Nun lasst ihn doch mal . . .

Nee, lasst ihn besser nicht. Gegen den Meister und Pokalsieger kann man zwar mal verlieren, aber da steht doch noch viel mehr auf dem Spiel – als nur noch ein weiterer Misserfolg mehr. Mit einem Sieg käme Dortmund dem HSV sehr nahe! Wie das? In Sachen Erfolgsserie. Der HSV ist immer noch die Nummer eins – bei den ungeschlagenen Bundesliga-Spielen. 36 Partien sind es, in denen der „Dino“ nicht verlor, das lief saisonübergreifend vom 30. Januar 1982 bis 22. Januar 1983. Der BVB ist nun aber dran am HSV. Mit einem weiteren Sieg (oder Unentschieden) könnte es eng werden für den HSV, denn dann müsste Dortmund nur noch vier Spiele ungeschlagen überstehen, um die Nummer eins zu werden. In dieser Statistik . . .

Deswegen wäre ein HSV-Sieg am Sonnabend schon elementar wichtig. Zumal damit dann eine lange Sieglos-Serie beendet werden könnte, denn den letzten „Dreier“ in der Bundesliga gab es für die „Finken“ am 14. April. In diesem Jahr, aber wer kann sich daran noch erinnern? Erschütternd, dieser Anti-Lauf. Zumal den Fans und Mitgliedern ja schon seit Wochen und Monaten stets versprochen wird, dass es ab nun nur noch bergauf gehen könne – nur noch bergauf gehen wird. Fromme Sprüche. Die dann ja immer noch kräftig garniert wurden: „Die Substanz der Mannschaft ist sehr gut.“ Oder: „Spielerisch sind wir besser als der kommende Gegner.“ Und, und, und. Wobei der HSV natürlich spielerisch nicht besser ist als der Meister, das ist wohl jedem ganz klar. Dafür würden dann aber nach einer weiteren Niederlage hören (und ertragen) müssen: „Trotz allem glaube ich an diese Mannschaft, wir sind stark genug, die Klasse zu halten, wir werden ganz sicher nicht absteigen.“
Stimmt.

Zum heutigen Training (am Nachmittag) hatten sich wiederum viele Kiebitze eingefunden, aber alle machten sie lange Nasen. Bis auf die Torhüter war auf dem Trainingsplatz niemand zu sehen. Der Trainer hatte sich wohl kurzfristig umentschlossen – es wurde in den Katakomben trainiert. Ob das so blieb, weiß ich allerdings nicht, denn ich fuhr nach Hause, um zu schreiben. Dieses Nach-Hause-Fahren allerdings ist bei Hamburg im Regen ungefähr so schön wie eine 0:1-Heimniederlage des HSV gegen Energie Cottbus . . . Da kommt Freude auf, wenn man stundenlang im Stau steht. So vor dem Krohnstiegtunnel, der halbseitig gesperrt ist. Wenn man es nach 20, 25 Minuten geschafft hat, darf man mit 30 durch den Tunnel „düsen“. Vor der Tunneleinfahrt steht dann auch noch extra ein besonders Verkehrsschild: „Radarkontrolle“. Da kommt dann zusätzlich Freude auf . . . Aber das eben nur am Rande.

Das ist aber schon etwas ganz Besonderes – Hamburg im Regen. Etwas ganz Ausgefallenes gab es dagegen bereits am Mittag in der Arena: Der Hamburger Weg und die Deutsche Telekom haben die Hamburger SportXperten gefunden. Die Schulklasse 5c der Gemeinschaftsschule Achter de Weiden (Schenefeld), die als Sieger der
Ausschreibung des Hamburger Wegs und der Telekom hervorgegangen ist, erlebte heute einen ganz besonderen Schultag beim HSV: Medientraining. Unterteilt in drei Gruppen bereitete die Siegerklasse Interviews vor, lernte Grundlagen der Kameraführung kennen und erhielt Einblicke in Moderationstechniken und Videoschnitt. Als Highlight führten eine Schülerin und ein Schüler vor der versammelten Klasse (und Medien-Vertretern) dann ein Interview mit René Adler durch. Dabei stellten die
Nachwuchsreporter nicht nur alltägliche Fragen zum sportlichen Geschehen, sondern fragten auch private Dinge aus der Jugend des HSV-Torhüters und testeten beispielsweise sein Schulwissen.

Adler sagte beispielsweise: „Fußball ist immer mein Traum-Beruf gewesen, darauf habe ich immer hingearbeitet. Ich wollte immer nur Fußball spielen, schon als Kind, alles andere habe ich ausgeblendet, habe nicht nach rechts und nicht nach links geschaut.“ Adler weiter: „Das hat sich zwar bezahlt gemacht, aber dennoch denke ich heute, dass es wichtig ist, dass man sich auch mit anderen Dingen beschäftigt. Deswegen kann ich euch nur raten, sehr wohl nach links und rechts zu schauen, sucht euch andere Hobbys, beschäftigt euch mit anderen Dingen, um nicht nur auf eine Sache fixiert zu sein.“

Besser ist. Denn bis nach ganz oben, bis in die Nationalmannschaft, schafft es eben nicht jeder, im Gegenteil, der Prozentsatz ist erschreckend gering – die sich bis dahin durchboxen (können).

Was war Adlers Lieblingsfach? „Ich war immer gut in Mathematik, deshalb habe ich das auch als LK gewählt, aber das war im Nachhinein keine gute Idee, denn ich war mit dem Fußball sehr viel und oft unterwegs. Bei der Jugend-Nationalmannschaft erhielt ich zwar Schulunterricht, aber ich war zum Vergleich zu meinen Klassenkameraden immer zwei Schritte zurück.“ Deutsch hat Rene Adler übrigens auch sehr gerne gehabt.

„Meine Eltern haben mir damals immer gesagt: ‚Genieße die Schule, das ist die schönste Zeit deines Lebens.’ Das habe ich damals nicht geglaubt, aber im Rückblick muss ich sage, dass da viel Wahres dran ist – es war wirklich eine sehr schöne Zeit für mich.“

Und, wurde er gefragt, wie stand es um den schulischen Ehrgeiz? Rene Adler: „Ich war immer ein sehr und extrem ehrgeiziger Mensch. Meine schlimmste Note war die Drei, denn bei einer Drei wusste ich nicht, ob es gut oder schlecht war. Ich bin einer, der wissen muss, wo er steht. Bei einer Eins oder Zwei habe ich gewusst, dass ich gut bin, bei einer Vier oder einer Fünf wusste ich dann, dass ich mehr machen muss. Deswegen war die Drei immer eine schlechte Note für mich.“

Rene Adler will in Zukunft – nebenbei – studieren, und er will mit anderen Dingen als den Fußball beschäftigen. Ohne natürlich den HSV zu vernachlässigen, denn er will mit diesem Klub Erfolg haben: „Wir müssen langfristig denken, wir wollen zurück nach Europa, das lassen wir uns auch nicht ausreden, weil wir jetzt drei oder vier Spiele verloren haben. Wir denken darüber nach, was wir besser machen können, aber ich sehe uns schon auf einem guten Weg.“

Gegen Ende des „Verhörs“ wurde der Keeper gefragt, welchen „Tick“ er denn beim Fußball habe? Adler: „Ich küsse vor jedem Spiel meine Schienbeinschoner. Und immer den linken zuerst anziehen.“ Bei einem abschließenden Quiz blieb Rene Adler keine Antwort schuldig, er wusste nahezu alles. Das hat die Schüler total beeindruckt. Ohnehin legte der Nationaltorhüter großartiges Doppel-Interview hin – das war super, dickes Kompliment.

Ganz zum Schluss sprach Rene Adler auch noch über die aktuelle, wenig berauschende Lage des HSV: „Die Tore, die wir kassieren, die fallen ja meistens nicht aus dem Spiel heraus, sondern entstehen nach Standardsituationen. Oder es unterlaufen uns grobe Fehler. Da brauchen wir eine genaue und gute Aufarbeitung. Und wenn man bedenkt, wie wir die Gegentore fangen, dann ist das eigentlich positiv, denn diese Dinge kann man schnell abstellen. Man muss einfach konzentrierter sein, man muss sich auch an die Aufteilung halten, die ganz klar vorgegeben werden, das ist keine Frage der Qualität. Das ist eine Frage des Selbstvertrauens, und das bekommt man nur durch positive Erlebnisse – wir werden jetzt noch enger zusammenrücken und noch härter arbeiten.“ Dann sagte Adler abschließend: „Es bringt uns aber nichts, immer über einen Aufwärtstrend zu reden, wir müssen ihn auch leben, und diesen dann mit Siegen unterfüttern.“

Abschließend sei noch zu den SportXperten gesagt: Das ist ein Förderprojekt des Hamburger Wegs, für das René Adler Spielerpate ist. Christof Rupprecht, ehemaliger Liga-Spieler des TuS Holstein Quickborns (zu besten Zeiten!) ist der Projektleiter und stellt fest: „Für die Kinder ist das Projekt SportXperten ein unvergessliches Erlebnis, weil sie selbst daran teilhaben, Medien zu gestalten. Wir freuen uns sehr, jetzt Förderprojekt der Initiative ‚Der Hamburger Weg’ zu sein”. Die Förderziele des Projekts sind Medienkompetenz, Sprache, kulturelle und interkulturelle Bildung sowie Sport und Gesundheit.

So, die Schüler aus Schenefeld hatten heute ihren großen Tag, die Stars von gestern haben es an diesem Donnerstag. Dann werden nachmittags am „Uwe-Seeler-Fuß“ die Mitglieder Nr. 27 bis 32 in den „Maske Walk of Fame des HSV” aufgenommen. Im Jubiläumsjahr gibt es ein besonders großes Aufgebot an Geehrten und prominenten Laudatoren:

Willi Reimann (Laudator: Dr. Peter Krohn), Fritz Laband (Franz Klepacz), Branko Zebec (Holger Hieronymus), Thomas von Heesen (Wolfgang Rolff), Udo Bandow (Oliver Bierhoff) und Günter Netzer (Gerhard Delling).

Nach der Ansprachen von Stifter und Sponsor Andreas Maske und dem HSV-Vorstandsvorsitzenden Carl-Edgar Jarchow folgen die Ehrungen und die traditionelle Übergabe der Schals „Für Menschen, die Spuren hinterlassen haben”.

Das ist einmal wieder ein großer Tag für den HSV – und der könnte bestens abgerundet werden, wenn dazu ein Heimsieg am Sonnabend eingefahren werden könnte. Aber, ich weiß, ich weiß, Fußball ist kein Wunschkonzert. Aber manchmal geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder.

Einen ganz großen Tag hatten sieben Herren bereits am Dienstag. Abends hatten sie zur Vorstellung ihres Buches “Kinder der Westkurve” in die Raute eingeladen. Das ehemalige Aufsichtsratsmitglied Axel Formeseyn führte locker und gekonnt durch das Programm, Museums-Chef Dirk Mansen hielt die Eingangsrede – und dann stellten sich die Autoren Jörn von Ahn, Malte Laband, Thorsten Ewert, Jan Möller, Thorsten Eikmeier, Thomas Reifschläger und Philipp Markhardt launig und mit vielen Anekdoten vor. Es geht global um die Geschichte der HSV-Fans, das “Werk” wurde in vier Jahren erbracht (geschrieben) und es wiegt 3,1 Kilogramm. Es hat 660 Seiten (!), es kostet 39.90 Euro und ist erschienen im eigens dafür gegründeten Verlag “Hamburger Schriftmanufaktur”. Der Vorstellungsabend machte Lust auf mehr – also lesen dieses dicke Ding! Und für alle, die jemals in der Westkurve standen um den HSV anzufeuern, ist dieses Buch auf jeden Fall DIE Pflichtlektüre. Auch wenn es mitunter recht hart zu lesen und anzusehen ist – wie im richtigen Leben eines hammerharten HSV-Fans eben.

PS: Morgen wird im Volkspark (voraussichtlich) um 10 Uhr trainiert.

19.17 Uhr