Tagesarchiv für den 17. September 2012

Der Meister kommt gerade recht

17. September 2012

„Wenn wir einfach mal gewinnen, dann würden wir so was von an Selbstvertrauen gewinnen und werden so was von stark – warum sollte das denn Sonnabend nicht so sein? Ein Heimspiel gewinnen, dann ist die Initialzündung da, dann geht es ab im Kopf.“

Sagt HSV-Coach Thorsten Fink vor dem nächsten Spiel seiner Mannschaft, dem Heimspiel am Sonnabend gegen Double-Sieger Borussia Dortmund. Fromme Wünsche. Des Trainers. Wie soll das gegen Dortmund gehen? Mit dieser Abwehr. Mit dieser Defensive, die Fink noch vor Bundesliga-Beginn so gelobt hatte. Wunschdenken?

Nein, der HSV hat noch so viele Baustellen, ich glaube, das wissen die Verantwortlichen noch immer nicht. Wie soll eine Abwehr funktionieren, in der die jungen Leute immer wieder Aussetzer haben und die größten Böcke produzieren? Das, was Jeffrey Bruma und vor allen Michael Mancienne in Frankfurt gespielt haben, ist nicht erstligareif. Ganz sicher nicht. Und diese beiden Talente haben auch nicht jene Schritte nach vorne gemacht, wie nach der verkorksten Saison 2011/12 von Sportchef Frank Arnesen prognostiziert. Immer wieder sogar. Nur werden es dadurch auch keine Schritte mehr – hin zur Verbesserung. Ich behaupte, dass beide Spieler total auf ihrem Level stehen geblieben sind. Und so wird der HSV auf Dauer nicht einmal eine „Goldene Ananas“ gewinnen.

Amateurhafte Fehler ohne Ende. Und das nicht nur in Frankfurt. Und dazu keine Manndeckung, sondern nur ein viel zu lascher Begleitservice. Da freut sich jede Sturm-Reihe, gegen diese gepuderte und mit Watte eingewickelte HSV-Abwehr spielen zu dürfen. Was heißt gegen? Mit! Mit dieser Abwehr zu spielen. Man, man, da kann keine Mannschaft gegen anspielen, mit dieser schweren Patzern der „Wiederholungstäter“. Es fehlen diesem HSV die Kanten in der Viererkette. Eine hätte er, nämlich Slobodan Rajkovic, aber der hat sich durch das Abendblatt-Interview selbst ins Abseits manövriert. Und von dort gibt es auch kein Zurück. Der Innenverteidiger hat den Trainer nun einmal schwer beleidigt, und das langt – für immer. Jedenfalls so lange, wie Thorsten Fink HSV-Coach ist. Aber dadurch hat der HSV natürlich einen Spieler, der ein absoluter „Kanten-Typ“ ist, weniger. Solche Leute wie zum Beispiel Dante, van Buyten, Badstuber, Boateng (alle Bayern), Noveski (Mainz), Haggui (Hannover), Niedermeier (Stuttgart), Pogatetz (Wolfsburg), Zambrano (Frankfurt), Papadopoulos (Schalke) – die gibt es beim HSV eben nicht. Abwehrrecken, die ihren Gegenspielern schon beim Einlaufen Angst und Schrecken einflößen. Wer aber soll vor Bruma und Mancienne schon Angst haben? Eher scheint es mir umgekehrt zu sein.

Vielleicht wird der Österreicher Paul Scharner diese Lücken schließen, aber der benötigt nach seinem Innenbandriss noch weitere zwei Wochen Pause, bevor er wieder ins Training einsteigen kann. Und dann wird es mit Sicherheit noch einmal zwei bis drei Wochen dauern, eher er fit für einen Einsatz ist. Bis dahin muss sich der HSV so durch die Saison mogeln. Und darauf hoffen, dass diese Bubi-Abwehr so weit wie möglich nicht auf- und erst recht nicht weiter abfällt. Aber Erstliga-Reife, die wird man dieser HSV-Defensive wohl auf Wochen oder gar Monate hinaus nicht bescheinigen können – so gerne es die Verantwortlichen auch möchten.

Und wenn, das ist ja die Ironie dabei, dann schon mal einer zur Sache geht, dann gibt es auch gleich Rot. So wie Petr Jiracek gegen den Frankfurter Anderson. Der hat sich lange vor Schmerzen am Boden herumgewälzt, als es dann Rot gegeben hatte, da erhob sich der Eintracht-Spieler und lächelte. HSV-Profis berichten sogar davon, dass er gelacht habe. Egal, es ist vorbei, Jiracek wird gegen Dortmund und gegen Mönchengladbach fehlen, damit muss der HSV nun leben.

Trotz allem ist dieses Rot für mich ein Skandal. Und wird es, egal welche Einwände auch immer von links, rechts, oben oder hinten kommen, immer bleiben. Ich bin da bei unserer Fußball-Legende. Franz Beckenbauer hat bei „Sky“ gesagt: „Er kann Foul geben, war vielleicht berechtigt, nach den neuen Regelerkenntnissen ist es vielleicht in Ordnung, wenn er pfeift. Und wenn er es schlecht meint mit dem HSV, dann kann er ihm vielleicht die Gelbe Karte geben, aber es war niemals eine Rote Karte! Früher, als man da mit der Ferse auf dem Boden war und du gehst mit gestrecktem Bein rein, dann war das nicht mal ein Foul. Heute hast du da einen Platzverweis. Da siehst du mal, wie verweichlicht diese Generationen werden.“

Ich bin ja oft (oder meistens) auf der Seite der Schiedsrichter, die haben wirklich den schwersten Job in der Liga, aber diese Entscheidung von Wolfgang Stark geht nicht. Und es ist für mich auch ein Unding, dass der Verband so etwas nicht sehen will. Die Herren Unparteiische haben Narrenfreiheit. Sie entscheiden nach Bauch. Erst will Stark Gelb geben, dann zieht er Rot. Das ist wirklich nur noch lächerlich. Ich verstehe mich eigentlich ganz gut mit „Deutschlands bestem Schiedsrichter“, aber diesmal lag er ganz kräftig daneben. Gewaltig daneben. Aber vielleicht muss auch er erst einmal in Form kommen – nach dem EM-Aus im Sommer . . . Ein Skandal bleibt es trotz allem für mich.

Trotz allem muss festgehalten werden: Die anfängerhaften Fehler hat nicht Stark begangen, sondern die HSV-Defensive – das ist auch klar.

„Wir haben jetzt ein paar Gegentore bekommen, da kann man dann nicht behaupten dass wir super standen. Wir arbeiten daran, das ist klar, und wir reden mit den Spielern, um zu erfahren, woran es lag“, sagt Thorsten Fink und fügt an: „Wir können diese Fehler dadurch wieder gut machen, indem wir nun ein paar Spiele zu null spielen.“ Hinten natürlich. Vorne stand die Null bis zum Frankfurt-Spiel schon zu lange.

Dass Thorsten Fink zur zweiten Halbzeit von Wolfgang Stark auf die Tribüne geschickt wurde, weil der Coach ihm wegen der Roten Karte einen Vorwurf gemacht hatte („Wir haben unter Ihrer Leitung noch nie gewonnen“), machte dann das Maß noch voll. Fink: „Ich glaube, dass ich ihn damit nicht beleidigt habe. Über solche Dinge muss man auch mal reden können. Und zum Fußball gehören nun einmal Emotionen. Wir hatten eine schwierige Situation, hätten in Frankfurt aber gewinnen können – und dann das. Ich denke, dass man so etwas ganz einfach einmal sagen darf.“

Dann sagte Fink aber auch: „Ich möchte mich jetzt aber nicht über die Leistung des Schiedsrichters beschweren, das galt nur für die Rote Karte, die hat mich sauer gemacht. Wir hätten aber in den ersten 20 Minuten besser spielen können, dann hätten wir nicht gleich zwei Gegentore kassiert, dann hätten wir mit unseren Chancen auch die Möglichkeit zur Führung gehabt. Wenn es 0:0 steht, dann verwertet man diese Chancen, wenn man mit 0:1 oder 0:2 zurück liegt, dann musst man diese Chance machen und verkrampft – daran müssen wir arbeiten.“ Dann ergänzt Thorsten Fink noch: „Wir müssen gewisse Dinge einfach besser machen, wir müssen energischer spielen, gerade in der Anfangsphase, wir müssen, wenn wir nicht gut spielen, den Ball einfach mal über die Tribüne hauen oder nach vorne dreschen – und dann so langsam ins Spiel kommen. Das haben wir später gezeigt, aber da lagen wir bereits mit 0:2 hinten . . .“

Trotz allem wäre ja auch mit dezimierter Mannschaft noch mindestens ein 3:3 möglich gewesen. Thorsten Fink: „Wenn Dennis Diekmeier das 3:3 macht, dann sagt jeder hinterher, dass er hier in Frankfurt einen ganz anderen HSV als vorher gesehen hat. So bleibt immer ein negativer Beigeschmack, denn wir haben dieses Spiel verloren.“

Positiv aber war der Einstand des „kleinen Engels“. Der HSV-Trainer über das Comeback von Rafael van der Vaart: „Er hat ein sehr gutes Spiel gemacht, er war an allen unserer gefährlichen Situationen beteiligt. Das ist das, was wir uns von ihm natürlich erhofft haben. Er ging mit dem Druck, der auf ihm lastete, sehr gut um, er hat auch auf dem Platz etwas gesagt, er hat die Leute eingeteilt, er hat defensiv gut gearbeitet. Und das war nach dem Platzverweis sehr schwierig für ihn, als Spielmacher vor der Abwehr noch zuzumachen. All das hat er aber sehr gut gemacht, er hat gezeigt, dass er mit dem Druck umgehen kann – von daher war ich mit seinem Einstand sehr zufrieden.“

Und nun gegen Kloppos Meister-Elf. Kann das gut gehen? Fink sagt voller Optimismus: „Ich glaube, so ein Meister kommt gerade recht. Besser als eine Mannschaft, die mit uns da unten drin steht, da verkrampft man dann leicht. Es ist immer schön, gegen den Meister zu spielen, da haben wir nichts zu verlieren, da sind wir für mich krasser Außenseiter – und im letzten Jahr haben wir das hier gegen Bayern München ja auch ganz gut gemacht. Mit den Fans zusammen könnte das auch gegen Dortmund etwas werden.“ Und: „Nürnberg hat es doch vorgemacht, dass man Minimum ein Unentschieden gegen Dortmund holen kann, in Nürnberg stand er Meister doch sogar am Rande einer Niederlage. Dortmund ist doch eine Mannschaft, die man schlagen kann. Dortmund ist zu Haus eine Macht, aber hier bei uns haben wir die Möglichkeit, den Meister zu ärgern, und wenn uns das gelingen sollte, dann täte uns das sicher auch sehr gut.“

Wer aber wird den gesperrten Petr Jiracek ersetzen? Fink tendiert wohl zu Jacopo Sala. Wobei der Coach noch einige Umstellungen mehr überlegt. Gegen Dortmunds rechte Seite mit „Kuba“ Blaszczykowski und Piszczek müsste der unerfahrene Zhi Gin Lam spielen – ginge das gut? Das wäre auf jeden Fall kein geringes Risiko, obwohl Lam in Frankfurt ganz passabel gespielt hat. Trotz allem gibt es die Idee, Marcell Jansen zurückzuziehen, um davor dann den erfahrenen Ivo Ilicevic (der am Sonntag einen Schlag auf die Wade bekommen und heute pausiert hat) zu bringen. Keine schlechte Idee. Fink spielt auch mit dem Gedanken, Tolgay Arslan auf die Sechs (neben Milan Badelj) zu stellen. Fink: „Tolgay hat sich in den Testspielen super mit Rafael van der Vaart verstanden.“ Sala könnte dann rechts vor Dennis Diekmeier (Fink: „Er hat seine Chance in Frankfurt genutzt“) zum Einsatz kommen, und für Artjoms Rudnevs könnte in der Spitze dann Heung Min Son eine erste Chance (als Spitze) bekommen. Fink abschließend: „Wir schauen mal.“

So könnte die Mannschaft für Sonnabend aussehen: Adler; Diekmeier, Bruma, Westermann, Jansen; Arslan, Badelj; Sala, van der Vaart, Ilicevic; Son.

Thorsten Fink sagt aber zur Situation des HSV auch generell: „Es ist klar, dass alle nun noch eine Schippe mehr drauflegen müssen.“ Und: „Überall kann man mal schauen, was wir verändern könne, wir gucken von Spiel zu Spiel, wir müssen auch schauen, wer sich im Training anbietet, wir müssen sehen wie es passt, um Spiele zu gewinnen; denn wir haben nicht den Luxus sagen zu können, jetzt lassen das mal ein paar Spiele so laufen. Die Mannschaft muss sich jetzt ganz schnell sicher fühlen und kann nicht noch den einen oder anderen Spieler, der nicht in Form ist, mit durchziehen.“ Das gilt in erster Linie für Mancienne, aber sicher auch für den einen oder anderen Spieler mehr. Fink nimmt sie dennoch in Schutz: „Es sind Menschen, die machen auch mal Fehler, die unterliegen auch mal gewissen Schwankungen.“ Natürlich. Aber irgendwann sollte dann doch mal eine HSV-Mannschaft stehen – und viel weniger Fehler machen.

Thorsten Fink aber bittet um Nachsicht – und um Geduld: „Wir haben vorher ja gesagt, dass wir Zeit brauchen. Dagegen kann auch keiner etwas sagen. Das dauert eben ein paar Tage. Ich werde meine Linie beibehalten, werde versuchen, dass wir besser nach vorne spielen, dass da noch mehr Spielwitz reinkommt, aber das braucht seine Zeit. Und dass wir von unseren Schwächen, die wir haben, ein wenig ablenken können, indem wir mehr Ballbesitz haben.“

Weiter sagt Fink: „Ehe sich das alles automatisiert hat, dauert das ein paar Wochen. Was nicht heißen soll, dass wir nun ein paar Wochen auf den ersten Sieg warten sollen. Man muss jetzt aber nicht denken, dass wenn man mit ein paar Leuten drei Tage trainiert, dass man dann Zauberfußball spielt. Das muss sich alles einspielen. Wenn man uns die Zeit gibt, dann bin ich davon überzeugt, dass diese Mannschaft das Potenzial hat, unter die Top ten zu kommen – da lasse ich mich einfach nicht von abbringen.“ Dann fügte der Trainer noch ergänzend an: „Ich bin von dieser Mannschaft überzeugt, man hat auch spielerisch gesehen, dass sie es kann. Wir müssen jetzt noch ein paar Dinge abstellen, dann stellt sich der Erfolg auch ein. Ich sehe die positiven Dinge, die wir gemacht haben, und darauf kann man aufbauen.“

Übrigens: Am Rande des Vormittags-Trainings gab es das Gerücht, dass der 22-jährige Japaner Hiroshi Kiyotake, der nun beim 1. FC Nürnberg wirbelt und für Furore in der Liga sorgt, auch dem HSV vor Saisonbeginn angeboten worden ist. Schade, schade, wenn dem so ist, denn einen solchen Vollblutfußballer hätte der HSV sehr wohl sehr gut gebrauchen können.

PS: Am Dienstag wird im Volkspark um 10 Uhr geübt.

18.34 Uhr

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