Tagesarchiv für den 15. September 2012

HSV als Tabellenvorletzter in Frankfurt

15. September 2012

Die Szene war symptomathisch für ihn. Nach dem Trainingsende schlenderte Rafael van der Vaart vom Platz, wenige Meter neben der Tür saßen drei Personen: Teammanager Marinus Bester, Uwe Eplinius, der frühere Physiotherapeut des HSV, und dessen kleiner Sohn. Jeder Star wäre an dem Knaben vorbeigegangen und hätte „Epi“ und den „Herrn Besten“ per Hand begrüßt. Das wäre für einen Star normal gewesen, aber nicht für „Raffa“ van der Vaart. Der gab dem Jungen zuerst die Hand, dann dem Vater. Mit dem lag er sich Sekunden danach sogar gefährlich in den Armen, denn sie „knuddelten“ sich so innig, bis der Niederländer von einer Stufe abrutschte. Zum Glück knickte er nicht mit dem Fuß um, was durchaus möglich gewesen wäre, aber das wäre dann wirklich noch der Höhepunkt gewesen.

In den 82 Trainings-Minuten zuvor hatte van der Vaart seine Klasse gezeigt. Der Mann hat es einfach, kann es einfach, zeigt es, als wäre es ganz einfach wäre. Ich hatte heute das Gefühl, als wäre er nicht nur reifer, abgeklärter und besonnener geworden, sondern dass er auch fußballerisch noch zugelegt hat. Er produziert Ideen fast am laufenden Band, er hat ein Auge für Raum und Mitspieler, er macht das Spiel manchmal genial schnell, dann wieder hält er klug den Ball, um das Spiel zu ordnen. Wenn ihm das morgen von 17.30 Uhr auch in Frankfurt gelingen sollte, fast in Perfektion, dann ist mir um diesen HSV nicht bange. Dann wird im Hessischen auch was geholt. Zumal ja nicht nur van der Vaart dabei sind, sondern auch Milan Badelj und Petr Jiracek. Diese drei Spieler geben dem HSV ein total neues Gesicht. Da kommt schon so etwas wie Vorfreude auf. Auch bei Trainer Thorsten Fink, der heute nach dem Training kurz mit den Pressevertretern sprach und dabei bis über die beiden Ohren strahlte. So sieht ein absolut optimistischer Coach aus, keine Frage.

Weil der HSV drei Mittelfeldspieler nun mehr an Bord hat, blieben auch zwei „alte“ Mittelfeldspieler zu Hause: Robert Tesche und Per Ciljan Skjelbred traten den Flug nach Frankfurt nicht mit an. Obwohl sie von Thorsten Fink gelobt wurden: „Beide haben in letzter Zeit sehr gut trainiert, aber das gilt auch für alle anderen Spieler.“ Tesche und auch Skjelbred können sich dennoch nicht beschweren, dass sie daheim bleiben müssen, denn beide hatten doch immer wieder ihre Chancen bekommen – und sie nur nicht nutzen können. Jetzt sind andere Kollegen eben mal an der Reihe.

Kurz Blick von den Profis zu den Amateuren. Die Regionalliga-Mannschaft des HSV trainierte unter der Regie von Rodolfo Cardoso parallel, und dabei war auch die Nummer vier des HSV, Sven Neuhaus. Als der Keeper – gemeinsam mit „Altmeister“ Richard Golz – vom Rasen ging, strahlte er dennoch über alle (Zwei? Vier?) Backen. Kein Frust, weil er „strafversetzt“ wurde, Neuhaus nimmt die Sache ganz professionell. Toll. Sportlich fair. Vorbildlich. Neben ihm trainierte übrigens Slobodan Rajkovic. Schon ein komisches Gefühl, den verbannten Innenverteidiger so abseits zu sehen, ohne jeden Kontakt zu den früheren Mitspielern. Und so wird es ja auch jeden Fall noch bis zur Winterpause sein, keine ganz angenehme Sache, aber in den Ostblock wollte er ja auch nicht wechseln . . .

Zurück zur Profi-Abteilung. Die Stimmung ist, wie schon in der Woche von Kapitän Heiko Westermann geschildert, wirklich prächtig. Festzumachen auch an der heutigen Aufwärmphase. Da mussten die Spieler kleine Trippelschritte durch eine am Boden liegende (bewegliche) Leiter machen, um danach den Ball zu spielen. Jeffrey Bruma brachte es fertig, die Leiter mit seinen Stiefeln „einzusammeln“, was den spontanen Beifall aller Kollegen und ein wildes Indianergeheul nach sich zog. Selbst Bruma beklatschte sein „Werk“. Und als es dann zur nächsten Übung auf den Nebenplatz ging, da gingen Artjoms Rudnevs und Skjelbred Arm in Arm – wie ein Liebespaar. Das zeugt doch von einer gewissen Harmonie im Team. Und als später Michael Mancienne bei der Torschuss-Übung ein (Traum-)Tor nach dem anderen schoss, da gab es wieder Applaus von den Mitspielern und dazu lautstarke Anfeuerungsrufe. Für morgen? Vielleicht trifft der Engländer ja in Frankfurt einmal so, wie er es heute gleich mehrfach tat. Hätte schon was – mit einem HSV-Sieg im Rücken natürlich nur.

An diesem Sonnabend stand auch wieder das so beliebte „Fünf gegen zwei“-Spiel auf dem Programm. Diesmal drei Stationen mit „sechs gegen zwei“. Wer dabei den Ball gegen die „zwei“ in der Mitte „verdaddelt“, der muss dann selbst in die Mitte. Als einmal Heung Min Son den Ball etwas zu schwach zu Tolgay Arslan kickte, der Ball nach dem Verlegenheitsabspiel von Arslan dann weggeschnappt wurde, da wurde die „Strafe“ geteilt: Arslan wollte zwar, aber Son ging freiwillig und zuerst in die Mitte; und als der Ball dort „einkassiert“ wurde, ging Son nach draußen (er hätte eigentlich erst beim nächsten Mal raus dürfen) – und für ihn kam dann Arslan (auch nur für dieses eine Mal). So geht es ja auch, geteiltes Leid ist halbes Leid.

Für alle diejenigen, die die Aufstellung tippen oder erfahren wollen. Der HSV wird so spielen, wie erwartet: Adler; Bruma, Mancienne, Westermann, Lam; Badelj, Jiracek; Son, van der Vaart, Jansen; Rudnevs.

Ein kleines Wagnis ist dabei für mich ja immer noch Zhin Gin Lam hinten links, aber Thorsten Fink hat sich so entschieden. Und wenn ich ehrlich bin, so hat der frühere Mittelfeldspieler heute im kleinen Trainingsspielchen einen ganz guten Eindruck hinterlassen, er war „giftig“ und hing meistens wie eine Klette an seinem Gegenüber. Okay, den kennt er natürlich auch bestens, mit welchem Frankfurter er es morgen zu tun bekommen wird, ist wohl noch offen. Und eventuell auch ein wenig unangenehmer. Aber drücken wir mal die Daumen, das es besser klappt als vor Wochen noch im Pokal in Karlsruhe. Und wenn nicht, dass Thorsten Fink spätestens zur Pause ein Einsehen hat und wechselt (Dennis Diekmeier rein). Abwarten.

Ab und an regnete es im Volkspark, was der guten Laune aber keinen Abbruch tat. Auch die Trainingskiebitze waren bestens drauf und auch – alle – optimistisch. Wobei ein Thema aber durchaus kritisch angesehen wurde:
Kühne. Der Geldgeber, Mäzen, Sponsor, Gönner und Investor hatte ja in der „Welt“ noch einmal ordentlich gegen die Führung „abgeledert“. Und keiner wusste so recht, warum? „So kurz vorm einem so wichtigen Spiel? Was soll das? Damit tut er dem HSV doch keinen gefallen. Er sorgt doch nur für neue Unruhe.“ So hieß es am Rande des Volksparks. Was ich allerdings nicht so sehe. Den Spielern ist es doch egal, was da in der Führung läuft. Erstens lesen die meisten Profis ohnehin keine Zeitungen (weil es auch meistens gar nicht können!), zweitens geht es für sie doch, sich ins Team zu spielen – und dann auch erfolgreich zu sein. Für den HSV und für den eigenen Geldbeutel – mit der Siegprämie.

Ich glaube ja, dass es Klaus-Michael Kühne egal ist, wann und wie er etwas sagt. Er steht ganz einfach über allen Dingen, er sagt es dann, wenn es für ihn raus muss – so einfach ist das. Was hat er zu verlieren? Nichts. Er wird ja dringender denn je in Hamburg benötigt. Und in seiner Situation muss er kein Diplomat sein, er haut es raus und damit ist gut. Für ihn. Er hat sich Luft verschafft. Ob er sich damit auf Dauer einen Gefallen tut, weiß ich nicht (ihm wird es ebenso egal sein), aber er will sicher auch kein Amt beim HSV übernehmen. Wenn er für seinen Lieblingsklub Geld gibt, dann reicht ihm das – vielleicht nicht ganz. So verstehe ich jedenfalls seine Aussage, dass aus dem „ersten Mal“, als er dem HSV erstmalig finanziell unter die Arme griff, „nichts gemacht worden ist“. Damit meinte er sicher nicht, dass das Geld zum Fenster hinaus geworfen wurde, sondern die Tatsache, dass der HSV mit diesem Geld so gut wie keine Aufbauhilfe geleistet hat. Andernfalls hätte er jetzt wohl nicht erneut und schon wieder „eingreifen“ müssen. Was er ja zum Glück für den HSV noch einmal tat – ich jedenfalls bin noch immer total happy, dass es Kühne noch einmal wagte. Egal, was er danach und auch in Zukunft alles über den HSV und dessen Führung so alles „ablässt“. Wer für die Musik sorgt, der darf auch seinen Mund aufmachen – oder? So heißt es doch.

Ein Thema beim heutigen HSV-Training war auch die „Bomben-Partie“ zwischen Augsburg und Wolfsburg (0:0). Fußball zum Abgewöhnen. Haben alle unisono gesagt. Schlechter geht es offenbar nicht mehr, und so gesehen ist der HSV, egal wie es morgen läuft, schon mal aus dem Schneider, wie er den „schwarzen Peter“ schon mal los ist: Den grausamsten Fußball des Wochenende gab es diesmal bereits am Freitag zu sehen.

Allerdings: Ich bewundere die Augsburger trotz allem ein ganz klein wenig. Weil sie in ihren fußballerischen (und wohl auch finanziellen) Mitteln sehr limitiert sind, aber dennoch 90 Minuten rennen, kloppen, grätschen, fighten, laufen – alles geben. Die Einstellung dieser „No-name-Truppe“ ist vorbildlich, kämpferisch ist dem Abstiegskandidat Nummer eins nichts vorzuwerfen. Eine solche Einstellung wünschte ich mir auch gelegentlich von anderen Erstliga-Mannschaften . . .

So, wie die Partie in Frankfurt ausgeht, das wissen wir alle noch nicht, aber wir werden kurz nach dem Abpfiff auf jeden Fall wieder drüber reden. Wie immer im „Champs“ in Schnelsen (Burgwedel), und wie immer „uns Scholle“ und ich. Dazu mit zwei Gästen aus unserem „Matz-ab“-Kreis: Unser aller „Eiche“ wird wohl dabei sein (er ist gesundheitlich noch stark angeschlagen, will sich aber durchbeißen), dazu der „Master of Grätsche“, der ehemalige HSV-Abwehrspieler Carsten Kober. Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr wieder zahlreich dabei sein würdet.

Kurz noch zum heutigen Spieltag – ein toller Spieltag! Der Mann des Tages ist für mich ja der Japaner Kiyotake, der Nürnberg zum 3:2-Sieg in Mönchengladbach schoss. Der kleine Mann gefiel mir schon beim 1:0-Sieg des Clubs gegen – ist mir entfallen. War am ersten Spieltag, zu lange her. Aber einen solchen kleinen Japaner, den könnte sich der HSV doch auch einmal einfangen . . . Oder?
Super war das Spiel Hannover – Bremen, und dann mit diesem Abschluss: Huszti mit Fallrückzieher zum 3:2-Sieg (drei Minuten waren da nachgespielt!), dann ab in die Kurve: Gelb. Dann noch Trikot ausgezogen: Gelb-Rot. Warum der ausgewechselte Schlaudraff auf den vierten Mann, Sascha Thielert von Buchholz 08, losgeht und ihn würgen will, ist mir nicht klar, aber die meisten Spieler kennen ohnehin nicht die Regel. Das war alles regelkonform. Selbst Hannovers Trainer Mirko Slomka hat „super“ in Richtung Schiedsrichter Aytekin gesagt – es wahrscheinlich (oder ganz sicher) aber anders gemeint. Nur so sind die Regeln. Die Vereine hätten alle längst mal „super“ sagen sollen – vorher.

PS: Der HSV ist jetzt die einzige Erstliga-Mannschaft Deutschlands ohne ein eigenes Tor. Und: Der HSV steht zurzeit auf dem vorletzten Tabellenplatz. Nur Hoffenheim ist schlechter. Aber das kann sich an diesem Sonntag ja noch alles ändern. Was heißt kann, es muss. Und damit meine ich nicht Hoffenheim!

Schönen Abend noch!

17.41 Uhr