Tagesarchiv für den 13. September 2012

Der HSV wird besser. Langsam. Aber stetig.

13. September 2012

Ein Neuanfang ist nötig. Alle wollen ihn. Genau genommen schon seit dem ersten Umbruch in der vergangenen Saison. Und geht es nach Trainer Thorsten Fink samt Klubführung, wird selbiger am Sonntag in Frankfurt begangen. „Für uns beginnt die Saison am Sonntag“, sagt Fink und verweist zurecht auf den inzwischen stark veränderten und deutlich verbesserten Kader. Zwar konnte der HSV-Trainer gegen Werder Bremen am zweiten Spieltag bereits auf Petr Jiracek und Milan Badlj zurückgreifen, allerdings verletzten sich beide Neuzugänge bereits in der ersten Halbzeit so, dass Jiracek angeschlagen weiterspielte und Badelj zur Halbzeit sogar ausgewechselt wurde. „Wir hatten davor nur drei Tage Training zusammen“, so Fink. Eine echte Eingewöhnung habe da eh nicht stattfinden können. Jetzt, zwei Wochen später, ist der HSV weiter. „Wenn man gerade einen lauf hat, kommt so eine Länderspielpause ungelegen. Uns hat sie wahrscheinlich ganz gut getan.“

Zumal Königstransfer Rafael van der Vaart die kompletten zwei Wochen mit der Mannschaft trainieren konnte. „Rafael ist voll integriert“, freut sich Fink über das für mich wenig überraschende. Immerhin hat van der Vaart keine Gelegenheit ausgelassen, seine Freude über die Rückkehr in seine Heimat, wie er Hamburg nennt, zu betonen. „Es kann jetzt bei uns einen Turnaround geben“, so Finks Hoffnung, „Rafael nimmt Druck von den Kollegen und kann selbst damit umgehen. Das macht ihm nichts.“ Und das hat spürbar Auswirkungen auf die Qualität im HSV-Spiel: „Rafael ist kein Fremdkörper, er bekommt jeden Ball.“ Und eine Videoeinweisung in Sachen Taktik.

Fakt aber ist, dass der HSV zumindest im Vorfeld der Frankfurt-Partie Hoffnung macht. „Alle sind aggressiv im Training“, sagt Fink, „alle wollen spielen.“ Das sei eine gute Situation, ergänzt van der Vaart, der nach eigener Aussage „zwei sehr gute Trainingswochen“ hatte und die Mannschaft „topfit“ sieht. „Wir machen in Frankfurt unseren Neuanfang. Wir brauchen schnell Punkte – aber wir fahren mit viel Selbstvertrauen nach Frankfurt.“

Bislang sind das alles nur Worte. Wie so oft, nein: wie zu oft in letzter Zeit. Aber es ist bereits sichtbar besser geworden, diese Mannschaft ist mit der Mannschaft gegen Nürnberg beim Grottenkick am ersten Spieltag nicht mehr zu vergleichen. „Es ist eine Entwicklung zu erkennen. Die Mannschaft hat in den letzten Tests schon deutlich mehr Spielfreude gezeigt“, freut sich Fink über den Torhunger und die Spielwut seiner Mannschaft in den letzten 14 Tagen – Schwarzenbek (0:12) und Niendorf (2:11) können ein Lied davon singen. Und auch insgesamt seien die Vorzeichen vor dem Spiel beim Tabellenzweiten in Frankfurt gut. „Die Nationalspieler sind gesund zurück“, so Fink, der nur auf Dennis Aogo (schlechte Blutwerte) verzichten muss und seine Startelf für Sonntag schon im Kopf hat. „Ich weiß, wie ich spielen will – gebe es nur noch nicht preis“, so der HSV-Trainer, der allerdings hinzufügt, am Sonntag gegenüber dem Auftritt in Bremen nicht zu viel verändern zu wollen.

Klar ist, dass van der Vaart beginnen wird, ebenso wie Petr Jiracek, dessen Bluterguss auf dem Spann „schon wieder richtig gut“ ist. Sagt der beinharte Tscheche zumindest selbst. Klar ist auch, dass Milan Badelj von Beginn an spielt, sollte er seine Zerrung auskuriert haben – wonach es heute im Training aussah. „Milan hatte vor dem Training bereits den Härtetest bestanden und wird am Freitag und Sonnabend voll mittrainieren und dementsprechend in Frankfurt auch spielen“, sagt Fink. Die zehn Tage Pause hätten dem Kroaten nichts ausgemacht.

Und dem scheint so. Irgendwie macht Badelj, mit dem wir am Freitag sprechen werden, auf mich einen extrem coolen Eindruck. Er ist ein wenig das Gegenteil vom sehr agilen und aktiven Jiracek. Dazu die Genialität van der Varts – ich glaube, der HSV hat im zentralen Mittelfeld die richtige Mischung. Auch wenn sowohl van der Vaart als auch Fink meine Frage nach der genauen Arbeitsaufteilung im Zentrum nicht beantworten konnten (oder wollten), mit Badelj hat der HSV einen sehr intelligenten, ballsicheren Taktgeber gefunden. Der Kroate ist der Stratege aus der Tiefe, der die Direktion des leider manchmal überfordert wirkenden Heiko Westermann übernehmen wird. Was den Kapitän sichtlich freut: „Für mich ist es gut, wenn ich mich noch mehr auf mein eigenes Spiel konzentrieren kann“, so Westermann gestern wohltuend ehrlich. „Und das Gleiche gilt für einige andere auch.“

Stimmt. Auch Jiracek tut es gut, wenn er sich einzig um sein kraftraubendes Spiel kümmern kann. Das allein ist schon anstrengend genug, da tut etwas Führung von außen sicher gut und dürfte sich positiv auswirken. Der Tscheche ist im Übrigen für mich der Sechser im Lotto in dieser Transferzeit – betrachtet man mal dessen Spielstärke und das Zustandekommen des Transfers. So viel Qualität abzugeben – da hat sich auch Dietmar Beiersdorfer gewundert. Der ehemalige HSV- und heutige St.-Petersburg-Sportchef hatte sich auch für Jiracek interessiert. „Ich war sehr überrascht, dass Felix Magath Jiracek abgibt“, so Beiersdorfer, „aber es gab keine ernsthaften Gespräche.“ Schließlich war ziemlich früh klar, dass der offensivstarke defensive Mittelfeldspieler nach Hamburg geht. Ehrensache für Beiersdorfer, da nicht dazwischen zu funken.

Der HSV hat sein neues Dreieck. 4-2-3-1 wird gespielt, im Mittelfeld gesellen sich zu den drei neuen Hoffnungsträgern am Sonntag voraussichtlich noch der formstärkste Hamburger (neben Adler) Marcell Jansen auf links und Heung Min Son auf rechts dazu. Ich habe die Diskussionen hier im Blog mitverfolgt und kann nachvollziehen, dass viele von Euch Maxi Beister nur zu gern spielen sehen würden. Aber ich glaube, dass bei einigen von Euch die Neugier ausschlaggebend für diesen Wunsch ist. Immerhin galt (und gilt für mich noch immer) Beister als Toptalent und wurde in Hamburg über Wochen hoch angepriesen. Allerdings muss selbst ich als Beister-Befürworter zugeben, dass der Junge noch etwas Zeit braucht. Und die sollten wir ihm geben. Manchmal ist der halbe Schritt rückwärts wichtig, um letztlich den entscheidenden Schritt vorwärts zu machen. Denn klar ist: Noch macht Maxi defensiv zu viele taktische Fehler und verliert offensiv zu viele Zweikämpfe. Immer wieder blitzt sein Können und seine enorme Torgefahr auf.

Dennoch glaube ich, dass eine langsame Herangehensweise in diesem Fall hilfreich sein kann. Beister ist einfach noch nicht bereit für die Startelf. Allerdings, das muss ich dazu sagen, sobald die Mannschaft in sich stabiler ist, sobald das neue Dreick Badelj/Jiracek/van der Vaart greift, gehört auch ein Beister auf den Platz. In dem Moment spätestens gehört ein Son – eigentlich gehört er meines Erachtens immer dahin – in den Sturm. Für Rudnevs. Neben Rudnevs. Neben Berg. Oder eben auch mal auf die Bank. Wobei wir aktuell nicht verkennen dürfen, dass Son gut drauf ist. In den Testspielen hat er getroffen und im Training überzeugt er. Im Gegensatz zum bemühten aber eben oft glücklosen Beister. Dessen Zeit wird auf sicher noch kommen. Denn wenn der Junge vom Rest der Mannschaft getragen, kann er genau die Entwicklung nehmen, auf die alle hoffen. Erst dann kann er ausreichend frech sein Spiel spielen in der Sicherheit, dass seine Fehler vom Rest der Mannschaft ausgebügelt werden.

In diesem Sinne, es ist gar nicht so lange her, da musste man beim HSV noch im Ausschlussverfahren aufstellen. Da wurde gefragt, wer dem HSV am wenigsten schaden würde auf dem Platz. Inzwischen streiten wir darüber, wer besser ist, wer ob seiner Qualität auf den Platz gehört. Und das ist mir persönlich deutlich lieber. Immerhin zeigt es, dass sich Dinge beim HSV verbessern. Langsam. Aber stetig.

Bis morgen.
Scholle