Tagesarchiv für den 10. September 2012

In Frankfurt warten einige “Hamburger”

10. September 2012

Dreimal hätte Rafael van der Vaart in seinen bisherigen drei Hamburger Jahren die Chance gehabt, mit dem HSV in Frankfurt um Bundesliga-Punkt zu kämpfen, einmal nur hat er es geschafft. Und dieses eine Mal endete mit einer 1:2-Niderlage für den HSV, obwohl der „kleine Engel“ am 15. September 2007 das Hamburger Ehrentor erzielen konnte. Am Sonntag nun kann es van der Vaart besser machen – mit Tor und mit einem ersten Sieg beim Aufsteiger in Frankfurt. Allerdings dürfte das kein Selbstgänger werden, denn die Hessen sind hinter dem FC Bayern München Tabellenzweiter, weil sie ihre beiden Auftaktspiele siegreich gestalten konnten: 2:1 gegen Bayer Leverkusen, 4:0 bei der TSG Hoffenheim. Aber egal, wie es in der Vergangenheit auch lief, auf den Schultern des 29-jährigen Niederländers ruhen zurzeit alle Hamburger Hoffnungen. Welche Zeitung man auch immer aufschlägt, welche Fernsehanstalten dieser Tage auch immer über den HSV berichten – an van der Vaart kommt niemand vorbei. Mal sehen, wie lange dieser Zustand noch andauert. Gibt es die erhofften HSV-Erfolge, dann sicherlich noch sehr, sehr lange. Bleiben diese Erfolge aber aus, so dürfte sich der Alltag auch im Volkspark ganz schnell wieder einstellen.

Wiedersehen macht Freude – am Sonntag werden etliche „Hamburger“ auf der Gegenseite stehen, beim Gastgeber. Das fängt ganz oben bei der Eintracht an, denn der Klub-Boss Heribert Bruchhagen war einst Manager beim HSV, bevor es zur unschönen Trennung kam; der damalige HSV-Chef Ronald Wulff setzte Bruchhagen vor die Tür. Ein Umstand, den der Frankfurter Vorstandsvorsitzende bis heute noch nicht so recht verarbeitet hat. Auf der Trainerbank der Hessen sitzt Armin Veh, der im Sommer 2010 den Job beim HSV angetreten hatte. Am 8. März teilte Veh dem Klub mit, dass er am Saisonende aufhören werde: „Mit der Entwicklung im Verein kann man aus meiner Sicht nicht arbeiten. Es geht hier teilweise nicht mehr um Fußball, was aber mein Job ist. Auch wenn wir sportlich nicht dort stehen, wo wir gerne stehen würden, braucht man dennoch eine Perspektive. Diese ist für mich nicht vorhanden.“

Fünf Tage nach dieser Erklärung verlor der HSV mit gefühlt 0:15 beim und gegen den FC Bayern, aber auch das realistische 0:6 war der HSV-Führung zu hoch – Veh musste seine Koffer packen, sein Nachfolger wurde sein Assistent Michael Oenning. Der ließ, das aber nur am Rande, die Mannschaft danach sofort härter trainieren (was nach Meinung vieler Trainer im März überhaupt nichts mehr nützt), aber so richtig nach vorn gebracht hat den HSV diese Maßnahme auch nicht mehr. Veh heuerte dann bei der Frankfurter Eintracht an und stieg in diesem Sommer mit dem Verein in die Erste Bundesliga auf – am Sonntag gibt es nun das erste sicherlich brisante und pikante Wiedersehen.

In der Mannschaft der Hessen stehen zudem drei weitere „Hamburger“. Zambrano und Oczipka kamen vom FC St. Pauli, Alexander Meier spielte einst (2003 bis 2004) für den HSV, bevor er nach Frankfurt wechselte. Dort ist der heute 29-jährige Mittelfeldspieler nicht nur schon seit Jahren eine große und überragende Stütze, sondern auch ein gefährlicher Torschütze. Fast könnte ich wetten, dass er auch am Sonntag wieder gegen den HSV zulangen wird – er hat es doch eigentlich immer getan. Das hat schon Tradition. Kurios ist: Vier Einsätze hatte Alex Meier nur für den HSV. In der Saison 2003/04. Gegen Hannover 96 (der HSV verlor 0:3) löste er in der 71. Minute den dänischen Verteidiger Lars Jacobsen ab, beim 1:1 des HSV in Bochum kam Meier in der 69. Minute für Bernardo Romeo, und in der Rückrunde war Meier dann auch nur noch zweimal für den HSV am Start: gegen Hannover und gegen Bochum. Kurios, aber wahr. Gegen 96 kam Meier in der 81. Minute für David Jarolim, der HSV verlor 2:3, und beim 1:1 gegen den VfL stand Alex Meier zum einzigen Mal in einem Bundesliga-Spiel für den HSV in der Start-Formation – mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit stand für ihn Naohiro Takahara auf dem Rasen.

Wenn es nicht aufgefallen sein sollte – Meier, der gegen Hoffenheim zweimal traf, blieb mit dem HSV sieglos! Aber mit Frankfurt feierte er danach große Erfolge. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass der HSV nicht mit „jungen Spielern“ kann? Die Geduld fehlte auch in seinem Fall, das ist klar, dass er sich so gut entwickeln würde, das war damals nicht vorhersehbar. Fest steht, dass Meier ein großes Talent war, und dass er heute wohl auch beim und bei diesem HSV einen Stammplatz hätte. Aber von solchen Talenten hat der HSV ja in all seinen Bundesliga-Jahren etliche (und viel zu viele) vom Hof geschickt. Und dabei wohl auch viel, viel Geld dabei eingebüßt . . .

Apropos jung: Der HSV ist seit Monaten ja sehr stolz darauf, dass er eine ganz, ganz junge, vielleicht sogar die jüngste Mannschaft der Liga hat. Gegen Bremen hatte das Werder-Team ein Durchschnitts-Alter von 24,6 Jahren, der HSV hatte 24,9 Jahre vorzuweisen. Ähnlich wird es wohl gegen Frankfurt sein, denn die Eintracht brachte zuletzt auf 25 Jahre, und beim HSV wird bekanntlich der 29-jährige Rafael van der Vaart erstmalig wieder mit dabei sein – und das Durchschnitts-Alter somit leicht erhöhen.

Wenn es denn aber hilfreich ist . . . Die neue HSV-Mannschaft um van der Vaart macht mir doch die Hoffnung, dass es eine Zittersaison wie zuletzt nicht noch einmal geben wird. Adler – Bruma, Westermann, Mancienne, Aogo – Badlj, Jiracek – Beister, van der Vaart, Jansen – Rudnves; das ist doch ein Team, dass auch bei einem Aufsteiger bestehen könnte. Zumal die Frankfurter gewiss auch nicht unverwundbar sind, denn im Pokal haben sie sich ebenso blamiert wie der HSV. Die Eintracht verlor (mit zehn Mann) beim Zweitliga-Vertreter Erzgebirge Aue mit 0:3. Also müsste der HSV doch eigentlich nur so wie Aue spielen . . .

Wobei noch nicht sicher ist, ob der Kroate Milan Badelj überhaupt mit von der Partie wird sein können, denn der Zugang hatte sich ja beim 0:2 in Bremen einen Muskelriss zugezogen. Und von den Nationalspielern könnte sich ja auch noch morgen der eine oder andere Hamburger noch verletzen – was wir nicht hoffen wollen.
Morgen wird im Volkspark übrigens zweimal trainiert, und zwar um 10 und um 16 Uhr. Am Mittwoch wird um 16 Uhr geübt, am Donnerstag und Freitag jeweils um 10 Uhr. Und weil am Mittwoch erst nachmittags trainiert wird, fällt das geplante Frage-und-Antwort-Spiel von „Scholle“ und mir (bei „Matz ab live“) erst einmal aus. Wird aber dann doch bald schon nachgeholt. Das Moderatoren-Team sucht dafür immer noch „Moderatoren“, wer also an einem Mittwoch-Nachmittag Zeit und Lust hat, uns die Fragen zu stellen, der sollte sich bei uns (den Moderatoren) melden.

Zwei Dinge habe ich noch am Rande zu berichten (zu berichtigen?). Am Freitag schrieb ich in meinem Bericht im Hamburger Abendblatt darüber, dass mit der Wahl des zwölfköpfigen Aufsichtsrates im November 1996 „Leben in die Bude beim HSV“ kam. Verrat und Intrigen gab es seit dieser Zeit genügend – und viel zu viel. Nur das war damit gemeint. Ich weiß sehr wohl, dass es seit dieser zeit auch viele (kleinere) sportliche Erfolge gab (Start in der Champions League und in der Europa League), und dass auch in dieser Zeit das Stadion neu gebaut wurde, dass die Liga-Mannschaft von Norderstedt-Ochsenzoll in den Volkspark umzog, und, und, und. Mit „Leben in der Bude“ waren aber nur die Verräter und die Intriganten gemeint – alles klar?

Und dann gab es noch einen ganz kleinen TV-Bericht im Dritten Programm (NDR), in dem es hieß, dass ich gesagt habe, dass es für uns HSV-Reporter früher leichter gewesen ist, an die Spielerfrauen heranzukommen. Heranzukommen? Daraufhin wurde ich geflachst und gefragt, wie oft ich denn an HSV-Spielerfrauen herangekommen bin? So, wie mir diese Frage gestellt wurde, war das natürlich nicht gemeint. Es war nur so, dass Spielerfrauen damals viel, viel länger mit ihren Männern beim HSV (und in Hamburg) waren, und dass man sich deswegen untereinander auch kannte – teilweise sehr gut, dazu war man auch oft „per Du“. Das ist heute (bis auf eine Ausnahme) absolut nicht mehr möglich.

Damals aber, um mal kurz aus dem Nähkästchen zu plaudern, war das Verhältnis Spieler/Journalist auch nicht ganz so distanziert, wie heute. Da gab es auch mal die eine oder andere freundschaftliche Beziehung – alles längst vorbei. Als der junge Dietmar Beiersdorfer einst aus Fürth zum HSV gekommen ist (das war 1986) , brachte er auch seine junge Freundin Anja mit. Und eines Tages bat mich der „Didi“, mal zu seiner Anja zu fahren, die in Ottensen eine Lehrstelle als Modistin angetreten hatte. Beide, der Didi und die Anja, hatten sich verkracht, sie hatte „Schluss gemacht“ mit ihm. Beiersdorfer bat mich, mit ihr zu reden. Weil ich etwas zu früh zur Lehrstelle in Ottensen gekommen war, wartete ich bis zur Mittagspause auf Didis Freundin. Dann redeten wir, und später vertrugen sich der HSV-Profi und seine Anja auch wieder – sie heirateten später sogar (diese Ehe hielt dann aber doch nicht ganz so lange). Aber einen solchen „Schlichtungsversuch“ wird es in diesem Leben nicht mehr geben, weder von mir noch von einem anderen Reporter. Denn solche „engen“ Beziehungen sind im heutigen Profi-Fußball ganz einfach undenkbar.
Schade eigentlich. Zurückzudrehen aber gibt es da nichts mehr, das ist sicher.

18.33 Uhr