Tagesarchiv für den 5. September 2012

Adler: “Wir sind auf dem richtigen Weg”

5. September 2012

Alexander Otto, HSV-Aufsichtsratsvorsitzender: „Der Aufsichtsrat hat sich heute in einer Sondersitzung eingehend mit den gegen Frank Arnesen erhobenen Vorwürfen beschäftigt. Dabei kam er einstimmig zu dem Ergebnis, dass keinerlei Anhaltspunkte dafür bestehen, an der Redlichkeit und Loyalität von Frank Arnesen zu zweifeln.“

Carl Edgar Jarchow im Namen des gesamten Vorstandes: „Wie bereits dem Aufsichtsrat deutlich gemacht, haben auch wir als Vorstandskollegen keinen Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit von Frank Arnesen.“

Und wisst Ihr was? Ich schließe mich den beiden HSV-Granden an. Solche Verdächtigungen gibt es immer wieder. Sie betreffen fast jeden Sportchef, da die Transfers von Spielern inzwischen längst nicht mehr nur zwischen Vereinen und Spielern geklärt werden, sondern zusätzlich werden Agenturen, Mittelsmänner und per Mandat ausgestattete Agenten angeheuert, die allesamt ihren Teil der Ablöse fordern. Ich selbst hatte schon einen „Kronzeugen“, der an Eides Statt erklärte, ein hoher HSV-Amtsträger hätte wissentlich zu viel bezahlt. Allerdings zog dieser ach so sichere Kronzeuge seine Aussage unmittelbar bevor die Zeitung in den Druck gehen sollte wieder zurück. So viel dazu…

Zumal: In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Dieser Leitsatz hat mich durch mein Jura-Studium begleitet und dieser Leitsatz gilt auch noch heute. Wobei mich im Fall Frank Arnesen allein der Umstand stört, dass jemand ohne stichhaltigen Beweis angeklagt wird. Denn, und da sind wir uns sicherlich alle einig, in dem Moment, wo jemand solche Behauptung aufstellt, bleibt etwas hängen. Von derartigen Behauptungen erholt sich niemand komplett, solange er nicht seine Unschuld beweisen kann. Bitter – aber die Wahrheit. Deshalb belasse ich es bei den Fakten. Und die sehen im Moment einen Berater, der sein Unverständnis über Arnesens Transfergebaren äußert, während der Däne den angesprochenen Transfer von Milan Badelj verteidigt und als „Erfolg“ bezeichnet.

Und das kann er, ohne dafür eine längere Beweisführung anzutreten. Denn Badelj, der sich einen Muskelfaserriss zugezogen hat und trotzdem bis zum Spiel bei Eintracht Frankfurt wieder fit sein soll, hat beim HSV eingeschlagen. Wer auch immer über den Kroaten spricht – er lobt ihn. Heute war es Rene Adler. „Milan ist am Ball richtig gut. Der wird uns Sicherheit geben.“ Und einmal dabei, lobte der Sommerzugang die anderen Neuen gleich weiter. Zu Jiracek sagte er: „Petrs Fuß hättet ihr mal sehen sollen. In der Halbzeit in Bremen, da ging eigentlich gar nichts. Und trotzdem hat der sich wie wahnsinnig in der zweiten Halbzeit reingeschmissen.“ Einmal in Schwung, schob Adler gleich noch den unumstrittenen Königstransfer nach: Rafael van der Vaart. „Man merkt sofort, wie wichtig Rafa ist. An ihm orientieren sich die jungen Spieler.“ Und das war allein in dem Test am Dienstag in Schwarzenbek zu erkennen. Jeder Angriff ging über den Niederländer, der sofort Chef auf dem Platz war. „Alle sehen halt, dass er jeden Ball will, immer anspielbar ist“, lobt Adler, „er übernimmt einfach Verantwortung.“

Gleiches verlangt Adler allerdings auch von sich selbst. Im Interviewtermin mit der Hamburger Presse heute im Stadioninnenbereich wusste Adler zu begeistern. Immer das Team in den Vordergrund rückend wirkte er extrem abgeklärt. „Ich genieße es, Fußball zu spielen“, so Adler, der nach seiner langen Verletztenzeit in den ersten beiden Bundesligaspielen nicht nur der beste HSVer war, sondern schon die Aufmerksamkeit des Bundestrainers auf sich zog. „Darüber denke ich nicht nach“, sagt Adler, „auch wenn ich klar sagen muss, dass es für mich die größte Ehre ist, für mein Land zu spielen.“

Vielmehr aber will sich Adler auf den HSV konzentrieren. Zumal es dort seiner Meinung nach eine Menge Baustellen gibt. „Nach dem Bremen-Spiel war ich schon enttäuscht“, so der Keeper, „wir hatten uns wieder viel mehr vorgenommen – und wir haben das Spiel verdient verloren. Da gibt es keine Ausreden.“ Insbesondere die Mentalität missfällt Adler. „Wir machen zu viele individuelle Fehler. Und obwohl wir gut begonnen hatten, wie ich finde, haben wir plötzlich unsere Taktik komplett vergessen und sind in alte Muster gefallen. Dabei darf man mal zurückliegen. Auch 0:2. Aber wir dürfen dann nicht den Kopf verlieren.“

Dass das besser wird, daran glaubt Adler. Auch, weil mit den neuen eine Menge Erfahrung und fußballerische Qualität dazukommen. Auch dank seiner selbst. Wie er seine eigene Leistung beurteilt? „Ich merke zumindest, dass ich Selbstvertrauen habe. Als Torwart gibt es viele Indizien, die einem zeigen, wo man steht. Und ich fühle mich topfit, habe riesig Spaß am Fußball.“ Sogar so viel wie lange nicht. Trotz des wachsenden Drucks. „Nach zwei Spielen haben wir null Punkte – das ist viel zu wenig. Und wir spüren den Druck der Stadt, der Fans. Aber wir sind auf einem guten weg. Wir müssen wieder die richtige Balance finden zwischen Anspannung und Spaß an der Arbeit.“

Dafür sollen auch Kabinengespräche herhalten. „Nach dem Aus in Karlsruhe mussten wir lange auf Marcell Jansen und Dennis Aogo warten, die beim Dopingtest waren. Und natürlich waren alle geknickt, saßen dort mit hängenden Köpfen. Aber gerade in solchen Momenten gehört es dazu, sich über Fußball zu unterhalten und anzusprechen, was gut war und was nicht gut war. Leider kehrt heute immer wieder zu schnell nach Spielschluss Normalität ein.“ Auch beim HSV? „Hier sprechen wir auf jeden Fall schon mal mehr als bei Bayer Leverkusen.“

Das klingt doch zumindest so, als wäre beim HSV der sportliche Kurs richtig. Sollte sich jetzt auch noch das Umfeld beruhigen, dürfen wir gespannt sein. Gespannt darauf, ob der Hype um van der Vaart den gewünschten sportlichen Wert nach sich zieht. Ich persönlich sage: ja. Der Niederländer ist so ein Vollprofi, der weiß genau, wie er diesem oft fragil wirkenden HSV etwas mehr Stabilität verleihen kann. Noch sicherer aber bin ich, dass van der Vaart vor allem auch von seinen beiden Ausputzern Milan Badelj und Petr Jiracek profitieren wird. Zwei defensive Mittelfeldspieler, die richtig gut Fußball spielen.

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um zehn Uhr trainiert. Leider ohne Zhi Gin Lam, der sich beim 12:0 in Schwarzenbek eine leichte Zerrung zugezogen hat und kürzertreten muss.

Scholle