Tagesarchiv für den 3. September 2012

Arnesen: “Jedes Spiel wird ein Finale für uns”

3. September 2012

Das Lachen ist ihm noch nicht vergangen. Im Gegenteil, der HSV-Sportchef war am heutigen Montagvormittag super drauf, er lachte sogar oftmals sehr laut und von Herzen, er war kein bisschen verärgert über die Kritik, die zuletzt auf ihn eingeprasselt ist – alles scheint bei ihm in bester Ordnung. Frank Arnesen wirkte sichtlich erleichtert, jetzt, wo das Transferfenster geschlossen und alle Verpflichtungen unter Dach und Fach sind. Und er zog ein sehr zufriedenes und ganz ausführliches Resümee zu seinen sommerlichen Aktivitäten: „Am Ende ist es uns gelungen, nicht nur einen Schritt weiter zu sein, sondern gleich drei. Es war für uns alle eine schwere Transferperiode, denn wenn wir uns alle mal zurückerinnern: Im Mai hat uns der Aufsichtsrat gesagt, dass wir erst Spieler einkaufen können, wenn wir Spieler verkauft haben. Obwohl, das muss ich auch sagen, wir schon grünes Licht für Rene Adler, Maximilian Beister und Artjoms Rudnevs bekommen hatte.“ Ernst wurde es erst in den letzten drei Wochen. Nach dem schwachen Start des HSV mit dem Pokal-Aus in Karlsruhe befand Arnesen: „Wir sollten ein kalkuliertes Risiko eingehen, dafür habe ich im Vorstand geworben, und als wir uns einig darüber waren, sind wir beim Aufsichtsrat vorstellig geworden. Weil wir gesehen haben, dass wir noch etwas machen müssen – wenn wir es können.“

So lief das hinter den Kulissen ab. Erst beriet sich der Vorstand, dann beriet sich der Vorstand mit dem Aufsichtsrat. Weil inzwischen fast alle eingesehen hatten, dass es so ganz sicher nicht gehen würde. Hätte sich der HSV nicht noch mit Petr Jiracek und Rafael van der Vaart verstärkt, so wäre der Abstiegskampf wohl programmiert gewesen. Obwohl Arnesen auch sagt: „Wir wären ohne diese beiden Spieler nicht abgestiegen, weil wir als Mannschaft gar nicht so schlecht waren. Wir wären damit Minimum wieder Tabellenfünfzehnter geworden. Aber mit diesen beiden Spielern sind wir natürlich besser geworden, sodass wir nicht nur einen Schritt nach vorne gemacht haben, sondern drei. Es war eine glückliche Entscheidung, dass uns der Aufsichtsrat mit diesem kalkulierbaren Risiko entgegengekommen ist, es ist in meinen Augen eine fantastische Entscheidung für den HSV.“

Eine Entscheidung, die laut Arnesen nichts mit dem Pokal-Aus in Karlsruhe zu tun hatte. Was ich nicht glaube, denn nach diesem 2:4 gegen den KSC machte sich in Hamburg der Unmut über diese HSV-Mannschaft immer breiter. Fast alle Experten prophezeiten diesem schwachen HSV-Team den Abstiegskampf – oder sogar den Abstieg. Von Franz Beckenbauer über Uwe Seeler bis hin zu Stefan Effenberg und Lothar Matthäus. Ihnen und den vielen HSV-Fans, die ihren Ängsten öffentlich Stimmen verliehen haben, möchte ich ausdrücklich danken. Der HSV geht, ich habe es mehrfach geschrieben, jetzt zwar ein gigantisches finanzielles Risiko, aber in meinen Augen musste das so sein – andernfalls wäre der Abstieg (für mich) besiegelt gewesen. Es wird auch jetzt noch schwer, aber ich bin davon überzeugt, dass dieser runderneuerte HSV nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird. Und ich weiß dabei sehr wohl, dass ich mich da im Gegensatz zu manchem (Fußball-)Experten, die den HSV immer noch als Abstiegskandidaten Nummer eins sehen, befinde.

Zur Kritik der (TV-)Experten sagt Frank Arnesen übrigens: „Diese Stimmen nehme ich gar nicht wahr, die interessieren mich nicht. Wenn sie das glauben, was sie erzählen, dann respektiere ich das, denn die meisten haben eine große Karriere hinter sich, aber sie wissen doch gar nicht, was hier beim HSV im Klub tatsächlich vor sich geht. Das wissen sie nicht, das ahnen sie nicht mal. Ansonsten finde ich es besser, dass ich die Kritik bekomme, als wenn es die Spieler oder der Trainer sind.“ Anders liegt die Sache bei Uwe Seeler. Arnesen: „Er lebt in Hamburg, er hat hier gespielt, er war hier Präsident, er weiß, was im HSV vor sich geht, er hat Angst um seinen Klub. Das sehe ich durchaus. Und wenn er sagt, dass wir uns nicht verbessert haben, dann hat er damit recht. Das stimmt doch, das muss man so sehen wie er.“
Friede, Freude, Eierkuchen. Alles wird gut.
Hoffentlich.

Als der Mopo-Kollege fragte, ob Arnesen noch das hundertprozentige Vertrauen seiner Vorstandskollegen spüren würde, antwortete er wie aus der Pistole geschossen – und breit grinsend: „Hundertprozentig . . .“ Natürlich. Trotz allem schienen die vier Herren zuletzt nicht immer auf einer Wellenlänge. Das machte nicht zuletzt auch das Interview, dass die „Matz-abber“ (im Grunde genommen) mit Carl-Edgar Jarchow führten (im Abendblatt und bei „Matz ab“) deutlich. Frank Arnesen befand aber zu diesem Punkt: „Das ist doch alles auch völlig normal. Wenn es Kritik gibt, dann muss man damit leben. Natürlich gibt es mal Probleme, sogar viele Probleme – sogar zu Hause bei mir gibt es Probleme, aber ich bin dennoch 36 Jahre lang verheiratet. Natürlich gibt es Probleme, auch beim HSV, erst recht dann, wenn man ein solches Jahr hinter sich hat und dann mit drei Niederlagen beginnt.“

Frank Arnesen weiter: „Dann, wenn man weiter verliert, dann kann man sich doch nicht hinstellen und sagen, dass wir das alles sehr gut machen. Aber es muss dann natürlich alles intern bleiben. Und da finde ich, dass das alles nicht schlecht verlaufen ist. Wenn es gut läuft, dann ist alles gut. Aber wenn es schlecht geht, dann gibt es Diskussionen. Dann müssen auch mal harte Worte fallen. Damit habe ich kein Problem. Auch mit harten Worten gegen mich habe ich keinerlei Probleme. So etwas passiert doch, aber ich finde es ganz normal. Vor allen Dingen dann, wenn man in einer solchen Situation steckt wie wir.“ Dann gibt Arnesen zu: „Ich mache auch Fehler, keine Frage, nicht viele, aber ich mache nicht alles richtig.“

In diesem Zusammenhang: Was ich allerdings immer noch nicht so richtig „fressen“ kann ist die Tatsache, das der HSV immer noch keinen erstliga-tauglichen Angriff (Angreifer) hat. Das sehen doch inzwischen die meisten HSV-Fans so. Und auch die Experten. Deswegen überrascht es mich immer noch, wenn Frank Arnesen von einer Mannschaft spricht, die auch „ohne Jiracek und van der Vaart“ die Klasse gehalten hätte, wenn sie auch nur um Platz 15 „herumvegetiert“ hätte . . . Dass aber diese HSV-Experten (nicht die bundesdeutschen TV-Experten) immer noch nicht sehen wollen, dass sie in Sachen Sturm ein wenig schwach auf der Brust sind, das will nicht in meinen Kopf. Aber gut, vielleicht gibt sich das ja noch alles – wie von selbst. Dass plötzlich einer doch noch explodiert. Artjoms Rudnevs zum Beispiel. Wobei ich schon gerne wüsste, die diejenigen „Matz-abber“, die den Letten vor Wochen noch vehement gegen jegliche Kritik verteidigt haben, heute über das „Sorgenkind“ so denken.

Themenwechsel: In Hamburg hatte sich zuletzt das Gerücht breit gemacht, Frank Arnesen hätte bei den letzten Transfers kaum noch eingegriffen, dass dafür eher das Vorstandsmitglied Joachim Hilke zuständig gewesen ist. Der Sportchef schmunzelnd: „Solche Geschichten sind schon erstaunlich. Solche Verhandlungen mit Spielern, Beratern und dem anderen Verein sind ein langer und umfangreicher Prozess. Bei den letzten Verhandlungen bin ich tatsächlich nicht dabei gewesen, aber das war unsere Strategie. Jeder macht das, was er am besten kann.“

Dazu nannte der Däne das Beispiel Petr Jiracek. Weil Wolfsburgs Trainer und Manager Felix Magath nicht unbedingt als Arnesen-Freund gilt, fragte der HSV-Sportchef bei seinem Vorstandsvorsitzenden an: „Carl, du kennst doch den Felix Magath gut, wäre es nicht besser, wenn du mit ihm sprechen und verhandeln würdest. Das hat Carl Jarchow dann auch getan.“ Arnesen kümmerte sich derweil um die Gespräche mit dem Spielern und dessen Berater. Und dann kam zuletzt auch noch ein Anwalt hinzu, damit der Vertrag auch absolut wasserfest ist. Alles ganz normal. Und so lief das auch im Fall van der Vaart ab. Ich muss aber schon lachen, wie solche Gerüchte entstehen, in meinen Augen ist das alles so gelaufen, wie es immer gelaufen ist. Jeder das, was er am besten kann. Das ist eine Strategie innerhalb der Klub-Führung, das ist überall so, in allen anderen Klubs ist das so.“

So war es übrigens, das sagt Medien-Direktor Jörn Wolf erklärend für alle, auch früher schon: „Ich kann mich nicht erinnern, dass einen Spielervertrag bei uns gab, den Bernd Hoffmann nicht ausgehandelt – nachdem zuvor Dietmar Beiersdorfer den Spieler für den HSV verpflichtet hatte.“ Jeder das, was er am besten kann . . . Der eine kann Sport, der andere Finanzen. Frank Arnesen sagt dazu noch: „Da wurden Probleme von außen gemacht, und zwar von Leuten, die uns Probleme bereiten wollten.“

Im „Fall“ van der Vaart kam der erste Schritt von Frank Arnesen: „Ich habe meinen Freund, den Tottenham-Boss Daniel Levy, angerufen und ihm ein Angebot für Rafael unterbreitet, obwohl Levy kein Angebot haben wollte, weil er van der Vaart nicht verkaufen wollte. Aber ich kenne Levy genau, deswegen habe ich ihm das Angebot trotz allem zugeschickt.“ Was ja auch genau richtig war. Arnesen hat übrigens ein Jahr bei Tottenham und für Levy gearbeitet, beide Herren sind alles andere als „Freunde“. Und weil HSV-Sponsor Klaus-Michael Kühne beharrlich blieb und auch nicht locker ließ, denn er wollte van der Vaart wieder unbedingt beim HSV sehen, deswegen flog Arnesen nach London und sprach mit dem VdV-Berater: „Ich habe mich über das Gehalt informiert, habe das im HSV vorgetragen und gefragt: wollen wir das? Und schaffen wir das? Und weil Kühne unbedingt wollte, haben wir nicht locker gelassen.“

Das alles spielte sich vor drei Wochen ab. Zugespitzt hat sich diese Sache dann gegen Ende der vergangenen Woche. Arnesen: „Und dann waren bei den Entscheidungen Carl Jarchow und Joachim Hilke entscheidend. Und in der Nacht zum Freitag, morgens um drei Uhr, waren alle Seiten klar miteinander.“ Der Däne: „Ich habe immer dann bei den Verhandlungen etwas abgegeben, wenn es taktisch erforderlich und notwendig war. Aber das ist völlig normal. Wenn wir einen Spieler unbedingt wollen, dann müssen alle mitarbeiten. Keiner aber kann sagen, dass er alles allein getan hat, das kann auch nicht sagen. Das ist ein Prozess des gesamten Vorstandes, wir vier müssen ein Team sein – und wir sind ein Team. Mit einer sehr guten Kommunikation untereinander.“

Im „Fall“ Jiracek kam der Berater des tschechischen Nationalspielers kürzlich auf den HSV zu. Etwas überraschend. Oder sogar etwas mehr überraschend. Arnesen: „Als ich das hörte, dass er zu haben ist, da brauchte ich keine 30 Sekunden zum Überlegen. Weil ich ihn seit zwei Jahren kenne, schon zu Chelsea-Zeiten.“ Arnesen weiter: „Ich kenne alles von ihm, ich kenne ihn schon, als er noch bei Pilsen gespielt hat. Als ich dann beim HSV war, hätte ich Jiracek schon gerne nach Hamburg geholt, aber wenn der VfL Wolfsburg kommt, dann haben wir leider keine Chance – dann geht er nach Wolfsburg. Weil wir kein Geld hatten. Und Pilsen wollte eigentlich sechs Millionen für ihn, Wolfsburg hat dann dreieinhalb Millionen gezahlt, wir aber hatten damals nicht mal eine Million.“ Auch vor zwei Monaten war ein Jiracek-Transfer zum HSV eigentlich utopisch. Zumal der Tscheche eine überragende EM gespielt hatte. Arnesen: „Und dann ist er uns angeboten worden. Das kann man mal wieder negativ sehen und es negativ gegen uns auslegen, aber fest steht, dass wir vorher nicht den Hauch einer Chance gehabt hatten, ihn zu bekommen.“ Erst als Wolfsburg ihn vor zwei, drei Wochen gehen lassen wollte, da kam die Chance des HSV. Und Zugriff . . . Oder besser: Zubiss?

Vor dieser Saison hatte Trainer Thorsten Fink davon „geträumt“, einen 25-Mann-Kader zu haben – darunter drei Torhüter. Jetzt hat er 29 Spieler, darunter vier Keeper. Eindeutig zu viel. Aber damit muss der HSV nun wohl leben. Bis zum Winter auf jeden Fall. „Wir wollten 25 Mann, aber das ist nicht gelungen. 25 wäre der Idealfall, aber die Spieler wollten nicht weg. Es gab einige Angebote, aber wir können nichts machen, wenn die Spiele nicht wollen. Russland war einigen zu kalt, in die Türkei wollten sie auch nicht – das sind die Probleme. Dann können wir nichts machen.“ Weil es den Profis beim HSV ersten sehr gut (zu gut?) geht, weil sie gut und allerbest verdienen, weil sie ihr Geld pünktlich auf dem Konto haben – und weil sie in einer großartigen, der schönsten Stadt Deutschlands leben. Wer gibt das schon gerne und freiwillig auf? Diejenigen müssten wohl fußballverrückt sein, oder mit dem „Klammerbeutel“ gepudert. Arnesen: „Mir sind eigentlich Spieler lieber, die hier nicht weg wollen. Als ich letztes Jahr kam, wollten gleich fünf HSV-Spieler unbedingt weg, weil sei die Nase voll vom HSV hatten . . .“

Auf den Einwand des Bild-Kollegen, dass er sich nicht erinnern könne, dass in den letzten Jahren auch nur ein Spieler beim HSV besser geworden sei, antwortete Frank Arnesen: „Das weiß ich nicht, ich bin erst ein Jahr hier. Und ich hoffe natürlich, dass sich die ganz jungen Spieler noch so entwickeln, wie wir es uns erhofft haben, als wir sie zum HSV holten.“

Das hoffen wir doch alle. Weil in dieser Richtung ist seit vielen, vielen Jahren beim HSV nicht viel passiert ist. Wenn überhaupt etwas.

Zur jetzigen Situation äußerte sich der Sportchef auch noch. „Wir müssen jetzt sehen, dass wir in den nächsten Spielen alles dafür tun, um gut Fußball zu spielen. Und zu gewinnen. Das, was ich in der ersten Halbzeit in Bremen von unserer Mannschaft gesehen habe, das stimmt mich positiv, dass wir das auch schaffen können. Aber bislang haben wir eben noch nicht gewonnen, und deshalb muss die Mannschaft wissen, dass jedes Spiel zu einem Finale wird“, sagt Frank Arnesen. Am 16. September gibt es in Frankfurt das erste Finale für den HSV. Und morgen um 18.30 Uhr das Testspiel in Schwarzenbek (ist bereits ausverkauft!) – und am Freitag das Testspiel in Niendorf (ebenfalls 18.30 Uhr). Van der Vaart lässt grüßen.

So, dann gab es heute noch diese Meldung:

Die französische Fußball-Liga hat nach nur vier Runden schon ihren ersten Trainer-Rauswurf der neuen Saison. Der Tabellen-18. FC Evian Thonon-Gaillard setzte Trainer Pablo Correa am Montag vor die Tür. Der 45-jährige Uruguayer sei wegen der schlechten Ergebnisse des Amtes enthoben worden, teilte der neue Verein des früheren HSV-Kapitäns David Jarolim auf seiner Homepage mit. Neuer Trainer werde der bisherige Sportdirektor Pascal Dupraz, der das Team in der 3. und 4. Liga betreut hatte.

Und intern (Matz ab) gab es diese Zeilen von „illuminatus“:

+++Vorschlag+++Idee+++
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Nach der Fragerunde mit Jarchow würde ich mich über eine monatliche Fragerunde an Dieter und/oder Scholle freuen. Wir stellen ja über die Kommentarfunktion laufend Fragen, aber nur wenige davon werden beantwortet.
Aber es wäre doch klasse, wenn sich ein Blog (oder ein Video) sich nur unseren Fragen widmet. Die beiden könnten sich ja abwechselnd gegenseitig die Fragen stellen. :-)
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Ich behaupte einfach mal, dass ich wahrscheinlich nicht der Einzige mit diesem Wunsch bin! ;-)

Das könnte ja so laufen, wie beim Interview mit Carl-Edgar Jarchow – also im Schneeball-System. „Scholle“ und ich wären bereit, ganz klar.

Und dann zuletzt in eigener Sache:

Das Gewinnspiel geht auch diesmal „volles Rohr“ ab. Vielen Dank dafür. Trotz meiner Bitte aber gibt es immer wieder User, die mir auf der Gewinnspiel-Adresse eine (mehr oder weniger private) Mail senden. Wer mir etwas schicken, aber nicht im Blog schreiben möchte, der sollte es unter

blog*AT*matz-online.net

versuchen. Das bekomme ich dann auch tatsächlich zu Gesicht. Vielen Dank.

PS: Am Dienstag wird um 10 Uhr im Volkspark geübt.

18.36 Uhr