Tagesarchiv für den 29. August 2012

Jetzt fehlt nur noch van der Vaart

29. August 2012

Der HSV ist eben Herzensangelegenheit. Dem Klub geht es, sagen wir mal, nicht gerade rosig, der Klub hat sich fast schon ans Verlieren gewöhnt, aber die Fans klammern sich an jeden Strohhalm, der greifbar ist. Deshalb gab es an diesem Mittwoch einen großen „Bahnhof“ für zwei Neue: Milan Badelj und Petr Jiracek wurden wohlwollend von über 800 HSV-Anhängern empfangen und bei bestem Sommerwetter mit begleitetem Applaus auf dem Weg zum Training begleitet. Vor ein paar Tagen hatte mein Kollege Jürgen Schnitgerhans von der Bild geschrieben, dass die Herren des HSV „endlich aufwachen sollen“, und prompt wachten sie auf. Jetzt wird alles gut? Ich bin davon überzeugt, weil ja beim HSV noch ein Name in der Pipeline steckt: Rafael van der Vaart. Bei den Fans, die heute im Volkspark waren, war der Name des „kleinen Engels“ in aller Munde. Die meisten sind davon felsenfest überzeugt: „Raffa wird auch noch kommen . . .“ Abwarten.

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Auf jeden Fall hatte die Online-Redaktion der Bild am heutigen Nachmittag für Verwirrung gesorgt, denn für ein paar Minuten war dort zu lesen, dass die Rückkehr des Niederländers zum HSV perfekt sei. Diese Nachricht wurde aber nur Minuten später ersatzlos aus dem Verkehr gezogen. Wussten die Kollegen schon mehr? Oder wurde da nur für den Fall der Fälle geprobt? Sei es wie es sei, bis Freitag wird es wohl spannend bleiben, dann schließt das Transferfenster des Sommers 2012. Ich denke ja, dass HSV-Sponsor (-Mäzen, -Gönner, – Investor) Klaus-Michael Kühne doch noch zuschlagen wird. Er wollte van der Vaart, er hat immer um ihn gekämpft, und er wird sich diese Chance nicht entgehen lassen, ihn persönlich nach Hamburg zu bringen. Sonst würde es doch wohl noch lange heißen: „Selbst die vielen Kühne-Millionen haben es nicht geschafft, Raffa wieder in den Volkspark zurück zu bringen . . .“

Und auch wenn es eine gewisse Disharmonie zwischen der HSV-Führung und Kühne gab – in diesem Fall werden die Herren an einem Strang ziehen. Denn, auch das schrieb der Kollege Schnitgerhans, es ist bereits fünf nach Zwölf, und das haben nun doch alle im HSV erkannt. Sie tun doch jetzt, wenn auch erst in letzter Sekunde, aber sie tun. Sie gehen sogar Risiko, und zwar kein ganz so kleines, vielleicht ist es sogar größer als jenes Risiko, das einst die (der) Vorgänger von Carl-Edgar Jarchow im Verborgenen eingingen – und dabei verloren. Uwe Seeler hat es bereist vor vielen Wochen gesagt: „Ein Abstieg käme den HSV teurer, als jetzt Risiko zu gehen.“ Diesem Aufruf (?) sind die Führungsherren nun gefolgt – und das lobe ich deshalb auch einmal ausdrücklich. Es hätte auch weiterhin tief und fest geschlafen werden können, aber nein, der HSV ist aufgewacht und versucht alles. Auch wenn es dem Klub (finanziell) sehr wehtun wird. Denn Geld, das wissen inzwischen alle, ist eigentlich keines mehr da. Deshalb noch einmal: Kompliment für diesen risikoreichen Weg (in Sachen Finanzen). Aber nur so war diese fast schon festgefahrene Situation noch zu retten – nur noch so. Und nun heißt es Daumendrücken, dass dieser Weg auch zum Erfolg führt. Das heißt, der Nicht-Abstieg des HSV ist nun hoffentlich am Ende dieser Saison beschlossene Sache. Andernfalls könnten diese Schüsse, die nun losgelassen worden sind, auch schnell nach hinten gehen . . . Was wir alle nicht hoffen wollen – natürlich nicht.

Dass sowohl Milan Badelj als auch Petr Jiracek Verstärkungen für den HSV sind, das steht für mich außer Frage. Diese beiden Spieler bedeuten „Soforthilfe“, sie werden schon am Sonnabend in Bremen mit von der Partie sein – obwohl das natürlich noch nicht gleichbedeutend mit einem Auswärtssieg sein muss (sein wird). Dazu gibt es dann doch noch immer die eine oder andere Baustelle mehr, die noch zu beackern sein wird. Vor allen Dingen die im Angriff. Denn nach wie vor frage ich mich, wen dann der Herr van der Vaart schicken soll? Da käme für mich in erster Linie Maximilian Beister in Frage, und dann Artjoms Rudnevs. Wobei ich glaube, dass die Stunden des Letten nun schon am Sonnabend im Weserstadion schlagen wird. Ob das letztlich ausreichend für, für eine ganze Saison, das vermag ich abschließend nicht zu beurteilen, aber ich habe da nach wie vor meine Zweifel. Doch zu Not könnte in Sachen Angriff ja noch im Winter nachgebessert werden – zur Not.

Erst einmal ist die Freude darüber, dass zwei aktuelle Nationalspieler neu zum HSV gekommen sind, groß. Milan Badelj (er spricht sich Badel aus – mit einem ganz kleine, verschluckten J am Ende – aber mehr Badel) ist 23 Jahre alt und hat gestern noch für Dinamo Zagreb (in und gegen Maribor) den Einzug in die Champions League klar gemacht. Und nun droht ihm der Abstiegskampf in der Bundesliga. Er sagt: „Das ist der Fußball.“ Und: „Ich hatte schon vorher beim HSV zugesagt, bevor wir mit Dinamo die Champions League erreicht hatten.“ Das ist Schicksal. Er freut sich aber schon auf das Derby, und er weiß: „Bremen – HSV ist wie HSV gegen St. Pauli. Ich weiß um die Bedeutung, ich habe die Bundesliga immer im Fernsehen verfolgt. In Kroatien wissen alle, dass der HSV ein großer Klub ist.“

Hoffentlich bleibt er das auch – aber Badelj, der in vier Jahren für Dinamo Zagreb 188 Spiele absolvierte, soll ja mithelfen, dass es so bleibt. Aber er sagt: „Es ist doch erst ein Spieltag vorbei, ich muss mir erst ein Bild machen, was möglich ist –aber ich will immer das Maximale erreichen, das ist klar.“ Informationen über den HSV und die Bundesliga hat er sich vom ehemaligen HSV-Spieler Josip Simunic und auch vom früheren HSV-Liebling Ivica Olic eingeholt, und natürlich von Landsmann Ivo Ilicevic. Badelj wird übrigens künftig die Nummer 14 tragen, die von David Jarolim. Und die einst Johan Cruyff weltberühmt gemacht hat. Der Kroate sagt: „Ich weiß, dass das eine berühmte Nummer ist, ich möchte damit auch großen Erfolg haben.“

Die Rückennummer 19 wird in Zukunft Petr Jiracek (26) auf dem Rücken tragen. Der vom VfL Wolfsburg gekommene Profi wirkt im ersten Moment ein wenig schüchtern und introvertiert – auf dem Platz, das hat die Europameisterschaft in diesem Jahr gezeigt, ist der langmähnige Mittelfeldspieler allerdings alles andere als zurückhaltend. Da ist der Dauerläufer ein großer Kämpfer, der mit Herz und Leidenschaft zur Sache geht – und zwar 90 Minuten.

Kurios: Bei der heutigen Vorstellung von Jiracek spielte ein „Schweiger“ eine oder die große Rolle: Jaroslav Drobny. Der Torwart war der Übersetzer, obwohl Petr Jiracek schon gut Deutsch versteht und auch schon sprechen kann. Sicher ist sicher. Drobny hat seit vielen, vielen Monaten nichts gesprochen, dass er es heute tat, ist ihm sehr hoch anzurechnen – Respekt. Und der Keeper verriet sogar, was er über seinen Landsmann (als Fußballer) denkt: „Ein guter Typ, ein Super-Typ, jeder weiß, er war unser bester Mann bei der EM, er genießt in der Nationalmannschaft einen sehr guten Ruf und genießt auch viel Respekt in Tschechien.“ Und Drobny verriet auch: „Petr weiß, dass die Fans jetzt viel von ihm erwarten, er wird auch alles geben und immer für den HSV kämpfen, doch die Leute sollen bedenken, dass er allein es auch nicht schaffen kann.“ Natürlich nicht. Aber die beiden Neuen werden den einen oder anderen Nebenmann (oder alle?) ganz sicher mitreißen – zum Wohle des Klubs. „Ich hoffe, dass wir so in jedem Spiel einen Schritt nach vorne machen werden“, sagt Jiracek. Wir hoffen mit ihm.

Und wo ich gerade bei Tschechen bin: David Jarolim hat nun (doch) beim FC Evian in Frankreich unterschrieben. Hat sich dann doch nur um einen Tag verschoben. Ich habe „Jaro“ im Namen aller „Matz-abber“ zu seinem neuen Arbeitgeber gratuliert – und er hat sich per SMS bedankt.

Dann war heute der Sportchef in aller Munde. Es wird in diesen Tagen viel über die Zukunft von Frank Arnesen spekuliert. Auch bei „Matz ab“. Viele fragen sich, warum der Däne so plötzlich im Blickpunkt steht – und längst nicht mehr unumstritten ist. Einige sprechen (und schreiben) sogar schon von Trennung und Abschied aus Hamburg, doch davon weiß ich erstens nichts, und zweitens habe ich zu einem solchen Gerücht auch keinerlei Nahrung erhalten. Ich gehe davon aus, dass Frank Arnesen noch lange beim und für den HSV arbeiten wird.

Warum er so in „Ungnade“ (wenn man das so sagen kann?) gefallen ist, liegt sicherlich auch darin begründet, dass der HSV in Sachen Verpflichtungen nicht so richtig „in die Pötte“ gekommen ist. Mal hieß es, es soll ein Zehner kommen, dann hieß es (von Arnesen), dass wenn es keinen Zehner gibt, es auch keiner geholt wird. Da spielte eine gewisse Ratlosigkeit mit hinein, die wiederum andere HSVer sprachlos machte. Und wenn Milan Badelj zum Beispiel für Kroatien spricht, dass der HSV in seiner Heimat immer noch ein großer Klub ist, dann denken vielleicht auch die Verantwortlichen daran, dass ein HSV vielleicht doch ein wenig offensiver an die Neuverpflichtungen herangehen könnte. Frank Arnesen wirkte aber oft auch ein wenig zu zögerlich und zauderhaft.

Was eventuell auch noch für ein wenig Verdruss sorgte ist die Tatsache, dass der Däne den HSV-Kader, dem von fast allen Experten in Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt wurde (können die wirklich alle irren?), immer als absolut bundesligatauglich hinstellte und lobte. So nach dem Motto: „Der Veranstalter lobte die Veranstaltung.“ Vielleicht hatten die HSV-Führungsherren aber ja auch nur Angst, dass Arnesen diese Einschätzung tatsächlich so meinte, wie er sie stets nach außen verkündete. Und das hätte dann in der Tat bedeutet, dass da irgendetwas nicht so richtig stimmt und im Lot ist – beim HSV. Nämlich die Sache mit dem Anspruch und der Wirklichkeit.

Und dazu finde ich, um mich nicht zu drücken, dass Frank Arnesen tatsächlich mehr für sein glückliches Händchen wird tun müssen. Ich habe ihm im vergangene Jahr stets in Schutz genommen, als es um die Verpflichtungen der fünf Chelsea-Buben Rajkovic, Bruma, Mancienne, Sala und Töre ging. Der Grund für meinen Zuspruch: Es sollte jeder einmal für sich versuchen, „ohne“ Geld einzukaufen. Und Arnesen hatte so gut wie kein Geld in der Hand, musste aber etwas „anschleppen“. Dafür hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Das war in meinen Augen gut. Dass er dann mit den „richtigen“ Einkäufen, mit Ivo Ilicevic und Per Ciljan Skjelbred, ein wenig (heftiger) daneben lag, das wird ihm heute ganz sicher angekreidet. Zumal mit Artjoms Rudnevs in diesem Jahr ja auch noch ein Spieler kam, auf den „ganz Hamburg“ immer noch wartet – dass er sich entwickelt. Und das sollte sich jeder (hier) einmal vor Augen halten: Jiracek und Badelj werden am Sonnabend wohl gleich zum Einsatz kommen, auf Rudnevs haben wir bislang vergeblich gewartet. Er wird nun wohl in Bremen kommen, das mag wohl sein, aber ich sage trotz allem: Soforthilfe sieht anders aus. Aber nun hoffen wir eben alle auf Sonnabend. Mit Rudnevs, Badelj, Jiracek und vielleicht sogar mit der „ewigen 23“. Ich hoffe und glaube daran.

Übrigens: Im Blog wird geschrieben, dass ich am Sonntag Gast im Doppelpass von „Sport 1“ bin, aber das kann ich nicht bestätigen – ich weiß von nichts.

PS: Morgen ist um 10 Uhr Training im Volkspark (sorry, nicht 19 Uhr, das war ein Tippfehler, danke für den Hinweis)

19.42 Uhr