Tagesarchiv für den 27. August 2012

Jakobs und die zwei Strohhalme

27. August 2012

Heute mal wieder mit einer etwas anderen Eröffnung:

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Jetzt ist Fall X eingetreten, vor dem ich mich immer gefürchtet habe: Der alte Matz sieht nun ganz, ganz alt aus. Betrifft die letzte Meldung dieses Beitrages, ich löse es auch am Ende auf. Sorry.
Ergänzt um 23.33 Uhr
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Werder Bremen setzt wohl schon im Nordderby am kommenden Sonnabend (15.30 Uhr) gegen den HSV auf die Torjägerqualitäten seines neuen Stürmers Joseph Akpala. „Wir müssen uns auf dem Platz noch ein wenig besser kennenlernen. Aber ich habe keine Bedenken, dass das schnell gehen wird“, sagte Trainer Thomas Schaaf bei der offiziellen Vorstellung des Nigerianers. Akpala hat die besondere Bedeutung der Partie bereits verinnerlicht. „Ich weiß um die Brisanz. Für uns und die Fans ist es das Spiel des Jahres“, sagte der 26-Jährige. Akpala war für eine Ablösesumme in Höhe von rund 2,5 Millionen Euro vom belgischen Vizemeister FC Brügge nach Bremen gewechselt und hatte bei den Hanseaten einen Vertrag bis zum 30. Juni 2016 unterschrieben.

Das ist eine Meldung der Agentur dapd. Von Artjoms Rudnevs würde ich so etwas auch gerne gelesen haben – oder auch gerne lesen. Aber bei dem einen Stürmer braucht es eben ein wenig Zeit, und bei dem anderen eben ein wenig weniger. Auch wenn der, bei dem weniger Zeit benötigt wird, ein wenig billiger war – runde 700 000 Euro nur, aber immerhin. Dennoch gehe ich davon aus, dass da am Sonnabend im Weserstadion auf jeder Seite ein neuer Torjäger spielen wird. Akpala bei den Grünen, Rudnevs bei den Rothosen.

Über den Letten sprach ich übrigens heute mit „Altmeister“ Ditmar Jakobs. Der ehemalige HSV-Kapitän bittet in diesem „Fall“ auch um Geduld: „Man muss jedem eine Eingewöhnungszeit einräumen. Der gibt im Moment alles. Und es ist ja auch alles für ihn neu, er muss das erst einmal alles kennenlernen.“ Aber darf man für 3,2 Millionen Euro nicht doch erwarten, dass ein Stürmer, der die Nummer eins im HSV-Angriff werden sollte (und noch immer werden soll), sich etwas, wenigstens etwas schneller entwickelt? Jakobs: „Für die 3,2 Millionen kann der Junge ja nichts. Den nun als Sündenbock abzustempeln, das ist das Blödeste was es überhaupt gibt. Er ist doch beobachtet worden von den HSV-Scouts, und die haben es für gut gehalten, ihn für diese Summe zu verpflichten. Er ist bemüht, er spielt so gut wie er kann – und wir müssen mal abwarten, wie es weitergeht mit ihm. Der Junge ist auf jeden Fall ein guter Charakter, und ich rate jedem, ihn nicht zu schnell zu verdammen. Selbst bei einem Wechsel innerhalb Deutschlands brauchen die meisten Spieler ihre Eingewöhnungszeit, also ist es für einen Mann, der aus dem Ausland kommt, wahrscheinlich noch viel schwerer, hier sofort Fuß zu fassen.“

Ditmar Jakobs hat in der vergangenen Woche vor zu hohen Erwartungen an den HSV gewarnt, sagte auch: „Die Mannschaft hat eher an Qualität verloren . . .“ Recht hat er damit, jedenfalls in meinen Augen, aber willkommen ist eine solche leichte, seichte und vorsichtige Kritik innerhalb des Vereins nicht. Obwohl ich mir wünschte, dass noch mehr „Ehemalige“ sich so bemerkbar machen würden, um so dem HSV mal die Augen zu öffnen. „Jako“ aber sagt dazu: „Wenn wir etwas zur Lage des Klubs gesagt haben, dann hieß es doch von den Verantwortlichen immer nur: ‚Was wollen die Alten? Die sollen uns in Ruhe lassen.’ Dabei sind wir doch nicht schadenfroh, wir wünschen dem HSV doch nichts Schlechtes – wir wollen doch nur, dass der HSV in der Bundesliga bleibt.“

Und? Bleibt er? Ditmar Jakobs sagt: „Das sollte geschafft werden. Ich gehe jedenfalls davon aus. Aber ich bin kein Wahrsager. Immerhin ist der HSV in der vergangenen Saison drin geblieben, was bei dieser Heimbilanz eigentlich ein Wunder war – bei nur drei Heimsiegen. Jeder, der so wenig Punkte zu Hause einfährt, der wäre mit Pauken und Trompeten abgegangen – aber wir sind drin geblieben. Aber ob das noch einmal so funktioniert? Man sollte das Glück nicht zu lange strapazieren.“

Aber wie soll das gehen? Mit dieser Mannschaft, die gegen die schwachen Nürnberger verlor, wird das garantiert nichts. Ditmar Jakobs aber klammert sich an zwei Strohhalme: „Man kann nur hoffen, dass Milan Badelj und Petr Jiracek sofort einschlagen. Das ist jedenfalls meine große Hoffnung, dass diese beiden Spieler sofort bei 100 Prozent sind. Und so vielleicht den einen oder anderen Mitspieler mitreißen. Denn wenn man die nächsten vier Spiele des HSV sieht, dann weiß man, dass das nicht leicht wird – um es mal diplomatisch zu sagen. Was nützt es aber, jetzt noch auf die Mannschaft einzuprügeln, so wie es jetzt viele machen? Wir müssen hoffen und abwarten, wie sich das entwickelt.“

Mehr bleibt uns allen nicht.

Wobei ich auch heute wieder erstaunlich viel Post zu einem bestimmten Thema bekommen habe. Den Medien wird darin vorgeworfen, den HSV nicht genügend zu unterstützen. Ein Thema, das ich gestern bereits anschnitt. Heute möchte ich einmal zwei „Fremde“ zu Wort kommen lassen. Für die „Welt“ schrieb Lars Wallrodt in seinem HSV-Bericht nach dem Nürnberg-Spiel:

Es ist unglaublich, wie sich dieser Traditionsverein in den vergangenen Jahren selbst zugrunde gerichtet hat. Unter Vorstandschef Bernd Hoffmann, der im März 2011 vom Hof gejagt wurde, war zumindest noch der Hauch von sportlichen Ambitionen zu spüren, auch wenn er dem Klub mit gewagten Finanzkonstrukten letztlich einen Bärendienst erwiesen hat und auch mit Dietmar Beiersdorfer einen fähigen Sportdirektor vergraulte. Doch seit Hoffmanns Weggang ist der Klub im freien Fall.

Vor kurzem sprach ich mit einem Bundesliga-Klubchef, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Irgendwann kam die Sprache auch auf den HSV, was umgehend Kopfschütteln auslöste. „Was dort für ein Potenzial verschenkt wird, ist unglaublich”, sagte er, „in einer der reichsten Städte mit einem riesigen Einzugsgebiet. Und dann so ein Trauerspiel.“

Ja, es ist ein Trauerspiel. Sportchef Frank Arnesen, der 2011 mit reichlich Vorschusslorbeeren ins Amt gelobt wurde, sollte angeblich das dickste Adressbuch des europäischen Fußballs haben. Nur die Spieler, die er daraus hervorzaubert, taugen leider nichts. Mit Akteuren wie Michael Mancienne, Per Skjelbred, Jeffrey Bruma, Artjoms Rudnevs und Ivo Ilicev spielt man nun mal fast automatisch gegen den Abstieg.

Der zweite Kollege ist Jörg Marwedel, der für die „Süddeutsche“ schreibt und schon seit vielen Jahrzehnten (länger als ich!) HSV-Reporter ist (auch einst für das Hamburger Abendblatt), und der von mir sehr geschätzt ist. Er schrieb nun nach dem 0:1 gegen Nürnberg:

„ . . . ich werde nicht müde, an meine Mannschaft zu glauben, sagt der HSV-Trainer. Man könnte nun sagen, Thorsten Fink tritt offen für seine Vorsätze ein. Man könnte aber auch sagen, hier leidet ein Trainer – zusammen mit dem Sportchef Frank Arnesen – an sportivem Realitätsverlust. Ein Klub, der erfahrene Profis wie Paolo Guerrero, Mladen Petric und David Jarolim verliert, ohne adäquat Ersatz zu besorgen, kann nur schwer davon ausgehen, dass es besser wird. Da nützen weder Überlebenscamps in Schweden noch die von beiden stets wiederholte Erklärung, „der Kader sei gut, und: Wir können es viel besser“. So hat sich Arnesen am Samstag wieder vernehmen lassen.

Vielleicht deshalb vernehmen lassen, weil er schon mehr wusste. Bezüglich Badelj und bezüglich Jiracek. Letzterer hat heute für vier Jahre beim HSV unterschrieben, und alle sind hellauf begeistert von diesem Zugang. Auch in Wolfsburg erfährt der Tscheche nur Lob, sowohl von Felix Magath als auch von Co-Trainer Bernd Hollerbach. Dieser Einkauf verspricht also viel. Und da Badelj ebenfalls ein „Guter“ sein soll, verstärkt sich das HSV-Korsett so allmählich wohl doch noch. Rene Adler, Heiko Westermann, Dennis Aogo, Marcell Jansen, Milan Badelj und Petr Jiracek – das sind sechs Männer, die es nicht nur können, sondern auch wollen. Und wenn es ihnen gelingen sollte, die Teamkollegen mitzureißen, dann stünde der HSV doch gar nicht so schlecht da. Aber mal abwarten, wie sich das alles entwickelt. Wobei ich heute das Gerücht vernahm, dass sich Thorsten Fink eventuell dazu entschließt, Kapitän Westermann doch wieder nur als Innenverteidiger aufzustellen. Das hätte doch auch etwas – wenn dem so wäre.

Und wenn ich dazu noch einen Wunsch äußern dürfte – ich würde mich sehr freuen, wenn in den nächsten Spielen auch auf das Talent von Maximilian Beister gesetzt werden würde. Wenn ich mich recht erinnere, dann hat der HSV lange um den an Fortuna Düsseldorf ausgeliehenen Offensivspieler gekämpft. Natürlich hat Beister – wie Rudnevs – noch gewisse Eingewöhnungsprobleme, weil Liga eins etwas anderes als Liga zwei ist, aber er ist ein Talent, er will beißen, er ist manchmal (wie ein Fohlen) zu ungestüm, will zuviel auf einmal, aber er geht ab und er geht auch dorthin, wo es weh tut, er ist unberechenbar für Abwehrspieler. Und deswegen würde ich mich freuen, wenn Beister (trotz aller Defensivprobleme) mal in den nächsten das Vertrauen des Trainers erhielte. Ich glaube nämlich, dass es so gehen könnte.
Und noch eines: Wenn Marcus Berg gegen Nürnberg aufgestellt wurde, weil er zuvor ein Tor gegen den KSC erzielt hatte (so hat es der Trainer gesagt), dann hätte Beister doch eigentlich auch spielen müssen . . .

So, dann habe ich heute noch zwei Beiträge von „Matz-abbern“, die mir die Moderatoren ans Herz gelegt haben.

Von „HSVHamburg“ kam zum Thema Trainer:

Viele HSV-Trainerentlassungen kommen nicht überraschend:
Der HSV hat früher Trainer wie Klötzer, Zebec und vor allem Happel gehabt und spielte damals finanziell und sportlich auf einer Höhe mit Bayern. Ende der 70er bis zur Mitte der 80er sogar klarer u. langfristiger auf einer Höhe als der BVB bis dato.
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Ein Erfolgsmerkmal waren die Trainer!
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1987 trennten sich dann die Wege vom HSV und FC Bayern! Der HSV holte damals NOCH-Lehrling Magath, die „UNBEKANNTE” Skoblar, Willi Reimann, Schock, ewig-Verlie Toppmöller, Pagelsdorf, Cordes, Jara, Doll und wie sie alle hießen. Viele von denen trainieren gar nicht mehr oder eben Oberliga bis Verbandsliga-Teams!
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Bayern hollte ab dieser Zeit bis heute Leute wie Lattek, Heynckes, Trappatoni, einen gereiften Magath, van Gaal, Hitzfeld und jetzt neuerlich Heynckes usw. Mit König Otto kamen sie immerhin bis ins Uefa-Cup Endspiel (gewannen diesen mit Beckenbauer als Trainer auch) und standen auf Platz 2!!!
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Mit Klinsmann u. Lerby holten sie ähnliche Kandidaten, wie der HSV sie ab 1987 mehrheitlich holte und hatten keinen Erfolg bzw. blamierten sich sogar zeitweise!
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Ich bin mir sicher, hätte der HSV nach 1987 Leute wie Lattek, Heynckes etc. geholt, hätten wir auch weiterhin den einen oder anderen Titel geholt und zumindest auf Augenhöhe mit Bayern, Dortmund und Brämen gespielt.
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Die Frage ist eigentlich, warum holte der HSV nach 1987 bis auf Stevens eigentlich keine international anerkannten Trainer mehr?

Und von „Ainu” kam diese Kritik:

Ein großes Dankeschön an die Gremien und sog. Fans des HSV!

Ihr seid die besten Gastgeber in der Bundesliga! Jeder Bundesligaklub kommt gerne nach Hamburg, denn es spielt sich einfach viel schöner gegen eine Mannschaft, die eigentlich keine Fans hat, sondern nur zufällige Besucher, die die Mannschaft des HSV auspfeifen – und das mit sehr viel Enthusiasmus und Engagement.

Es ist für jede Gastmannschaft einfach toll, miterleben zu dürfen, wie der Kapitän Westermann bereits nach nur einem Fehlpass oder ein Spieler, der eingewechselt wird, wie z.B. Robert Tesche, gnadenlos ausgepfiffen werden. Das nenne ich wirkliche Gastfreundschaft! Bitte liebe Pseudo-Fans, macht weiter so! Das demotiviert
die Mannschaft des HSV kolossal und ist das schönste Gastgeschenk für die Gäste.

Zum Schluss noch eine ganz erfreuliche Nachricht – für David Jarolim und seine vielen Fans. Der Tscheche hat einen neuen Arbeitgeber gefunden. Der Dauerläufer, auf den der HSV (leider, leider) nicht mehr setzte, spielt künftig in Frankreich erstklassig – und zwar beim FC Evian Thonon Gaillard (am Wochenende 1:1 gegen Olympique Lyon). Gratulation, „Jaro“, auch im Namen vieler „Matz-abber“, wir wünschen Dir alles Gute und viel Erfolg in der neuen Heimat, bleib schön gesund und fit – und wenn Du nach Deiner aktiven Karriere dann wieder nach Hamburg kommen würdest, dann würden sich viele, viele HSV-Fans sehr freuen. Hau rein!

18.03 Uhr
PS: Am Dienstag wird im Volkspark um 10 und um 16 Uhr trainiert.

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So, nun zur Ergänzung. Ich war bei David Jarolim offenbar ein wenig zu optimistisch. Der Wechsel zum FC Evian ist noch nicht perfekt. Eigentlich sollte heute alles klar gehen, medizinische Untersuchung, Unterschrift – fertig. Als ich um 18 Uhr noch nichts von “Jaro” gehört habe, ihn auch mehrfach nicht erreichen konnte, ich aber zur Gala des Hamburger Amateurfußballs ins Hotel Grand Elysee musste (weil ich in der Jury für den Ian-Karan-Integrations-Preis sitze), bin ich davon ausgegangen: alles klar. Weil auch “uns Jaro” ganz optimistisch war. Aber denkste. Um 22.33 Uhr kam die sms: Es ist noch nichts perfekt.
Ja, so kann es gehen. Warten wir also auf den Dienstag, “Scholle” wird dann berichten. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass es zu einer Einigung zwischen David Jarolim, der in Frankreich weilt, und dem Klub kommen wird. Aber was soll ich jetzt auch schon anderes sagen . . ? Sorry, sorry, sorry.
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