Tagesarchiv für den 25. August 2012

0:1 – das wird ein ganz harter Weg

25. August 2012

Der Sportchef begleitete die Mannschaft vom Platz in die Kabine, die HSV-Spieler schlichen ebenso wie Frank Arnesen total konsterniert vom Rasen. Kurz zuvor hatten sie sich im Norden der Arena, bei ihren größten und treuesten Anhängern, alle eine blaue Nase abgeholt. Gnadenlos wurden die Spieler ausgepfiffen. Berechtigt, denn der HSV hat sein Auftaktspiel gegen den 1. FC Nürnberg mit 0:1 verloren. In einem schwachen Spiel. Besonders schlimm an dieser Pleite war, dass der Sieger ganz sicher nicht besser als der Verlierer war. Von zwei schwachen, harmlosen Mannschaften mit herzlich wenig Qualität hatte der HSV das Pech, dass der Ball einmal den Weg in sein Netz gefunden hatte. Eigentlich wäre diese Partie mit einem 0:0 bestens bedient gewesen. Grausam, dieser Start, denn nun geht es für den HSV nach Bremen und Frankfurt, dann kommt Dortmund. Es darf, und viele hatten es so erwartet, gleich vom ersten Spieltag an gezittert werden. Das wird diesmal ein ganz harter Weg.

Endlich wieder Bundesliga! Ein Traum. Und traumhafte Bedingungen für beide Mannschaften. 23 Grad, der Rasen ein Teppich, die Sonne schien, das Stadion mit 50 123 Zuschauern bestens besucht – Fußballherz was willst du mehr. „Moin, Moin, Kritiker, der HSV ist unabsteigbar, wir sind immer noch da!“ So prangte es auf einem Plakat im Norden. Und er Tat, der HSV ist wieder da! Und war auch ganz sicher gewillt, hier etwas zu reißen. Alle Spieler sprühten und waren mit dem Anpfiff in Bewegung, es wurde gekämpft, gelaufen und mehr oder weniger auch gespielt. Letzterer Punkt war allerdings nicht genau zu klären, denn in den ersten 45 Minuten glich diese Begegnung einem Fehlpassfestival. Was sich allein Jacopo Sala und Michael Mancienne in den ersten zehn Minuten erlaubten, das war katastrophal. Wobei der Italiener klar die Nummer eins war – in Sachen Ball zum Gegner bringen.

Typisch aber: Heiko Westermann erlaubte sich in der 16. Minute seinen ersten Fehlpass, da lag Sala schon uneinholbar mit 18:9 gegenüber Mancienne in Führung, aber für wen gab es Pfiffe? Natürlich, für den Kapitän. Das ist normal, das wird schon erwartet, das ist wohl auch völlig verdient. Wer einmal bei diesem fairen HSV-Anhang in Ungnade gefallen ist, der hat zu kämpfen, bevor es eine Begnadigung gibt. Westermann hat sie ganz offenbar nicht verdient, obwohl er sich für seine Mannschaft stets den Hintern aufreißt, und zwar von den Schulterblättern bis zur Brust – einmal untenrum.

Wie gesagt, die Kugel ging wie bei einem Flipper von Freund zu Feind und wieder zurück. So schnell konnten einige Fans gar nicht gucken. Hin und her, das war Hochgeschwindigkeitsfußball der etwas anderen Art. Und mitunter gab es sogar den einen oder anderen Torschuss. Nürnberg schoss häufiger, die beiden besten Chancen in den ersten 45 Minuten hatte der HSV. In der 24. Minute brachte Dennis Aogo einen Freistoß von halbrechts vor das Tor der Clubberer, Westermann stieg zum Kopfball hoch und brachte die Kugel auch auf das Tor, doch Keeper Schäfer hielt prächtig. Pech für den HSV. Und in der 41. Minute schoss Aogo aus der halblinken Position mit rechts, der Ball hätten den Weg ins Netz gefunden, wurde aber doch noch abgefälscht – nur Eckstoß für den HSV. Noch einmal viel Pech.

Und dazu gesellte sich dann auch noch Glück. Doch Glück hat auf Dauer ja auch nur der Tüchtige – oder? Zuvor hatte es noch „Aufwachen“-Rufe aus dem Norden gegeben, wobei nicht geklärt wurde, wer aufwachen sollte? Die restlichen Fans? Oder die Mannschaft? Oder die Mannschaften? Dann das: Sekunden vor dem Halbzeitpfiff des guten Schiedsrichters Marco Fritz (SV Breuningsweiler) Eckstoß für den Club. Den wuchtige Kopfball von Klose hielt Rene Adler super, den Nachschuss von Esswein ebenfalls. Da hätte es auch leicht mit einem 0:1-Rückstand in die Pause gehen können.

Der schien 120 Sekunden nach Wiederbeginn eigentlich unvermeidbar. Nürnberg spielte sich durch, plötzlich tauchte Frantz völlig frei vor Adler auf. Tor? Das war eine „Hundertprozentige“, aber es gab doch keinen Treffer. Der HSV-Keeper hielt den Schuss, wie auch immer, sensationell – das war ein „Unhaltbarer“.

Thorsten Fink wechselte. In der 58. Minute musste Sala in die Kabine, dafür kam Robert Tesche. Und wurde mit Pfiffen begrüßt. Das Volk hat eben eine etwas andere Meinung – und tut sie kund. Eine Minute später riefen die Anhänger aus dem Norden: „Wir woll’n den Beister seh’n, wie woll’n den Beister seh’n.“ Für Tesche wohl eine ganz besondere ein ganz besonderer Ansporn, denn er hatte in den folgenden zehn Minuten mehr Szenen als Vorgänger Sala in einer Stunde . . .

Nürnberg aber wurde stärker. Und hätte in der 61. Minute in Führung gehen müssen. Nach einem Eckstoß köpfte der völlig freistehende Balitsch den Ball aus fünf Metern vorbei. Der HSV reklamierte Abseits, aber auf der Torlinie hatte Per Ciljan Skjelbred diese Szene verpennt, er stand in Treue fest am Pfosten, als die Kollegen alle schon rausgelaufen waren. Das hätte ins Auge gehen können.

Ging es dann aber 120 Sekunden später. Eckstoß für den Club, den schoss Kiyotake zur Minute, Nilsson köpfte, nachdem er sich von Michael Mancienne gelöst hatte, an die Latte, und den Nachschuss stocherte dann der ehemalige Hannoveraner Balitsch ins Netz – 0:1.

Fink reagierte mit einem Doppelwechsel. Maximilian Beister und Artjoms Rudnevs kamen für Heung Min Son und Skjelbred. Und fast hätte es schon zum 1:1 gereicht. Ein 25-Meter-Freistoß von Aogo, eigentlich als Kopfballvorlage gedacht, flog auf das Nürnberger Tor, der Ball schien unhaltbar – doch Schäfer flog und lenkte die Kugel noch an den Pfosten, Chance dahin (72.). Eine ebenfalls sensationelle Parade, diesen Ball hatten die meisten Zuschauer schon im Tor gesehen. Leider nur gesehen . . .

Die Einzelkritik:

Rene Adler hielt großartig, er war der beste Hamburger.

Dennis Diekmeier bot eine solide Leistung, ohne gravierende Fehler.

Jeffrey Bruma räumte gut auf und gut ab, an ihm lag es sicher nicht, dass es eine Niederlage gab.

Michael Mancienne ging ebenfalls gut zur Sache, verteidigte eigentlich souverän – wenn es da nicht diese vielen Abspielfehler gegeben hätte.

Dennis Aogo war der Standardkönig des HSV, seine Freistöße und Eckbälle kamen diesmal sehr gut, ansonsten wie immer sehr engagiert und laufstark, wenn auch nicht fehlerlos.

Jacopo Sala fand nie zu seinem Spiel, war ein Fremdkörper.

Heiko Westermann gab alles, stopfte Löcher, ging weite Wege – vorbildlich.

Heung Min Son war fast ein Totalausfall.

Per Ciljan Skjelbred blieb harmlos, blass, obwohl er nach wie vor viel Aktionismus versprüht. Aber es kommt nichts dabei rum.

Marcell Jansen taute erst gegen Ende des Spiels auf, hatte in der Nachspielzeit eine große Möglichkeit, doch er traf mit dem Kopfball nur die Latte.

Marcus Berg war ein Totalausfall.

Die Einwechselspieler:

Robert Tesche zeigte viel mehr, als so mancher der vorher schon dabei war.

Maximilian Beister wollte viel, in seinem Übereifer machte er sich selbst viel zunichte.

Artjoms Rudnevs machte noch einmal viel Wind, rannte, kämpfte, biss – aber er schaffte nichts mehr. Dabei war er wenigstens noch hundertprozentig bemüht.

„Moin, Moin, Kritiker – der HSV ist unabsteigbar.“ Diesmal auch? Da muss noch viel passieren, bevor es auch diesmal klappen sollte . . .

17.38 Uhr