Tagesarchiv für den 20. August 2012

Es kommt noch ein Spieler – wenn überhaupt

20. August 2012

„Welch ein Elend.“ Das war nur ein Kommentar eines großen und berühmte HSVers heute Vormittag. Ein anderer sagte: „Du kannst in Karlsruhe keine vier Dinger fangen, das ist einfach nur lächerlich.“ Und noch ein anderer sagte mir: „Man kann doch keinen Paul Scharner holen und ihn auf die Ersatzbank setzen. Soll der sich erst in den nächsten Woche und Monaten in die Mannschaft spielen?“ Die Kommentare mögen hart sein, hart klingen – aber sie sind im Moment berechtigt. Und sie existieren deswegen, weil sich ein jeder HSVer, und ich schreibe bewusst „HSVer“, Gedanken und große Sorgen um seinen Klub macht. Jetzt geht es doch nicht mehr nur darum, auf die drei Buchstaben einzuprügeln, jetzt geht es darum, allen vor Augen zu führen, dass es bereits fünf nach Zwölf ist. Wenn jetzt nicht ein Ruck durch die Führung geht, wenn jetzt nicht noch kurz vor Toresschluss erkannt wird, mit welch schwachem Aufgebot der HSV den Klassenverbleib in der Bundesliga schaffen will, dann sind alle auf ihren Pöstchen falsch. Man kann jetzt nicht nur die Augen verschließen und sagen, wir müssen da durch. Ein Abstieg würde den HSV um Jahre zurückwerfen und auch teuer, sehr, sehr teuer zu stehen kommen. Darüber sollten nun alle einmal verstärkt nachdenken. Und gegebenenfalls über ihren Schatten springen. Jetzt oder nie.

Karlsruhe hatte in fünf Drittliga-Spielen ja nicht nur nicht gewonnen, der KSC hatte in diesen fünf Spielen auch nur drei (in Worten DREI) Tore erzielt. Und wenn man ganz ehrlich ist, dann hätte der KSC am Sonntag mindestens sieben Tore gegen den HSV schießen können, vielleicht sogar müssen. Mindestens. Und darüber hinaus gab es noch etliche Großchancen mehr. Und das gegen eine HSV-Mannschaft, für die Trainer Thorsten Fink ein paar Tage zuvor noch ein Lob ausgesprochen hatte: „Die Defensive steht jetzt sehr gut und kompakt, besser als in der Vorsaison, da hat sich unsere Arbeit schon ausgezahlt.“

Mir fiel nach der Pokal-Pleite noch spontan ein, dass sie Dennis Aogo ja zuletzt in der „Welt“ und in der „Mopo“ über die harte Kritik am „neuen HSV“ beschwert hatte. In der „Mopo“ hatte der Nationalspieler gesagt:

„Insbesondere in unserem Umfeld herrscht keine gute Stimmung”, klagt er. „Es kotzt mich an, dass alles kritisiert und negativ gesehen wird!” Und weiter: „Wenn wir durch die Stadt gehen oder auf dem Dorf spielen, habe ich den Eindruck, dass alle nur darauf warten, dass bei uns irgendetwas passiert. Mich nervt das total!” Zuletzt mussten sich die Profis am Dienstag nach dem 5:3 bei Altona 93 von Fans verhöhnen lassen.
Aogo hat davon genug. „In mir weckt das eine Jetzt-erst-recht-Einstellung”, sagt er. „Ich hoffe, dass wir richtig gut in die Saison starten, damit wir unseren Kritikern ins Gesicht sehen und sagen können: seht her.”
Deutliche Worte des Mannes, der bislang in der Vorbereitung noch nicht zu gewohnter Stärke finden konnte. Klar ist auch: Aogo setzt sich mit seinen Worten gehörig unter Druck. Wehe, es geht schon bei Zweitliga-Absteiger Karlsruhe schief. Dann würden ihm seine Sätze mit Wucht um die Ohren fliegen.

Das war der Artikel in der „Mopo“. Ich unterstelle Dennis Aogo mal, dass er erstens wirklich die Nase voll hatte (hat), und dass er sich in Karlsruhe wehren wollte und auch gewehrt hat. Weil er das immer so macht. Auch wenn er es zuletzt, wie auch die Kollegen der „Mopo“ geschrieben haben, nicht immer mit dem (von ihm und uns) gewünschten Erfolg getan hat. Das ist aber eine andere Geschichte. Mir geht es nur darum, dass sich Aogo wehren wollte – auf dem Platz. Und da stand er nach guten 15 Anfangsminuten dann doch bald ziemlich allein. Nicht ganz allein, das ist schon klar, aber neben ihm und vor ihm bröckelte es mit zunehmender Spieldauer immer mehr ab. Und das ist für mich nach wie vor unverständlich. Wieso wird aus dieser Mannschaft immer noch keine Einheit? Wieso kippen sie fast alle um, wenn ihnen nur der kleinste Hauch von Wind entgegenweht? Das ist doch alles so furchtbar unfassbar. Ich habe das Gefühl, dass man da auch eine aus elf Spielern bestehende Mannschaft auf den Rasen schicken könnte, die sich vor Minuten gerade zufällig getroffen hat, um nun miteinander zu spielen. Da greift doch nach dem ersten Missgeschick kein Rädchen mehr in das andere. Da wird nicht untereinander gesprochen, motiviert, geholfen, geführt – nichts. Wie die Einzelkämpfer, nach wie vor. Da gibt es keine Kompaktheit, da spielt jeder seinen Stiefel herunter. Dennis Aogo hatte vorher eine „Jetzt-erst-recht-Einstellung“, aber davon hatten nicht viele Kollegen etwas gehört. Oder sie kennen so etwas erst gar nicht.

Wenn es nicht so bitter wäre.

In unserem Kreis hat „Matz ab live“ ja einiges an Lob erhalten, ich bedanke mich nochmals ganz herzlich bei Benno Hafas, JU aus Qu und Lars 49 für die gute Gesprächsrunde. Sie haben ihre Meinung kund getan, andere „Matz abber“ tun es rauf und runter im Blog. Aus Sorge um den HSV. Wie zum Beispiel „Eiche“:

„Bei uns funktionieren einfachste Basic (noch?) nicht. Raumaufteilung, gesamtes Verschieben defensiv etc.
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Der Trainer labert von Chancen nutzen – und ihr seid schon wieder bei der großen Vereinspolitik.
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KOKOLORES
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Fink muss zusehen, dass er das gesamte Defensivverhalten trainiert. Sonst kommt da nichts bei heraus. Kinder lernen erst krabbeln dann laufen.
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Arnie sagt ja selber, der Kader ist nicht zu schlecht. Da bin ich bei ihm. Bleibt die Frage, warum ein Kader, der mittelmäßig genug ist aber in keinem Spiel funktioniert. Woran liegt das wohl?“

„Jetzt ist die Kritik wahrscheinlich berechtigt, und wir müssen eine Reaktion zeigen, um in der Meisterschaft direkt gut zu starten“, sagte HSV-Trainer Thorsten Fink. „Es ist klar, dass wir damit jetzt eine Woche leben müssen.“ Heute war übrigens Training. Nach einem Spiel am Sonntag eigentlich ungewöhnlich. Anzeichen dafür, dass der Coach die Zügel anziehen wird? Darüber habe ich schon zu Beginn des Jahres geschrieben,. Als angekündigt wurde, dass nun mehr im Training getan wird. Und es sollte zweimal pro Tag trainiert werden. Alle Zeitungen und Medien berichteten darüber, durch die gesamte Republik hieß es damals: „Schluss mit lustig beim HSV, Fink zieht die Zügel an.“ Das war damals dann aber so: „Morgens normales Training, nachmittags, die zusätzliche „Strafeinheit“, da wurde dann Fußball-Tennis gespielt . . .

Dabei muss doch jetzt, spätestens jetzt, etwas passieren. Die Mannschaft „verdaddelt“ eine Millionen-Einnahme im Pokal und geht dann zur Tagesordnung über. Als wäre es den Profis egal, woher das ganze Geld kommt, das sie pünktlich am Monatsende auf dem Konto haben wollen.

„Bis zum Ende der Woche haben wir noch was zu bereden“, kündigte Thorsten Fink an. Das gilt wohl auch für die Absprache zwischen Trainer und Sportchef. Neue Leute braucht der Klub, und zwar im Mittelfeld und im Sturm. Fink aber sagt: „Ich fordere gar nichts ein. Wir werden das zusammen besprechen und zusammen entscheiden.“ Arnesen hat aber heute auf meine Frage, ob nicht auch noch ein Stürmer kommen müsse, geantwortet: „Nein, ich denke, dass wir einen Mann im Mittelfeld brauchen, der die Stürmer füttern kann und soll.“ Auf die Frage, ob er denn glaube, dass Marcus Berg und Artjoms Rudnevs als Stürmer ausreichen, sagte der Däne: „Wir haben ja auch noch Heung Min Son und Maximilian Beister. Wenn wir 4:4:2 spielen würde, dann bräuchten wir noch einen Stürmer, aber mit 4:2:3:1 haben wir genügend Leute, die stürmen.“

Heute in den Abendstunden will Frank Arnesen mit dem Vorstand darüber sprechen, wie viel Geld noch für eine Verstärkung vorhanden ist. Bekäme er noch Summe x, dann hätte er wahrscheinlich auch mindestens einen Mann für das HSV-Mittelfeld an der Hand. Arnesen: „Es gibt mehrere Kandidaten, die wir noch bekommen können.“ Aber, wie gesagt, es wird nur noch einen geben. Leider. Ich würde am liebsten noch fünf, sechs neue Spieler holen . . .

„Gegen einen Drittligisten müssen wir gewinnen, aber ich habe trotz der Niederlage in Karlsruhe noch volles Vertrauen in die Mannschaf“, sagt Arnesen, der zugab, sehr enttäuscht“ zu sein“: „Aber wir haben am Sonnabend die Zeit, Revanche zu nehmen, in einem Heimspiel gegen Nürnberg. Diese Chance müssen wir nutzen. Wir fangen an bei Null, und ich glaube immer noch, dass wir besser werden als in der vergangenen Saison.“

Das sehen inzwischen (ganz offensichtlich) viele HSV-Fans und auch große, verdiente HSVer längst anders. Auch schon vor dem KSC-Spiel. Siehe Aogos Beschwerde. Dass diese Kritiker nicht unbedingt falsch liegen, hat die Partie im Karlsruher Wildpark wohl mehr als deutlich offenbart. Und während der HSV diese Schwächen an den Tag legte, schoss Mladen Petric zwei Tore bim 5:0-Sieg des FC Fulham gegen Norwich. War es nicht doch ein Fehler, den (äußerst lauffaulen) Torjäger gehen zu lassen? Ich gebe zu, dass ich es auch getan hätte, denn Petric hatte zuletzt nicht mehr die richtige Einstellung zum und für den HSV, er brauchte eine neue Herausforderung, aber einige HSVer sagen nun auch: „Den Petric hat ganz allein der HSV und Trainer Michael Oenning auf dem Gewissen. Der Kroate sollte vor einem Jahr im österreichischen Trainingslager HSV-Kapitän werden, aber obwohl alles schon darauf hindeutete, wurde er es nicht – sondern es blieb Heiko Westermann. Eine Enttäuschung, die Petric nie verdaut hat.“

„Ich glaube, dass wir mit Berg, Rudnevs und Son drei gute Stürmer für eine Position haben. Wir wissen aber auch, dass Rudnevs noch seine Zeit braucht, aber das haben wir einkalkuliert. Und dann wird sich mit der Zeit zeigen, ob es eine gute Entscheidung war von uns, ihn zu verpflichten.“

Ja, so kommt Baustelle zu Baustelle – in diesem HSV. Ich kann nur davor warnen, dass mit einem „Zehner“ im Mittelfeld alle Sorgen beiseite gelegt sind. Dieser eine Mann wird es allein nicht richten können, weil auch ansonsten Qualität im Team fehlt. Natürlich hat der HSV kein Geld, aber andere Klubs haben es vorgemacht, dass man auch „mit Auge“ einkaufen kann.

Frank Arnesen soll ja Angebote gehabt haben (oder hat er sie noch?), nach England oder Russland zu wechseln. Nervt es ihn nicht, dass er in Hamburg immer auf den letzten Cent gucken muss, um Leute verpflichten zu können? Der Däne sagt: „Nein, ich habe immer gesagt, dass es eine Herausforderung für mich ist. Wir können nicht mehr machen als das, was der Verein mir gibt. Ich habe hier für drei Jahre unterschrieben, und dann mache ich das auch. Wenn wir diese Saison durchstehen, dann haben wir wahrscheinlich im nächsten Jahr schon wieder mehr Möglichkeiten.“ Und dann sagt der Sportchef weiter: „Deshalb setzen wir ja auch auf junge Spieler. Wir haben Hakan Calhanoglu, Matti Steinmann, Son, Sala, Nörgaard – wir haben viele gute Talente, mit denen wir diesen Weg gehen wollen, und das macht mir auch Spaß. Ich sehe das als großes Plus, wenn man nicht so viel Geld hat, um groß einzukaufen. Wir haben Talente, die für eine gute Zukunft des HSV stehen.“ Der Sportchef weiß aber auch. „In diesem Moment ist es schwer für uns, für alle. Auch für die Fans. Deswegen ärgern wir uns ja auch alle, dass es nicht schneller geht, aber wir müssen Geduld haben. Natürlich hilft dann eine solche Niederlage wie am Sonntag überhaupt nicht, aber jetzt müssen wir aufstehen und kämpfen, schon am Sonnabend gegen Nürnberg damit anfangen.“

Wobei es nicht die besten Voraussetzungen dafür gibt, denn:
Tolgay Arslan hat einen Muskelfaserriss erlitten, und Paul Scharner (der den Österreichischen Fußball-Verband wegen des Rausschmisses aus der Nationalmannschaft – und der falschen Aussagen dazu – verklagen will) einen Innenbandriss im Knie (Pause von mindestens sechs Wochen). Die Nackenschläge nehmen zu – es geht schon wieder los . . .

Am Dienstag wird um 16 Uhr im Volkspark geübt.

17.08 Uhr