Tagesarchiv für den 19. August 2012

Und wieder eine Pokal-Blamage

19. August 2012

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin.“ Geht leider nicht mehr. Der HSV ist in der ersten Pokalrunde bereits ausgeschieden. Beim bislang sieglosen Drittliga-Klub Karlsruher SC gab es die befürchtete 2:4-Pleite. Klar wissen alle, dass dieser HSV einer schweren Saison entgegen geht, aber jetzt wissen es auch die größten Optimisten. Da muss noch viel passieren, bis der HSV ein vollwertiger Erstliga-Klub ist, so geht der HSV zu seinem 125. Geburtstag unter. Die in der Woche noch so gelobte Abwehr war phasenweise ein Hühnerhaufen, im Mittelfeld ging nur bedingt und auch nur in Halbzeit eins etwas nach vorne, und im Sturm herrschte ein laues Lüftchen. Quo vadis, HSV?

Mit einer (kleinen) Hiobsbotschaft begann für Trainer Thorsten Fink der Sonntag. Tolgay Arslan fiel doch noch aus, die Adduktorenverletzung ließ einen Einsatz gegen den KSC nicht zu. Deshalb trat die offensivere Variante in Kraft: Maximilian Beister spielte rechts für Son, der somit frei war für die Position hinter der Spitze (Marcus Berg).

Und der HSV legte mit dem Anpfiff los. Bereits nach zehn Sekunden grätschte Marcell Jansen, um einen lange Ball (gegen einen Karlsruher) zu erreichen. Hoffenheim lässt grüßen, der HSV hatte seine Lektion gelernt. Hellwach von der ersten Sekunde an. Genau so tritt man bei einem zwei Klassen tiefer spielenden Gegner auf. Allerdings war mit dieser klitzekleinen Überlegenheit (wenn es denn eine solche gab) spätestens nach 15 Minuten vorbei, denn dann machte der KSC mehr Dampf – das Spiel verlief ausgeglichen. Und ich bitte immer zu bedenken, dass diese mörderische Hitze natürlich beiden Mannschaften enorm zusetzte. Ich hätte bei solchen Temperaturen nicht spielen mögen . . . Schon das Schreiben war anstrengend genug.

Etwas überraschend die 1:0-Führung des HSV in der 23. Minute. Per Ciljan Skjelbred passte nach vorne, Dennis Aogo lenkte den Ball gerade noch zu Berg, der bediente den mitlaufenden Jansen links. Ein kurzer Sprint bis zur Torauslinie, flache Eingabe, Aogo verfehlte, dann aber nahm sich Berg des Leders an. Ein unscheinbarer Linksschuss aus zwölf Metern, den KSC-Keeper Orlishausen nicht sehen konnte – Tor für Hamburg.

Dieser Treffer aber gab dem HSV keine Sicherheit. Das wirkte alles wie mit der heißen Nadel gestrickt. In der 28. Minute ließ Schiedsrichter Bastian Dankert (Rostock), ein Sportwissenschaftler, eine Trinkpause für beide Mannschaften zu. In dieser erfuhr Skjelbred, der bis dahin der auffälligste Hamburger war, eine besondere „Adlung“. Trainer Fink trat den Norweger nach einem kurzen Vier-Augen-Gespräch mit dem rechten Fuß in den Hintern. Sollte wohl heißen: „Gib weiter Gas, Alter, du machst das sehr gut . . .“ Was durchaus auch angebracht war.

Drei Minuten nach der Unterbrechung hieß es dann 1:1. Zhi Gin Lam, der hinten rechts verteidigen sollte (!), ließ von links flanken, in der Mitte versuchte Aogo noch, van der Biezen am Kopfball zu hindern – es blieb beim Versuch. Tor. Und irgendwie auch nicht unverdient, denn der Drittliga-Klub war genau um dieses Tor emsig bemüht. Trotz der großen Hitze.

Danach kam die etwas glücklichere Phase für den HSV. Erst spielte sich der KSC bis zu Adler durch – abseits. Dennoch offenbarte dieser Angriff doch gewisse Abstimmungsprobleme in der HSV-Defensive. Jeffrey Bruma blickte entsetzt in die Luft und haderte mit dem Abwehrverhalten seiner Kollegen, Weil es dem KSC zu einfach gemacht wurde, sich so durchzuspielen.

Zwischendurch gab es noch einen üblen Tritt von Kempe, der Son umtrat, ohne eine Chance zu haben, den Ball zu spielen. Dankert zückte keine Karte. Die aber wäre Pflichtprogramm in dieser Szene gewesen. Aber der Schiedsrichter machte es wieder „gut“. Auf der Gegenseite pfiff er nach einem Einsatz gegen Adler ab, obwohl das nicht unbedingt Pflicht gewesen wäre. Der Karlsruher Stoll hatte den Ball nach einem Zweikampf mit Adler ins Tor gebracht, aber der Treffer zählte nicht – abgepfiffen (40.).

Glück auch noch einmal 60 Sekunden später für den HSV. Beister war in der Not zurückgelaufen, half im Strafraum aus – und ließ das Bein gegen Alibaz stehen. Der Karlsruher fiel theatralisch, er wollte einen Strafstoß, bekam ihn aber nicht. Keiner hätte sich beklagen dürfen, wenn es den Elfmeter gegeben hatte – das war mutig (gegen den Heim-Verein) von Dankert. Das bekam der Unparteiische auch beim Halbzeitpfiff zu spüren. Die Karlsruher, allen voran Trainer Markus Kauczinski, reklamierten aufgebracht. Wohl auch deshalb, weil der HSV zu diesem Zeitpunkt 2:1 führte. Lam hatte in seiner besten Szene Beister steil geschickt, und der U-21-Nationalspieler „tunnelte“ den KSC-Torwart nach sechs Sekunden in der Nachspielzeit. Alles wird gut?

Denkste. In der zweiten Halbzeit ließ der HSV stetig nach. Obwohl der HSV die große, die riesige Chance noch zum 3:1 hatte. Jansen lief halblinks auf das KSC-Tor zu, traf aber nur den Pfosten der langen Ecke. Pech. Aber der Drittliga-Klub war offenbar geweckt. Er kam, der HSV kam nur noch selten. Und als sich Michael Mancienne ein Foul erlaubte, gab es einen 17-Meter-Freistoß. Alles wartete auf Calhanoglu, aber es schoss Alibaz. Und wie. Ein Traumtor zum 2:2. Weil in der Mauer nur Heiko Westermann hochsprang, nicht aber der neben ihm stehende Son. Er hätte den Ball bekommen können, aber er sprang eben nicht. Obwohl es Adler vorher noch von allen gefordert hatte (58.).

Und noch ein Freistoß. Diesmal aus 28 Metern, diesmal schoss Calhanoglu aber wirklich, Adler sah dabei nicht gerade überragend aus, der Ball prallte nach vorne, Stoll staubte ab – 3:2. Und um das Ende auch noch abzurunden: In der 86. Minute lief der Karlsruher Soriano im HSV-Strafraum Slalom, Mancienne und Bruma waren nur noch Statisten – Tor, 4:2, das traurige Ende eines HSV-Betriebsausfluges. So, genau so hatten es sich die Pessimisten vorgestellt.

Gute Hamburger? Skjelbred eine Halbzeit lang. Das war es. Der Versuch mit Lam ist meiner Meinung nach gescheitert. Bruma nach rechts (wenn nicht Dennis Diekmeier), Paul Scharner in die Mitte neben Mancienne – es wäre ein Versuch wert. Der HSV kann sich jetzt voll und ganz auf die Bundesliga konzentrieren . . . So böse und lachhaft das auch klingen mag.