Tagesarchiv für den 16. August 2012

Scharner wehrt sich: “Koller verbreitet Unwahrheiten”

16. August 2012

Das wäre bitter! Ausgerechnet in einer der letzten Trainingseinheiten vor dem ersten Pflichtspiel verletzte sich heute Tolgay Arslan, dem Trainer Thorsten Fink eine Startelfnominierung bereits in Aussicht gestellt hatte. „Es wäre sogar eine Katastrophe“, sagt Arslan selbst. Im Training am heutigen Vormittag hätten die Adduktoren „zugemacht“, sagt Arslan, der sofort abbrach, sich behandeln ließ und am Nachmittag vorsichtshalber aussetzte. „Aber ich glaube, dass ich es schaffe kann. Zumindest fühlt es sich schon deutlich besser an“, so Arslan nach der Behandlung. Sollten sich die Schmerzen bis zum Freitag nicht gelegt haben, würde er eine MRT machen, um sicherzugehen, dass nichts Schlimmeres ist. „Ich gehe aber davon aus, dass es bis Sonntag gehen wird und ich spielen kann“, sagt Arslan, um dann mit einem Lächeln hinterherzuschicken: „Auf jeden Fall hoffe ich das.“

Wenig Hoffnung hat indes Paul Scharner. Weder für eine Startelfnominierung gegen den KSC am Sonntag, noch auf eine Rückkehr ins österreichische Nationalteam. Heute erzählte der extravagante Österreicher uns, wie sich die Dinge zugetragen haben. Zumindest aus seiner Sicht. Und das Interessanteste daran war für mich, dass Scharner nicht von sich aus gegangen ist, sondern rausgeschmissen wurde. „Am Mittwoch bin ich nicht von mir aus abgereist, sondern wurde entlassen“, so der Innenverteidiger. Vorausgegangen war ein Gespräch mit dem ÖFB-Trainer Marcel Koller, indem dieser dem HSV-Zugang eröffnet hatte, nicht mit ihm zu planen. „Ich habe nie einen Stammplatz gefordert“, so Scharner, dem genau das vom ÖFB vorgeworfen wurde, „da hat Koller eindeutig die Unwahrheit erzählt. Mir ging es nur darum, nach nunmehr 330 Erstligaspielen etwas mehr Wertschätzung zu erfahren.“

Koller hatte Scharner zuvor eröffnet, dass er den HSV-Profi seit 1,5 Jahren nicht mehr als Innenverteidiger hat spielen sehen. Was auch nicht grundsätzlich falsch ist. Allerdings verwies Scharner darauf, dass er von seinen 330 Erstligaspielen immerhin mehr als die Hälfte als Innenverteidiger gespielt habe. „Ich war mit dem Gedanken zum Länderspiel gereist, mehr Verantwortung zu übernehmen.“ Und plötzlich war er raus. Zu viel für den 32-Jährigen, der Mätthäus-like immer wieder mal in der dritten Person („Ein Paul Scharner ist ein ganz normaler Fußballer, der keinen Stammplatz fordern kann“) von sich spricht und trotz seines ausgeprägten Selbstvertrauens eine verletzliche Seite hat. „Das Ganze war ein heftiger Schlag in die Magengrube. Ich hatte große Ziele mit der Nati, wollte mich unbedingt für die WM 2014 qualifizieren.“ Das aber sollte plötzlich gänzlich ohne ihn stattfinden – wird aber nicht stattfinden, weil der falsche Trainer auf der Bank sitzt. Das sagt zumindest Scharner. Jedenfalls habe Koller in seinen Augen in etwa so viel Rückgrat wie seine Leibspeise, meint Scharner. „Mit Koller kommen wir nie zur WM. Er ist wie ein Schnitzel weich geklopft worden“, sagte der 32-Jährige über Koller, „jetzt müssen sie ihn nur noch panieren. Dann ist er ein richtiger Österreicher.“

Worte, die nicht nach Versöhnung klingen. Im Gegenteil. Scharner selbst schließt eine Rückkehr unter Koller ebenso aus wie der Schweizer in Diensten des ÖFB. „Ich bin Profi durch und durch und spiele sehr gern für mein Land. Aber ein so hoher Energieaufwand ist für mich nur dann möglich, wenn ich eine Chance für mich sehe, auch zu spielen.“ Deshalb spare er sich alle weiteren Anstrengungen. „Das Gute daran ist, dass ich mich jetzt voll und ganz auf den HSV konzentrieren kann.“

Was passieren wird, wenn er erwartungsgemäß noch ein paar Spiele auf der Bank sitzen wird? „Was soll schon passieren“, so die Gegenfrage, „ich warte auf meine Chance und bin da, wenn ich sie bekomme.“ Abreisen wird er jedenfalls nicht. Wobei er ja momentan auch schlecht zurück nach Österreich kann. „Ich war noch nie ein Liebling der österreichischen Medien. Ich war im österreichischen Fußball nie wirklich willkommen. Meine Landsleute sind wahrscheinlich ganz froh, dass ich weg bin.“

Oha. Klingt hart. Und obwohl Scharner den harten Mann mimt und versucht, sich nichts anmerken zu lassen, ist seine Enttäuschung und sein tief sitzender Frust deutlich herauszuhören. „Man hat mir etwas weggenommen“, so Scharner zu seiner Suspendierung.

Etwas dem HSV wegnehmen möchten Anzhi Makhachkla. Ebenso wie Manchester City. Dem Vernehmen nach soll beim HSV bereits eine schriftliche Anfrage nach dem HSV-Sportchef aus Russland eingegangen sein. „Das ist mir nicht bekannt“, sagt Klubboss Carl Jarchow, der es wissen muss. Dennoch rechnet man beim HSV in den nächsten Tagen mit einem deutlich konkretisierten Interesse der Russen und der Engländer, die ihrerseits persönlichen Kontakt zu Arnesen hergestellt haben. Bislang ohne nennenswerte Ergebnisse. Arnesen selbst wird zwar nicht müde, auf seinen Vertrag bis 2014 hinzuweisen. Allerdings sagt er auch: „Im Fußball weiß man nie…“

Und das stimmt. Aber egal wie, Arnesen hat zunächst einmal beim HSV noch eine Menge Arbeit vor sich. Drobny, Tesche (fällt mit Wadenverletzung vorläufig aus) und Rajkovic sollen noch möglichst teuer verkauft werden. Zudem soll neben einem Zehner nach (finanzieller) Möglichkeit auch noch ein Offensivspieler kommen. Vincenzo Iaquinta wurde dem HSV von Juventus Turin angeboten. Gehalt übernimmt die alte Dame, Prämien der HSV. Und Arnesen scheint sich doch ernsthaft mit dem ehemaligen italienischen Nationalspieler zu beschäftigen. Allerdings sollen auch noch andere Namen im Gespräch sein. Auch hier heißt es also: abwarten. Es könnte eine Entscheidung auf den letzten Metern der Transferperiode bis zum 31. August werden.

Nicht mehr abwarten können indes die Spieler. Nach der gefühlt längsten Vorbereitungszeit seit Bestehen der Bundesliga brennen die Spieler auf ihren Einsatz am Sonntag. Bei angekündigten 35 Grad im Schatten geht es gegen Karlsruhe. Und eigentlich war alles klar – bis sich Arslan verletzte. So schien die Aufstellung mit Adler – Diekmeier, Bruma, Mancienne, Aogo – Skjelbred, Westermann – Son, Arslan, Jansen – Berg gefunden. Und so trainierte die Mannschaft heute auch – die Nationalspieler – wobei es von der ersten Elf nur Berg betrifft – mal ausgenommen. Immer wieder wurde das Spiel über Außen einstudiert. Mit einer Überraschung. Denn einer auf dem Platz versenkte am Ende tatsächlich jeden Schuss unhaltbar. Und ich wette, selbst bei drei versuchen würde hier niemand, der es nicht selbst gesehen hat, drauf kommen. Denn es war Patrick Rahmen. Der Co-Trainer bewies eindrucksvoll, dass er selbst mal Profi (sogar Stürmer) war.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder mit Dieter.

Scholle

P.S.: Am Freitag ist um zehn Uhr Training.