Tagesarchiv für den 15. August 2012

Wirbel um Scharners Abreise – wer führt den HSV?

15. August 2012

Da hat er sein erstes Kapitel als HSV-Spieler geschrieben. Zum Glück, ohne dass es den HSV direkt betrifft. Dennoch hat Paul Scharner seinem Image als extravaganter Österreicher alle Ehre gemacht und ist nach Hamburg gereist. Und zwar noch bevor seine Österreicher ihr Länderspiel gegen die Türken bestritten haben. Grund dafür ist die Nichtberücksichtigung des 32-Jährigen für die Startelf gegen die Türkei. Vorausgegangen war ein Streit mit Österreichs Nationaltrainer Marcel Koller. Damit steht der 32-Jährige kurz vor seinem Rauswurf.

„Paul hat zuletzt zweimal von Beginn an gespielt. Gerade in der Innenverteidigung haben wir aber einige Möglichkeiten, weshalb ich im heutigen Spiel noch einmal etwas anderes probieren will. Da er dies nicht akzeptieren konnte, hat er sich entschlossen, nach Hause zu fahren”, sagte der frühere Kölner und Bochumer Bundesligatrainer Koller einige Stunden vor dem Länderspiel gegen die Türkei. Auf den Verband kann Scharner indes nicht hoffen. Der ÖFB stellte sich bereits voll hinter Koller und gewährt ihm auch für den Fall eines Rausschmisses von Scharner volle Rückendeckung. „Der ÖFB – insbesondere Präsident Leo Windtner, Generaldirektor Alfred Ludwig und Sportdirektor Willi Ruttensteiner – wird Teamchef Marcel Koller in seiner Entscheidung bzw. weiteren Vorgehensweise vollinhaltlich unterstützen“, teilte der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) gegenüber dem Sport-Informationsdienst (sid) mit.

Klingt nach Abschied für Scharner, der die Situation anders schildert. In einem offenen Statement sagt er:

„Die Darstellung des österreichischen Fußballverbandes rund um meine Abreise aus dem Trainingslager der Nationalmannschaft ist absolut nicht zutreffend.
Schon bei meiner Ankunft in Österreich war den Medien zu entnehmen, dass ich gegen die Türkei und auch in Zukunft nicht mehr spielen werde.
Ich habe daraufhin das Gespräch mit Marcel Koller gesucht. Er hat mir bestätigt, dass er trotz meiner guten Leistungen zuletzt auf andere Spieler setzen wird. Mich hat er stattdessen in den Mannschaftsrat beordert, weil ich das Team pushen und führen sollte.
Für diese Rolle kann ich mich nicht zur Verfügung stellen. Das kommt der Funktion eines Trainers gleich.
Koller hat daraufhin die Aussage gemacht, dass ich unter ihm nicht mehr spielen werde. Deswegen habe ich die Mannschaft verlassen. Dann kann ich mich besser mit voller Kraft dem HSV widmen.“

Egal wie, Hauptsache Scharner ist nicht beleidigt, wenn er am Sonntag beim KSC nicht von Beginn an aufläuft. Denn die Abwehr, so hatte es vor dem gestrigen Spiel gegen Altona 93 geheißen, würde soweit stehen. Und das besser als im Vorjahr. „Leider haben uns die drei Gegentore gegen Altona diese Bilanz ein wenig zerstört“, sagte Dennis Aogo heute, „aber grundsätzlich sind wir stabiler geworden.“ Das sei zugleich die positive Erkenntnis der extrem langen Vorbereitungsphase.

Eine zweite, weniger positive, zog Aogo dann auch. „Wir erspielen uns noch zu wenige Torchancen“, so der Linksfuß, der als Führungsspieler noch nicht so überzeigt, wie er es sicher selbst gern würde. Auch gegen Altona war wieder keine Reaktion auf die schlechten ersten 30 Minuten zu erkennen. Bis dahin hätte der HSV 0:3 zurückliegen müssen – gegen einen Oberligisten einfach nicht akzeptabel. Dennoch war auf dem Platz kein Taktgeber, niemand, der die Zügel an sich riss und versuchte, Ordnung ins Chaos zu bringen. „Wir schwören uns vor jedem Spiel ein“, sagt Aogo, der vier Tage vor dem ersten Pflichtspiel in seiner alten Heimat ein wenig ratlos wirkt und das Positive aus dem schwachen Spiel gegen den AFC zu ziehen versucht. „Vielleicht war es ja der Warnschuss zum genau richtigen Zeitpunkt für uns.“

Mag sein.

Dennoch löst es nicht das große Problem der Führungslosigkeit. Heiko Westermann ist als Kapitän anerkannt – wechselt aber gerade die Position und hat noch mit der Akklimatisierung auf der Sechs zu kämpfen. René Adler wird Führung übernehmen – ist aber als Torhüter oft zu weit vom Ort des Geschehens entfernt, um immer und überall Einfluss nehmen zu können. „Wenn es nicht gut läuft, haben wir Probleme, auf den Spielverlauf zu reagieren“, gibt Aogo zu. Wer aus der Mannschaft eine Führungsrolle dieser Größenordnung einnehmen müsste? „Ich weiß es nicht“, so Aogo, „ich glaube eher, dass jeder für sich selbst die Verantwortung übernehmen muss, das umzusetzen, was wir vorher angesagt haben.“

Klingt nicht nach des Rätsels Lösung. Wie jede andere Mannschaft auch braucht auch der HSV einen (oder mehrere) Leader. Jemanden, der im richtigen Moment das Richtige macht. Das muss nicht immer über Gebrüll und andere Ansage passieren, das darf auch mal in die van-Bommel-Kategorie wandern. Oder nicht? Aogo jedenfalls stimmt zu. „Wir müssen in gewissen Situationen auch einfach durch Aktionen zeigen, was gerade wichtig ist.“

Stimmt.

Für diese Mannschaft (wie für jede andere auch) wichtig wäre ein Auftakterfolg im Pokal in Karlsruhe und eine Woche später gegen den 1. FC Nürnberg. Vor allem auch, so sieht es Aogo, um den Kritikern im Umfeld zu zeigen, was in der Mannschaft steckt. „Hier wirkte es oftmals schon so, als ob die Leute nur darauf warten, dass wir Fehler machen. Die Stimmung ist schon sehr negativ.“ Festmachen wollte es Aogo nicht allein an der Presse. „Wenn wir auf den Dörfern gespielt haben, mussten wir uns schon so Einiges anhören. Das merkt die Mannschaft auch.“ Davon beeindruckt sei er aber nicht. Im Gegenteil. „In mir weckt das so ein jetzt-erst-recht-Gefühl. Mich motiviert das noch einmal mehr, allen zu zeigen, dass sie falsch liegen und wir einen guten Start hinlegen können.“

Für Aogo könnte es besser jetzt als gleich losgehen. Sagt er selbst. Die Sch…. Schinderei solle endlich ein Ende haben und der Wettkampf beginnen. Auch wenn in den nächsten Wochen personell noch eine Menge Bewegung in den Kader kommen könnte. Vincenzo Iaquinta ist dem HSV angeboten worden, ebenso wie dessen Mannschaftskollege Jorge Martinez. Letztgenannter ist ebenfalls suspendiert. Durch die Abgabe der beiden, die bei Trainer Antonio Conte will sich die alte Dame Platz im Kader verschaffen, der für etwaige Namen wie Robin van Persie – Juve soll rund 40 Millionen Euro für den Niederländer bieten – gebraucht wird. Beim HSV selbst wollte sich bislang niemand zu den Namen äußern, wobei der ehemalige italienische Nationalstürmer Iaquinta mit Sicherheit der interessantere Name ist.

Interessant könnte es auch noch einmal rund um Robert Tesche werden. Dem Allroundtalent, das auf dem Platz in eine Art Schockstarre zu verfallen scheint (im Vergleich zum Training , in dem er immer wieder zeigt wieder, was er können könnte), sollen nach einem spanischen Klub jetzt auch zwei italienische Vereine ein Angebot unterbreiten wollen. Hier im Blog wurden Florenz und Lazio Rom gehandelt – bestätigt ist davon leider nichts.

Leider deshalb, weil der HSV das eingesparte Geld braucht. Denn so unfassbar ich mich über den Calhanoglu-Transfer auch freue, den wir hier vor zwei Monaten bereits als sehr wahrscheinlich beschrieben hatten, er bindet erst einmal Geld. Gut angelegtes, klar! Aber es sind in der jetzigen Situation auch rund zwei Millionen Euro, die gut für einen kreativen Mittelfeldmann gebraucht werden. Zwei Spieler soll der HSV unmittelbar vor der Unterschrift haben – nur einer wird es. Hoffentlich zumindest. Denn als ich den Arnesen-Satz am Rande des Mallorca-Spiels las, kippte ich fast hinten um. „Wenn wir keinen Zehner finden, holen wir auch keinen.“ Ein Satz, den Arnesen nur im sicheren Wissen gesagt haben dürfte, dass er noch einen Zehner präsentiert. Denn noch so eine Pleite kann sich der HSV tatsächlich nicht leisten. In diesem Fall schon mal rein sportlich nicht, während es bei Drobny (Klubboss Carl Jarchow hatte ausgeschlossen, mit zwei hochbezahlten Profis in die Saison zu starten) eher finanzielle Probleme verursacht.

Ich habe Frank Arnesen heute kurz getroffen und natürlich auch auf das neue Gerücht mit Manchester City angesprochen. Es sei doch schön zu hören, wenn jemand Interesse an ihm habe, sagte der Däne im Vorbeigehen, „aber ich habe in Hamburg einen Vertrag bis 2014 und denke nur an den HSV.“ Dass die Gerüchte um seine Person in England immer lauter werden, stört ihn dennoch. „Dafür kann ich nichts. Ich konzentriere mich hier auf meine Arbeit.“ Zum Glück. Denn zu tun hat er, das haben die Vorbereitungsspiele des HSV gezeigt, noch genug.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10 und um 16 Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Seit heute ist Kearyn Baccus im Probetraining bei Thorsten Fink. Der 21-Jährige Mittelfeldspieler steht zurzeit bei der zweiten Mannschaft des FC Le Mans aus Frankreich unter Vertrag.

P.P.S.: Ich soll auf Dieters speziellen Wunsch hin hier noch einmal Tom Mickel hervorheben, der ihm gegen Altona besonders gut gefallen hat. Der junge Papa dürfte es letztlich auch sein, der den Verein (auf Leihbasis) verlassen müsste, wenn sich bis zum Ende der Transferperiode kein Abnehmer für Drobny finden lässt.