Tagesarchiv für den 11. August 2012

Früher war mehr Offensive . . . Marcus Berg schießt den 1:0-Sieg auf Mallorca heraus

11. August 2012

Ergänzung um kurz vor Mitternacht:

Alle Achtung – und ein dickes Kompliment! Der HSV kann doch noch gewinnen. Beim spanischen Erstliga-Klub RCD Mallorca gab es einen 1:0-Erfolg. Vor nur 4000 Zuschauern, darunter 500 HSV-Fans (die kurzzeitig einmal Ärger mit der spanischen Polizei bekamen), hatte dieses Spiel kaum nennenswerte Höhepunkte. Mallorca besaß in Person von Victor die erste Möglichkeit der Partie, doch der Ball flog neben das Hamburger Tor. In der 34. Minute dann das Tor zur 1:0-Halbzeit-Führung. Von links flankte Marcell Jansen zur Mitte, dort hätte Marcus Berg den Ball eigentlich im ersten Versuch ins RCD-Tor bugsieren können, doch der Schwede machte es spannend – er traf erst im zweiten Versuch, der Ball landete aus drei Metern im Netz. Bei diesem Treffer blieb es, denn auch in der zweiten Halbzeit blieben Torchancen Mangelware. Die Spanier hatten keine Möglichkeit, der HSV noch eine – ein abgefälschter Jansen-Schuss verfehlte aber knapp sein Ziel (57.).

Der HSV, der bei fast 30 Grad in der Defensive eine prima Leistung brachte und kaum Chancen der Spanier zuließ, hatte das Spiel in folgender Formation begonnen:
Adler; Lam, Bruma, Mancienne, Aogo; Sala, Westermann; Son, Arslan, Jansen; Berg.
In der zweiten Halbzeit wurde dann fleißig gewechselt: Zum zweiten Durchgang kam Diekmeier für Lam; in der 68. Minute gingen Jansen, Son und Berg, dafür kamen Ilicevic, Beister und Rudnevs, in der 77. Minute gingen Sala und Arslan, für sie kamen Tesche und Skjelbred. Innenverteidiger Paul Scharner lief sich lange, lange Zeit warm, doch der vor einem Tag verpflichtete Österreicher kam dann doch nicht mehr zum Einsatz.

Es folgt der Bericht, den ich am Abend vor dem Spiel geschrieben hatte:

Der HSV heute auf und gegen Mallorca – das Spiel wird erst um 22 Uhr angepfiffen, ich werde das Ergebnis nach Spielschluss hier veröffentlichen, das ist klar. Und ich bin, das kann ich freimütig bekennen, sehr gespannt, wie sich die jungen Finken in Spanien aus der Affäre ziehen. Da die spanische Liga am nächsten Wochenende beginnen soll, muss Mallorca eigentlich darum bemüht sein, sich in Form zu spielen. Ähnlich wie der HSV, für den es der letzte Test vor dem Pokalspiel am Sonntag beim Karlsruher SC ist. Pokal ist zwar auch ein Pflichtspiel, aber noch keine Bundesliga, so gesehen hätte der HSV ja noch eine Woche mehr Zeit, aber in Anbetracht der personellen Fragen, die im Hamburger Team noch offen sind, ist ein solches internationales Auftreten bestimmt eine sehr gute Standortbestimmung. Die große Frage für mich wird sein: wie gut spielt der Angriff, wie erfolgreich sind Marcus Berg und Artjoms Rudnevs gegen einen erstklassigen Gegner, der in der für mich stärksten Liga der Welt spielt?

Für mich ist der HSV-Sturm generell der Knackpunkt bei dem nun anstehenden Saisonstart. Im Abendblatt habe ich geschrieben, dass „im Sturm der Wurm steckt“, und dass dort noch etwas passieren muss – denke ich. Allerdings weiß ich nicht, wie das die Verantwortlichen des HSV sehen, und die müssten es ja in erster Linie erkennen und dann auch handeln. Ich sah aber am Donnerstag beim NDR einen kurzen Filmbericht vom HSV, mit einem Interview mit Sportchef Frank Arnesen. Als der Däne nach einem neuen Stürmer gefragt wurde, antwortete er ganz gelassen: „Wieso einen neuen Stürmer? Wir haben einen neuen Stürmer. Artjoms Rudnevs war zuletzt in drei Ländern der Torjäger, der wird auch seine Tore für den HSV schießen . . .“

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch beim HSV. Ich wurde ja einige Male kritisiert, weil ich Rudnevs zu früh abgeschrieben hätte. Habe ich aber nicht. Bislang ist es aber so, dass das, was ich von ihm sehe, noch nicht reicht. Und schon bald spielt der HSV um Punkte. Mag ja sein, dass Rudnevs noch kommt, aber im Moment ist er eben noch nicht so weit. Wie es sich viele wünschen. Und ich denke bei Rudnevs auch an einen Mann, den der HSV im Januar 1990 verpflichtete. Das war der Brasilianer Nando.

Wie ich jetzt auf den komme? Nun ja, Rudnevs wurde jetzt für etwas mehr als drei Millionen Euro verpflichtet. Nando wurde damals aber erst nach Deutschland eingeflogen, um mit ihm in Hamburg zu verhandeln. Und bevor verhandelt wurde, musste er ein Testspiel bestreiten. Das war im Marienthal, beim SC Concordia. Genau am 23. Januar testete dort der HSV den brasilianischen Stürmer. Trainer damals war Gerd-Volker Schock, zu dem ich ein besonderes Vertrauensverhältnis hatte. Nando trat in diesem Testspiel nicht sonderlich gut auf, aber er schoss beim 5:2-Sieg immerhin den 1:1-Ausgleich und den Halbzeitstand heraus. „Schocker“ fragte später auch mich unter vier Augen, wie ich Nando gesehen habe, ob ich ihn verpflichten würde – ich hätte es, gebe ich zu, nicht getan. Der HSV aber tat es am Tag darauf, und es war bestimmt nicht der schlechteste Einkauf der Vereinsgeschichte . . .

Was ich aber damit sagen will: Hätte Rudnevs hier erst ein Testspiel zu bestreiten gehabt, und erst dann müsste sich der HSV entscheiden, ob er den Letten auch unter Vertrag nimmt – dann hätte es der Stürmer wohl schwer gehabt. Denke ich jedenfalls. Aber das hat Artjoms Rudnevs eben einem Nando von damals voraus, er wurde ohne Test verpflichtet – weil er zuvor der Torjäger in drei Ländern gewesen ist.

Bei „Matz ab“ wurde Rudnevs ja auch einige Male mit Bernardo Romeo verglichen. Das sehe ich aber überhaupt nicht so. Beide Stürmer sind ganz andere Spielertypen. Romeo hat im Strafraum gelauert, wie eine Klapperschlange, und wenn er den Ball auf seinen „Schlappen“ hatte, dann war es auch oft genug ein Tor. Der Argentinier hatte eine sehr gute Vollstreckerquote, aber er lief nicht so sehr viel, und er wirkte auch oftmals langsam in seinen Aktionen. Deswegen trennte sich später auch HSV-Trainer Thomas Doll von Romeo, denn „Dolli“ wollte einen schnellen HSV-Angriff, der auch kontern konnte, der auch mal so richtig steil ab ging. Das alles war mit Romeo aber nicht zu spielen.

Rudnevs ist technisch nicht so gut wie Romeo. Schon aus dem Trainingslager im Zillertal hörte ich von Kollegen (per Telefon) über den HSV-Zugang: „Der stoppt den Ball weiter – als der Gegner schießen kann . . .“ Rudnevs ist aber auch keiner, der (wie Romeo) nur bedient werden will, der nur im Strafraum lauert, um den Ball über die Linie zu drücken. Rudnevs, der sich aus Respekt vor der „großen“ Bundesliga vielleicht auch zu sehr unter Druck setzt, ist in meinen Augen ein Stürmer, der unorthodox zu Werke geht. Er ist einer, der auch geschickt werden will, der sicher auch schnell ist (schneller als Romeo), der sofort abzieht, wenn er die Möglichkeit dazu sieht. Nur hatte er bislang nicht so sehr viele Chancen dazu, weil der HSV ja auch nicht so zielstrebig nach vorne spielt, wie es vielleicht noch vor zehn Jahren der Fall gewesen ist, als noch Leute wie Erik Meijer, Sergej Barbarez, Roy Präger, Anthony Yeboah und zum Beispiel Mehdi Mahdavikia und Romeo beim HSV stürmten. Früher war auch mehr Offensive . . .

Rudnevs wurde auch schon in einem Atemzug mit Ivica Olic genannt. Nicht weil der Lette schon so gut wäre, sondern weil sich an dem Neu-Wolfsburger einst, bei seinem Dienstantritt im Januar 2007, auch die Geister schieden. Das mag zwar so gewesen sein, aber ich muss alle diejenigen enttäuschen, die glauben, dass ich auch an Olic gezweifelt habe. Das habe ich nicht. Ich war von Anfang an überzeugt von seinen Qualitäten, und ich habe für meine Einschätzung auch Zeugen, denn ich war in der Abendblatt-Redaktion so ziemlich der einzige, der von Beginn an Olic und seinen Qualitäten geglaubt hatte. Es gab dabei, das will ich nicht verhehlen, so manche hitzige Diskussion. Olic war zwar auch kein Vollstrecker, aber der war, weil er 90 Minuten wie ein VW lief, nicht nur ein HSV-Spieler, sondern drei HSV-Spieler. So einen, seien wir ehrlich, werden wir hier nicht wieder erleben. Jedenfalls nicht so schnell. Wenn ich Olic mit einem Angreifer vergleiche, der bis zum Sommer 2012 beim HSV unter Vertrag stand – Welten lagen dazwischen. Wenn man damit auskommt. Wenn Rudnevs die läuferischen und kämpferischen Qualitäten von Olic hätte – ich würde den Letten zu jedem Spiel auf den Rasen tragen.

Und, um noch einmal zu einem weiteren Vergleich zu kommen, Rudnevs wurde hier auch schon gelegentlich in einem Zusammenhang mit dem Dortmunder Polen Lewandowski genannt. Der wäre doch auch aus Polen in die Bundesliga gekommen – und schießt heute Tore am Fließband. Das stimmt, aber so wie ich mich erinnern kann, benötigte Lewandowski dazu auch fast ein Jahr, um sich an die neue Liga zu gewöhnen. Ihr könnt mich gerne korrigieren, wenn ich falsch liege, es ist mein Gedächtnis, welches ich in diesem Zusammenhang bemüht habe – vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, dass der Dortmunder Torjäger zuerst auch – für eine längere Eingewöhnungsphase – mehr auf der Bank saß als ihm lieb war.

Es gab ja aus unseren Reihen auch viele Beiträge, die sich mit dem HSV-Angriff beschäftigten. Einen greife ich hier einmal stellvertretend auf:

„Lieber Dieter Matz,

ähnlich wie Sie mache auch ich mir unverändert Sorgen um den HSV – denn selbstverschuldet haben wir nun auch ein echtes Sturm-Problem hinzu bekommen. Wenn Berg und Rudnevs weiterhin Ladehemmung haben, dann droht uns ein ähnlicher Katastrophen-Start wie im letzten Jahr. Allerdings habe ich noch die leise Hoffnung, dass Thorsten Fink es im Notfall auch mal mit Beister oder Ilicevic im Sturmzentrum probiert. Beister und Ilicevic sind auf den offensiven Außen derzeit nur zweite Wahl – sie sind aber spielerisch zu stark und zu torgefährlich, um sie angesichts der aktuell begrenzten Ressourcen dauerhaft auf der Bank zu lassen.

Die Umschulung von Lam vom Mittelfeldspieler zu einem defensiven Allrounder war erfolgreich. Wieso sollte eine mutige Positionsveränderung nicht auch bei Beister und /oder Ilicevic klappen….

Jörg F. aus Wunstorf“

Das ist ein Vorschlag, den ich gut finde. Nicht sehr gut, aber gut. Weil ich immer noch hoffe, dass „aus“ Maximilian Beister die HSV-Spitze wird. Er war doch, bevor er nach Düsseldorf ging, auch ein Stürmer, der dorthin ging wo es weh tut, er war doch ein Torjäger, der nur eines wollte: Tore machen. Er ist meine Hoffnung. Falls alles nichts wird, falls dort vorne weiter die Null steht, dann dürfte, könnte, sollte Beister, dem ich schon mehrfach bescheinigt habe, ein ganz „frecher Hund“ zu sein, einmal, besser auch mehrmals die Chance erhalten, sich als Spitze zu beweisen. Ob es mit ihm klappt, dafür würde ich meine Hand zwar nicht ins Feuer legen, aber es kann nicht schlechter werden, davon bin ich absolut überzeugt. Auch wenn das ganz sicher kein Trost für den HSV-Anhang ist – und auch für mich nicht.

So, ich melde mich kurz vor Mitternacht mit dem Spiel auf und gegen Mallorca wieder. Bis dahin drücke ich ganz fest die Daumen, dass es mal wieder mit einem HSV-Tor klappen wird.

18.55 Uhr