Tagesarchiv für den 10. August 2012

Neuzugang Scharner: “Ich will sofort helfen”

10. August 2012

„Er hat mich angeguckt, kurz überlegt – und dann gesagt: ‚So machen wir es, Trainer’“, hatte HSV-Coach Thorsten Fink erzählt. Vorausgegangen war am Montag ein 165-Minuten-Gespräch in Wien mit Paul Scharner, dem neuen Abwehrmann des HSV, der heute einen Zweijahresvertrag beim HSV unterschrieb und gleich mal einen Auftakt nach Maß hinlegte. Warum er nicht lange überlegt habe? Schlau gemacht über den HSV bei Landsleuten oder Bekannten hat er sich zudem auch nicht. „Als ich die drei Buchstaben gehört habe, musste ich nicht mehr überlegen. Der HSV ist meiner Meinung nach einer der Topklubs in der Bundesliga. Und die Bundesliga ist strukturell, von den Stadien her und den Fans die beste Liga der Welt.“

Scharner, der in England „Super-Toony“ (Super-Verrückter) genannt wurde, ist ein zweifellos eigenwilliger Typ. Einer, der bei den Fans sehr gut ankommen dürfte, da sein Spiel über den Einsatz definiert ist. Er gibt immer alles. „Ich bin bei meinen Stationen in Brann Bergen und Wigan Athletic zum Fan-Spieler des Jahres gewählt worden,“, erzählt die neue Nummer 20 (vorher Guy Demels Nummer) des HSV nicht ohne Stolz. Und das habe vor allem daran gelegen, dass er immer 100 Prozent gegeben habe. „Ich werde auch hier versuchen, die Fans zu begeistern.“ Vor allem mit Einsatz, Kampf und Willen. Scharner: „Mein erster Glaubensgedanke war, dass ich immer mehr machen muss als andere, wenn ich es als Österreicher hoch hinaus schaffen will.“ Deshalb habe er sich auch mit 15, 16 Jahren „als es mit den Mädels und den Partys losging“ von seinen damaligen Freunden komplett abgenabelt. „Als die losgingen, war ich damals immer schon im Bett.“

Mehr noch. Er habe alles dem Fußball untergeordnet. Mit 15 Jahren fing Scharner sogar an, sich parallel zum Körperlichen auch geistig fit für den Profifußball machen zu lassen. „Ich habe einen Mentaltrainer genommen“, sagt Scharner, der diesen Aspekt auch heute noch extrem wichtig nimmt. „Ich habe damals autogenes Training gemacht und trainiere mein Gehirn auch heute noch regelmäßig. Es ist genau so wichtig, den Kopf zu trainieren, wie man seinen Körper immer fit halten muss.“ Dafür begleitet Valentin Hobel den Abwehrhünen seit seinem 15. Lebensjahr. „Er ist mein Karrieremanager“, sagt Scharner, „er ist meine Vertrauensperson.“

Ihn hatte Scharner auch angerufen, unmittelbar bevor er seine Entscheidung für Hamburg fällte. Und er ist es, der Scharner offenbar großes Selbstvertrauen einimpft. „Bis jetzt komme ich recht hoch hinaus – für einen Österreicher“, lacht Scharner, „und ich traue mir noch mehrere Jahre zu.“ Bis zu seinem 34. Lebensjahr, für die kommenden zwei Jahre, hat Scharner beim HSV unterschreiben – und danach soll noch lange nicht Schluss sein. „Ich bin auf der Geburtsurkunde 32, aber ich fühle mich lange nicht so. Für mich ist mit 34, 35 Jahren noch nicht Sense.“ Wie lange genau? „Das steht in den Sternen.“

Klar ist, der HSV hat sich mit Scharner einen echten Typen geholt. Und dieser Österreicher ist anders als die Kitzbichlers, Schopps, Baurs der HSV-Geschichte. „Ein Ernst Happel bleibt indes unerreicht – auch von mir. Aber ich versuche es.“ Und das könnte zumindest insofern klappen, als dass er für den HSV eine schnelle Hilfe wird. Zumindest, wenn er seinen Worten entsprechend Taten folgen lässt. „Ich stehe für Erfahrung, Einsatz pur und 100 Prozent Professionalität“, sagt Scharner über sich selbst. Und der Vater dreier Söhne (4, 7 und 9 Jahre alt) gilt als Mann der Tat. „Ich habe eine sehr hohe Eigenmotivation.“ So habe er sich auch – zudem bestückt mit einem individualisierten Trainingsplan – allein sehr gut fithalten können. „Ich werde keine lange Akklimatisierung brauchen“, sagt Scharner, „ich bin fit und werde schnell helfen können“, sagt der mit 193 Zentimetern groß gewachsene neue Innenverteidiger des HSV. Ob er es auch schon bald darf? „Ich kann nicht von einem Fixplatz (österreichisch für Stammplatz) ausgehen, das entscheidet der Trainer. Aber ich bin bereit für das Cup-Spiel in Karlsruhe und den Saisonstart gegen Nürnberg.“

Und Scharner hat mit seinem neuen Klub noch große Ziele. „Der HSV hat eine lange Erfolgsgeschichte, auch wenn er zuletzt etwas gestrauchelt ist. Aber was nicht ist, kann noch werden. Deshalb bin ich ja da.“ Und was beim Österreicher in Schriftform arrogant rüberkommt, kommt im persönlichen Gespräch sehr viel angenehmer rüber. Es klingt eher wie eine sehr große Portion Ehrgeiz und zudem sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Zutaten, die dieser HSV sehr gut gebrauchen kann. Denn, und das ist mehr als deutlich, nicht nur extern wird der HSV sehr kritisch gesehen. Auch die Spieler machen sich Gedanken über ihre Kaderstärke. Und mit Scharner bekommen sie einen, der – vorerst noch verbal – vorwegmarschiert. Und er will diese Führungsrolle auch einnehmen. „Ich weiß, dass der Kader extrem verjüngt worden ist von Sportchef Frank Arnesen“, so Scharner, „aber ich habe mit mehr als 200 Spielen in der Premier League meine Erfahrungen sammeln können.“ In der österreichischen Nationalmannschaft habe er seine gewünschte Rolle schon. „Das Team braucht Führungspersönlichkeiten. Und ich glaube, da passe ich gut rein.“

Und das, obwohl Scharner ganz sicher kein Angepasster ist. Im Gegenteil. Bei Austria Wien verweigerte er seinem damaligen Trainer und heutigen DFB-Nationaltrainer Jögi Löw mal die Einwechslung. Er ließ sich einfach nicht einwechseln. In England fiel er zudem durch gefärbtes Haar auf – in Vereinsfarben wohlgemerkt. Und am meisten aufgefallen ist bei ihm sein erster Einsatz in England, als er für Wigan ins Mittelfeld eingewechselt wurde und gleich den Siegtreffer markieren konnte. „Seitdem herrschte die Meinung vor, ich sei ein Mittelfeldspieler. Fast 50 Prozent meiner Spiele in der Premier League habe ich als Sechser gespielt.“ Und das wolle er in Hamburg nicht mehr. Mehr noch, er ließ es sich von Trainer Thorsten Fink im persönlichen Gespräch zusichern. „Meine Position ist in der Innenverteidigung. Es ist meine beste Position. Dafür habe ich mich entscheiden und das auch so mit dem Trainer abgesprochen.“

Im Training heute war noch nicht viel zu erkennen. Scharner hielt sich verbal noch zurück.
Und das, obwohl Ex-HSV-Frankfurts Trainer Armin Veh den Österreicher, der sich bei der Eintracht fit hielt, in den höchsten Tönen für dessen Führungsqualität gelobt hatte. „Paul hat kurz geschaut und dann Anweisungen gegeben. Er hat sofort geführt. Gut geführt.“ Dennoch beließ es Scharner heute beim Spielen. Mit einer kleinen Ausnahme. Nach genau 28 Minuten setzte er zum ersten Mal zur Sense an – und es traf Maximilian Beister, der auch einige Sekunden brauchte, um sich wieder zu sammeln. Ansonsten aber spielte Scharner ruhig und unauffällig in der B-Elf. Fink hatte zwei Mannschaften eingeteilt, die erahnen ließen, wer am Sonnabend auf Mallorca von Beginn an spielen dürfte. Scharner nicht. Noch nicht.

In diesem Sinne, hoffen wir mal, dass Scharner seinen Worten Taten folgen lassen kann. Denn sollte dem so sein, haben wir eine echte Verstärkung dazugewonnen.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Scholle

P.S.: Während Jogi Löw erneut komplett auf HSV-Spieler verzichtetet, erfuhren acht Spieler des HSV die Ehre einer Länderspielnominierung. Während Jacopo Sala (U21 Italien), Christian Norgaard (U19 Dänemark) und Maximilian Beister (U21 Deutschland) mit den U-Nationalmannschaften unterwegs sind, reisen Marcus Berg (Schweden), Jaroslav Drobny (Tschechien), Artjoms Rudnevs (Lettland), Ivo Ilicevic (Kroatien) und Muhamend Besic (Bosnien/Herzegowina) mit ihren A-Länderteams zu den Testspielen.

P.P.S.: Seit heute sind Karten für das Spiel des NTSV gegen den HSV (7. September, 18.30 Uhr am Sachsenweg) im Vorverkauf. Solltet Ihr hier Tickets haben wollen, könnt ihr diese im Adyton (Geschäftsstelle NTSV, Sachsenweg 78), bei Sport&Mode Niendorf (Tibarg 38) beziehen. Oder ihr schreibt mir und wir treffen uns beim Training.
Die Preise:
- VIP (Parkplatz, Sitzplatz, Essen und Getränke frei im überdachten VIP-Bereich): 39 Euro
- Sitzplatz Tribüne: 16 Euro
- Stehplatz: 12 Euro
- Stehplatz ermäßigt (Schüler, Studenten, Rentner): 8 Euro