Tagesarchiv für den 9. August 2012

Der Test in Flensburg – wie war er wirklich?

9. August 2012

Das gefühlt halbe Jahr Sommerpause neigt sich dem Ende entgegen, nun geht es wahrscheinlich sehr schnell – vielleicht sogar zu schnell für den HSV. Weil ja immer noch einige, wie ich es nenne, weil immer noch einige Leute fehlen. Denn nach vorne geht ja nichts. Oder auf jeden Fall nicht viel. Aber gut, zwei Pokale stehen in dieser noch jungen Saison ja bereits in der Vitrine: Der Pott aus Südkorea, und dann dieser begehrte Sparda-Bank-Cup aus Flensburg. Diese Spielzeit läuft ja schon erfreulich und erfolgreich an. Wenn jetzt auch noch der Erwin-Seeler-Pokal und auch der Horst-Eberstein-Pokal eingeheimst werden würden – nicht auszudenken. Letztere Pokale nur in Anlehnung an den legendären Rückflug aus Dnjepropetrowsk, als der HSV auswärts und international aufgetreten war. Ähnlich wie nun in Flensburg gegen Nordsjaelland, gegen den dänischen Meister.

„Uns Scholle“ hat hier geschrieben, dass er keinen Fortschritt beim HSV gegenüber der vergangenen Saison erkannt hat. Die Kollegen der „Mopo“ sahen den HSV „verbessert, aber noch mit Luft nach oben“, und die „Bild“ schreibt von einer „enttäuschenden, müden und trostlosen Vorstellung“ Was war es wirklich? Trainer Thorsten Fink sagte nach dem 0:0 und dem 3:2-Sieg im Elfmeterschießen: „Das ist ein Erfolgserlebnis, wir haben das Turnier zum ersten Mal gewonnen, von daher ist das sicherlich positiv.“ Fink weiter: „Auch das Spiel war gut, taktisch hat man auch viel gesehen, ich denke, dass die Dänen auch hervorragend gespielt haben, und dass sie schon vier Wochen in der Saison sind, das hat man gesehen. Sie waren ein bisschen spritziger und aggressiver, aber ich war heute mit unserer Mannschaftsleistung zufrieden, wir haben uns ein paar schöne Chancen herausgespielt, wo man sagen kann, da hat sich ein bisschen verbessert. Natürlich, am Sonnabend im Testspiel bei Real Mallorca, erwarte ich noch ein bisschen mehr.“ Und zur Sturmisere: „Wir werden weiter am Abschluss arbeiten.“ Und auch das hat Thorsten Fink noch gesagt: „Wir müssen uns schon noch steigern.“ Zwei, drei Positionen seien noch offen – im Hinblick auf die erste Pokalrunde, dem Auswärtsspiel beim KSC, da soll dann die Tagesform über die Aufstellung entscheiden.

Thorsten Fink hatte ja nach den beiden 0:1-Spielen gegen Dortmund und die Bayern verkündet: Wir werden am ersten Spieltag zu 100 Prozent da sein.“ Jetzt aber gibt es nur noch zwei Spiele vor dem ersten Heimspiel, am Sonnabend (25. August, 15.30 Uhr) gegen den 1. FC Nürnberg. Wie soll sich bis dahin eine „neue HSV-Mannschaft“ auf 100 Prozent eingespielt haben? Das geht nicht. Der „Zehner“ ist noch nicht da, der neue Innenverteidiger wird erst am Freitag vorgestellt, ein junger, kopfballstarker Stürmer wird noch gesucht, und an Milan Badelj wird immer noch gebastelt. Er soll ja früher als bisher angenommen nach Hamburg kommen, aber Dinamo Zagreb will mit dem Mittelfeldspieler erst noch die Champions-League-Qualifikation spielen.

Das schreit wieder einmal nach einem finanziellen Deal. Bekommen die Kroaten noch etwas mehr Ablöse (vom HSV), so würden sie Badelj wahrscheinlich schon etwas eher nach Hamburg ziehen lassen – ansonsten wohl nicht. Aber wir denken bei einem solchen Coup wahrscheinlich alle an den Sommer 2011 – oder? Damals zahlte der HSV für Per Ciljan Skjelbred, der mit Rosenborg Trondheim noch die Champions-League-Qualifikation spielen sollte, auch einige „Dollars“ mehr (man spricht von 500 000 Euro) – die sich nicht bezahlt gemacht haben. Bis heute noch nicht so recht.

Kurz noch zum Test in Flensburg: Heung Min Son, der ja brutal getreten worden war, ist nicht ernsthafter verletzt, der Südkoreaner wird wahrscheinlich am Freitag schon wieder trainieren können. Einen zweiten „Fall Tolgay Arslan“ gibt es also nicht; Arslan war vor einem Jahr in Flensburg vom Wolfsburger Dejagah umgetreten worden – und musste danach ein halbes Jahr pausieren.

Heung Min Son ist ein gutes Stichwort, Südkorea das noch bessere. Der HSV hat bei seinem kürzlichen Gastspiel angeblich Geld von einer Sekte bekommen. Das soll ein Skandal sein. Dazu habe ich mich heute bei HSV-Vorstandsmitglied Joachim Hilke schlau gemacht. Der Marketing-Boss, der in meinen Augen ganz hervorragende Arbeit für den HSV leistet (das muss ihm mal bescheinigt werden), sagte zu diesem Sekten-Vorwurf: „Das ist ja Quatsch. Dieses Peace-Turnier wurde von der südkoreanischen Vereinigungskirche organisiert, und zwar schon viele Male. Der HSV war in der Historie des Turniers ja nicht der einzige Verein, der dort angetreten ist. Diese Vereinigungskirche tut keiner Fliege etwas zu Leide.“

Der HSV, so Hilke, ist mit dieser Vereinigungskirche schon vor der Abreise nach Südkorea offensiv umgegangen. Joachim Hilke: „Wir hatten und haben keinerlei Probleme damit, das haben wir immer gesagt. Das Geld für dieses Turnier kommt aus der Kirche, und zwar von einem Mann, und das ist ein amerikanischer Milliardär. Diese Kirche aber hat sich nie etwas zu schulden kommen lassen, wir haben weder eine religiöse noch eine politische Botschaft abgegeben, noch wurde so etwas von dem Veranstalter ausgesendet.“ Zum Schluss des Turniers gab es im Stadion noch eine riesige und gigantische Lasershow, bei der ein ferngesteuerter Vogel, eine Art Friedenstaube, durch die Luft flog. Hilke: „Für mich war das wie eine Friedensbotschaft, als ginge es dabei um den Frieden auf der Welt.“

Ob nun auch tatsächlich Frieden unter dem HSV-Anhang herrschen wird? Ich kann es nur hoffen, denke aber eher das nicht. Vielfach wurde ja auch das Beispiel Red Bull Salzburg angeführt, dass einst ein Testspiel abgesagt worden ist, weil der HSV-Anhang eine Partie gegen einen „künstlichen Klub“ ablehnte. Dazu Joachim Hilke (energisch): „Auch das ist Quatsch. Wenn wir ein vernünftiges Angebot von Red Bull Salzburg bekämen, um ein Testspiel zu bestreiten, dann würden wir auch dort spielen . . .“

Natürlich. Denn der HSV braucht Kohle, jede Menge Geld. Und das liegt nicht auf der Straße, es liegt aber auch immer noch nicht auf dem Gustav-Falke-Sportplatz.

Und dann zur Nationalmannschaft, die schon wieder ohne Dennis Aogo antreten wird. Und ohne Marcell Jansen, Heiko Westermann und immer noch ohne Rene Adler . . . Der DFB-Kader für das Länderspiel gegen Argentinien in Frankfurt/Main (am kommenden Mittwoch), in dem kein HSV-Spieler steht:

Tor: Manuel Neuer (Bayern München/26 Jahre/31 Länderspiele), Ron-Robert Zieler (Hannover 96/23/1);

Abwehr: Jerome Boateng (Bayern München/23/25), Mats Hummels (Borussia Dortmund/23/19), Holger Badstuber (Bayern München/23/25), Benedikt Höwedes (FC Schalke 04/24/8), Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund/24/6), Lars Bender (Bayer Leverkusen/23/9);

Mittelfeld: Sven Bender (Borussia Dortmund/23/2), Julian Draxler (FC Schalke 04/18/1), Sami Khedira (Real Madrid/25/32), Thomas Müller (Bayern München/22/32), Mesut Özil (Real Madrid/23/38), Mario Götze (Borussia Dortmund/20/15), Ilkay Gündogan (Borussia Dortmund/21/2), Toni Kroos (Bayern München/22/30), Andre Schürrle (Bayer Leverkusen/21/16), Marco Reus (Borussia Dortmund/23/8);

Angriff: Miroslav Klose (Lazio Rom/34/121).

So, dann möchte ich gerne noch einmal an meinen Artikel von vor einem Jahr erinnern. Als diese Zeilen damals im Abendblatt – vor dem ersten Bundesliga-Spiel der Saison – erschienen waren, wurde ich „geschlachtet“. Für alle „Schlachter“ noch einmal dieser kurze Rückblick. Ob sich dieser Aufstand tatsächlich gelohnt hat? Und das hatte ich seinerzeit geschrieben:

Mir wird angst und bange vor der Saison

Wer wird Deutscher Meister? Ha, Ha, Ha, HSV! Lang, lang ist es her. Branko Zebec und Ernst Happel führten den HSV einst nach ganz oben. Heute hat diese Platte schon eine große Portion Patina angesetzt. Und dennoch gab es bei so manchem Fan vor einer jeden Saison so einen kleinen Hauch von Meister-Traum. Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Die Angst vor dem Abstieg macht sich in Hamburg breit. Angst, die Fußball-Legende Uwe Seeler wie folgt umschreibt: „Der HSV steht diesmal vor einer ganz schweren Saison.”

Damals, als der HSV auch tatsächlich noch Meister wurde, spielten echte Kerle wie Stein, Jakobs, Kaltz, Magath oder Hrubesch, die standen damals voll im Saft, das war die deutsche Elite. Da stand auch fast jeder Gegner stramm – schon weit vor dem Anpfiff. Und heute? Der Ruhm ist verblasst. Angst hat kaum noch einer vor den drei großen Buchstaben. Der HSV ist auf dem besten Wege, eine graue Maus zu werden.

Mir wird angst und bange, wenn ich an die kommende Saison denke, denn zuletzt schwebten auch Vereine wie Stuttgart, Schalke, Bremen, Wolfsburg und Mönchengladbach in Abstiegsgefahr. Und diesmal? Was macht der HSV, der Dino der Liga? Ich mache mir große Sorgen, denn diesmal könnte es ganz, ganz eng werden. Zumal mir vor einigen Tagen ein HSV-„Altmeister” diese Wette angeboten hat: „Ich wette mit dir, dass es uns erwischen wird. Der HSV geht ab.” Gewettet habe ich nicht, aber seit jenem Tag mache ich mir ganz ernsthafte Gedanken.

Natürlich ist zuletzt vieles schlecht gelaufen. Es gab auch einen nicht nachvollziehbaren Zickzackkurs. Vor zwei Jahren sollten nur noch Spieler „mit Charakter” verpflichtet werden. Und? Kamen nur noch Spieler mit Charakter? Dem mit der Flasche werfenden Paolo Guerrero gaben sie für seine Vertragsverlängerung noch eine Million Euro mehr auf sein ohnehin schon üppiges Gehalt. Als sich der Kauf des Altstars Juan Pablo Sorin 2006 als blanker Unsinn erwies, schwor sich die HSV-Führung: „Nie wieder ältere und kränkelnde Stars.” Gehandelt wurde anders.

Es wurde wirklich vieles falsch gemacht. Aber, und das gibt mir ein Fünkchen Hoffnung, zuletzt auch einiges richtig. Dass nun auf junge Leute gesetzt wird, ist der einzig vernünftige Weg. Und dass nun versucht wird, aus einer zusammengewürfelten Truppe eine echte Mannschaft zu schmieden, das war längst überfällig. Elf Freunde? Müssen es nicht mehr sein, aber echte Kollegen, die dem Nebenmann helfen wollen. Um das zu schaffen, geben Trainer Oenning und Sportchef Arnesen alles für die Einheit. Noch scheinen ihre Bemühungen auf fruchtbaren Boden zu fallen, aber es geht noch nicht um Punkte. Was wird sein, wenn der verjüngte HSV schon beim kleinsten Windstoß umkippt, auseinanderbricht? Und das könnte schon nach dem undankbaren Auftaktprogramm passieren. Behalten dann alle die Nerven? Da habe ich meine Zweifel. Die Talente sind für einen harten Überlebenskampf noch zu unerfahren, für die meisten „älteren Herren” war Abstiegskampf bisher ein Fremdwort. Oh, oh.

Und schon ist sie wieder da, meine Angst. Eines weiß ich aber auf sicher: Mottet dieses Lied auf unbestimmte Zeit ein. „Wer wird Deutscher Meister? Ha, ha, ha, ha, ha . . .“ Ach, wenn es doch nur zum Lachen wäre.

Da ich ja auch immer ein Herz für die Amateure habe, noch ganz schnell diese Meldung:

Das DFB-Pokalspiel zwischen SC Victoria und dem SC Freiburg lockt auch Fans aus dem tiefen Süden nach Norddeutschland. Für die Begegnung am 18. August (15.30 Uhr) ist das Gästekontingent von 350 Karten bereits vergriffen. „Der Sport-Club hat weitere Tickets angefordert“, sagte Victoria-Sprecher Peter Kraft. Insgesamt seien schon mehr als 2000 Tickets für das Erstrundenspiel im Stadion Hoheluft verkauft. Gegen den Bundesligisten könnten rund 5000 Zuschauer Platz finden. „Wir werden wohl ausverkauft sein“, sagte Kraft.

PS: Morgen wird im Volkspark um 16 Uhr trainiert. Und am Sonnabend auf Mallorca wird das Testspiel um 22 Uhr angepfiffen.

17.51 Uhr