Tagesarchiv für den 8. August 2012

Der HSV gewinnt und überzeugt Fink – und das alles, ohne wirklich zu glänzen

8. August 2012

Der Spardabank-Cup gehört dem HSV. Im Elfmeterschießen siegte das Team von Trainer Thorsten Fink nach einem 0:0 über 90 Minuten mit 3:2. Und das, obwohl die Dänen die bessere zweier nicht überzeugender Mannschaften waren. Aber okay, die spielen ja auch Champions League. Könnte man sagen. Allerdings dürfte Nordsjaelland in der europäischen Königsklasse eine ebenso große Rolle spielen wie der HSV bei der Meisterschaftsvergabe 2012/2013 – so gern ich mich hier auch irren würde.

Und dass es schon nach zwei Minuten das erste Mal richtig eng wurde, musste man dann nicht erwarten. Immerhin hatte auch Trainer Thorsten Fink den Test in Flensburg vor 2100 Zuschauern zum Gratmesser ernannt. „An diesem Spiel müssen wir uns messen.“ Und dabei schien der HSV noch nicht Bundesliga-startklar zu sein. Denn nach dem Pfostenschuss in der zweiten Minute, den Adler-Vertreter Jaroslav Drobny zusammen mit dem Toraluminium zur Ecke parierte, war es erneut der in Hamburg weiter zum Verkauf stehende tschechische Keeper, der den HSV in der 15. Minute nach einem netten Dropkickschuss des Dänen Parkhurst vor einem Rückstand bewahrte. „Jaroslav hat gut trainiert“, hatte Torwarttrainer Ronny Teuber seinen Schützling schon vor dem Spiel stark geredet – und er schien recht zu behalten. Drobny war es, der den HSV vor einem Rückstand bewahrte.

Ich dagegen behielt nicht recht. Denn ich hatte den Freistoß von Tolgay Arslan (18.) von der Tribüne aus hinter der Linie gesehen. Ich hatte gedacht, der dänische Keeper Jesper Hansen hätte zwar eine sensationelle Parade beim Freistoß von Arslan hingelegt. Allerdings dachte ich, er hätte den Ball hinter der Linie erst mit der Hand erwischt und so an die Unterlatte gefaustet. Allein ich irrte und es bleib berechtigt beim 0:0. Der HSV spielte nicht gut und offenbarte offensiv wie defensiv altbekannte Schwächen. Einzig der weiterhin solide spielende Mancienne der bemühte Jansen und Arslan hatten kleine Lichtblicke. Etwas, was Per Skjelbred, der in der 60. Minute dem jungen Nachwuchsspieler Matti Steinmann weichen musste, langsam zeigen muss, sollte er nicht erneut eine Saison lang mehr auf der Bank als auf dem Platz stattfinden wollen. Und obgleich man fairerweise sagen muss, dass der uninspirierte HSV-Auftritt nicht allein an Skjelbred festzumachen ist – der Norweger verpasste es erneut, sich nachhaltig beim Trainer ins Gedächtnis zu spielen. Und da bin ich mir ganz sicher…

Nicht hundertprozentig sicher bin ich in meiner Sichtweise Artjoms Rudnevs. Ich konnte bislang bis auf die ersten Szenen in der allerersten Trainingseinheit bei dem Zugang aus Lech Posen. Denn der erste HSV-Lette blieb wieder vieles schuldig. Ich glaube auch, dass Rudnevs so ein Fall wie Bernardo Romeo wird. Denn auch der konnte sich fußballerisch nicht wirklich einbringen beim HSV. Allerdings wusste sich der Argentinier durch Tore zu rechtfertigen und sogar zu gefallen. Damals sah auch ich letztlich ein, dass Romeo dem HSV mehr helfen als schaden würde – auch wenn diese Rechnung bei mir nur knapp positiv für den extrem sympathischen Angreifer ausfiel. Aber abwarten. Vielleicht kommt Rudnevs auch über den Kevin-Keegan-Weg und braucht einfach nur länger, um sich einzugewöhnen…

Neue Konkurrenz muss er noch nicht befürchten. Im Gegenteil. Leider verletzte sich Heung Min Son nach einem Foul von Ivan Runje (35.) und musste ausgewechselt werden. Und sofort wurden Erinnerungen wach an den letzten Flensburg-Auftritt vor einem Jahr, als Tolgay Arslan von Ashkan Dejagah ebenso unnötig umgenagelt wurde und anschließend fast ein halbes Jahr pausierte. „Er hat einen Schlag aufs Sprunggelenk bekommen“, sagte Mediendirektor Jörn Wolf, „wahrscheinlich ist es aber nur eine Prellung.“ So schlimm sollte es bei Son also nicht sein. Zumindest deutet nichts darauf hin, auch wenn erst am Donnerstag nach einer abschließenden Untersuchung wirklich Klarheit herrschen wird.

Unklar ist weiterhin, was man von der Leistungsstärke des aktuellen HSV sagen kann. Wobei ich weniger mich meine. Ich würde bislang ohne Zweifel behaupten, dass sich dieser HSV im Vergleich zur Vorsaison noch immer nicht einen Millimeter verbessert hat. Allerdings stehen mir auch andere Meinungen entgegen – unter anderen auch die vom Trainer Thorsten Fink. „Ich bin zufrieden mit dem Spiel, das war ein Erfolgserlebnis für uns, hier mal zu gewinnen. Das Spiel war gut, taktisch war einiges zu erkennen. Es hat sich ein bisschen was verbessert, wir haben uns tolle Chancen herausgearbeitet. Und wenn wir das weiterhin machen, fallen die Tore von ganz allein.“ Dass der HSV in der zweiten Hälfte besser wurde, ist unbestritten. Allerdings erscheint mir das bei drei Halbchancen kaum nennenswert. Zumal noch immer kein geordnetes Offensivspiel zu erkennen ist, während die Mannschaft bei schnellen Kontern weiterhin extrem anfällig ist. Es ist eben fast alles noch genau so, wie in der Vorsaison…

Und auch personell hat sich heute nichts getan. Zumindest noch nicht. Denn Sportchef Frank Arnesen versucht dies aller Wahrscheinlichkeit noch bis tief in die Nacht zu ändern. Milan Badelj, der mit Dinamo Zagreb nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel am Mittwochabend das Rückspiel in der Champions-League-Quali gegen Sheriff Tiraspol absolviert, soll nach Wunsch des HSV per sofort nach Hamburg kommen. Sollten die Kroaten gegen die Moldawier weiterkommen, dürfte dieses Vorhaben weiter schwierig sein. Es sei denn, der HSV legt finanziell unablehnbar nach. Und das sollte der HSV für die paar Tage dann auch bleiben lassen.

Neben Arnesen fehlte in Flensburg auch Klubboss Carl Jarchow, der den Fragenkatalog von mir zugeschickt bekommen hat und auch die Antworten zugesagt hat. Wir müssen uns zwar etwas gedulden – aber sie kommen.

Wie die Neuen. Sagt der HSV. Und der hat, wenn meine Informationen richtig sind, zuletzt durchaus große Namen abgelehnt. Zurecht, wie ich in vielen Fällen finde. Ob das auch bei Vincenzo Iaquinta richtig war – ich weiß es nicht. Der 32-Jährige entspricht vom Alter her sicher nicht dem neuen HSV-Profil. Dafür aber in Sachen Erfahrung und Körpergröße. Er ist der „Brecher“, den zuletzt erst Uwe Seeler und jetzt auch Trainer Fink gefordert hatten. Und der schnelle ehemalige italienische Nationalspieler (40 Einsätze/6 Tore) wäre zudem relativ preiswert für ein Jahr zu haben, da Juventus dessen Jahresgehalt von drei Millionen Euro weiterbezahlen würde. Der HSV müsste „nur“ für die Prämien aufkommen. Und die sollen bei rund 100000 Euro pro Sieg liegen. Wie teuer das würde, vermag jetzt bitte jeder selbst beurteilen.

Klar ist dagegen die Sache mit Jaroslav Drobny. Der Tscheche ist ein starker Keeper – und trotzdem durch die Verpflichtung des allemal nicht minder starken René Adlers für den finanziell angeschlagenen HSV ein zweifelhafter Luxus. Ebenso wie Slobodan Rajkovic. Der Serbe ist nach seinem Ärger im Training und via Interview mit Fink von Letztgenanntem suspendiert und zum Verkauf freigegeben. Allerdings scheint sich der beleidigte Abwehr-Hüne damit nicht einfach so abfinden zu wollen. Zuletzt lehnte er Angebote aus England, Italien und der Türkei ab. Mal sehen, ob es bei dem angeblich bevorstehenden Angebot aus Lille auch so sein wird. Denn die Franzosen (nahmen uns mit Rozehnal schon einmal einen in Hamburg gescheiterten Abwehrspieler ab) sollen dem Vernehmen nach nicht nur dem HSV rund eine Million Euro Ablösesumme bieten wollen, sondern auch dem beim HSV verwöhnten Rajkovic (rund 1,5 Millionen Euro Jahresgage ohne Prämien) ein Jahressalär in entsprechender Höhe angeboten haben. Im Angebot ist auch weiterhin der Spielmacher des FC Genua, Cristobal Jorquera. Und auch das HSV-Interesse an dem Chilenen ist kein Geheimnis. Allerdings ist Jorquera dem Vernehmen nach nicht die erste Wahl Arnesens und Finks.

Letztgenannter freut sich übrigens sichtbar über seinen neuen Abwehrmann, der wohl am morgigen Donnerstag seinen Vertrag nach dem Medizincheck unterschreiben wird und am Freitag in Hamburg offiziell vorgestellt werden soll.

In diesem Sinne – es bleibt weiter spannend, wer noch kommt. Denn dass noch Neue kommen müssen – das wissen alle. Nicht erst seit diesem Test gegen den dänischen Meister.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Einen schönen Abend und eine gute Nacht,
Scholle

Statistik: HSV: Drobny – Lam (46. Diekmeier), Bruma (46. Besic), Mancienne, Aogo (78. Sternberg) – Westermann (71. Sala), Skjelbred (62. Steinmann) – Son (40. Beister), Arslan (71. Tesche), Jansen (71. Ilicevic) – Rudnevs (71. Berg).
Gelb: Aogo / Runje
Elfmeterschießen: Drobny hält gegen Laudrup, 1:0 Beister, 1:1 Hendriksen, Ilicevic verschießt, Gundelach verschießt, 2:1 Tesche, 2:2 Marcondes, 3:2 Steinmann, Petry verschießt.