Tagesarchiv für den 7. August 2012

Scharner – ein Spieler befragt den Trainer

7. August 2012

Ob es noch Minuten dauert, oder vielleicht noch einige Stunden – egal, es soll heute noch geschehen und verkündet werden: Der HSV hat einen neuen Innenverteidiger. Sofern Paul Scharner nicht ein „Hoeneß-Knie“ hat, an dem die spotmedizinische Untersuchung (Bundesliga-Tauglichkeits-Bescheinigung) doch noch scheitert. Ansonsten ist der nächste Neue da. Und Trainer Thorsten Fink wirkte total erleichtert. War der Coach in den letzten Wochen oft auch schon mal schlecht gelaunt, so wirkte er heute gelöst, gelockert, frei und sogar einige Male heiter. Es geht voran. Und um es gleich zu sagen: Paul Scharner kommt nicht zum HSV, weil ihn Eintracht Frankfurt nicht haben wollte. Wer so etwas behauptet, der liegt total daneben. Der 32-jährige Scharner war den Hessen zu teuer, deswegen ist (wohl) ein eventuelles Engagement des Österreichers gescheitert. Der HSV dagegen hatte offenbar das nötige Kleingeld, um sich mit dem Nationalspieler zu einigen.

„Es fehlt nur noch die Untersuchung und die Unterschrift, aber wir sind uns einig“, sagt Fink, der sich am Montag mit Scharner getroffen hatte „Wir hatten ein langes und sehr gutes Gespräch, ich habe dabei gemerkt, dass mir gegenüber ein heißer und erfahrener Spieler sitzt, der im positiven Sinne verrückt ist – er ist schon ein absoluter Profi. Manchmal vielleicht schon ein wenig zu übertrieben, aber ich finde das gut. Er bringt eine Menge Erfahrung mit, die wir gut gebrauchen können, nämlich dann, wenn es brenzlig wird. Ich glaube, wir haben den richtigen Mann gefunden, er wird unserer jungen Abwehr eine Stütze sein. Wobei ich sagen muss, dass alle die Chance haben, dort zu spielen. Ein gesunder Konkurrenzkampf ist gut, Scharner kommt nicht nur, um den Kader aufzufüllen.“

Thorsten Fink machte sich in diesem Gespräch ein erstes Bild von seinem Zugang, aber es war auch umgekehrt. Scharner, der vereinslos war, hatte eine Liste mitgebracht, auf denen Fragen an den HSV-Trainer standen. Viele Fragen. Der 1,93 Meter große Abwehrmann wollte nicht blauäugig in sein Engagement in Hamburg stolpern, er hatte sich vorher Gedanken gemacht und sich mächtig präpariert. Der Profi fragte den Trainer aus. Fink: „Er war top vorbereitet. Ungewöhnlich, so viele Fragen, aber das ist positiv, und es ist mir lieber so, als wenn einer zu mir kommt und sagt, nun frag mich mal. Paul dagegen war ganz heiß, das hat mir top gefallen. Und er macht einen top durchtrainierten Eindruck.“

Scharner, der auch im Mittelfeld spielen könnte, wird beim HSV nur als Innenverteidiger eingesetzt werden. Entweder für Michael Mancienne oder für Jeffrey Bruma. „Ich bin froh, dass wir nun eine Alternative haben, denn wenn Bruma oder Mancienne mal ausgefallen wären, dann hätten wir viel umbauen müssen“, sagt Fink. Nämlich Heiko Westermann zurückbeordern, das fällt nun flach. Die HSV-Abwehr wird mit Scharner kantiger, größer und kopfballstärker.

Paul Scharner ist ein „bunter Vogel“, er ist in Österreich nicht unumstritten, aber er ist auf jeden Fall einer, der seinen Job sehr ernst nimmt. Und er macht seinen Mund auf, soll heißen, der dirigiert seine Nebenleute lautstark und überaus engagiert, er ist ein großartiger Organisator, ein Mann auch, der kein Blatt vor den Mund nimmt – Klartext ist angesagt. Und das kann dieser HSV-Mannschaft nur gut tun, denn solche Leute braucht ein Team. Es davon nur zu wenige. Jetzt ist Scharner da, und da auch ein Rene Adler immer seinen Mund aufmacht, anspornt, dirigiert, lobt und die Vorderleute stellt, kommt schon mehr Leben in die Bude – auf jeden Fall schon mal in die Defensive.

Für das Testspiel am Mittwoch in Flensburg gegen den dänischen Meister Nordsjaelland (Anstoß 19 Uhr) spielt Scharner, dem nach eigener Aussage viele Angebote vorlagen, noch keine Rolle, eventuell aber ist er am Sonnabend dabei, wenn der HSV dann auf Mallorca gegen Mallorca spielt. Fink auf jeden Fall ist schwer begeistert vom neuesten „Fang“ des HSV. Nachdem der Coach ausgiebig von dem Spieler befragt wurde, stand Scharner auf (Thorsten Fink spielte es voller Begeisterung nach!) und sagte in Richtung Fink: „Trainer, ich mach’s.“

Das klingt alles so gut, ich glaube diese Kante tut dem HSV tatsächlich gut. Auch wenn er „schon“ 32 Jahre alt ist, aber jedem dürfte doch klar sein, dass eine „Bubi-Abwehr“ auf Dauer doch sehr anfällig werden könnte.

„Jetzt ist eine weitere Baustelle gelöst, nun gehen wir weiter“, sagt Thorsten Fink. Es ist klar, was jetzt noch kommen muss: ein Kreativspieler. Und ein Stürmer? Fink: „Wenn das mit Milan Badelj klar ist, wenn dann auch ein Spieler da ist, der unser Spiel lenken kann und wird, dann schauen wir mal, was noch übrig ist. Mal abwarten.“ Also doch ein Stürmer? Thorsten Finks Vorstellungen gehen in diese Richtung: „Vielleicht ein junger Mann, der kopfballstark ist. Mal ein ganz anderer Stürmer-Typ. Aber das muss ich erst noch mit Frank Arnesen absprechen. Persönlich, nicht am Telefon. Mal schauen, was noch möglich ist.“ Uwe Seeler hatte ja einen „Brecher“ gefordert – Fink zu jenem Stürmer, der ihm vorschwebt: „Mehr oder weniger ein Brecher . . .“

Dann brach der HSV-Trainer allerdings auch noch eine Lanze für die Angreifer, die er jetzt schon hat: Marcus Berg und Artjoms Rudnevs: „Wir wollen jetzt nicht alles schlechtreden, was bislang im Sturm war. Nur weil die beiden Spieler gegen Barcelona, Dortmund und Bayern nicht getroffen haben. Ein Torjäger, der dreimal in Folge in drei verschiedenen Ligen jeweils über 20 Tore macht, der wird nicht immer nur angeschossen worden sein, wenn er seine Tore gemacht hat. Artjoms Rudnevs braucht, wie Marcus Berg, ein Erfolgserlebnis, dann wird es schon klappen. Wir haben mit ihnen zwei gute Stürmer, davon bin ich überzeugt, und dazu können wir ja auch immer noch wieder Heung Min Son oder auch Maximlilian Beister in den Sturm nehmen.“

Dann stellt Thorsten Fink eine gewagte Prognose auf: „Wir werden in den nächsten fünf Spielen, also im Pokal in Karlsruhe, auch in den Testspielen, immer mehr Ballbesitz haben als der Gegner. Da können wir jetzt schon wetten. Und dann gilt es, da Chancen herauszuspielen. Das wird auch gegen Nürnberg so sein, das wird in Bremen gleich sein, das wird aber auch in Frankfurt der Fall sein, und da gilt es dann, die richtige Mischung zu finden, den Ball in die Tiefe zu spielen, von der zweiten Reihe auch zu schießen, was wir noch zu wenig machen – und dann die Chancen zu nutzen.“ Zudem gab es von Fink schon mal ein kleines Resümee: „Ich finde, wir stehen in der Abwehr schon besser als in der vergangenen Saison, wir stehen da schon viel organisierter als zuletzt.“
Dann muss jetzt eben noch etwas in Sachen „Angriff“ passieren – aber das wird ja auch. Fink: „Die Jungs da vorne müssen alle Gas geben. Wir werden in den Testspielen noch mal wechseln, es können sich alle noch einmal zeigen.“

Links ist bislang Marcell Jansen gesetzt, wie Fink es sagt: „Er spielt im Moment effektiv. Und Ivo Ilicevic ist noch nicht bei 100 Prozent. Er war lange verletzt, er hat bei uns noch nie eine richtige Vorbereitung mitgemacht, wenn er das schafft, dann wird er auch körperlich hundertprozentig fit sein. Und dann wird er auch effektiver. Obwohl er auch jetzt schon Super-Leistungen gezeigt hat; in Südkorea zum Beispiel, wo er ein großartiges Tor erzielt hat. Für ihn wird es auch leichter, wenn wir mehr in Ballbesitz sind.“

Eine erfreuliche Nachricht am Rande: Zhi Gin Lam, der „neue Lahm“ des HSV, der zuletzt verletzt pausieren musste, ist beim Nachmittags-Training schon wieder dabei.

Morgen wird, bevor es nach Flensburg geht, um 10 Uhr im Volkspark trainiert.

Dann möchte ich schnell noch einige Zeilen anderer Art veröffentlichen.

Zunächst geht es um die Sorge um den HSV:

„Lieber Dieter Matz, lieber Scholle,

Glückwunsch zum 3-jährigen. Hätte nicht gedacht, daß Sie noch so jung sind. Zum Thema HSV: Ich bin jetzt 61 Jahre alt und seit Kindesbeinen Ostfrieslands größter HSV – Fan, doch so gelitten wie im letzten Jahr habe ich noch nie. Nun habe ich mir die Vorbereitungsspiele des HSV im Fernsehen angesehen, soweit dies möglich war. Mein Eindruck nach dem Liga – Total-Cup ist erschreckend. In der derzeitigen Verfassung werden wir kein Spiel in der Bundesliga gewinnen, so dämlich können sich die anderen Mannschaften gar nicht anstellen!

Lieber Dieter, lieber Scholle,
können Sie irgendeinen Funken Hoffnung versprühen, daß es besser wird? Ich biete meine Hilfe gerne an, denn ich bin Fußballjugendobmann beim TV Bunde (einem 3800 – Seelenort). Obwohl wir ein kleiner Ort sind, konnten wir in den letzten 20 Jahren die erfolgreichste Jugendabteilung Ostfrieslands aufbauen, spielen mit den A – Junioren in der Landesliga und haben unsere 1. Herrenmannschaft, die in der Bezirksliga spielt, in den letzten Jahren so mit Jugendspielern “gefüttert”, daß sie inzwischen ein Durchschnittsalter von knapp 22 Jahren hat. Kein Spieler erhält auch nur einen Cent Geld, aber jeder, ob Jugend- oder Herrenspieler zeigt mehr Engagement für unseren Club, als jeder aktuelle HSV – Spieler (außer vielleicht Heiko Westermann). Bitte gebt mir irgendwie Hoffnung! Freundliche Grüße in meine Lieblingsstadt,

Gerold van H.”

Und dann gab es von der Deutschen Presse-Agentur folgende Meldung:

Jörg Butt hat seine Tätigkeit als Leiter des Jugendleistungszentrums von Bayern München beendet. 37 Tage nach seinem Wechsel vom Bundesliga-Kader in die Nachwuchsabteilung ist für den 38 Jahre alten ehemaligen Fußball-Torwart bereits wieder Schluss. „Ich habe dieses Tätigkeitsfeld, für das ich nun seit einigen Wochen verantwortlich bin, falsch eingeschätzt“, ließ Butt am Dienstag mitteilen. „Ich bin mit großer Begeisterung an meine neue Tätigkeit herangetreten, musste allerdings feststellen, dass mir diese Aufgabe nicht die gewünschte Zufriedenheit und Passion bringt.“

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge reagierte auf die Freistellungsbitte „völlig überrascht. Jörg Butt ist ein geradliniger und konsequenter Mann. Darum werden wir diese Entscheidung, auch wenn wir sie bedauern, akzeptieren.“ Butt hatte am 1. Juli den Job als Nachfolger des langjährigen Jugendchefs Werner Kern übernommen.

Ob sich da eine Bayern-Verpflichtung negativ auf die Arbeit von “Butti” Butt ausgewirkt hat? Matthias Sammer ist ja ein einnehmender Mensch . . .

Zuletzt folgt eine für mich etwas traurige Nachricht:

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) trennt sich von seinem Nationalmannschaftssprecher Harald Stenger. Da der auslaufende Vertrag mit dem 61-Jährigen nicht verlängert wird, wird der frühere Redakteur der „Frankfurter Rundschau“ in der kommenden Woche rund um das Länderspiel gegen Argentinien zum letzten Mal die Pressekonferenzen der Nationalelf leiten. Das bestätigte der DFB am Dienstag in einer Presseerklärung. Nachfolger wird der 41 Jahre alte Jens Grittner, der zuvor unter anderem Pressechef der Organisations-Komitees für die WM 2006 und die Frauen-WM 2011 war.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff würdigte Stenger und den ebenfalls scheidenden Servicemann Manfred Drexler als „zwei tolle Persönlichkeiten, die sich um die Nationalmannschaft verdient gemacht haben. Beide stehen nicht nur für professionelles Arbeiten, sondern haben es auch verstanden, sich als wichtige Bezugspersonen für die Trainer und Spieler zu etablieren“.

Stenger selbst zeigte sich enttäuscht und überrascht von der Entscheidung. „Ich kann nur bestätigen, dass ich gerne weitergemacht hätte. Das wusste auch der DFB“, sagte er dem Radiosender „hr3“. „Ich habe nicht mitbekommen, dass man mit meiner Arbeit unzufrieden ist – zumindest hat mir Oliver Bierhoff, als er mir die Entscheidung mitgeteilt hat, gesagt, dass die sportliche Leitung der Nationalmannschaft, die ja vom Bundestrainer Joachim Löw angeführt wird, mit meiner Arbeit immer sehr zufrieden war und ich mich stets loyal und korrekt verhalten habe.“

Ja, der gemütliche „Dicke“ geht. Schade. Harald Steger ist sicherlich allen Fußball-Fans vom Fernsehen her bekannt, wenn er die Pressekonferenzen der Nati leitete. Stenger war einst Redakteur der „Frankfurter Rundschau“, wir waren jahrzehntelang mit dem DFB-Team auf Tour, wir waren und sind Freunde – deswegen tut mir diese Trennung auch mit weh. Denn ich weiß, dass dieser Job, den der gute Harald seit 2001 ausgeübt hat, sein Leben war. Er ist in diesem Beruf aufgegangen, er hat für den DFB fast rund um die Uhr alles gegeben. Alles. Zu Beginn seiner DFB-Tätigkeit hatte er etliche Skeptiker gegen sich, fast alle aber sind sie mit der Zeit umgekippt und haben ihm einen ausgezeichneten Job bestätigt. Nun ist es wohl wie fast überall in der deutschen Arbeitswelt, nun soll ein jüngerer Mann für frischen Wind sorgen.
Alles Gute, Jens Grittner, und vielen Dank, lieber Harald Stenger für Deine jahrelange Freundschaft, viel Erfolg für Deinen weiteren beruflichen Weg.

18.29 Uhr