Tagesarchiv für den 5. August 2012

Wie erwartet: 0:1 gegen die Bayern

5. August 2012

„Zieht den Bayern die Lederhosen aus, Lederhosen aus . . .“ Im Norden der Arena hofften sie vor dem Anpfiff noch auf ein Wunder, aber das blieb im Volkspark aus. Die stark ersatzgeschwächte Bayern-Mannschaft gewann – fast hätte ich geschrieben im Schongang – mit 1:0. Platz vier für den HSV im „Liga-total!-Cup“. Nur Platz vier, von vier Mannschaften, aber das hat ja in der jetzigen Phase überhaupt noch nichts zu sagen. Die anderen (Klubs) waren ja nicht viel besser. Oder? Oder doch? Egal. Vorher hatte ja jeder ohnehin gesagt: „Die Ergebnisse spielen keine Rolle, wir ziehen unsere Vorbereitung durch.“ So ist es doch auch. Und überhaupt: Wer braucht denn eigentlich ein solches Turnier mit „Zweimal-30-Minuten-Spielzeit“? Nur die Vereine. Denn die brauchen jeden Cent, und davon gab es zum Glück reichlich für alle. Der Doppelverlierer HSV kassierte für diese Veranstaltung knappe 1,5 Millionen Euro. Ist das nichts?

Das entscheidende Tor war zu diesem Zeitpunkt, in der 25. Minute, ein wenig unverdient, aber es war Realität. Die Bayern spielten bei diesem Treffer Katz und Maus im HSV-Strafraum, in dem sich fast alle Hamburger aufhielten! Nur sehr wenige HSV-Spieler standen außerhalb, aber nicht weniger von der Linie entfernt aus zwei Meter. Und trotzdem spielten die Münchner wie mit Studenten. Unfassbar. Und als der Ball im Netz lag, da gab es von rechts nach links Vorwürfe – mit theatralisch erhobenen Armen. Motto: „Warum schläfst du, mein Freund, es war doch klar, dass der Ball zur Mitte prallen würde . . .“ Aber völlig klar doch.

Zuvor hatte der HSV die Chancen. Heiko Westermann köpfte in der 9. Minute um Millimeter (mehr waren es nicht!) am langen Eck des vom früheren Hamburger Tom Starke gehüteten Bayern-Tores vorbei. Es wäre ein Tor gewesen, wie es die Dortmunder am Sonnabend gegen den HSV erzielt hatten – aber beim HSV – ist ja typisch – fliegt der Ball eben vorbei.

Und in der 13. Minute flankte Dennis Aogo von links mit seinem schwächeren rechten Fuß, eine Traumflanke eigentlich, Dante in der Mitte des Bayern-Strafraums unterlief den Ball, und dann Artjoms Rudnevs. Der HSV-Stürmer hatte zwei Möglichkeiten; aus fünf Metern, freistehend: Er hätte den Ball stoppen können, Starke fragen können, wohin er die Kugel denn jetzt haben möchte – und Tor. Er hätte aber auch aus fünf Metern köpfen können – und das machte der Lette auch. Und köpfte aus fünf Metern ungefähr acht Meter vorbei. Pech gehabt. Dafür traf dann Bayern in der 25. Minute. So ungerecht kann Fußball sein . . .

Ivo Ilicevic „rächte“ in der 30. Minute – und in seiner auffälligsten Szene (!) – seinen Teamkollegen Per Ciljan Skjelbred, der Sekunden zuvor von Bayerns Shaqiri eine Vorführung der besonderen Art erhalten hatte – die Zuschauer staunten. Ilicevic trat den Schweizer Zugang der Münchner kurzerhand einmal um. Rustikal und plump, aber der junge Schiedsrichter Daniel Siebert (Berlin) beließ es bei einer Ermahnung. Glück gehabt.

Zwei Minuten nach dem Wiederanpfiff kam Marcell Jansen für den offenbar leicht angeschlagenen Dennis Aogo. Und Jansen hatte auch die einzige gute HSV-Chance in der zweiten Halbzeit. Den wuchtigen 18-Meter-Schuss des früheren Nationalspielers aber parierte Starke sehr gut. Chance? Nein, in der Tat, eine HSV-Chance gab es dann doch noch. In der 58. Minute stand Ilicevic frei vor Starke, der HSV-Profi versuchte sich mit einem Heber – und spielte den Ball genau in die Arme des Bayern-Schlussmannes. Abpfiff. Kurz zuvor hatten im Nord-Westen noch einige Optimisten skandiert: „Hier regiert der HSV.“ Schön wäre es ja. Wenn es überhaupt einmal wieder so wäre. Pfiffe nach dem Schlusspfiff.

Die Einzelkritik:

Rene Adler gewohnt sicher und engagiert, an ihm lag auch diese 0:1-Niederlage nicht.

Dennis Diekmeier zeigte sich, er wollte, aber Entscheidendes konnte auch er nicht erzwingen.

Jeffrey Bruma einer der Besten, hängte sich rein, rettete einige Male in höchster Not. Das war okay.

Michael Mancienne spulte sein Pensum ohne große Höhepunkte ab, meistens souverän.

Dennis Aogo schien mir ein wenig lustlos? Oder auch nur ein wenig neben der Spur? Auf jeden Fall schien er mir nicht so hundertprozentig bei der Sache, wie sonst immer. Obwohl er nach hinten nichts anbrennen ließ, aber mir fehlte diesmal sein „Feuer“.

Per Ciljan Skjelbred lief viel, zeigte sich immer wieder, aber wenn er dann den Ball hatte – meistens ein Rückpass. Er wirkt enorm unternehmungslustig, aber es kommt dabei nichts herum. Null.

Heiko Westermann schien auch einige Mal zu resignieren, aber das schien wohl nur so. Wie er in der Schlussphase hinten und vorne zu finden war, wie er sich gegen eine weitere Niederlage wehrt, das war schon sehr gut. Aber er kämpft gegen Windmühlenflügel, weil viele seiner Kollegen ihm in seiner Auffassung des Spiels nicht folgen können, ich will nicht schreiben, nicht folgen wollen.

Maximilian Beister war kaum zu sehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der druck zu groß wird. Von ihm werden Wunderdinge erwartet, die er noch gar nicht erfüllen kann. Schon gar nicht in einer solch schwachen HSV-Mannschaft. Wenn da alles funktionieren und klappen würde, dann ja, dann würde Beister sicherlich irgendwie und in irgendeiner Form mitgerissen, aber da klappt ja kaum etwas.

Robert Tesche lief viel, das kann man ihm nicht absprechen, aber spielerisch setzte er (fast wie immer) keinerlei Akzente.

Ivo Ilicevic hatte drei Szenen: Zwei grobe Fouls, ein Heber der zum 1:1 hätte führen müssen. Nach wie vor viel zu wenig.

Artjoms Rudnevs war bis auf seinen Kopfball nicht zu sehen. So Leid es mir für alle Rudnevs-Anhänger auch tut. Ich würde gerne mal das Gegenteil schreiben, sehr, sehr gerne sogar, aber ich darf ja nicht lügen . . .

Ausgewechselt wurde auch noch: Heung Min Son kam für Beister (46.), Tolgay Arslan und Marcus Berg für Tesche und Skjelbred (beide 53.), aber diese geballte Offensivkraft half nicht mehr, obwohl der HSV noch einmal kam.

Beifall gab es nach dem Schlusspfiff dann nur noch, als es Pokale gab. Die ganz Kleinen, nämlich die F-Jugend, sahen Eintracht Schwerin als Sieger des 125-Jahr-HSV-Turniers, den großen Pokal überreichte HSV-Legend Hermann Rieger, der in nur noch strahlende Augen der stolzen Kleinen blickte. Da kam Freude auf. Wenigstens einmal. Und der HSV konnte mal mit ansehen, wie es ist, wenn es einen Pokal gibt . . .

18.24 Uhr

PS: Turniersieger wurde Werder Bremen durch ein 5:4 im Elfmeterschießen gegen Dortmund. Nach 60 Minuten hatte es 3:3 gestanden – in einem Fußballspiel. Ja, in einem Fußballspiel, so wie es die Fans gerne sehen, wie sie ihren Fußball lieben. Kompliment den beiden Mannschaften. Und wenn ich in “11 Freunde” noch Werder als Absteiger bezeichnet habe, so muss und werde ich das jetzt schon zurücknehmen. Entschuldigung, ihr Bremer, ihr werdet nie und nimmer absteigen, weil ihr eine wirklich sehr gute und hungrige Mannschaft beisammen habt. Ich hatte vor Wochen nur die Abgänge Wiese, Naldo und Pizarro gesehen, nicht aber, dass ihr ohne (viel) Geld so prächtig einkaufen würdet. Das ist euch super gelungen, meine Hochachtung! Und dass unter den Neu-Bremern zwei Hamburger sind, spricht für sich. Raphael Wolf (24), jahrelang beim HSV, hatte hier keine Chance, er ging nach Österreich und spielte bei Kapfenberg (abgestiegen in Liga zwei) – und kam nun zurück nach Deutschland, nach Bremen. Und noch einen Rückkehrer gibt es: Eljero Elia, von Juventus zu Werder. Auch wenn der Niederländer ständig ausgepfiffen wurde – er bot eine sehr gute Partie. Gratulation. Am zweiten Bundesliga-Spieltag gibt es schon ein Wiedersehen, dann aber ein direktes. Und Werders Stadionsprecher Arnd Zeigler (“Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs”) prophezeite am Freitag schon: “Jeder zweite Hamburger weiß doch, dass Elia gegen den HSV treffen wird . . .”