Tagesarchiv für den 4. August 2012

HSV viel zu harmlos – 0:1

4. August 2012

„Wenn Du aus Dortmund kommst, schießt Geld hier keine Tore.“ Singt Lotto. Hat er auch diesmal gesungen. Geholfen hat es nicht. Dortmund hat getroffen. Und 1:0 gegen den HSV gewonnen. Nun könnte man ja streiten, ob das Geld das Tor geschossen hat, denn der BVB hat es ja auch nicht mehr so dolle, aber eben immer noch ein bisschen mehr als der HSV. Und zudem darf nicht vergessen werden: Hier, im Auftaktspiel des Liga-total-Cups, spielte der Meister gegen den Tabellenfünfzehnten. Da ist ein 1:0-Sieg nach zweimal 30 Minuten doch irgendwie standesgemäß. Das Spiel hat niemanden vom Hocker gerissen, ein Test – mehr nicht. Und beide Mannschaften offenbarten noch viele Schwächen, die in drei Wochen abgestellt sein dürften. Der HSV allerdings wird sehen müssen, wie er seine eklatante Sturm-Schwäche abstellen beziehungsweise ein den Griff bekommt. BVB-Torwart Roman Weidenfeller musste jedenfalls keinen Schuss abwehren, lediglich bei einem vergeblichen „Stopp-Versuch“ von Artjoms Rudnevs musste der Keeper in der 56. Minuten Kopf und Kragen riskieren. Die Frage, wer beim HSV Tore schießen soll, die bleibt für mich die spannendste der gesamten Vorbereitung, vielleicht auch der gesamten Hinrunde.

Dortmund und war nicht sonderlich gut, der HSV einfach zu harmlos. So sind die 60 Minuten wohl am besten einzuordnen. Trainer Thorsten Fink hatte folgende Mannschaft auf das Feld gebracht: Adler; Diekmeier, Bruma, Mancienne, Aogo; Sala, Westermann; Son, Arslan, Jansen; Berg. Die Formation, die der Coach auch für den Punktspiel-Auftakt im Kopf hat? Bestimmt nicht. Denn da muss ja noch etwas kommen. Alexander Baumjohann vom FC Schalke 04 ist beim HSV Gespräch. Was allerdings von Seiten des HSV dementiert wird. Und von vielen HSV-Anhängern milde belächelt. Allerdings kann ich davor nur warnen: Wo stand der HSV in der vergangenen Saison noch, als der 34. Spieltag abgeschlossen worden war? Und wie viel Geld hat dieser HSV tatsächlich noch in der Kasse? Und welcher Profi möchte bei einem Fast-Absteiger spielen, der mit dem internationalen Fußball nur einmal kurz mit der dritten Garnitur des FC Barcelona Kontakt hatte?

Wir sollten alle einmal lernen, kleinere Brötchen mit dem HSV zu backen. Oder kleinere Brötchen zu essen. Der HSV muss von unten neu aufbauen, und da kommen ersten keine Stars, zweitens kommen sie nicht ohne die nötigen Millionen – und die gibt es eben zurzeit in Hamburg nicht. Deswegen wäre Demut ganz sicher angebracht, statt über einen eventuellen Zugang namens Baumjohann zu lächeln. Das erinnert mich alles an eine Trainer-Suche des HSV vor einiger Zeit. Da wurden Namen wie Koller, Funkel oder Favre gehandelt – und alle vom Hamburger Anhang verteufelt. Und wie steht Favre heute da? Oder auch ein Luhukay? Also, ich schlage mal vor: Ball schön flach halten.

Und dabei eventuell nach dem einen oder anderen Stürmer suchen. Zur Not im eigenen Klub, obwohl mir da im Moment keiner ein- und auffällt

Nachdem die erste Halbzeit ohne echte Höhepunkte ihr Ende gefunden hatte (0:0), kam in den zweiten 30 Minuten mehr Leben in die Bude. Was vornehmlich an Dortmund lag. Obwohl die erste Großchance des Spiels der HSV hatte. 17-Meter-Freistoß von Dennis Aogo (es hätte doch eigentlich nach einem Hummels-Foul an Tolgay Arslan Elfmeter geben müssen – aber Schwamm drüber), doch der Ball prallte lediglich an den linken Pfosten des BVB-Gehäuses (37.). Das war viel Pech.

Fünf Minuten später ließ der HSV wieder einmal, wie schon sehr oft (zu oft!) in der ersten Halbzeit, eine BVB-Flanke zu. Eine polnische Kombination hebelte die HSV-Defensive aus: Piszczek brachte den Ball zur Mitte, wo der kleine Blaszczykowski unbewacht und mühelos einköpfen konnte. In der Strafraummitte! Der HSV hätte mit seiner einzigen Tormöglichkeit aus dem Spiel heraus noch ausgleichen können, und zwar in der 56. Minute, aber er vergab. In Person von Artjoms Rudnevs. Der gerade eingewechselte Lette erhielt eine Flanke von Marcell Jansen, plötzlich stand der gute „Rudi“ völlig frei vor Weidenfeller, aber der HSV-Stürmer verstolperte den Ball, der Keeper klärte. Hätte Rudnevs den Ball direkt zur Mitte gepasst, dann hätte Heiko Westermann wohl das 1:1 gemacht – aber hätte und wenn und aber, das zählt ja auch in der Vorbereitung nicht.

Der HSV in der Einzelkritik:

Rene Adler lieferte eine sehr gute Partie ab, der hielt mehrfach glänzend. Was mir imponiert (und gefällt): Der neue HSV-Schlussmann „mischt“ nach Chancen des Gegners stets die vor ihm stehende Defensive auf. Er weckt sie, er verlangt Konzentration, er will und schärft Aufmerksamkeit und Einsatz. Da ist Leben in der Bude, und das kann nur von Vorteil für den HSV sein.

Die Defensive stand dann ja auch weitestgehend. Dennis Diekmeier macht eine ordentliche Partie, versuchte auch nach vorn einiges, obwohl er dann, wenn er auch in der Dortmunder Hälfte auftauchte, oft übersehen wurde. Jeffrey Bruma war okay, aber hatte er einige BVB-Aktien beim 0:1 gekauft? Auf jeden Fall konnte sich sein Spiel sehen lassen – aber davon gab es auch in der vergangenen Saison einige – und dazu immer noch mindestens einen dicken „Klopfer“. Thema Konzentration.

Michael Mancienne spielte solide 60 Minuten, was mir nicht gefiel, dass waren (vornehmlich in Halbzeit eins) seine Rück– und Querpässe. Das war wie in der Saison 2011/12. Zum Gähnen langweilig.

Dennis Aogo, so hieß es vor dem Spiel, soll ein Angebot von Lazio Rom haben. Die Italiener bieten angeblich fünf Millionen. Aber auch das wird vom HSV dementiert. Mal sehen, wie sich diese Personalie entwickelt. Auf jeden Fall hat der deutsche Nationalspieler im Dortmund-Spiel Werbung für sich gemacht. Hinten ließ er kaum etwas anbrennen (ich wüsste nur eine Szene, wo er vielleicht ein wenig zu spät kam), noch vorne war er ähnlich bemüht wie Diekmeier rechts – aber auch da kam das Zuspiel auf ihn nicht immer. Oder zu wenig.

Jacopo Sala wollte sich zeigen, er hatte Biss, er lief viel, wollte Verantwortung im Mittelfeld übernehmen – das gelang in Halbzeit eins besser als im zweiten Durchgang. Insgesamt ein zufriedenstellender Auftritt des Italieners.

Nebenmann Heiko Westermann lief und kämpfte wie immer vorbildlich, er stellte sich voll in den Dienst der Mannschaft – auch wenn ihm wieder der eine oder andere Pass misslang. Vom Einsatz her gibt es aber keine Zweifel, da ist der Kapitän nach wie vor die Nummer eins. Und unverzichtbar.

Rechts draußen Heung Min Son – ich habe ihn nicht gesehen. Tut mir Leid, wenn ich das schreiben muss, aber so war es. Kein Zug zum Tor, keine Tempo nach vorne. Einzig erfreulich ist die Tatsache, dass der gute „Sonny“ inzwischen gelernt hat, dagegen zu halten. Er lässt sich nicht mehr ganz so leicht wie früher vom Ball schubsen – aber ohne Torgefahr ist das auch nur so etwas wie ein „Papiertiger“. Links begann Marcell Jansen richtig schön unternehmungslustig, das sah gut aus. Er hatte Zug zum Tor – allerdings hielt das nicht ganz so lange. Dennoch möchte ich Jansen als einen Lichtblick in den Reihen des HSV bezeichnen, wenn es etwas Gefahr nach vorne gab, dann hatte er meistens seinen linken Fuß mit im Spiel.

In der Mitte durfte Tolgay Arslan ran. Der Junge kann es eigentlich, oder er könnte es eigentlich, aber er macht sich das Leben selbst oft sehr, sehr schwer. Nach einer guten Szene, und davon gab es in der Anfangsphase einige, hebt er immer gleich ab. Das habe ich schon vielfach in der Vorsaison beobachtet. Nach einer guten Szene kommt oftmals ein völlig überflüssiger Hackentrick, der beim Gegner landet. Warum? Statt weiter auf dem Boden zu bleiben, muss gleich „gezaubert“ werden. Das aber könnte und sollte er sich für später aufheben, wenn er einen Stammplatz hat, wenn er der Regisseur des HSV ist.

Ganz vorne gab Marcus Berg den Alleinunterhalter. Und fiel dabei so gut wie nie auf. So hat er es schwer, und so hat es auch der HSV schwer. Uwe Seeler möchte so gerne noch einen „Brecher“, ich ja auch, aber ob Berg dieser „Brecher“ wird, das wage ich doch zu bezweifeln. Und ich bezweifle das nicht nur, ich verzweifle auch jetzt schon ein wenig.

Aber trotz dieser Harmlosigkeit des HSV – ich bleibe ruhig. Denn es kommt ja noch was. Ganz sicher.

So, Ende der Durchsage, während Bayern nun gegen Werder spielt. Wer sich über eventuelle Schreibfehler beschweren will, der sollte wissen, dass ich mitten in der Sonne sitze, kaum sehen kann, was ich da vor mir schreibe. Solche erschwerten Bedingungen hatte ich selten zuvor einmal, aber es ist so. Morgen geht es weiter. Und zwar erst um Platz drei. Es geht für den HSV gegen die Bayern, die im Elfmeterschießen gegen couragierte Bremer verloren haben. Nach 60 Minuten hatte es 2:2 gestanden. Hut ab, vor Werder. Kein Geld, aber eine gute und willige Mannschaft. Da kann kein Bremer meckern. Das Finale bestreiten morgen Dortmund und Bremen.

18.47 Uhr