Tagesarchiv für den 1. August 2012

Hoffen wir mal….

1. August 2012

Wie vielleicht einige von Euch im Abendblatt lesen konnten, habe ich gestern lange mit Mladen Petric gesprochen. Dass Mladen trotz der üblichen Scharmützel mit den Verantwortlichen nicht nachtritt war mir vorher klar. Und das ist auch gut so. Mladen ist ein rhetorisch außergewöhnlich geschulter Fußballprofi. Der Kroate ist einer der ausgebufftesten Profis, die ich in meiner noch kurzen „Karriere“ als HSV-Reporter miterlebt habe. Und er hat Stil. Petric weiß ganz genau, wann und was zu sagen hat. „Ich bin doch nach vier tollen Jahren im Guten gegangen“, sagte er mir gestern nebenher, da wolle er sich den tollen Eindruck und die schönen Erinnerungen nicht kaputt machen. Dass er sich Sorgen um seinen HSV mache, sei klar. Dafür sei in der Zwischenzeit personell noch nicht genug passiert. „Es wird im zweiten Jahr mit dem zweiten Umbruch sicher nicht leichter“, so der Linksfuß, „aber ich hoffe, dass allen das bewusst ist, dass noch etwas passiert und dass der HSV sich wieder Richtung europäische Plätze entwickelt.“ Stadt, Klub und vor allem die Fans hätten das mehr als verdient.

Dabei hatte ich Mladen eigentlich angerufen, um über seine neue Heimat FC Fulham und das Leben in England zu sprechen. Er hatte mir vor seinem Abflug aus Hamburg noch erzählt, dass er sich vorstellen könne, einige Eingewöhnungszeit zu brauchen. Gestern klang das allerdings anders. Mladen ist angekommen. Und er trifft wieder. Vier Tore in vier Tests – eine gute Quote. Und als ich davon gestern bei mir im Freundeskreis erzählte, ging das Gejammere los. „War doch klar, dass der richtig aufblüht. Wie kann man den bloß abgeben?“, hieß es – immer wieder. Und so sehr ich die Torjägerqualitäten von Mladen Petric schätze – auf eine solche Diskussion wollte ich mich dann doch nicht einlassen. Weil sie widersinnig ist. Immerhin hatte Petric im Sommer 2011 die Chance, seinen Vertrag zu verbesserten Konditionen zu verlängern. Da hilft es auch nicht, dass Mladen mal wieder Toptorjäger des HSV war – zumal es nur sieben Tore waren. „Der Klub wollte den Umbruch und den ziehen sie jetzt durch. Das kann am Ende auch richtig gut werden“, sagt selbst Petric.

Nein diese „Nach-Hinten-Diskussionen“ helfen nicht. Als ich mit Petric gestern über die Zeit unter Martin Jol beim HSV sprach, ertappte ich mich selbst beim Schwärmen. Woran haben wir damals alles geglaubt? Es schien doch, als ginge es stetig aufwärts. Der Kader wurde von Jahr zu Jahr mit großer Qualität und noch größeren Namen ergänzt. Und die Ergebnisse stimmten. Sportlich und bilanziell. Irgendwo sei dann aber ein Bruch gewesen, so Petric gestern. Ein Bruch im Verein, der sich letztlich bis in die Mannschaft durchzog. Ob er damit die Vorstands- und Aufsichtsratsdebatten meinte? Petric wollte es nicht sagen. Allerdings merkte ich auch bei ihm die große Enttäuschung darüber, dass der damals eingeschlagene Weg nicht weitergegangen wurde.

Ein großer Punkt dabei war mit Sicherheit der Abgang von Dietmar Beiersdorfer. Der damalige Sportchef stellte den Aufsichtsrat, wie wir alle wissen, vor die Wahl: „Hoffmann oder ich.“ Und es wurde/blieb Hoffmann.

Wie ich jetzt auf Beiersdorfer komme? Weil ich gerade gehört habe, dass sein Vertrag bei Zenit St. Petersburg weitgehend ausgehandelt und unterschriftsreif ist. Und er will wohl tatsächlich nach Russland, was mich zunächst verwunderte – was ich beim zweiten Blick aber schnell verstand. Immerhin haben die Russen strukturell, traditionell beste Voraussetzungen. Sie spielen Champions League mit einem starken Kader – den sie jederzeit (Gazprom ist ein mehr als solventer Sponsor…) verstärken können. Das ist für einen Sportchef ungefähr so, als wenn man als Kind in einem Bonbonladen eingeschlossen würde. Vom eigenen Gehalt mal ganz abgesehen.

Es sei ihm gegönnt.

Uns sei ein andere gegönnt – hatte ich lange gehofft. Klaus Michael Kühne war für mich der letzte Strohhalm, vielleicht doch noch einen Kader zusammenzustellen, der uns beruhigt in die Saison starten lässt. Bis zu seinem Interview. Inzwischen sind die Fronten verhärtet, HSV-Aufsichtsrat und –Vorstand sperren sich gegen die – in meinen Augen unbestreitbare – Einflussnahme des Milliardärs, die hier breit diskutiert wurde und wird. Wobei ich inzwischen gehört habe, dass Herr Kühne dem HSV zwar Geld angeboten hatte im Falle einer Verpflichtung Rafael van der Vaarts. Allerdings belief sich der Gesamtbeitrag nicht mehr als zehn (!!) Prozent des Gesamtpaketes von 40 Millionen. Dass der HSV den Rest nicht mal stemmen könnte, wenn sie es gewollt hätten.

Insofern sehe ich auch diese Diskussion inzwischen noch ein wenig differenzierter. Denn dass Menschen, die hohe Summen an einen Verein zahlen auch irgendwo mitreden wollen ist klar. Das ist bis auf beim Niendorfer TSV überall gleich. Allerdings muss sich der Verein immer auch absichern, dass die Einflussnahme im erträglichen Rahmen bleibt. Und das war in dem Fall nicht mehr gegeben. Leider. Denn mit dem Abgang Kühnes ging auch ein teil Hoffnung in mir verloren…

Aber gut – gerade die Hoffnung regeneriert sich oft schneller als man denkt. Beim HSV reichten dafür die Testspiele und vor allem der Erfolg in Südkorea beim Peace Cup. Zumal in den nächsten Tagen weitere neue Spieler präsentiert werden sollen. Intern wird gemunkelt, Badelj schon am Wochenende endgültig verpflichten und in Hamburg begrüßen zu können. Zudem ist auch klar, dass neben einem Kreativspieler auch noch ein Innenverteidiger sowie auch ein Stürmer dazu geholt werden sollen. Und sollte Frank Arnesen dieses Jahr sportlich (finanziell war Töre natürlich ein gutes Geschäft) ein etwas glücklicheres Händchen haben als in der Vorsaison, könnte es ja noch was werden. „Wartet doch erst mal ab, was noch passiert und wie wir uns präsentieren“, hatte mir Trainer Thorsten Fink vor der Abreise nach Schweden gesagt, „wir machen das Richtige.“

Und ich hoffe. Wieder.

Etwas Gutes scheint auf jeden Fall der Trip nach Schweden gewesen zu sein. Der Trip in die Einöde ist aus des Trainers Sicht ein voller Erfolg gewesen. „Besonders für die Integration der neuen Spieler waren die Tage in Schweden sehr hilfreich“, sagt Fink, der das Trainingspensum noch mal anziehen wird. Schon morgen stehen zwei Einheiten auf dem Plan. Am Freitag ebenfalls. Und selbst vor den Liga-Total-Spielen (Sonnabend gegen Dortmund und am Sonntag gegen Bayern oder Werder) soll vor den Spielen trainiert werden. „So langsam geht die Vorbereitung in den Endspurt. Wir müssen zwar immer noch Kraftausdauer trainieren, werden aber schon bald zum Feinschliff übergehen“, sagt der 44-Jährige. Trotz des Turniers in der heimischen Arena? „Natürlich wollen wir das Turnier gewinnen, aber eine punktgenaue Vorbereitung für den Bundesligastart ist mir wichtiger.“ Schon in der kommenden Woche sollen vermehrt auch Standards einstudiert werden.

Und dabei bezieht der Trainer seine Spieler jetzt mit ein. Zu Beginn des Survival-Trips forderte er, dass sich jeder über mögliche Verbesserungen Gedanken machen und diese dann zum Ende der Reise vortragen solle. In Gruppen wurden am Dienstag dann die gesammelten Vorschläge präsentiert, wie die kommende Saison trotz Einsparungen erfolgreicher werden kann. So einigten sich die Spieler darauf, mögliche Fehler früher anzusprechen, den unbedingten Willen zu schulen und Lösungswege für schlechte Phasen zu erarbeiten. Und bei Standards wollen die Männer um Kapitän Heiko Westermann besser stehen, um den Fans im heimischen Stadion auch mal wieder ein paar Heimsiege zu präsentieren. „Ich habe in Schweden einen ganz anderen Geist als in der vergangenen Saison gespürt“, lobt Fink, der aber natürlich weiterhin von Bewegung auf dem Transfermarkt ausgeht: „In den kommenden Wochen wird selbstverständlich noch etwas passieren.“

Bislang sind jeweils für Sonnabend und Sonntag rund 37000 Karten für den Liga-Total-Cup verkauft. Sollte der HSV das Turnier tatsächlich gewinnen, kämen nach Südkorea (1,5 Millionen eingenommen) noch einmal bis zu 1,5 Millionen Euro an Einnahmen dazu. Gelder, die für neue Spieler sehr hilfreich sein könnten.

In diesem Sinne, hoffen wir. Auf den Turniersieg, auf Arnesen, auf den Trainer, Weltfrieden und vor allem darauf, dass der HSV am 19. August in Karlsruhe beim DFB-Pokal eine Mannschaft präsentieren kann, die uns positiv in die Saison blicken lässt.

Bis morgen.
Scholle

P.S.: Nur eine Idee von mir, aber vielleicht klappts ja: Schreibt mir doch bitte einmal im Schneeballsystem Eure Fragen an den HSV-Vorstandsvorsitzenden Carl Jarchow auf. Möglichst in einem Schneeballsystem wie Ihr es bei den Spieltipps und zuletzt beim Sammeln Eurer Entfernungen zum HSV-Stadion gemacht habt. Dann habe ich sie alle geordnet nacheinander in einem einzigen Post gesammelt und kann sie dem HSV-Boss einmal vorlegen. Vielleicht hat Herr Jarchow – und so wie ich ihn einschätze, macht er das – ja die Zeit, uns einige besonders schwerwiegende Fragen davon zu beantworten.