Monatsarchiv für Juli 2012

Runterfahren und überleben

28. Juli 2012

So, den Sommer haben wir auch hinter uns, viereinhalb Tage Sonne, das reicht ja auch wirklich – wir sind ja nicht verwöhnt. Zumal der HSV in Schweden nicht nur ums Überleben kämpft, sondern auch nicht gerade gutes oder bestes Sommer-Wetter hat. Die Mannschaft ist „dort oben“ gut angekommen, Medien-Direktor Jörn Wolf hat schon eine Menge Fotos an die Redaktionen geschickt – es wirkt alles bestens. In diesem Camp hängt übrigens ein handgeschriebenes Herzlich-willkommen-Plakat, und darauf stehen die Erwartungen, die alle an diesen ungewöhnlichen Trip haben. Also:

Erwartungen:

Ruhe.
Runterkommen.
Überleben.
Spaß.
Essen besorgen.
Was Neues erleben.
Neue Erfahrungen.
Gesund hier rauskommen.
Verantwortung füreinander.
Sich helfen.
Ohne Handy zurechtkommen.
Viele Mücken.
Mit der Mannschaft etwas erleben.
Besser kennen lernen.
Die Spieler das Beste geben.

Vor der Reise nach Schweden gab es am Abend ja noch das Testspiel in Norderstedt. 6:0, das Ergebnis ist bekannt, es hätte in meinen Augen auch ein 8:4 für den HSV heißen und geben können, denn der Fünftliga-Klub hatte mindestens vier glasklare Tormöglichkeiten – aber das ist ja auch relativ unwichtig, denn ein solches Spiel hat ja keinerlei Einfluss auf die nun kommende Saison.

Für mich hat diese Partie dennoch eine ganz wichtige Erkenntnis gebracht. Wer auch immer etwas am Verhältnis zwischen Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen zu mäkeln hat, er liegt wohl daneben, denn: Beide Herren saßen während des Spiels Schulter an Schulter und unterhielten sich fleißig. Sie sprachen über einige Szene, sie scherzten auch einige Male (mehr), und sie wirkten so, als wenn dort zwei Freunde sitzen, die gemeinsam „ihr Ding“ machen wollen. Genau so hatte es auch Thorsten Fink noch vor dem Anpfiff gesagt: „Was da über uns gesagt und geschrieben wurde, das ist alles Blödsinn.“ So muss es, wie gesagt, tatsächlich sein, denn Fink und Arnesen saßen wie zwei Freunde nebeneinander. Wären sie das nicht, hätten sie sich gewiss nicht so auf die Bank gesetzt und sich so der Öffentlichkeit präsentiert.

Vor dem Spiel unterhielt ich mich lange mit Medien-Direktor Jörn Wolf – auch und natürlich über den „Matz-ab-Blog“. Und auch darüber, dass hier zuletzt so manche harte Kritik an den Klub und die Verantwortlichen gekommen ist. „Falls ich damit gemeint sein sollte, so muss ich für mich feststellen, dass ich mir zum jetzigen Zeitpunkt große Sorgen um den HSV mache. Ich habe Angst um den HSV, Angst davor, dass es wieder eine Saison gibt, die im Abstiegskeller gespielt wird . . .“ Das sagte ich Wolf – und er antwortete: „Angst ist ein schlechter Berater.“ Stimmt wohl. Aber im Moment ist es eben noch so, denn für mich sind mit Petric, Jarolim und Guerrero drei erfahrene Leute gegangen, und bislang sehen ich eine ganz, ganz junge HSV-Mannschaft, die noch viele, viele Schwächen abzulegen hat. Und die Saison rückt näher. Was ein Fehlstart für Folgen haben kann, haben wir alle 2011 eindrucksvoll und negativ genug erfahren müssen.

Wolf aber rückte meine Sorgen auch noch einmal in aller Form und ganz nüchtern zurecht: „Was haben wir immer wieder gesagt, als die Saison beendet war? Wir müssen erst Spieler verkaufen, bevor wir einkaufen können.“ Richtig. Das haben sie alle immer wieder gesagt, Frank Arnesen hat es jeden Tag sogar mehrfach sagen müssen. Und trotz allem habe ich (und wohl auch noch einige andere Leute) es vergessen, daran zu denken. Bevor Guerrero und Töre nicht verkauft waren, das ist eben die nackte HSV-Tatsache, war einfach kein Geld da, um zu planen, um neue Spieler ins Visier nehmen zu können. Das ist – nach wie vor – die Wahrheit.

Thorsten Fink jedenfalls, das hat er in Norderstedt auch noch einmal betont, ist zum jetzigen Zeitpunkt ganz gelassen, denn er weiß, dass jetzt, wo Guerrero und Töre weg sind, Geld da ist, um noch etwas zu tun. Und es wird, so wurde es mir am Freitag von allen Seiten versichert, es wird etwas getan. So wie jetzt auch die Sache mit Milan Badelj in trockenen Tüchern ist. Es geht voran, auch wenn es nicht alles sofort und nicht von heute auf morgen geht.

„Du musst dir keine Sorgen machen, und Angst haben musst du erst recht nicht haben“, hat mir Jörn Wolf mit auf den Weg gegeben – und ich versuche es, jetzt damit umzugehen. Und ich versuche mich bis zum Auftakt-Spiel gegen den 1. FC Nürnberg zu disziplinieren, die Angst zu unterdrücken. Gut Ding will Weile haben, auch in dieser Saison. Und dann werden wir mal abwarten, wie es diesmal läuft. Vielleicht werden ja auch jetzt, gerade in diesen Tagen und Stunden, die Weichen für eine erfolgreichere Saison gestellt – in Schweden, im Überlebenscamp, abseits von jeglicher Zivilisation. Schön wäre es auf jeden Fall.

So, dann komme ich zur Abteilung „Kummerkasten“. Mails, Mails, Mails – ob privat oder bei Matz ab. Es gibt Bewegungen, der HSV steht im Mittelpunkt.

Lieber Herr Scholz,
lieber Herr Matz,

vielen Dank für die damalige Reaktion / Antwort auf meine Mail.

Nun brennt mir aber doch eine Frage auf den Lippen bzw. kann die aktuelle Berichterstattung nicht nachvollziehen! Im Abendblatt, sowie in der Matz Ab Berichterstattung wird immer wieder Frank Arnesen angeprangert, dass Arnesen endlich liefern muss und geeignete Neuzugänge präsentieren muss. Ist sicherlich richtig, dass die Mannschaft in der aktuellen Kaderbesetzung kaum Konkurrenz darstellen wird und Neuzugänge präsentiert werden müssen!

Bloss wieso nimmt man Hr. Jarchow hier nicht mit in die Kritik? Unser VV erschwert doch die Arbeit erheblich… z.B. die aktuelle Personalie Badelj. Da posaunt Jarchow via Presse, dass dieser in Kürze präsentiert wird. Arnesen wiederum, dass noch Gespräche anstehen, nichts fix sei und ggfs der AR noch über das Finanzpaket Badelj abstimmen muss. Hr. Jarchow gefährdet diesen Transfer doch erheblich mit seinen Äusserungen. Wieso wird diese Thematik nicht aufgegriffen bzw angeprangert?

Folgender Absatz aus dem Abendblatt:
…Milan Badelj ist trotz anderslautender Ankündigungen von HSV-Vorstandschef Carl Jarchow längst nicht mehr sicher. Fenerbahce Istanbul soll dem 23-Jährigen ein finanziell reizvolleres Angebot unterbreitet haben. Und so droht nach Granit Xhaka und Rafael van der Vaart auch bei dem Kapitän von Dinamo Zagreb, dessen Verpflichtung Jarchow bereits vermeldet hatte, eine weitere Absage, die Arnesen angelastet würde.

Wieso wird diese Absage Arnesen angelastet? Arnesen hat diesen Transfer nie als fix vermeldet! Die Personalie wurde doch durch den Vorstoß von Hr. Jarchow gefährdet.

Zudem lese ich dann im gestrigen Matz Ab Blog folgende Passage:
Adler spricht von Erfahrung, von Haudegen. Und nach dem Vorfall um Slobodan Rajkovic (Faustkampf mit Heung Min Son sowie das Abendblatt-Interview) spricht Trainer Fink von einer neuen Situation, die noch einen neuen Innenverteidiger erfordert. Wir erinnern uns vielleicht noch alle: Vor diesem Rajkovic-Son-Boxkampf wollte der HSV noch einen Zehner und einen Achter, von einem Innenverteidiger war nie die Rede. Aber nun.

Nun Frage ich mich, ob die Berichterstattung um Abraham schon vergessen wurde. Diese Personalie wurde doch auch vom Abendblatt und dem Matz Ab Blog aufgenommen und drüber berichtet. Wie kann man nun zu der BErichterstattung kommen, dass von einem IV nie die Rede war? Mir vollkommen schleierhaft.

Über eine Antwort / Rückmeldung zu den beiden angesprochenen Punkten würde ich mich sehr freuen!

Sonnige Grüße

Ja, ich habe Angst, andere haben Sorgen. Ich bin immer wieder erstaunt, was die Leute so alles wissen. Und wen sie als Schuldigen ausgemacht haben. Das sind wahre Insider-Kenntnisse, die so nicht einmal ein Vorstandsmitglied hat. User, die solche Einblicke haben (oder ihre Meinung derart verkaufen), sind zu bewundern. Dass Carl-Edgar Jarchow der Schuldige ist – natürlich. Und wer noch alles . . .

Nein, nein, das ist (mir) alles viel zu einfach. Und ich veröffentliche eine solche Mail auch nur deshalb, damit andere User, die ebenfalls sehr viel oder auch schon alles wissen, eventuell mal in sich gehen. Und damit auch andere „Matz-abber“ mal sehen, wie man woanders über die derzeitige Lage des Klubs denken (und schreiben) kann.

Dazu gibt es noch einige andere Mails, nur auf eine möchte ich hier noch kurz eingehen. Ein Ausschnitt aus der Mail, die mich privat erreichte. Es geht dabei um die Kritik an Arnesen und Fink:

„Hallo Dieter, ich muß leider zugeben, hier wird leider auf die Falschen draufgehauen!!!
Wenn Herr Arnesen so wie oben geschrieben die Arbeit schwer gemacht wird, wenn er ständig neue Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt, wie soll da eine gute, zufriedenstellende Arbeit bei rauskommen???
Hier wird auf die Falsche eingedroschen, Herr Matz, oder Dieter, unser – oder das Grundübel, das Geschwür des HSV Ist der harte Kern des SC!!!

PS: Bitte höflichst um Stellungnahme

PPS: Ich kann und will nicht glauben, dass weder Herr Arnesen, noch Herr Fink von dir, bzw. Scholle „sturmreif geschossen” werden sollen!!!“

Ich kann dazu nur für mich sprechen: Ich habe weder eine Waffe die schießt, noch habe ich Frank Arnesen oder Thorsten Fink angegriffen. Ich will sie auch nicht „weghaben“. Ich möchte eigentlich nur, dass der HSV nicht noch einmal eine so schlechte Saison spielt, wie zuletzt, und ich will auch, dass der HSV endlich wieder viele, viele Erfolge feiert. Mehr nicht. Und wenn ich als Journalist sehe, dass hier und da etwas nicht rund läuft, dass es hier und dort noch hakt, dann ist es meine Aufgabe, das auch zu schreiben. Da ist es ganz egal, ob der HSV darauf eingeht, ob der HSV es mag, was ich schreibe, ob der Trainer, der Sportchef oder der Spieler es gerne haben, was ich denke – es ist ganz einfach mein Job. Und diesen übe ich nunmehr seit über 32 Jahren aus, Ende 2013 ist Schluss. Wenn ich so oft so krass daneben gelegen hätte, dann hätte ich sicherlich nicht bis 2013 schreiben dürfen, dann hätte der Verlag sicherlich schon eher ein Ende mit mir gefunden. Wobei ich niemandem verübeln werde, dass er eine andere Meinung hat. Das ist sogar gut so. Zweierlei aber stört mich allerdings doch: Kritik unterhalb der Gürtellinie – und wenn einer, den ich nie im Volkspark (auch in der Woche) oder beim HSV antreffe oder sehe, alles ganz genau weiß, was da so zwischen Trainer, Sportchef und Vorstand alles abläuft. Motto: „Der ist unschuldig, der ist schuldig!“ So etwas für „hundertprozentig“ zu halten und zu veröffentlichen, das ist schon sehr mutig.

So, und dann muss ich mich für einen Fauxpas entschuldigen. Ich hatte, wie oben bereits zu recht kritisiert, geschrieben, dass eigentlich kein Innenverteidiger geholt werden sollte. Das ist falsch. In der Tat wollte der HSV den Argentinier Abraham vom FC Basel, der dann zum FC Getafe ging, nach Hamburg holen. Für mich stellte es sich damals aber so dar, dass Abraham (ein ehemaliger Fink-Schützling) auf dem Markt war, und dass der HSV so nicht nur einen neuen Abwehrspieler bekommen hätte, sondern auch Heiko Westermann dadurch frei für die Sechser-Position werden würde. Als Abraham dann nicht kam, sah ich (nur ich!) Westermann wieder auf der Position des Innenverteidigers – aber offenbar hält Trainer Fink an seiner Idee fest – was ja auch absolut okay ist. Er hat die Verantwortung für den sportlichen Erfolg des HSV, er ganz allein.

Also noch einmal: Es war mein Fehler, dass ich einen Innenverteidiger in Abrede gestellt habe, und ich entschuldige mich dafür. Es war falsch, was ich schrieb.

PS: Ich lasse die mir zugeschickten Mails so, wie sie vom Verfasser ins Netz gestellt wurden, ich korrigiere nichts, denn ich möchte diese Schreiben in keiner Weise und in irgendeiner Form manipulieren.

Hiddink will Arnesen nach Russland lotsen – HSV siegt 6:0 in Norderstedt

27. Juli 2012

Das dürfte entlasten. „Den Kopf mal frei von Fußball“, freut sich Marcus Berg, „das ist gut.“ Immerhin geht es nach nunmehr knapp vier Wochen Vorbereitung in seine Heimat nach Schweden. Am Sonnabend um 5.30 Uhr startet der Bus von der Imtech-Arena gen Flughafen. Um 6.45 Uhr geht es per Flugzeug nach Oslo, wo die Mannschaft von einem Bus abgeholt und in die Wildnis geführt wird. „Ich habe den Jungs schon ein bisschen erzählt, was da los ist“, lacht Berg, „und der eine oder andere hat schon Angst.“ So, wie Michael Mancienne, der Angst vor dem unverhofften Besuch eines Bären hat…

Drei komplette Tage müssen sich die Spieler durch die Wildnis bis zu einem vereinbarten Zielpunkt durcharbeiten. Und das mit beschränkten Mitteln. Jeder Spieler darf nur eine zweite Garnitur der Trainingssachen mitnehmen, mit denen er losreist. Zudem hat jeder einen warmen Pulli und eine Regenjacke sowie ein zweites Paar Turnschuhe, zwei Handtücher, Zahnbürste und Zahncreme sowie drei Paar Socken und Unterhosen.

„In Schweden ist es richtig unangenehm im Moment“, sagt Berg, „tagsüber Regen und 12 Grad, nachts ist es sogar kalt.“ Klingt irgendwie witzig, meint Berg aber genau so. Dass er zu den beliebtesten Zeltnachbarn gehört ist klar. Immerhin verfügt er über die erforderlichen Grundkenntnisse. „Klar kann ich angeln und Kanu fahren“, sagt der Angreifer, „ich habe auch schon mal einen Elch ausgenommen.“ Wer sein Zeltkollege wird, wusste Berg noch nicht, dafür aber, welche Frage ihm die Kollegen am häufigsten gestellt haben. Denn die wollten wissen, wie man in der Wildnis seine Notdurft verrichtet. Berg formulierte es etwas platter, aber ich will Euch hier nicht mit Fäkalsprache schockieren…

Auf jeden Fall aber war zu erkennen, dass Berg sich durchaus auf den Trip freut. Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Teamkollegen. Wer Bergs Meinung nach Probleme bekommen könnte: „Ein Per Skjelbred kennt das alles, unser einziger Südamerikaner ist Tomas Rincon, der eher versucht, per Hand einen Elch zu erlegen. Ich glaube, am spannendsten wird es bei Jacopo Sala. Es wird nur ums Überleben gehen. Aber klar ist, dass diese Erfahrung uns ganz sicher noch enger zusammenschweißen wird.“

Wobei es für ihn aktuell spannend genug ist. Immerhin ist er nach zwei „durchwachsenen Jahren“ beim HSV, um es mal ganz vorsichtig zu formulieren, momentan bei Trainer Thorsten Fink die Nummer eins im Ein-Mann-Sturm. Und der Schwede weiß das, gibt sich damit aber längst nicht zufrieden. „Ich kenne die schwere Zeit, jetzt ist es mal anders. Aber dafür muss ich viel tun. Ich muss fit bleiben und meine Leistung bestätigen.“ Beim Heimspiel in Schweden ab morgen dürfte das ein leichtes für ihn werden – sportlich deutet viel darauf hin, dass dem Schweden nach Rudnevs und Son noch ein weiterer Stürmer als Konkurrenz an die Seite gestellt wird.

Zumindest ist dieser Wunsch von Trainer Fink beim Sportchef hinterlegt. Und der hat momentan viel zu tun, wirkt gehetzt. Telefonisch ist er weiterhin nicht erreichbar, dafür traf ich ihn heute auf dem Parkplatz in Norderstedt und nutzte die Gunst der Stunde. Ob es in Sachen Badelj schon Neues gibt? „Nein“, so Arnesen, „wir freuen uns auf einen guten Achter und sind weiter im Gespräch mit dem abgebenden Klub.“ Ob es in Sachen Zehner etwas Neues gibt? Immerhin waren heute immer wieder die Namen Stefan Babovic (Partizan Belgrad) und Alex de Souza (Fenerbahce Istanbul) zu lesen. Und bevor ich mich darauf einlasse und über etwaige Qualitäten schreibe, nehme ich Arnesens Antwort auf die Frage, ob die Namen beim HSV gehandelt werden: „Nein.“

Das war kurz und knackig. Und klar. Dagegen wurde es bei der Frage nach Rafael van der Vaart – dem wahrscheinlich nervigsten, weil unentschiedensten Thema. Angeblich, so hatte mir jemand heute gesagt, sei der HSV tatsächlich wieder/noch immer sehr hartnäckig an der Verpflichtung interessiert. Und während Arnesen nicht ausschließen wollte, dass der HSV mit van der Vaart im Gespräch ist, wollte er der Personalie aber nicht oberste Priorität zuordnen: „Da sind einfach zu viele Fragezeichen im Spiel.“ Mit Sicherheit vorrangig finanzieller Natur.

Aber damit nicht genug. Die viel interessantere Geschichte hatte ich am frühen Nachmittag gehört. Und ich gebe zu, ich hätte davon nicht ein Wort geschrieben, wenn ich nicht selbst mit Arnesen darüber hätte sprechen können. Denn dafür ist die Stimmung innerhalb des Vereins im Moment zu sehr gegen den Dänen. Immer wieder ist zu hören, dass Arnesen im Verein sehr kritisch beobachtet wird. Da kommen sogar noch detailliertere Beispiele, die ich allerdings eher der Kategorie Stimmungsmache zuordne und denen ich eher weniger Wahrheitsgehalt beimesse.

Das allerdings gilt nicht für die Information, dass Frank Arnesen, der im Moment im Dauerstress nach Neuen sucht, selbst begehrt ist. Und zwar bei seinem Uralt-Freund und Kumpel Guus Hiddink. Der ist aktuell beim (finanziell wie sportlich) aufstrebenden russischen Erstligisten Anzhi Makhachkala der Trainer. Für alle, die jetzt wie ich zuerst nachfrage: ‚Was oder wer ist das?’ hier die Antwort: Es ist der Klub, der unter anderem Nationalspieler wie Yuri Zhirkov (Russland) und Supertalente wie den 22-jährigen Ivorer Lacina Traoré unter Vertrag hat. Zudem steht bei dem Hiddink-Klub ein gewisser Samuel Eto’o unter Vertrag, der angeblich mit 20 Millionen Euro bestbezahlte Fußballspieler der Welt.

Aber egal, auf jeden Fall habe ich Arnesen direkt danach gefragt. Ob er gehört habe, dass es dort Interesse gibt? Seine erste Antwort: „Ich denke über nichts anderes nach als über den HSV.“ Okay, dann noch ein Versuch: Ob er von seinem guten Freund Hiddink gehört habe, dass Anzhi Makhachkala Interesse hätte? „Ja, aber das interessiert mich jetzt gar nicht. Ich bin beim HSV.“

Und da hat er viel Arbeit vor sich. Badelj soll früher kommen können und ein Zehner soll dazu verpflichtet werden. Zudem muss Slobodan Rajkovic (trainiert während des Schweden-Trips in Hamburg mit dem Rekonvaleszenten Zhi Gin Lam) verkauft und für ihn ein neuer Innenverteidiger gefunden werden. Ob er den aktuellen HSV auch ohne neuen Spielmacher für ausreichend besetzt hielte? „Wir sind nicht schlechter, falls Du das meinst“, war die genervte Antwort, wobei ich mich nicht attackiert fühlen solle, wie Arnesen sagte. Er habe sich einfach schon zu oft erklären müssen, warum bislang mehr Qualität verkauft als eingekauft wurde.

Wobei das Spiel in Norderstedt vor 1800 Zuschauern heute Abend durchaus die Frage legitimierte. Denn obgleich Maxi Beister den HSV schnell nach acht Minuten mit einem 25-Meter-Hammer 1:0 in Führung gebracht hatte, schwamm der HSV bei schnellen Kontern – wobei gesagt werden muss, dass neben Jeffrey Bruma der gänzlich Bundesliga-unerfahrene Christian Norgaard agierte. Dennoch konnte das defensive Mittelfeld die entscheidenden Pässe nicht unterbinden und so kam es, dass der pfeilschnelle portugiesische Angreifer Ivan Sa Borges-Dju zu guten und sogar sehr guten Einschussmöglichkeiten kam und in der 24. Minute sogar allein auf HSV-Keeper Tom Mickel zulief – allerdings vertändelte er. Statt des Ausgleichs fiel in der 22. Minute nach Beister-Vorlage auf Robert Tesche das 2:0 für den HSV, der in der Halbzeit auf neun Positionen wechselte – und besser wurde.

Logische Konsequenz war das 3:0 durch Rudnevs, der einen Westermann-Querpass nur noch über die Linie zu schieben brauchte. In der Folge wurden auch die besten Gelegenheiten liegen gelassen. Trotzdem trafen Son nach Pass von Arslan zum 4:0 (75.), Jacopo Sala nach einem Missverständnis in der Abwehr des Oberligisten zum 5:0 (80.) und Arslan zum 6:0 (89.).

Scholle

HSV, 1. Halbzeit: Mickel – Diekmeier, Bruma, Norgaard, Sternberg – Steinmann, Skjelbred – Beister, Tesche, Jansen – Berg.
2. Hz.: Neuhaus – Norgaard, Mancienne, Sternberg, Aogo – Westermann, Sala – Son, Arslan, Ilicevic – Rudnevs.

Arnesen einigt sich mit Zagreb auf Badelj-Transfer

26. Juli 2012

Hitzefrei. Das hätte was. Hab ich mir jedenfalls für mich so gedacht. Dass dem mitnichten so würde – war klar. Und auch Trainer Thorsten Fink schien sein Pensum am heutigen Trainingstag den Temperaturen nicht wirklich anpassen zu wollen. Im Gegenteil: Mit hartem Zirkeltraining schien er den einen oder anderen Profi (Beister, Skjelbred) schon am Vormittag in die Knie zu zwingen. Ein Härtetest – zumal der Survival-Trip nach Schweden unmittelbar bevorsteht. Eine Reise, die der Mannschaft hoffentlich das lehrt, was sie in der Saison brauchen wird: Willen.

Wobei Fink den bei seiner Mannschaft erkannt hat. Immer wieder betont der Trainer, dass die Mannschaft charakterlich wachse und während der bisherigen Vorbereitung – insbesondere beim Peace Cup in Südkorea – den absoluten Willen zu Siegen gezeigt hat. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, wird der HSV-Trainer nicht müde zu wiederholen – und heute hatte er tatsächlich mal richtig Grund zur Freude. Denn mit Milan Badelj und dessen Klub Dinamo Zagreb ist Einigkeit erzielt worden. Der 23-Jährige, der gestern durch ein eher glückliches 3:2 in die nächste Champions-League-Quali-Runde eingezogen ist, unterschreibt demnach in den nächsten tagen einen Dreijahresvertrag beim HSV. Der Haken dabei: Badelj soll für Zagreb noch die weiteren Quali-Spiele spielen. „Wir sind uns grundsätzlich einig, dass Badelj spätestens zum 30. August zu uns wechselt“, ließ HSV-Mediendirektor Jörn Wolf vom Sportchef Frank Arnesen ausrichten, der heute erst um 12 Uhr aus Zagreb zurückgekehrt war. Am Dienstag hatte sich der Däne in Zagreb mit den Verantwortlichen getroffen, nachdem Fenerbahce Istanbul dem Vernehmen nach Badelj ein besseres Angebot als der HSV unterbreitet haben sollte. Arnesen verhandelte – offenkundig erfolgreich – und sah sich am Abend noch Badelj live im Quali-Spiel gegen den bulgarischen Klub Ludogretz Razgad an, in dem sich Zagreb nur knapp mit 3:2 einer Blamage entziehen konnte.

Dennoch, Badelj spielte gut. Im Internet war das Spiel live zu sehen und auch heute noch könnt Ihr Euch die entscheidenden Szenen ansehen – an den Badelj allerdings nicht beteiligt war. Dennoch agierte der Kapitän auch als solcher und übernahm bei den Kroaten im Mittelfeld das Kommando. Ohne selbst zu hohes Tempo zu besitzen, agierte Badelj als Taktgeber. „Ich werde erst etwas über ihn sagen, wenn der Vertrag unterschrieben ist“, ließ sich Fink heute kein eigenes Statement zum ersten Mittelfeldzugang entlocken.

Und obwohl der HSV weiter alles daran setzt, seinen Neuen möglichst bald in Hamburg präsentieren und vor allem in die Mannschaft einbauen zu können, scheint es schwierig zu werden. Trotz der stolzen Summe von nunmehr 4,5 Millionen Euro Ablösesumme muss der HSV warten, hat sein Glück nicht selbst in der Hand. „Hab Geduld, wir arbeiten alle emsig an unserer Zukunft und haben einen Plan“, hatte Fink mir gestern gesagt und er fügte heute hinzu: „Wir machen das Richtige. Und wenn es erst etwas später etwas wird, dann ist das so. Aber uns ist der Charakter sehr wichtig, wir wollen eben keine Söldner. Deswegen dauert es etwas länger.“

Nur, wie lange hat dieser HSV noch Zeit? Am 19. August steigt der Pokalfight beim Drittligisten Karlsruher SC. Das sind noch 24 Tage. Eine Woche später ist Bundesligaauftakt – und bis dahin dürfte Fink Probleme bekommen, seine Mannschaft mit Badelj und all den Neuen, die dann noch kommen sollen (meiner Meinung nach müssen!) einzuspielen. Oder soll der jetzige Stamm die von allen Trainern und Spielern als so besonders wichtig titulierte Startphase meistern?

Hoffentlich nicht.

Denn bislang hat die Mannschaft, und das ist kein Schwarzmalen sondern ein bedachter Hinweis, an Qualität eingebüßt. Das ist so. Und das wissen auch beim HSV alle. Dass ein Töre für rund sechs Millionen Euro verkauft wurde ist okay, wenn man bedenkt, dass der Deutsch-Türke bis zum Schluss Probleme hatte, sich zu integrieren – zumindest sportlich. Dass heute Macauley Chrisantus zum Medizincheck nach Las Palmas geflogen ist, ist bei rund 50000 Euro Ablösesumme vielleicht eher eine Randnotiz. Der Verkauf von Paolo Guerrero indes nicht. Rund fünf Millionen Euro kassierte der HSV. Die 50 Prozent Verkaufsbeteiligung von Chelsea an Töre einberechnet, kassierte der HSV somit rund acht Millionen Euro. Und ziemlich genau diese Summe verschlingen die Transfers von Artjoms Rudnevs und Milan Badelj. Und auch wenn ich der HSV-Führung recht gebe, dass sowohl Töre als auch Guerrero nicht zwingend einfach zu führende Spieler waren – ob der HSV dadurch stärker geworden sind, mag ich noch nicht abschließend zu beurteilen. Finanziell bleibt allerdings kaum noch etwas übrig, da auch das 3,5-Millionengehalt Guerreros auf Rudnevs und Badelj aufgeteilt wurde. Die 220000 Euro Jahresgage Töres fällt da eher weniger ins Gewicht.

Dennoch plant der HSV noch einen guten Zehner zu holen. Nachdem ich heute erneut einen Anruf bekommen habe, in dem mir mitgeteilt wurde, dass Michael Ballack in der Stadt ist, muss ich eines klarstellen: Michael Ballack hatte vor einigen Jahren tatsächlich engeren Kontakt zum HSV, wechselte damals aber zu Bayer Leverkusen. Und das, obwohl er damals wie heute eine Wohnung in der Hafencity besaß. Insofern, das lassen auch die Auskünfte des HSV vermuten, ist Ballack nicht die Lösung auf der Zehn.

Aber wer weiß. Auch Raffael, der für zehn Millionen Euro (plus eine Erfolgsprämie bis zu vier Millionen!!!) nach Kiew wechselt, wurde zunächst ausgeschlossen und war dann wieder Thema.

Allerdings glaube ich nicht an die Lösung mit einem Spieler, dem von vielen Seiten nur noch bedingte Bundesligatauglichkeit attestiert wird. Ich bin hier in der Formulierung bewusst vorsichtig, weil ich Ballacks Fitnessstand nicht beurteilen kann – aber wirklich positive Stimmen sind zu der Personalie nicht zu vernehmen.

Dennoch bleibt es für mich die Personalie schlechthin: die Zehn. Denn selten beim HSV habe ich eine Vorbereitung miterlebt, in der sich so viel Hoffnung auf eine neue Personalie stützte. Und ehrlich gesagt, macht mich das sehr, sehr skeptisch. Denn was soll ein einzelner Spieler leisten, um den großen Erwartungen gerecht werden zu können. Einen Platz in den Top-Ten geben die Verantwortlichen intern als Ziel aus. Allerdings, und da wiederum bin ich mir sicher, reicht dafür nicht Badelj und ein Zehner – dafür muss der HSV insbesondere in der Innenverteidigung und im Sturmzentrum zulegen.

Wenn das mit Bordmitteln gelingt – okay. Aber danach sieht es momentan eher nicht aus. Leider nicht.

Gute Nachrichten kommen dagegen von Tomas Rincon, dessen Schienbeinverletzung nicht operiert werden muss. Der Venezolaner soll konservativ behandelt werden und muss so „nur“ noch gut sechs Wochen pausieren. Und im Gegensatz zu Zhi Gin Lam (Fink: „Er soll sich hier optimal vorbereiten und auskurieren, damit er möglichst bald wieder angreift“) reist Rincon sogar mit in die schwedische Wildnis.

Allerdings stehen noch zwei wichtige Einheiten bevor. Die erste steigt morgen um zehn Uhr an der Imtech-Arena, die zweite am Abend um 18.30 Uhr im Edmund-Plambeck-Stadion in Norderstedt beim Test gegen die dort beheimatete Eintracht. „Ich werde abends jeden eine Halbzeit spielen lassen“, so Fink.

In diesem Sinne, bis morgen. Vielleicht ja schon mit dem neuen Zehner? Es wäre zu schön…

Scholle

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