Tagesarchiv für den 27. Juli 2012

Hiddink will Arnesen nach Russland lotsen – HSV siegt 6:0 in Norderstedt

27. Juli 2012

Das dürfte entlasten. „Den Kopf mal frei von Fußball“, freut sich Marcus Berg, „das ist gut.“ Immerhin geht es nach nunmehr knapp vier Wochen Vorbereitung in seine Heimat nach Schweden. Am Sonnabend um 5.30 Uhr startet der Bus von der Imtech-Arena gen Flughafen. Um 6.45 Uhr geht es per Flugzeug nach Oslo, wo die Mannschaft von einem Bus abgeholt und in die Wildnis geführt wird. „Ich habe den Jungs schon ein bisschen erzählt, was da los ist“, lacht Berg, „und der eine oder andere hat schon Angst.“ So, wie Michael Mancienne, der Angst vor dem unverhofften Besuch eines Bären hat…

Drei komplette Tage müssen sich die Spieler durch die Wildnis bis zu einem vereinbarten Zielpunkt durcharbeiten. Und das mit beschränkten Mitteln. Jeder Spieler darf nur eine zweite Garnitur der Trainingssachen mitnehmen, mit denen er losreist. Zudem hat jeder einen warmen Pulli und eine Regenjacke sowie ein zweites Paar Turnschuhe, zwei Handtücher, Zahnbürste und Zahncreme sowie drei Paar Socken und Unterhosen.

„In Schweden ist es richtig unangenehm im Moment“, sagt Berg, „tagsüber Regen und 12 Grad, nachts ist es sogar kalt.“ Klingt irgendwie witzig, meint Berg aber genau so. Dass er zu den beliebtesten Zeltnachbarn gehört ist klar. Immerhin verfügt er über die erforderlichen Grundkenntnisse. „Klar kann ich angeln und Kanu fahren“, sagt der Angreifer, „ich habe auch schon mal einen Elch ausgenommen.“ Wer sein Zeltkollege wird, wusste Berg noch nicht, dafür aber, welche Frage ihm die Kollegen am häufigsten gestellt haben. Denn die wollten wissen, wie man in der Wildnis seine Notdurft verrichtet. Berg formulierte es etwas platter, aber ich will Euch hier nicht mit Fäkalsprache schockieren…

Auf jeden Fall aber war zu erkennen, dass Berg sich durchaus auf den Trip freut. Im Gegensatz zu dem einen oder anderen Teamkollegen. Wer Bergs Meinung nach Probleme bekommen könnte: „Ein Per Skjelbred kennt das alles, unser einziger Südamerikaner ist Tomas Rincon, der eher versucht, per Hand einen Elch zu erlegen. Ich glaube, am spannendsten wird es bei Jacopo Sala. Es wird nur ums Überleben gehen. Aber klar ist, dass diese Erfahrung uns ganz sicher noch enger zusammenschweißen wird.“

Wobei es für ihn aktuell spannend genug ist. Immerhin ist er nach zwei „durchwachsenen Jahren“ beim HSV, um es mal ganz vorsichtig zu formulieren, momentan bei Trainer Thorsten Fink die Nummer eins im Ein-Mann-Sturm. Und der Schwede weiß das, gibt sich damit aber längst nicht zufrieden. „Ich kenne die schwere Zeit, jetzt ist es mal anders. Aber dafür muss ich viel tun. Ich muss fit bleiben und meine Leistung bestätigen.“ Beim Heimspiel in Schweden ab morgen dürfte das ein leichtes für ihn werden – sportlich deutet viel darauf hin, dass dem Schweden nach Rudnevs und Son noch ein weiterer Stürmer als Konkurrenz an die Seite gestellt wird.

Zumindest ist dieser Wunsch von Trainer Fink beim Sportchef hinterlegt. Und der hat momentan viel zu tun, wirkt gehetzt. Telefonisch ist er weiterhin nicht erreichbar, dafür traf ich ihn heute auf dem Parkplatz in Norderstedt und nutzte die Gunst der Stunde. Ob es in Sachen Badelj schon Neues gibt? „Nein“, so Arnesen, „wir freuen uns auf einen guten Achter und sind weiter im Gespräch mit dem abgebenden Klub.“ Ob es in Sachen Zehner etwas Neues gibt? Immerhin waren heute immer wieder die Namen Stefan Babovic (Partizan Belgrad) und Alex de Souza (Fenerbahce Istanbul) zu lesen. Und bevor ich mich darauf einlasse und über etwaige Qualitäten schreibe, nehme ich Arnesens Antwort auf die Frage, ob die Namen beim HSV gehandelt werden: „Nein.“

Das war kurz und knackig. Und klar. Dagegen wurde es bei der Frage nach Rafael van der Vaart – dem wahrscheinlich nervigsten, weil unentschiedensten Thema. Angeblich, so hatte mir jemand heute gesagt, sei der HSV tatsächlich wieder/noch immer sehr hartnäckig an der Verpflichtung interessiert. Und während Arnesen nicht ausschließen wollte, dass der HSV mit van der Vaart im Gespräch ist, wollte er der Personalie aber nicht oberste Priorität zuordnen: „Da sind einfach zu viele Fragezeichen im Spiel.“ Mit Sicherheit vorrangig finanzieller Natur.

Aber damit nicht genug. Die viel interessantere Geschichte hatte ich am frühen Nachmittag gehört. Und ich gebe zu, ich hätte davon nicht ein Wort geschrieben, wenn ich nicht selbst mit Arnesen darüber hätte sprechen können. Denn dafür ist die Stimmung innerhalb des Vereins im Moment zu sehr gegen den Dänen. Immer wieder ist zu hören, dass Arnesen im Verein sehr kritisch beobachtet wird. Da kommen sogar noch detailliertere Beispiele, die ich allerdings eher der Kategorie Stimmungsmache zuordne und denen ich eher weniger Wahrheitsgehalt beimesse.

Das allerdings gilt nicht für die Information, dass Frank Arnesen, der im Moment im Dauerstress nach Neuen sucht, selbst begehrt ist. Und zwar bei seinem Uralt-Freund und Kumpel Guus Hiddink. Der ist aktuell beim (finanziell wie sportlich) aufstrebenden russischen Erstligisten Anzhi Makhachkala der Trainer. Für alle, die jetzt wie ich zuerst nachfrage: ‚Was oder wer ist das?’ hier die Antwort: Es ist der Klub, der unter anderem Nationalspieler wie Yuri Zhirkov (Russland) und Supertalente wie den 22-jährigen Ivorer Lacina Traoré unter Vertrag hat. Zudem steht bei dem Hiddink-Klub ein gewisser Samuel Eto’o unter Vertrag, der angeblich mit 20 Millionen Euro bestbezahlte Fußballspieler der Welt.

Aber egal, auf jeden Fall habe ich Arnesen direkt danach gefragt. Ob er gehört habe, dass es dort Interesse gibt? Seine erste Antwort: „Ich denke über nichts anderes nach als über den HSV.“ Okay, dann noch ein Versuch: Ob er von seinem guten Freund Hiddink gehört habe, dass Anzhi Makhachkala Interesse hätte? „Ja, aber das interessiert mich jetzt gar nicht. Ich bin beim HSV.“

Und da hat er viel Arbeit vor sich. Badelj soll früher kommen können und ein Zehner soll dazu verpflichtet werden. Zudem muss Slobodan Rajkovic (trainiert während des Schweden-Trips in Hamburg mit dem Rekonvaleszenten Zhi Gin Lam) verkauft und für ihn ein neuer Innenverteidiger gefunden werden. Ob er den aktuellen HSV auch ohne neuen Spielmacher für ausreichend besetzt hielte? „Wir sind nicht schlechter, falls Du das meinst“, war die genervte Antwort, wobei ich mich nicht attackiert fühlen solle, wie Arnesen sagte. Er habe sich einfach schon zu oft erklären müssen, warum bislang mehr Qualität verkauft als eingekauft wurde.

Wobei das Spiel in Norderstedt vor 1800 Zuschauern heute Abend durchaus die Frage legitimierte. Denn obgleich Maxi Beister den HSV schnell nach acht Minuten mit einem 25-Meter-Hammer 1:0 in Führung gebracht hatte, schwamm der HSV bei schnellen Kontern – wobei gesagt werden muss, dass neben Jeffrey Bruma der gänzlich Bundesliga-unerfahrene Christian Norgaard agierte. Dennoch konnte das defensive Mittelfeld die entscheidenden Pässe nicht unterbinden und so kam es, dass der pfeilschnelle portugiesische Angreifer Ivan Sa Borges-Dju zu guten und sogar sehr guten Einschussmöglichkeiten kam und in der 24. Minute sogar allein auf HSV-Keeper Tom Mickel zulief – allerdings vertändelte er. Statt des Ausgleichs fiel in der 22. Minute nach Beister-Vorlage auf Robert Tesche das 2:0 für den HSV, der in der Halbzeit auf neun Positionen wechselte – und besser wurde.

Logische Konsequenz war das 3:0 durch Rudnevs, der einen Westermann-Querpass nur noch über die Linie zu schieben brauchte. In der Folge wurden auch die besten Gelegenheiten liegen gelassen. Trotzdem trafen Son nach Pass von Arslan zum 4:0 (75.), Jacopo Sala nach einem Missverständnis in der Abwehr des Oberligisten zum 5:0 (80.) und Arslan zum 6:0 (89.).

Scholle

HSV, 1. Halbzeit: Mickel – Diekmeier, Bruma, Norgaard, Sternberg – Steinmann, Skjelbred – Beister, Tesche, Jansen – Berg.
2. Hz.: Neuhaus – Norgaard, Mancienne, Sternberg, Aogo – Westermann, Sala – Son, Arslan, Ilicevic – Rudnevs.