Tagesarchiv für den 25. Juli 2012

Mein Gott, was gibt es noch alles zu tun!

25. Juli 2012

HSV-Trainer Fink will neue Leute, klar. Wer will die nicht? Die Fans fordern neue Leute, und auch Torwart Rene Adler gab am Dienstag zu verstehen, dass der HSV noch Verstärkungen braucht. Der neue Keeper übernimmt nicht nur während des Spiels Verantwortung, sondern auch außerhalb des Spielfeldes. Adler wird dem HSV ganz sicher sehr gut tun, keine Frage. Und er sagt: „Es ist bestimmt nicht Aufgabe der Spieler, aber wir brauchen noch Leute. Einen Mittelfeldspieler und vielleicht einen Innenverteidiger. Am besten einen Haudegen mit Bundesliga-Erfahrung.“

Ja, das sehe ich ebenso. Obwohl ich speziell darauf erst gegen Ende des Beitrags eingehen möchte. Nur so viel: Adler spricht von Erfahrung, von Haudegen. Und nach dem Vorfall um Slobodan Rajkovic (Faustkampf mit Heung Min Son sowie das Abendblatt-Interview) spricht Trainer Fink von einer neuen Situation, die noch einen neuen Innenverteidiger erfordert. Wir erinnern uns vielleicht noch alle: Vor diesem Rajkovic-Son-Boxkampf wollte der HSV noch einen Zehner und einen Achter, von einem Innenverteidiger war nie die Rede. Aber nun.

Dabei wäre eine andere Lösung für mich viel naheliegender. Auch auf die Gefahr hin, dass es hier wieder einen Sturm der Entrüstung geben sollte, ich schreibe es trotzdem. Denn die schweigende Mehrheit wird auf meiner Seite sein, das weiß ich ganz genau: Holt David Jarolim aus seinem Urlaub zurück, der Tschehche hat noch keinen neuen Verein (soviel ich weiß), und er könnte den Serchser geben – und Heiko Westermann den einen gesuchten Innenverteidiger. Dem HSV wäre damit gedient. Zumal ja auch noch Tomas Rincon ausfallen wird – wie lange, das weiß noch niemand. Und so wie „Jaro“ bei seinem Abschied gefeiert wurde, so weiß der HSV auch auf jeden Fall, dass er einen verdienstvollen Haudegen wieder im Kampf gegen den Abstieg einsetzen kann – und jederzeit zur Verfügung hat.
Da müssen eben nur einige Herren mal über ihre Schatten springen . . .

Auch diejenigen, die nun wieder „Matz ab“ (und mich) zum Teufel wünschen. Ich sage allen, auch meinen (und „Jaros“) Feinden: es kann mit einer solchen Lösung nicht schlechter werden. Und der HSV könnte noch etwas für ganz vorne tun, aber auch dazu noch später.

Erst einmal noch zum Dienstag und zum FC Barcelona. Thorsten Fink war richtig angefressen nach der 1:2-Niederlage. Ganz nüchtern aber stellte er fest: „Wir wollen nicht nach Ausreden suchen, doch bei drei Spielen in drei Tagen und sieben Stunden Zeitunterschied fehlte meiner Mannschaft die Frische. Das ist ganz normal nach einer solchen langen Reise. Und wir sind sehr enttäuscht, dass Messi nicht kam. Barcelona hat trotzdem eine gute Mannschaft, die können alle Fußball spielen, das hat man gesehen. Und alle beherrschen das System. Ich denke aber mal, dass die Fans das Beste aus diesem Spiel gemacht haben“, sagte der HSV-Trainer nach dem Spiel gegen die katalanische Nachwuchself.

Erst am Abend zuvor waren die Hanseaten vom gewonnenen Peace Cup in Südkorea zurückgekehrt und wirkten alles andere als ausgeschlafen. Und die ARD übertrug live! Die Sendeanstalt erreichte mit der Übertragung im Vorabendprogramm 1,27 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 8,3 Prozent – und ist richtig schön sauer, denn: Es dürfte einzigartig in der ARD-Geschichte sein, dass ein solcher Kick gezeigt wurde. Eine zweite oder sogar dritte Vertretung des FC Barcelona „hüpft“ da im Volkspark über den Rasen – da dürfte es noch ein tüchtiges Säbelrasseln geben, beim Ersten.

Mit dem Ausfall von Superstar Lionel Messi spart der HSV 400 000 Euro und will mit einem Fanfest im September die enttäuschten Anhänger entschädigen. Zudem prüft der Klub den Vertrag mit dem Champions-League-Sieger von 2011, ob tatsächlich noch 800 000 Euro für den Eintagestrip überwiesen werden müssen. Eigentlich war und ist es ja ein Unding, dieser Tagesausflug des FC Barcelona nach Hamburg. So steril wie diesmal war es wohl noch nie. Dass der Zuckerjung Messi in Zuckerwatte gepackt wird, das war zwar irgendwie zu erwarten (solche Stimmen waren heute doch überall zu hören, oder?), aber das da eine solche Truppe aufläuft, das ist schon ein Stück aus dem Tollhaus.

Wenn das die Zukunft des großen europäischen Fußballs ist, dann gute Nacht. Das ist – sorry, aber es muss so krass gesagt werden – die reinste Verarschung, in der Tat. Da schicken die Katalanen während der Europameisterschaft extra ein vielköpfiges Organisationsteam in den Volkspark, damit alles bis ins letzte und kleinste Detail geklärt ist: Was in der Kabine zu sein hat, der Wachdienst im und vor dem Hotel, was es zu trinken geben muss, wie lang der Rasen in Zentimetern nur sein darf, und, und, und. Und dann kommt da eine solche Vertretung. Und diese wird dann so abgeschirmt, als käme da ein ganz, ganz großer Pop-Star nach Hamburg. Nur ja keine Berührung mit dem Volk: Raus aus dem Flieger, rein ins Hotel, raus aus dem Hotel, rein in den Bus, ab in den Volkspark, rauf auf den Rasen, spielen, gewinnen, rein in den Bus – und weg! Alles kurz und schmerzlos und ohne eine Spur zu hinterlassen.

Das ist das Hinterletzte! Und so wird der internationale Freundschaftsspiel-Fußball nicht nur mit Füßen getreten, sondern auch zu Tode getrampelt!

Immerhin: Der HSV dürfte gelernt haben. Eine solche Geburtstagsfeier mit einem solchen höchst neutralen und unnahbaren Gast wird es wohl nie wieder geben.
Hoffentlich.

Zurück zum Dienstag: Thorsten Fink nahm seine Profis nach dem Spiel aber in Schutz und verteidigte die bisher zurückhaltende Einkaufspolitik. Zufrieden war er mit dem Gezeigten trotz allem nicht. Der 44-Jährige machte unmissverständlich klar, dass er mindestens noch einen Spielmacher, einen dahinter für das Mittelfeld und eigentlich auch einen Innenverteidiger haben will: „Das ist ja aber auch alles bekannt. Jetzt müssen wir nur sehen, welche Mittel vorhanden sind und dann Entscheidungen treffen.“ Zum Stand der Vorbereitung des HSV sagte der Coach: „Wir haben in Südkorea drei gute Spiele gemacht. Und das vom Vorstand ausgegebene Ziel, das Turnier dort zu gewinnen, haben wir auch erreicht . . .“

Zu den noch vorhandenen Mitteln kommen nun auch noch die Millionen, die es aus dem heutigen Verkauf des kräftigen Dribbelkünstlers Gökhan Töre gibt. Der Deutsch-Türke wird, wie erwartet. für etwa sechs Millionen Euro (die Hälfte bekommt Chelsea) zu Rubin Kazan wechseln. Dazu gibt es 1,23 Millionen Euro vom Peace Cup, plus die Einnahmen aus dem Barca-Spiel – es müsste also etwas möglich sein. Obwohl es schwer werden dürfte. Nun droht sogar der Transfer des Kroaten Milan Badelj von Dynamo Zagreb in letzter Minute zu scheitern, weil plötzlich Fenerbahce Istanbul mehr als 3,5 Millionen Euro bietet . . . Sportchef Frank Arnesen hält (und hielt) sich am Mittwoch in Zagreb auf, um noch zu retten, was noch zu retten ist.

„Wir lassen uns nicht reinreden, die Transferperiode dauert noch lange“, verteidigte Fink die verhaltene Vereinspolitik. Das mag ja auch alles stimmen, aber später, im Laufe der Saison, könnte das auch schnell wieder als Ausrede herhalten (müssen): „Wir sind nur deshalb so schlecht gestartet, weil wir die vielen neuen Spieler erst einen Tag vor Saisonbeginn verpflichtet haben. So konnte sich keine Einheit einspielen, darauf müssen wir nun in den nächsten Wochen stark hoffen . . .“

Jawoll, meine Herren, das haben wir in den letzten Jahren zu oft hören müssen. Und ich kann die Fans verstehen, denen diese Ausreden so ganz langsam zum Hals heraus hängen. Mir jedenfalls geht es so.

Aber vielleicht hilft ja auch der „Elch-Test“ ein wenig – der in Schweden. Um die Mannschaft noch enger zusammenrücken zu lassen, fährt der HSV am Sonnabend erstmals in ein Überlebenscamp in den Norden Europas. Auf Nehbergs Spuren. „Wir brauchen auch einmal eine körperliche Pause“, sagt Thorsten Fink, der seine Schützlinge in der Natur mit ganz anderen Gefahren als üblich konfrontieren wird. Zum Teambuilding gehöre, dass einzelne Mannschaftsteile enger zusammenrücken. So wird sich die Abwehrreihe um den Proviant kümmern, die anderen um die Zelte, die andere und die Kajaks. Fink: „Das wird sicherlich eine wertvolle Erfahrung für alle. Die neuen Spieler werden noch mehr integriert, wir müssen dort an unsere Grenzen gehen.“

Um dann später in der Bundesliga in jedem Spiel an die Grenzen gehen zu können. Denn eines steht für mich fest: der HSV wird eine ähnlich schwere Saison haben, wie zuletzt 2011/12. Und wer glaubt, dass es mit einem Achter, einem Zehner und einem Innenverteidiger getan ist, der ist in meinen Augen ein großer Träumer, denn: Der HSV benötigt mindestens noch einen Stürmer. Ich hätte, um mal ein Beispiel zu geben, sogar einen Mann wie Sandro Wagner geholt, der nun bei Werder ausgemustert wurde und dann zu Hertha BSC ging. Ein solcher Mann wäre schon wertvoll für den HSV gewesen. Wer aber diese (jetzige) Sturm-Schwäche nicht erkennt, obwohl sie gegen Barcelona deutlich zu sehen war, oder wer sie ganz einfach nicht sehen will, der muss sich dann eben in der Saison davon negativ überraschen lassen. Aber dann könnte das Kind schon längst in den Brunnen gefallen sein.

Und wer gedacht hatte, dass der HSV (Frank Arnesen) mit Artjoms Rudnevs einen neuen Edin Dzeko (nur als Beispiel – weil den einst Felix Magath aus dem Untergrund hervorzauberte) entdeckt hätte, der konnte sich davon am Dienstag mal selbst ein erstes richtiges Bild davon machen. Da kommt kein neuer Dzeko. Da kam ein neuer Mann, der noch viel, viel zu lernen hat. Und ich denke immer daran zurück, dass mir gegen Saisonende, als der HSV noch einmal mit Lech Posen „nachverhandeln“ musste, drei Polen, die beim HSV spielen, sagten: „Der gute Rudnevs ist keine 3,2 Millionen Euro wert, der ist 3,2 Millionen Zloty wert – wenn es hoch kommt.“ Aber mal abwarten. Immerhin war Rudnevs weitaus billiger, geradezu ein Schnäppchen, gegenüber Marcus Berg. Und der ist ja nun der große Hoffnungsträger im HSV-Angriff.

Apropos: Wie es zurzeit um den HSV bestellt ist, hat auch in Ansätzen dieses Spiel gegen Barcelona gezeigt. Was wäre wohl gewesen, wenn der HSV auf den „echten“ FC Barcelona getroffen wäre, also einen FC Barcelona tatsächlich mit allen Stars? Das wäre wohl eine absolute Vernichtung gewesen – oder geworden. So aber war es so, dass die Spanier insgesamt neun Spieler ein- und auswechselten. Doch selbst die C-Elf, die in der zweiten Hälfte sogar phasenweise in Unterzahl spielte, da Vilanova zunächst niemanden mehr auf der Bank hatte, um den verletzten Marc Muniesa zu ersetzen, konnte mit dem HSV mithalten. Das sollte allen, die es gut mit dem HSV meinen, stark zu denken geben. Trotz des Südkorea-Fluges, trotz der Zeitzonen, trotz der drei Spiele in Asien, trotz der Tatsache, dass die Bundesliga erst in vier Wochen starten wird.

Mein Gott, was gibt es beim HSV noch alles zu tun!

PS: Mir tun natürlich auch die vielen Fans des HSV Leid, die auf die Mogelpackung FC Barcelona hereingefallen sind. Viel Geld für nix. Und dazu dann noch die erhöhten Getränke-Preise – ein Top-Zuschlag für den FC Barcelona. Prost!

Was ein HSV-Fan an diesem Tag so alles erlebt hat, schilderte uns heute ein Mann – per Mail – sehr eindrucksvoll. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere HSV-Anhänger ja wieder:

“Guten Tag,

kurz aber dennoch zusammenfassend möchte ich Ihnen den Bericht meines gestrigen Tages zur Kenntnis geben:

Um 16.35 startete ich mit dem Auto von der Hudtwalckerstraße Richtung Volksparkstadion. Gelangweilte Polizisten sperrten Straßen ab, saßen rauchend in ihren Peterwagen und kümmerten sich um alles, nur nicht um den Verkehr. So saß ich 90 Minuten später auf meinem Platz für 32 Euro. Neben mir mein seit Mittag total frustrierter Sohn, der ins Stadion wollte, um Lionel Messi zu sehen.

Die Sitze, Block 18C, Reihe 5, Sitz 17 und 16 waren derart dreckig, dass man sich nicht wirklich setzen mochte. Eine Mischung aus Ketchup, Senf, frischer Zigarettenasche und eine gräuliche Schicht aus nicht mehr wirklich Definierbarem. Lecker! 32 Euro!!!

Sieben Minuten vor Halbzeit machte ich mich auf den Weg, um zwei Bratwürste für mich und meinen Sohn zu organisieren. Die Mannschaft des HSV mühte sich auf dem Feld redlich, lag dennoch 1:2 zurück. Vor mir standen ca. 17 weitere Stadionbesucher, die den gleichen Gedanken hatten wie ich. Der Herr mit den Bratwürsten an der Kasse mühte sich, ähnlich redlich wie die Hamburger Mannschaft, immer wieder aufs Neue drei Euro plus drei Euro, oder drei Euro plus drei Euro plus drei Euro zusammen zu rechnen, was ihm dann auch bei jedem Kunden in der Schlange nach etwa zwei Minuten gelang. So war ich rechtzeitig zehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit wieder auf meinem Platz.

Über den Toilettenbesuch mit meinem Sohn möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen . . .

Der Trainer des HSV meinte zur Halbzeit wohl etwas tun zu müssen und schickte, von mir zunächst unbemerkt in der Halbzeit auch die zweite Mannschaft auf den Platz. Barcelona spielte nunmehr mit der dritten Mannschaft. 57.000 Zuschauer machten begeistert die La-ola-Welle. Toll!!! Ich fragte mich, ob mein Fußballverstand mich im Stich gelassen hatte und beobachtete ob dieser Begeisterung das Spiel nun noch genauer und entdeckte 22 Männer auf einem Fußballplatz die rumstanden. Für 32, bzw 64 Euro plus 6 Euro für die beiden Bratwürste nicht schlecht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für die Saison 2012/ 2013 viel Glück und gratuliere zum 125. Geburtstag!

In freudiger Erwartung Ihrer Stellungnahme,

mit freundlichen Grüßen,
Henning B.”

PSPS: Dieser HSV-Fan schrieb nicht mir, sondern ans Hamburger Abendblatt, und, das gebe ich zu, er ist mir bekannt, weil er ein Kollege von uns (Journalisten) ist.

Und, nicht um euch zu quälen, sondern weil es in der Tat so schön war, hier noch einmal die Barcelona-Unterhaltung (vor dem 1:2) mit den HSV-Altmeistern Horst Schnoor und Klaus Neisner.

PSPSPS: Training im Volkspark ist am Donnerstag um 10 und um 15 Uhr.

16.55 Uhr