Tagesarchiv für den 24. Juli 2012

Eine schön verkorkste Geburtstagsfeier

24. Juli 2012

„Ohne Messi habt ihr keine Chance!“ Skandierte der Norden der Arena beim Anpfiff.
Galgenhumor ist doch auch etwas Schönes.

Bevor ich zur völlig verrückten und verkorksten und verfrühten Geburtstagsfeier des HSV komme, hier einmal das Wichtigste:

Der HSV-Presseservice gab vor dem Spiel bekannt:

Rückgaberecht für Ticketinhaber des Barcelona-Spiels

Der HSV bietet seinen Zuschauern die Möglichkeit an, die im Vorfeld des Jubiläumsspiels gegen den FC Barcelona erworbenen Tickets zurückzugeben. Grund dafür ist der verletzungsbedingte Ausfall des argentinischen Superstars Lionel Messi auf Seiten des FC Barcelona.
Messi hatte sich im gestrigen Abschlusstraining eine Zerrung der rechten Wade zugezogen und konnte seine Mannschaft nicht nach Hamburg begleiten.

Marketing-Vorstand Joachim Hilke: „Wir sind alle sehr enttäuscht darüber. Wir hatten uns auf den FC Barcelona mit Lionel Messi gefreut. Aus Gründen der Kulanz möchten wir den Zuschauern ohne Anerkennung einer Rechtspflicht ein Rückgaberecht einräumen. Wir freuen uns trotzdem auf unser Jubiläumsspiel und einen tollen Fußballabend in der Imtech Arena.”

Achtung: Es wird an der Imtech Arena keine Barauszahlung bei einer Rückgabe von Tickets geben. Nicht vom Ticketeinlasssystem entwertete Karten können nur postalisch per Einschreiben an das HSV-Ticketing zurück geschickt werden.

Ja, diese Feierlichkeiten sind dem HSV ja gründlich vermiest worden. Als die Spanier um 17.36 Uhr auf den Rasen liefen. Gab es ein wütendes Pfeifkonzert der HSV-Fans. Der große FC Barcelona trat ohne seine Weltstars an. Es fehlten so Klasse-Leute wie Valdes, Pique, Abidal, Jordi Alba, Fabregas, Xavi, Iniesta, Thiago, Mascherano, Pedro und die Langzeitverletzten Puyol sowie Villa. Aber besonders Messi fehlte natürlich, denn das Motto der meisten Hamburger hieß doch: Einmal Messi live erleben! Der HSV durfte von der 1,2-Millionen-Gage, die der FCB für diesen Auftritt kassieren sollte, 400 000 Euro einbehalten, aber Klub-Chef Carl-Edgar Jarchow sprach enttäuscht für alle Fans: „Wir wollten nicht das Geld, wir wollten Messi sehen . . .“

So ist es. Aber bei der Pressekonferenz vor dem Spiel erklärte FCB-Trainer Tito Vilanova: „Ich kann die Enttäuschung der Fans sehr gut verstehen. Es tut mir und uns auch Leid, dass Messi fehlt, und es tut auch Messi selbst weh, weil er ein Typ ist, der immer spielen will. Das Risiko war uns aber zu groß, er hatte sich am Vorabend an der Wade verletzt, und es bestand die Gefahr, dass sich diese Verletzung in Haburg noch verschlimmern würde.“ Dann sagte der Coach auch noch: „Messi stand heute um acht Uhr am Stadion, er wollte mit nach Hamburg fliegen, aber wir mussten ihn bremsen, wir wollten, wie gesagt, nichts riskieren.“ Es bestand bei diesen Worten der Verdacht, dass der Trainer auch noch in Tränen ausbrechen würde, aber er hatte sich dann doch noch bestens im Griff. Denn ich glaube auch, dass für diese Krokodilstränen gar keine Taschentücher vorhanden gewesen wären . . . In der Redaktion häuften sich indes die Beschwerde-Anrufe. Musik-Manager Jo Geistler wetterte ohne Pause und ohne Komma: „Das kann mir doch niemand erzählen, wir werden doch für dumm verkauft, wir werden hier doch nach allen Regeln der Kunst verarscht. Voll verarscht. Man, bin ich sauer und wütend . . .“ Der gute Jo war ja mit seinem Ärger nicht allein.

Leider hatte der HSV nur eine Vertragsklausel für Messi einbauen lassen. Wenn dazu noch die anderen Stars gehört hätten, dann hätte der FC Barcelona noch Geld mitbringen müssen, um in Hamburg spielen zu dürfen. Für das Image des Welt-Klubs war dieser Auftritt natürlich eine Katastrophe, aber es wird die Katalanen nicht groß jucken. Abhaken und vergessen. Immerhin war das Stadion fast bis auf den letzten Platz besetzt, vom Rücktrittsrecht hatten offenbar nicht viele Fans etwas wissen wollen – oder sie haben es ganz einfach vorher nicht gewusst. Pech. Die, die so denken, die haben eines für sich: „Ich war damals dabei, als Messi fast einmal in Hamburg aufgezogen hätte . . .“ Und wenn der HSV will – es gibt bis zum 29. September ja noch etwas Luft. Wie wäre es, wenn dann Barcelona III hier noch einmal ganz groß aufspielen würde? Obwohl, die spielte wohl schon in Halbzeit zwei.
Aber von vorherein gegen die dritte Garnitur, das wäre dann doch mal die etwas andere Geburtstagsfeier.

Zum Spiel. Es war ja irgendwie zu befürchten, dass selbst die B-Vertretung des FC Barcelona noch zu stark für den sich in der Aufbauphase befindlichen HSV sein würde. Apropos Aufbauphase – in der befindet sich Barca natürlich noch viel mehr, aber das steht (natürlich?) auf einem ganz anderen Blatt, spielt der Klub doch in einer ganz anderen Liga . . . Der HSV hat noch über vier Wochen Zeit, sich zu entwickeln – und die eigentliche Geburtstags-Party kommt ja auch erst am 29. September – wenn das Heimspiel gegen Hannover 96 ansteht.

Der HSV begann in den ersten 45 Minuten mit:
Adler, Diekmeier, Bruma, Mancienne, Aogo; Westermann, Skjelbred; Son, Arslan, Jansen; Berg.
In der zweiten Halbzeit spielten: Adler, Besic, Bruma (76. Nörgaard), Mancienne (88. Chrisantus), Jansen; Sala, Tesche; Beister, Steinmann, Ilicevic; Rudnevs.

Bemerkenswert: Es gab viel Beifall zur Pause – trotz des 1:2-Rückstandes für den HSV. Das konnte sich hören lassen, es klang auch irgendwie versöhnlich. Ein gutes Zeichen auf jeden Fall. In Halbzeit zwei gab es dann sogar die Welle – la Ola. Weil das Spiel langweiliger wurde? Weil die Spanier viel Tiki-Taka spielten? Egal, die Stimmung wurde dann – Ergebnis hin, Ergebnis her – prächtig.

Barcelona ging in der fünften Minute in Führung. Nach einem Eckstoß von links flog der Ball durch den Fünfmeterraum, der verdutzte Dennis Aogo war völlig überrascht, und er war wohl auch bemüht, einen weiteren Eckstoß zu verhindern. Er ließ den Ball passieren – es es war passiert. Dani Alves drosch den Ball unhaltbar für HSV-Torwart Rene Adler unter die Torlatte.

Den Ausgleich in der 20. Minute leitete dann Tolgay Arslan ein. Querpass zu Marcus Berg, der zögerte zuerst, traf dann mit der Pike noch die Latte, und dann war Arslan zur Stelle – 1:1. Zu diesem Zeitpunkt nicht mal unverdient, denn der HSV wehrte sich, er wehrte sich eben so gut er konnte. Und dafür war dieser Ausgleich auch okay. Den erneuten Rückstand leitete dann aber auch Arslan ein. Er verlor den Ball an der Mittellinie, weil er zu langsam schaltete – und seine Kollegen fast alle in der Vorwärtsbewegung waren. Afellay schoss, Adler hielt, musste den Ball aber prallen lassen, Deulofeu staubte ab – 1:2 in der 37. Minute.

Eine Einzelkritik möchte ich mir und euch ersparen. In Halbzeit eins gefielen mir Heiko Westermann (viel Beifall für viele gelungene Rettungseinsätze), Michael Mancienne und gelegentlich Marcell Jansen und Heung Min Son. Insgesamt aber hatte ich das Gefühl, dass der HSV der zweiten Halbzeit besser war, aber das lag wahrscheinlich auch mehr daran, dass der FC Barcelona mit Leuten aus der dritten Reihe spielte . . . Gefallen aber hat mir die Laufbereitschaft von Matti Steinmann und Robert Tesche! Und Jansen kam hinten links auch ganz passabel zurecht. Und über 90 Minuten überzeugte mich auch (natürlich) Rene Adler.

Dann noch drei Personalien:

Gökhan Töre weilte heute in München: medizinische Untersuchung. Geht die glatt, wovon auszugehen ist, dann wechselt der Deutsch-Türke morgen wohl zu Rubin Kazan. Der HSV ist sich mit dem Klub einig, Töre auch – es läuft wohl doch auf etwas mehr als fünf Millionen Euro hinaus. Gelegentlich wird sogar von sieben Millionen gemunkelt, ich halte das aber für übertrieben. Egal, Töre ist weg.

Um den Fast-Zugang Milan Badelj gibt es nun aber doch Ärger. Eigentlich sollte der Mittelfeldmann aus Zagreb ja schon lange beim HSV unterschrieben haben, aber nun mischt plötzlich auch Fenerbahce Istanbul mit. Und wahrscheinlich haben die Türken wohl doch den etwas kräftiger gefüllten Geldbeutel . . . Mal abwarten, wie sich diese Personalie entwickelt, aber zweiter Sieger war der HSV in diesem Fast-Sommer ja auch schon häufiger mal.

Und dann noch zu Artjoms Rudnevs. Wenn der Schwede Marcus Berg in der Anfangsformation stürmt, dann ist damit wohl schon viel gesagt. Trainer Thorsten Fink räumt dem Letten ja noch einige Zeit zur Eingewöhnung ein, aber besser wäre es vielleicht, wenn das jetzt schon mal klappen würde. Okay, es ist kein Wunschkonzert, aber um die Offensive des HSV mache ich mir zurzeit doch (noch oder schon) einige Sorgen. Und ob Rudnevs noch kommt? Bemüht ist er, das scheint klar, aber ob dieses Bemühe auch reichen wird? Großes Fragezeichen!

Übrigens: Es blieb beim 2:1-Sieg für Barcelona, egal welche Vertretung es auch immer war.

PS: Mittwoch ist kein HSV-Training angesetzt.

19.53 Uhr

Und weil es so schön war, hier noch einmal die Barcelona-Unterhaltung (vor dem 1:2) mit den HSV-Altmeistern Horst Schnoor und Klaus Neisner.