Tagesarchiv für den 18. Juli 2012

Rajkovic sorgt für Wirbel – aber der HSV verpasst eine Chance

18. Juli 2012

Ich habe kurz überlegt, ob ich heute noch einen Blog reinstelle. Und so gern ich nach dieser langen (oder kurzen – wie man es sieht) Nacht einfach Mittagsschlaf gehalten und die Füße hoch gelegt hätte, es geht einfach nicht. Natürlich nicht. Denn die causa Rajkovic sorgt für Wirbel. Angesichts der mehr als deutlichen Aussagen des Innenverteidigers ist das wenig bis gar nicht überraschend. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die Diskussion zumindest hier im Blog zu einem (glücklicherweise immer kleiner werdenden) Teil noch in die falsche Richtung geht. Denn es geht bei den Aussagen Rajkovics ganz sicher nicht um die Frage, ob man so ein Interview hier reinstellen darf oder nicht.

DAS geht leider am Ziel vorbei. Zumal von denen, die mich vor ein paar Tagen noch fragten, warum ich Vorstandsboss Carl Jarchow nicht ausreichend unbequemen Fragen gestellt habe. Mal ehrlich, hätte ich Rajkovic sagen sollen, dass er seine Gedanken für sich behält und sie nicht äußern darf? Abgesehen davon, dass sich ein erwachsener Mann wie Rajkovic („Ich habe nichts gesagt, was ich dem Trainer so nicht schon persönlich gesagt habe“) so was niemals verbieten lassen würde – mit welchem Recht bitteschön? Bin ich sein Vater oder sonst jemand, der ihn maßregeln darf? Mit Sicherheit nicht. Und das gilt sicher für uns alle.

Also käme es mir auch nie in den Sinn, mich derart wichtig zu machen und anmaßend zu werden. Stattdessen habe ich offen und mehrfach mit ihm über die Tragweite seiner Aussagen gesprochen. Ich habe ihm erklärt, welche Wirkung das medial haben würde – für ihn, fpür die Mannschaft und en Verein.

Und weil es immer wieder gefragt wird: Dieter und ich sind nicht dafür verantwortlich, beim HSV für Ruhe oder für Ärger zu sorgen. Dieter und ich sind dafür da, Euch möglichst detailliert Einblicke in die Geschehnisse in und rund um den HSV zu geben. Diese garnieren wir mit persönlichen Eindrücken und Meinungen. Wir sind – und diesen Satz habe ich wahrscheinlich so oft wie keinen zweiten hier geschrieben – hier nicht als Fans unterwegs, sondern als Berichterstatter. Und dazu zählen neben den schönen Toren, Siegen und Toptransfers eben auch die Dinge, die nicht gut und vielleicht auch mal richtig unbequem sind. Denn: am wenigsten wäre uns allen gedient, wenn Kritik rund um den HSV konsequent ausgeblendet würde…

Das nur als Erklärung für die, die gefragt haben.

Dass meine Blogs nicht allen gefallen, weiß ich. Das ist völlig normal, und für mich ist das auch völlig okay. Ich nehme Kritik an, sofern sie sachlich vorgetragen ist, kann sie nur helfen. Denn: Jeder hat das Recht seine Meinung zu äußern. Und das gilt für Euch – ebenso wie für Rajkovic.

Aber genug von uns, wichtig ist und bleibt der HSV. Und der hat ein Problem. Das ist zumindest die Lehre, die ich aus dem Interview ziehe. Denn ich hatte sehr wohl das Gefühl, dass mir ein Spieler gegenüber sitzt, der sicherlich tief enttäuscht und sogar gekränkt war. Immerhin hatte er gerade auf diskutable Art zu verstehen bekommen, dass er nicht mehr erwünscht ist. Ganz klar. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass Rajkovic etwas dazu dichtete. Er schilderte alles so, wie er es für sich empfunden hat. Ob das immer der Wirklichkeit entspricht – ich vermag es nicht abschließend beurteilen. Zumal ich noch keine Reaktion von Trainer Thorsten Fink bekommen habe. Im Gegenteil: Der HSV-Coach lehnte jeden Kommentar zum Thema Rajkovic ab und erklärte nur kurz: „Dazu äußere ich mich nicht. Ich konzentriere mich auf die Arbeit mit den Spielern, damit alle fit sind für die Saison.“ Zu Rajkovics Vorwürfen schwieg Fink. Er sagte nur: „Ansonsten ist die Stimmung in der Mannschaft gut.“

Allerdings muss ich an diesem Punkt einhaken. Auch wenn ich nur ein kleiner (nicht kurzer) Amateurfußballer war, Teamgeist ist eigentlich überall gleich. Dass der im Profitum bei all den Ich-AGs immer weniger ausgeprägt ist – okay. Hier retten sich viele Mannschaften dann über ihre individuelle Qualität. Aber wenn die nicht ausreicht, und das war in der vergangenen Saison beim HSV nachweislich der Fall, dann ist er extrem wichtig. Und beim HSV scheint es genau hier noch eine Menge Nachholbedarf zu geben. Das sagt Rajkovic – aber das ist allen eigentlich schon seit Monaten und Jahren bekannt. Immer wieder haben die verantwortlichen Trainer eine fehlende Hierarchie bemängelt. Auch Fink. Und obgleich er es ganz sicher nicht beabsichtigte, als er Rajkovic suspendierte, er lieferte der Mannschaft den Steilpass und die Möglichkeit, um endlich in sich zu wachsen. Glaube ich. Denn meiner Meinung nach hätte die Mannschaft in Person des Kapitäns oder auch des Mannschaftsrates schlichtend eingreifen können. Sie hätte es zumindest versuchen müssen, immerhin betrifft der Vorfall sie direkt. Ob das intern oder öffentlich passiert, ist mir dabei ziemlich egal.

Die Mannschaft hätte sich hinter ihren Spieler stellen können und beim Trainer um Amnestie bitten können. Oder sie hätte sagen können, dass sie geschlossen zum Rauswurf ihres Kollegen steht, wenn sie Rajkovic als Störfaktor wahrgenommen hätte. Es wäre ihr gutes Recht gewesen – aber vor allem hätte sie reagiert und damit endlich mal gezeigt, dass sie ein Eigenleben hat, dass sie eine eigene Meinung hat und dass sie zusammenhält. Gerade in derartigen Extremsituationen wachsen Banden.

Verpasst.

Anstatt Stellung zu beziehen, lässt sich die Mannschaft mal wieder von oben alles vorkauen und nickt es wortlos ab. Wobei – bitte nicht falsch verstehen – ich fordere hier keine Revolte. Ganz im Gegenteil: Ich hoffe, dass die Mannschaft endlich nachhaltigen Zusammenhalt entwickelt. Denn in dieser Form scheint mir das kein gesundes Miteinander zu sein.

Gleiches gilt übrigens für die sportliche Leitung. Vor einigen Wochen hatte ich an dieser Stelle geschrieben, dass sich Fink und Arnesen in Sachen Transferpolitik offenbar nicht wirklich einig sind. Und jetzt das. Da sitzen Fink und Jarchow mit Rajkovic zusammen und suspendieren ihn, ohne das mit dem Sportchef abzustimmen, der eigentlich als höchste Instanz im sportlichen Bereich zu sehen ist. Ein Vorgang, der in der Hoffmann-Ära für hellste Aufregung gesorgt hätte. Und daher ist es auch kein Wunder, dass Arnesen versuchte, das Unmögliche möglich zu machen, als er sagte, er würde den Fall Rajkovic noch mal ausführlich mit dem Trainer besprechen, bevor es dort ein endgültiges Urteil geben wird.

Nein, so gut Milan Badelj (noch ist kein Vollzug gemeldet) auch zum HSV passen soll, im Moment macht sich der HSV intern Baustellen auf, die es utopisch machen, externe Baustellen optimal zu bearbeiten. Und das bereitet mir Sorgen. Denn dieser HSV ist in meinen Augen nominell nicht besser als in der Vorsaison, als man mit viel Mühe und einer Portion Glück die Klasse hielt. Dass Trainer Fink sich hinstellt und offen von einem Platz sechs bis acht spricht, hat mich dabei ein wenig verwirrt. Allerdings ließ es mich zunächst hoffen, dass er mehr weiß und in den nächsten Tagen Spieler dazustoßen, die ein solches Ziel realistisch erscheinen lassen.

Das hätte was. Denn ganz ehrlich, so langsam wird es mal wieder Zeit, dass der HSV positive Schlagzeilen macht. Bis zum 31. August bleibt den Verantwortlichen noch Zeit, hier einiges zu verändern. Hoffen wir darauf.

Zum Personal: Heute ist in Sachen Töre bislang noch nichts passiert. Dennoch hofft Arnesen, der seine Reise nach Südkorea inzwischen storniert hat, weiter darauf, den Linksfuß möglichst schnell abgeben zu können, um so Gelder für Wunschspieler Milan Badelj (Dinamo Zagreb) frei zu bekommen. Denn bei Slobodan Rajkovic darf der Däne („Es ist nicht zu tolerieren, dass Slobodan fünf Tage nach eigenem krassen Fehlverhalten unabgestimmt mit dem Verein solche Aussagen macht.“) wohl nicht mehr auf hohe Einnahmen hoffen. Auch wenn der HSV dem suspendierten neben Einzeltraining auch eine Geldstrafe im hohen fünfstelligen Bereich aufdrückte.

Wobei, es gibt auch erfreulichere Themen. Zum Beispiel die bevorstehende Kooperation und den Spatenstich für die Asia Football-Academy in Suwon, die bis 2014 für rund 20 Millionen Euro fertiggestellt werden soll und von Heung Min Sons Vater geleitet wird. Zudem gewann der HSV seinen ersten Test in Südkorea gegen die zweite Mannschaft vom FC Suwon mit 6:0 (3:0). Mit Cotrainer Frank „Funny“ Heinemann als Schiedsrichter, da das eigentlich vorgesehene Gespann mit Verspätung eintraf. Trainer Thorsten Fink war zufrieden: „Das war ein guter Auftakt“, so der Coach.

Statistik:
HSV Halbzeit 1: Mickel – Lam, Bruma, Mancienne, Aogo – Westermann, Skjelbred – Beister, Tesche
Ilicevic – Rudnevs.
Halbzeit 2: Mickel – Diekmeier, Besic, Steinmann, Jansen – Norgaard, Sala –Töre, Arslan, Son – Berg. Tore: 1:0 Rudnevs (21.), 2:0 Iicevic (35.), 3:0 Tesche (45.), 4:0 Arslan (87.), 5:0, 6:0 Son (89., 90.).

In diesem Sinne, bis morgen! Ich bin müde.

Scholle

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