Tagesarchiv für den 16. Juli 2012

Arnesen klärt letzte Details – Guerrero ist weg, Töre wird wohl folgen

16. Juli 2012

Um 8.40 Uhr heute Morgen sind sie abgehoben. Son-Heimat Südkorea heißt es für die nächsten sieben Tage. Drei Testspiele stehen an, das erste am Mittwoch in Suwon gegen Suwon Samsung II, das letzte dann am Sonntag im Peace-Cup, dessen Antrittsgage dem HSV den Trip bereits im Vorwege finanziert hat. Erst am Montag geht es zurück, ehe am Dienstag (24. Juli) das Testspiel gegen den FC Barcelona auf dem Plan steht. Eine Vorbereitungsplan, der es in sich hat. Allerdings auch einer, der vom HSV als äußerst sinnvoll erachtet wird. „Solche Reisen muss man als großer Klub machen“, sagt Trainer Thorsten Fink. „Zum einen haben wir eine ausreichend lange Vorbereitung bis zu ersten Spiel. Und zum anderen braucht der Verein diese Reise, um Geld zu verdienen.“ Und zwar sofort sowie auf lange Sicht durch die Gewinnung neuer Sponsoren vor Ort. „Wir wollen uns auf dem Markt in Südkorea platzieren, planen dort eine Kooperation mit der Fußballschule von Heung Min Sons Vater“, erklärt Marketing-Vorstand Joachim Hilke, der nicht mitflog. An seiner Stelle ist seine rechte Hand, Nicholas MacGowan dabei, der die gesamte Reisevorbereitungen und PR-Termine zuvor wahrgenommen hatte.

Ebenfalls in Hamburg geblieben ist Fran Arnesen. Der Sportchef ist noch dabei, die letzten Details des Wechsels von Paolo Guerrero nach Sao Paulo sowie den Wechseln von Gökhan Töre zu Rubin Kazan zu klären. Zudem soll in den nächsten Tagen auch der eine oder andere Neuzugang vermeldet werden. Das kündigte Trainer Thorsten Fink heute auf dem Flughafen noch vor dem Abflug an. „Da wird in den nächsten tagen etwas passieren. Bald wird es Resultate geben.“ Zur Personalie Töre, der trotz der hohen Wechselwahrscheinlichkeit die Reise nach Südkorea mit antrat, sagte Fink: „Wenn ein Spieler hier ist, dann ist er auch hier. Dann beschäftige ich mich auch mit ihm und lasse ihn spielen.“ Obwohl intern bestätigt wurde, dass der Deutsch-Türke zuletzt geschont wurde, um einen Wechsel (Kazan soll rund vier Millionen Euro bieten) nicht durch eine Verletzung zu gefährden.

Wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich den Wechsel an sich für diskutabel halte. Wirtschaftlich ist es vielleicht ein gutes Geschäft. Bei vier Millionen Euro Ablöse blieben dem HSV abzüglich der 50 Prozent für den FC Chelsea rund zwei Millionen Euro. Das Gegenrechnen Ablösesumme und des Gehaltes aus der abgelaufenen Saison habe ich rausgenommen, da es inhaltlich nicht wichtig ist und sich noch immer verschiedene Ablösesummen kursieren. Bei den meisten Berichten wird von 1,3 Millionen Euro Ablöse gesprochen, andere besagen, Töre sei ablösefrei gewesen. Da damals gleich mehrere Chelsea-Spieler im Paket gekommen sind und so verrechnet wurden, ist auch letztlich nicht genau zu erkennen, für wen Chelsea letztlich wie viel genommen hat. Ausnahme: Rajkovic. Aber okay, immerhin blieben heuer zwei Millionen Euro Ablöse. Aber das wiederum ist offenbar nicht genug für den HSV-Sportchef. „Wir müssen und wollen Gökhan gar nicht unbedingt abgeben“, sagt Arnesen, der auf mindestens fünf Millionen Euro Ablöse seitens der Russen spekuliert.

Zudem setzt Arnesen, der am Donnerstag nach Südkorea nachreisen will, wie Fink auf einen Neuzugang in den nächsten Tagen. „Es kann jederzeit etwas passieren“, so der Däne, „aber noch ist nichts zu vermelden. Wir arbeiten daran.“ Bis Donnerstag, so der Plan, soll der nächste Zugang vermeldet werden können.

Schön wär’s doch. Auch wenn es Rafael van der Vaart nicht wird. „Ich verstehe nicht ganz, weshalb es diese Aufregung gab“, sagt Arnesen, “ich hatte erst letzten Donnerstag noch mal mit dem Berater von Rafael gesprochen, der mir gesagt hat, dass Rafael auf jeden Fall noch ein Jahr in Tottenham bleiben wolle. Und wir kommunizieren intern sehr viel. Das Thema hätte gar nicht so groß werden müssen am Freitag.“

Wurde es aber. Und selbst hier sorgt es für hitzige Diskussionen. Ganz im Gegenteil zu einer Personalie, die ich durchaus schwierig finde, die aber komplett unter den Tisch zu fallen scheint: Slobodan Rajkovic. Der Serbe trainierte heute mit der U23 an der Imtech-Arena und wirkte nicht glücklich. Während seine Kollegen in München auf dem Flughafen zwei Stunden Aufenthalt hatten, war der von Trainer Thorsten Fink nach seiner Schlägerei mit Heung Min Son suspendierte Abwehrhüne mit Passübungen beschäftigt. „Ich werde versuchen, ihn wieder aufzubauen“, sagt U23-Trainer Rodolfo Cardoso, der im heutigen Training immer wieder das Vier-Augen-Gespräch mit Rajkovic suchte.

Und der 23-Jährige tat es seinem Übergangstrainer (Cardoso: „Ich plane nicht mit Slobodan“) gleich, suchte seinerseits das Vier-Augen-Gespräch mit Arnesen. „Ich habe fünf Tage geschwiegen und viel über mich gehört. Mir ist es wichtig, dass die Verantwortlichen meine Sichtweise hören und verstehen“, so der Linksfuß, der auf mich einen sehr geknickten Eindruck machte, der ansonsten aber lieber schweigen will. Immerhin versprach ihm Arnesen, nach seiner Ankunft bei der Mannschaft in Südkorea am Donnerstag noch mal das Vier-Augengespräch mit Fink zu suchen. Ob sich an dem grundsätzlichen Entschluss der Suspendierung etwas verändert hat? Arnesen: „Nein, aber ich will alle Parteien hören, bevor ich meinen Entschluss treffe.“

Wobei dem HSV gar keine Wahl blieb angesichts des Prügelei-Kontrahenten. Heung Min Son ist immerhin der einzige Spieler im Kader, der Millionen einbringt. Siehe diese Südkoreareise. Zudem wollte der Klub die ganze Zeit schon Rajkovic loswerden. Und während ich durchaus nachvollziehen kann, weshalb der Verein das Rajkovic-Gehalt (rund 1,5 Millionen Euro zzgl. Prämien) einsparen und nicht auf einen der letzten Angreifer verzichten will, erscheint mir die Art und Weise seltsam. Zumal intern Heung Min Son als immer schwieriger gilt. Nicht wenige Spieler und Trainer haben mir gegenüber schon ihre Bedenken geäußert, weil sie das Gefühl haben, Son würde sein tatsächlich unglaublicher Bekanntheitsgrad in Südkorea langsam zu Kopf steigen. Aber okay, auch Rajkovic hatte seine Probleme. Im Training mit Marcell Jansen, jetzt mit Son, bei der Roten Karte gegen Kaiserslautern und vor allem schon vor der Zeit beim HSV, als er bei Olympia einen Schiedsrichter angespuckt haben soll. Ein Tatvorwurf, der vom zuständigen Sportrichter zwar bestätigt und entsprechend mit einer monatelangen Sperre geahndet wurde, der aber bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Noch immer stehen Aussage gegen Aussage und Rajkovic betont seine Unschuld. Und, als alter Jura-Student gilt für mich: In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten. Wobei seitens der „Richter“ Arnesen, Jarchow und Fink im aktuellen Fall Rajkovic eigentlich kaum noch Zweifel vorhanden zu sein scheinen, so klar wie sie sich bisher positioniert haben.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann hoffentlich mit neuen Namen – und neuer Hoffnung.

Scholle

P.S.: Macauley Chrisantus ist ebenfalls nicht mit nach Südkorea geflogen, da er aktuell ein Probetraining bei Sturm Graz absolvieren soll.