Tagesarchiv für den 14. Juli 2012

Nur 1:1 in Kiel – der HSV hat eine Menge Arbeit vor sich

14. Juli 2012

Ich gebe zu, damit habe ich in der Form nicht gerechnet. Gefühlte 95 Prozent aller Reaktionen in diesem und auch anderen Blogs sind pro Klaus Michael Kühne. Der Milliardär, der seinem offensichtlich über einen sehr langen Zeitraum angestautem Frust Luft machte, scheint der Gewinner einer Farce zu werden, die in dieser Form wohl nur beim HSV zu finden ist. Da will ein Milliardär investieren und soll nicht. Während alle Vereine nach Geld streben, lehnt der HSV es ab, weil ein entscheidender Teil des Vorstandes eine andere Idee hat. Aber das wiederum wird nicht offen genug kommuniziert. Nein, es wird versucht, über die Zeit zu kommen. Indem man schweigt und sagt, man bemühe sich – dabei tut man dies maximal zögerlich. Das ist in etwa so, wie damals mit der Magath-Verpflichtung zum Trainernachfolger des geschassten Thomas Doll. Da wurde der HSV-Europapokalsieger von 1983 noch in der Nacht nach Hamburg bestellt, er nimmt den ersten Flug nach Hamburg und – steht allein auf dem Flughafen. Niemand vom HSV holt ihn ab. Stattdessen wird er per Telefon vom damaligen Vorstandsboss (wer das war ist nicht so wichtig wie der Vorgang an sich…) vertröstet. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Bis in den Nachmittag passiert nichts, und Magath sitzt bei seinem Anwalt – wartend. Bis er keine Lust mehr hat. Ergebnis: Absage an den HSV. Und dessen Vorstandsboss war noch nicht mal traurig, hatte er doch die Öffentlichkeit damit bedient und mit Magath offiziell beschäftigt.

Oder will der HSV van der Vaart nur noch nicht?

Egal wie, der Milliardär wiederum hat so klare Vorstellungen, was passieren soll, dass er immer wieder diesen einen Namen schreit: Rafael van der Vaart. Und weil der Vorstand nicht zu 100 Prozent von dem Namen überzeugt ist, kommt es zum Knall und beide Parteien hauen sich was an die Backen. Und das, obwohl noch nicht einmal geklärt ist, ob van der Vaart selbst überhaupt will. „Bislang, und das habe ich Herrn Kühne auch am Freitag nach seiner Pressemitteilung am Telefon gesagt, bislang diskutieren wir doch über den Kopf von Herrn van der Vaart hinweg. Selbst die Kosten sind doch nur zu mutmaßen“, sagt Carl Jarchow, der heute den Kiel-Trip nutzte, um sich mal das (im Übrigen sensationelle!) Jugendleistungszentrum von Holstein Kiel anzusehen. Und, das ist versprochen, er wird sich hier in unserem Blog morgen noch etwas ausführlicher äußern. Auf jeden Fall blieb Jarchow heute bei seiner klaren Ansage: „Eine Einflussnahme von außen werde ich als Vorstandsvorsitzender nicht akzeptieren. Das habe ich Herrn Kühne auch mitgeteilt – in einem sehr konstruktiven Gespräch.“ Nun denn. Bekloppt bleibt diese Baustelle allemal. Vor allem, weil sie so leicht vermeidbar wirkt.

Mehr kann man dazu eigentlich gar nicht sagen. Dennoch versuche ich es, zumal ich hier immer wieder gelesen habe, ich solle mich klar positionieren. Normalerweise ignoriere ich solche Aufforderungen, aber diesmal möchte ich es sogar machen. Denn ich habe große Befürchtungen, dass hier etwas aus dem Ruder läuft, was dem HSV helfen könnte, was im Moment sogar wie die einzige Chance wirkt, wenn man tatsächlich wieder Richtung Europa arbeiten will. Kühne ist HSV-Fan, hat die finanziellen Mittel und ist gewillt, zu helfen. Wenn er jetzt seine Rolle wieder so interpretiert, trotz seines Zutuns ohne direkte Einflussnahme zu bleiben, wäre alles gut. Zumindest, wenn sich der Vorstand entsprechend ehrlich ihm gegenüber verhält. Die Personalie van der Vaart kann da als ein gutes Lehrbeispiel für alle genommen werden, denn allein bei den Zahlen dürfte sich der Deal schon mal ganz anders darstellen, als es Kühne gestern glaubte. Denn bei 3,8 Millionen Euro netto (brutto entsprechend hier knapp acht Millionen Euro) im Jahr und einer geschätzten Ablösesumme von zehn Millionen Euro, wäre es ein Gesamtpaket von rund 40 Millionen Euro für einen Vierjahresvertrag. Diese Zahl hätte der HSV auf den Tisch legen können und davon den Betrag abziehen können, den der Verein stemmen kann. Und Kühne hätte so die Möglichkeit gehabt, zu entscheiden, ob und wie er den Rest beisteuern kann. Bleibt nur zu wünschen, dass der Zwist mit Kühne nicht eskaliert.

Zumal heute einmal mehr deutlich wurde, dass dieser Mannschaft sportlich mehr als ein van der Vaart fehlt. Beim Test gegen den Regionalligisten Holstein Kiel knüpfte die Mannschaft von Trainer Thorsten Fink nahtlos an das erste Spiel gegen Rosenheim an. „Heute war es eher noch schlimmer“, sagte anschließend René Adler, der so langsam erkennt, worauf er sich hier eingelassen hat. „Es ist noch ein weiter Weg“, so der Keeper nach dem enttäuschenden 1:1 vor 6085 Zuschauern in Kiel.

Vor allem in der ersten Hälfte offenbarte der HSV Schwächen. Große Schwächen im Spielaufbau ebenso wie im Defensivverbund, heute mit Bruma und Besic im Zentrum. Janek Sternberg auf links war da noch einer der Besseren, ohne dass ich das despektierlich meine. Aber was der Rest ablieferte, war hart. Ballverluste im Aufbau, keine einzige richtig herausgespielte Torchance. In der neunten Minute hatte der HSV sogar Glück, dass ein Foul von Bruma an Marcel Schied großzügig aus dem Sechzehner hinaus verlagert wurde und es so keinen Elfer gab. Eine Minute später hatte Kiels Hebler bei einem Abpraller ebenso die Führung auf dem Fuß wie in der 20. Minute, als Adler seinen Schuss aus 20 Metern mit letzter Mühe noch an den Pfosten lenken konnte. Einziger Lichtblick in der ersten Hälfte, in der Rudnevs vorn leider wieder enttäuschte, war das 1:0 für den HSV durch Beister (33.), der einen Konter aus 13 Metern gekonnt abschloss.

In der zweiten Halbzeit wurde es dann wenigstens etwas besser. Der HSV gewann die Kontrolle über das Spiel. Beister bediente Rudnevs mit einem Querpass – doch der Lette scheiterte völlig freistehend an Kiels Keeper Niklas Jakusch. „Den macht er sonst im Schlaf“, so Fink anschließend, „auch bei Rudi sind die Belastungen der Trainingseinheiten zu erkennen. Da fehlt dann mal der letzte Funken Konzentration.“ Wenn es nur das ist – okay. Allein ich habe Bedenken.

Für Rudnevs kam in der 70. Minute Marcus Berg. Und der Schwede hatte zwei Minuten nach seiner Einwechslung in die erste große Chance, als sein Kopfball auf der Linie gerettet werden konnte. In der 77. Minute legte Berg bei einem Konter gekonnt quer auf Jansen, der allein vor Kiels Keeper aus zehn Metern (der Platz soll Schuld gewesen sein) mit seinem starken linken Fuß weit übers Tor zielte. Dennoch, trotz der vergebenen Chancen, der HSV wurde besser. Chrisantus hatte mit einem Lupfer nach tollem Arslan-Pass das 2:0 auf dem Fuß, aber Kiels Keeper parierte sensationell.

Und so kam, was kommen musste. Der HSV nutzte seine Chancen nicht – und Kiel traf. Nach einem zu flach getretenen Eckball kann der HSV den Ball nicht konsequent klären. Heiko Westermann rutscht aus, kann den Querpass nicht verhindern und Kiels Marcel Gebers verwandelt zum 1:1 (81.). „Erste Liga – keiner weiß warum“, skandierten die KSV-Anhänger höhnisch, ehe sie in der 84. Minute nach einem Konter fast noch das 2:1 für ihre Mannschaft bejubeln konnten. Einzig der letzte Pass war zu ungenau. „Ich bin der letzte, der so ein Testspiel zu kleinredet. Ich will immer gewinnen“, sagte Adler, ehe er all die Strapazen der letzten Wochen aufzählte. Dabei lässt mich der Eindruck nicht los, dass es so hart tatsächlich nicht war. Zumindest gab es in den letzten Jahren schon härtere Einheiten. „Man sieht, dass die Jungs müde sind“, so Fink, der noch viel Arbeit auf sich und die Mannschaft zukommen sieht. „Das Gute daran ist“, so der Trainer, „dass wir auch noch viel Zeit haben. Wir werden noch viel arbeiten müssen.“

Stimmt. Fraglich ist aber, ob Gökhan Töre noch dabei bleiben wird. Nachdem Guerrero verkauft und Rajkovic suspendiert worden ist, scheint der Deutsch-Türke der dritte Abgang zu werden. Zumindest deutet vieles darauf hin. Heute war er, wie schon beim letzten Test im Zillertal, nicht dabei. Offizielle Version Fink: „Er musste ein paar Läufe nachholen, ist deshalb in Hamburg geblieben.“ Inoffiziell aber heißt es, dass Töre sich nicht mehr verletzen soll, da er kurz vor einem Wechsel steht. Dem Vernehmen nach sollen nach dem russischen Klub Rubin Kazan auch Klubs aus Italien an dem Linksfuß interessiert sein, den der HSV bei einem passenden Angebot (nicht unter fünf Millionen Euro) wohl auch bereit wäre, abzugeben. Fink eindeutig zweideutig: „Solange er hier ist, plane ich mit ihm.“

Na dann. Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Scholle