Tagesarchiv für den 12. Juli 2012

Campus plus Fan-Anleihe – HSV-Fans finanzieren Ausbau des Trainingsgeländes

12. Juli 2012

Da hat der HSV mal alle Register gezogen. Genau um 0.04 Uhr wurde die Pressemitteilung herausgegeben, in der zur außerordentlichen Pressekonferenz geladen wurde. Selbst auf Nachfrage wollte vom HSV niemand etwas zum Thema der Veröffentlichung sagen. Es wurde auf Geheimnis gemacht – und das zog. Sechs Kamerateams und zahlreiche Journalisten kamen, obgleich schon morgens durchgesickert war, dass es sich nicht um die Präsentation eines neuen Spielers drehen würde. Stattdessen würde ein großer Neubau angekündigt. Und so kam es dann auch. Der HSV baut sein Trainingszentrum an der Imtech-Arena aus. Das knapp 12 Millionen Euro teure Projekt, dessen Planungen HSV-Aufsichtsratsboss Alexander Otto finanziert und das auf dem Parkplatz Weiß 2 (hinter der Südostecke) geplant ist soll fremdfinanziert werde, besser gesagt: Die Fans können Anleihen, die bei 125 Euro pro Stück beginnen, erwerben. Diese werden vom HSV auf sieben Jahre angelegt und per annum zu sechs bis sieben Prozent verzinst. Auf 12,5 Millionen Maximaleinnahme ist die so genannte „125 Jahre HSV Jubiläumsanleihe“ ausgelegt. Zudem ist es nicht ausgeschlossen, dass die Anleihen auch über die 12,5 Millionen Euro ausgeweitet werden.

„Es ist und bleibt unser Ziel“, sagt Carl Edgar Jarchow, „den HSV mittelfristig wieder international als Spitzenmannschaft zu etablieren. Unser Finanzlage wird aber in den nächsten Jahren angespannt bleiben, weil wir auch das wunderschöne Stadion noch abbezahlen müssen“, so der Klubboss, der die Investition in Steine als logische Konsequenz sieht. „Ganz ohne werden wir nicht auskommen – aber wir werden nicht in erster Linie große Transfers tätigen. Das können und wollen wir nicht. Als Konsequenz unserer Analyse ist klar, dass wir auf eine funktionierende Nachwuchsförderung setzen müssen und wollen. Wir wollen unser Nachwuchskonzept, den Campus hier am Volkspark etablieren. Wir wollen hier eine Talentheimat entstehen lassen.“

Das aber geht ob der aktuellen Finanzlage nicht ohne fremde Hilfe. Ergo: Die Anleihe, deren Einnahmen übrigens zweckgebunden sind und entsprechend nicht in neue Spieler gesteckt werden dürfen, soll helfen. Dabei helfen, zwei neue Trainingsplätze zu bauen. „Es war meine Idee, die ich vom ersten Tag an hier hatte“, sagt Frank Arnesen zum Projekt „HSV-Campus“, in dessen Zuge er zudem auf den Bau eines weiteren Kunstrasens hofft. „Ich hatte die Idee, und der Vorstand hat hier große Arbeit geleistet. Dass das Projekt so schnell umgesetzt werden kann, ist Wahnsinn.“

Wobei auch der Bau der Plätze zumindest schnell gehen dürfte. „Die bedürfen in etwa einer Bauzeit von acht bis zehn Wochen“, sagt Vorstand Joachim Hilke, der die Bauzeit für das zugehörige Funktionsgebäude mit 4000 Quadratmetern Nutzfläche sowie einem integrierten Internat mit 18 Monaten ansetzt. Baubeginn ist für Frühjahr/Sommer 2013 vorgesehen. Im Internat sollen bis zu 16 Spieler der U17- und U19-Mannschaften wohnen können.

Bis 2020, so ein erster noch unausgereifter Gedanke, könnte die Anlage auch für andere Leistungsspieler des Klubs ausgebaut und nutzbar gemacht werden. „Vielleicht sind dann neben Fußballern auch Volleyballer, Handball- und Hockeyspieler dort untergebracht“, sagt Arnesen. Was aus dem Internat Ochsenzoll wird? Dort werden weiter Jugendliche untergebracht und zumindest tagsüber betreut. Was aus den Zimmern der bisherigen Internatsbewohner wird? „Es steht noch nicht wirklich fest, was wir damit machen“, sagt Jarchow ehrlich.

Nicht wirklich viel neues Wissen gibt es auch im Fall Rafael van der Vaart, den hier im Blog schon einige im „Grand Elysée“ wähnten. Dem scheint meinen Infos zufolge nicht so zu sein. Im Gegenteil. Van der Vaart hat in England genug zu tun. Im Moment deutet nicht viel darauf hin, dass der Transfer der einstigen Nummer 23 zum HSV realisiert wird. „Ich habe mit Rafael gesprochen“, sagte mir Arnesen heute nach der PK, „und er will und muss erst einmal seine persönliche Situation mit dem neuen Trainer in Tottenham klären.“ Der hatte zuletzt signalisiert, bei Anfragen für den Niederländer gesprächsbereit zu sein. Nun will van der Vaart selbst in den nächsten Tagen das Gespräch mit Andre Villas Boas, seinem neuen Coach in Tottenham suchen. Auch, weil AVB nach Sigurdsson noch seinen portugiesischen Landsmann und Nationalspieler Joao Moutinho vom FC Porto nach Tottenham holen will, und dieser auf van der Vaarts Position zuhause ist.

Klar ist, egal für wie unwahrscheinlich der Deal immer wieder bezeichnet wird, das Interesse des HSV an dem Niederländer ist groß. „Rafael ist ein sehr guter Spieler, der natürlich sehr interessant wäre für den HSV – wenn wir das Geld hätten. Er würde ideal ins Anforderungsprofil passen – mit seinen 29 Jahren von der Altersstruktur her, von der Spielweise ebenso. Jeder beim HSV würde sich über ihn freuen. Auch der Trainer.“ Zudem sagte mir Arnesen heute, dass er sich bislang aus Respekt vor seinem ehemaligen Arbeitgeber noch zurückhalte. „Sollte ich von Tottenham oder Rafael grünes Licht bekommen, werde ich die Gespräche schnell aufnehmen. Das ist klar. Aber zuerst brauche ich dieses Zeichen.“

Und Geld. Wie immer. Denn, was uns Frank Arnesen heute erzählte, ließ mich kurz zusammenzucken. „Wenn der Verkauf von Paolo über die Bühne gegangen ist, haben wir Artjoms Rudnevs Kosten wieder drin. Das und noch ein klein bisschen mehr. Wenn wir dazu noch zwei, drei Spieler abgeben, können wir wieder etwas machen. Allerdings auch dann noch lange keinen van der Vaart. Dafür benötigen wir sehr viel Hilfe.“ Ergo: Guerreros Ablöse lässt Arnesen noch keine Sprünge machen. Nicht mal kleine.

Aporopos kleiner Sprung. Den könnte Macauley Chrisantus machen. Der Nigerianer, der beim HSV quasi chancenlos ist, hat ein Angebot von Sturm Graz vorliegen, seinem Berater Gordon Stipic hat Arnesen bereits mitgeteilt, dass der HSV den Angreifer ziehen lassen würde. „Macauley muss sich mit dem Verein einigen, bevor wir da etwas machen können“, sagt Arnesen, der zudem einen lange beim HSV gehandelten Namen heute vorerst ausschloss – Zvjedzdan Misimovic. Arnesen deutlich: „Er ist kein Kandidat.“ Entsprechend ist auch das kolportierte Wechselgeschäft mit der Abgabe von Slobodan Rajkovic an Dynamo Moskau kein Thema. „Rajkovic wird bleiben. Ebenso wie Mancienne und Bruma“, so Arnesen.

Langsam wieder zurückkommen will Ivo Ilicevic, der heute zusammen mit Tomas Rincon seinen Laktattest absolvierte. „Ivo wird Marcell Jansen auf links große Konkurrenz machen“, sagt Fink, der nach eigener Aussage kein Problem damit hat, dass sein Kader noch immer nicht komplett ist. „Natürlich ist es so, dass ich als Trainer gern schnell den Kader komplett habe, denn je später ich die Spieler bekomme, desto weniger Automatismen kann ich einstudieren. Aber ich muss damit fertig werden, die Probleme haben andere auch. Außerdem reden wir hier nicht über gravierende Veränderungen, sondern um ein, zwei Neue.“ Die allerdings auf meines Erachtens nach auf äußerst wichtigen Positionen. „Wir suchen einen Sechser und einen Zehner“, wiederholt Arnesen und betont, dass sie trotz der Abgabe Guerreros keinen neuen Stürmer holen wollen. „Wir haben vorne Rudnevs, Berg und Son“, sagt der Sportchef, „das ist ausreichend. Grundsätzlich planen wir mit einer Spitze.“

Und auch ein weiterer Innenverteidiger ist nicht eingeplant. Auch nicht David Abraham. „David ist jetzt bei Getafe und die fordern Minimum vier Millionen Euro. Das ist zwar sehr schade, aber unsere Prioritäten liegen woanders.“ Stimmt. Ein Sechser und Zehner fehlen. Zwei Positionen, die zentraler auf dem Feld nicht sein können. Und dafür bastelt der HSV weiter an den Fronten Abgabe und Einkauf. Zumindest hofft Fink auf den sportlichen Ehrgeiz der Spieler im Kader, denen nahegelegt wurde und wird, den Verein zu wechseln. Ob er sich Sorgen macht, am Ende auf den Streichkandidaten sitzen zu bleiben? „Nein, diejenigen, die es betrifft, werden es am Ende der Vorbereitung merken. Spätestens dann regelt sich vieles von selbst.“

So muss es am Ende eigentlich schon kommen. Denn bei allen schönen Zukunftsvisionen mit dem sehr ansehnlichen Ausbau des Trainingsgeländes, noch ist das Puzzle HSV lange nicht komplett. Im Gegenteil. Es fehlt seit Guerreros Abgang ins fußball-finanziell boomende Brasilien (Arnesen: „Die WM wirft schon weite Schatten voraus, da wird mächtig investiert“) etwas mehr als vorher. Adler für Drobny (obwohl der bleiben will), Rudnevs kommt für Petric – aber auch Guerrero ist weg. ‚Und was ist mit Beister?’ werden jetzt einige von Euch denken. Zurecht, denn auch er ist ja neu. Aber einem Beister jetzt gleich dem Druck auszusetzen, in seinem ersten Erstligajahr einen erfahrenen Spieler wie Guerrero zu ersetzen wäre schlichtweg unfair. Und nicht realistisch. Obgleich hier Hoffnung durchaus berechtig ist.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

P.S.: Training ist um zehn und 16 Uhr an der Imtech-Arena.