Tagesarchiv für den 10. Juli 2012

2:2 – Spielabbruch gegen Terek Grozny

10. Juli 2012

„Er lässt sich nichts gefallen. Er ist selbstbewusst. Und genau solche Leute brauchen wir.“ Thorsten Fink holte weit aus bei seinem Kompliment. Und der Trainer hat auch allen Grund dafür. Immerhin kommt Maxi Beister immer besser in Schwung. Gegen Rosenheim war er noch zurückhaltend, im Test gegen die Zillertalauswahl kam er besser rein. „Das Spiel ist kein Maßstab“, sagt Fink, „aber Maxi hat im Spiel viele taktische und läuferische Dinge gemacht, die wir vorher besprochen hatten. Das war gut.“ Dass Beister gegen Terek Grozny letztlich nur sieben Minuten spielte – dazu am Blogende mehr.

Beister ist für mich mit genau dem Selbstvertrauen ausgestattet, das passt. Er hat keine Angst, setzt sich aber selbst derart hohe Ansprüche, dass er nie zufrieden sein wird. Zumindest nicht zu früh. Im Gegenteil: Maxi hat die Situation gut erkannt und weiß um seine Stärke, seine Schwächen und vor allem um die große Konkurrenz auf den Außenbahnen. „Wir haben offensiv einen wirklich riesigen Konkurrenzkampf“, sagt der Linksfuß, „da sind vier Positionen zu vergeben für sieben bis acht Anwärter.“ Auf seiner rechten Außenseite streitet Beister unter anderem mit Gökhan Töre und inzwischen auch Heung Min Son um den Platz in der Stammelf. Wobei Ivo Ilicevic, den Fink aktuell eher auf der linken Außenbahn sieht, auch noch infrage käme. „Ich sehe das als Ansporn“, sagt Beister, der eine härtere Gangart als die beim HSV durchaus gewohnt ist. „In der zweiten Liga wurde auch im Training durchaus mehr körperbetont gespielt. Da gabs auch mal im Training auf die Hölzer.“

Beister genießt die neue Heimat. Eine neue, die so neu dann wiederum gar nicht ist. „Ich fühle mich eher so, als käme ich nach Hause zurück“, sagt Beister, der lange überlegt hatte, zu seinen Eltern nach Lüneburg zu ziehen, dann aber doch lieber an die Elbe zog. In die Nähe seines einstigen Mitbewohners Tolgay Arslan. Noch allein. „Meine Freundin wohnt und studiert noch in Düsseldorf“, sagt Beister, der aber auf ein baldiges Hinzuziehen seiner Liebsten hofft.

Apropos lieb: so ging es bei der Fortuna in Düsseldorf zu. Drumherm zumindest. Und Beister sieht Parallelen zum HSV. „Wir haben auch deshalb dort Erfolg gehabt, weil wir ein eingeschworener Haufen waren. Wir haben immer wieder mal Mannschaftsabende gehabt – und da waren alle dabei. Ausnahmen gab es nicht. Ich glaube, das ist hier auch möglich. Die Mannschaft ist jung, das passt. Ich bin mit 60 Profispielen ja fast schon einer der Erfahreneren. Da gibt’s tatsächlich nur sieben, acht Leute, die mehr Spiele haben. Unsere Altersstruktur hier passt.“ Bei Düsseldorf habe komplette Harmonie geherrscht – und das sei auch beim HSV drin. „Wenn der Rest stimmt, pusht das zusätzlich.“

Auch hierarchisch hat sich im Zillertal das eine oder andere herauskristallisiert. So gilt Rene Adler trotz erst einer Woche im HSV-Dress bereits als DER Führungsspieler. Gefolgt von Heiko Westermann, Dennis Aogo und Marcell Jansen. „Das sind so die vier, die vorweggehen bei uns. An ihnen orientiere ich mich auch“, sagt Beister, der als Jugendlicher beim HSV mal Balljunge war. „Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich hinter dem Tor von Rene Adler stand und ihm die Bälle zurückgeworfen habe.“

Beister ist im Plan. Voll sogar, sagt er. Mit den Wochen werde er sich natürlich immer mehr an die Abläufe, das Tempo und sonstige Anforderungen gewöhnen, „aber zurzeit läuft es fast optimal“. Beister hat Zeit. Und die nimmt er sich auch. Im Champs hatte er uns erzählt, dass er grundsätzlich eher der Typ sei, der etwas länger brauche um sich zu entwickeln. Beim HSV jedoch sollten sieben Wochen Vorbereitung reichen. „Ich habe meinen Platz im Team schnell gefunden. Und ich werde besser.“

Nominell ist die Hierarchie also gegeben. Allerdings muss diese immer auch mit entsprechenden Leistungen untermauert werden. Und sie dürfte in den nächsten Wochen noch verändert werden. Über allen spekulierten Namen prangt der Name Rafael van der Vaart. Und die Aussagen der Verantwortlichen um Sportchef Frank Arnesen („Ich warte auf ein Zeichen von ihm“) reichen von „absolut ausgeschlossen“ bis hin zu „ganz sicher ist es noch nicht“. Ich kann Euch nur sagen, dass mir die ehemalige Nummer 23 als „völlig ausgeschlossen“ bezeichnet wurde, nachdem ich wenige Minuten zuvor gesagt bekommen hatte, dass man sich lieber noch nicht äußern wolle, da man im Fall Matthias Sammer ja mal gesehen habe, dass selbst ein eigentlich schon abgeschlossener Vertrag plötzlich nichtig wird.

Ergo: abwarten. Ich glaube, da passiert noch etwas. Was im Übrigen auch für Per Skjelbred gilt. Der Norweger, der beim HSV noch immer nicht Fuß fassen konnte. Vor der Sommerpause suchten dann Trainer Fink und Sportchef Frank Arnesen das Gespräch mit dem Mittelfeldspieler und legten ihm nahe, sich parallel nach einem neuen Klub umzusehen. Allerdings, ohne dabei auf Gehör zu stoßen. „Ich habe noch nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, zu gehen“, sagt Skjelbred, der gegen Terek Grozny in der Startelf stand und ein in der ersten Hälfte sehr gutes Spiel absolvierte. „Ich wollte und will meinen Platz zurück.“ Den, den ihm Fink in der Wintervorbereitung avisiert hatte. Bis sich der Norweger wieder verletzte und für David Jarolim seinen Platz räumen musste. „Mein Herz will, dass diese Saison besser wird. Und ich will nicht weg. Schon gar nicht, wenn wir mit dem HSV unten sind. Ich habe einen vertrag bis 2015 – und für mich zählt jeder Tag. Ich werde kämpfen, jeden Tag. Und dann schauen wir, was das Beste ist. Für die Mannschaft.“

Und die präsentierte sich in der ersten Spielhälfte stark. Gegen völlig überfordert wirkende Tschetschenen kombinierte der HSV – mit kleineren Stockfehlern – fast nach Belieben. Und er traf. Sehr schön sogar. Nach zwölf Minuten traf Marcus Berg, nachdem Son eine Jansen-Flanke per Kopf abgelegt hatte. Der Schwede, der schon in der vierten Minute traf, dabei aber im Abseits gestanden haben soll, nahm den Ball an und verwandelte ihn, ohne dass er den Boden berührte per Seitfallzieher. Insgesamt war Berg in der sehr agilen HSV-Mannschaft auffällig. In der 19. Minute verpasste er zunächst eine Jansen-Flanke knapp, eher er in der 23. Minute zum Vorbereiter avancierte. Skjelbred leitete einen Konter ein. Arslan kam über links, Doppelpass mit Berg und Arslan hatte keine Mühe zum 2:0 einzuschieben. Anschließend wurde es etwas ruhiger auf dem Platz. Adler verpasste einen Flankenball (29.) und Jeff Bruma traf mit einem verunglückten Seitenwechsel ein am Rand stehendes Kleinkind, das böse stürzte, aber glücklicherweise unverletzt blieb. Und als alle dachten, es passiert nichts mehr, bekam Grozny einen Einwurf, der über Bruma und an Skjelbred vorbei bei Groznys Nummer 35, Igor Lebedenko, landete. Der setzte äußerst gekonnt zum Fallrückzieher an und überwand Adler zum 2:1-Anschlusstreffer.

Aber dann. In der zweiten Halbzeit blieb der HSV zunächst nur personell unverändert – denn fußballerisch schienen die Fink-Männer die Pause bis in die 48. Minute verlängern zu wollen. Denn dort pennten sie gleich reihenweis. Ein simpler langer Ball fand seinen Weg zum Grozny-Angreifer Georgiev, der zuerst Aogo austanzt und anschließend Adler zum 2:2 überwand. Die einbrechende Dunkelheit, ein aufziehendes Gewitter und der vorsichtige Schiedsrichter waren es dann am Ende, die das Spiel in der 72. Minute vorzeitig beendeten. Ganz sicher das Beste für die Sicherheit der Zuschauer und Spieler. Und vielleicht auch das Beste für die Stimmung der Mannschaft, denn der HSV schien an seine Form aus der ersten Halbzeit nicht mehr anknüpfen zu können. „ich bin mit der ersten Halbzeit sehr zufrieden“, sagte Fink anschließend, „da war viel Tempo drin, wir haben gut kombiniert – aber am Ende leider etwas überdreht. In der zweiten Halbzeit hat man dann gemerkt, dass Grozny unmittelbar vor Saisonbeginn steht. Aber wir müssen uns ja auch noch etwas erarbeiten.“

Etwas überraschend waren Dennis Diekmeier (Sprunggelenk) und Gökhan Töre (Magen-Darm-Probleme) erst gar nicht mit nach Mittersill gereist, blieben stattdessen im Hotel. Sie verpassten ein Spiel, dass zumindest ansatzweise Hoffnung machte.

Die Sztatistik: Adler – Lam (57. Besic), Bruma, Mancienne, Aogo (70. Sternberg) – Skjelbred (57. Skjelbred), Westermann (70. Steinmann) – Son, Arslan (65. Tesche), Jansen (65. Beister) – Berg (57. Rudnevs).

In diesem Sinne, es wird besser. Sportlich. Wettermäßig gleichen wir uns hier Hamburg leider langsam an. Hier zieht ein mächtiges Gewitter auf und binnen zehn Minuten ist es richtig schön dunkel geworden.

Bis morgen! Dann mit dem Trainingslager-Fazit des Trainers. Gute Nacht!

Scholle

P.S.: Tom Mickel ist einen Tag früher abgereist. Der Ersatzkeeper flog am Dienstagmorgen zu seiner hochschwangeren Frau Sabrina nach Hamburg. Die Geburt rückt näher…

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