Tagesarchiv für den 9. Juli 2012

Arnesen: “Es passiert etwas. Schon sehr bald”

9. Juli 2012

Nur gut, dass sein kurzer Wutausbruch keine Verletzung nach sich zog. Immer wieder prügelte Marcell Jansen auf den gepflegten Trainingsrasen im Stadion von Hippach mit seiner rechten Faust ein. Er ärgerte sich über vergebene Chancen. Er fluchte sogar lautstark, obwohl er im Trainingsspiel seiner Mannschaft fünf Tore beisteuern konnte, er zu den auffälligeren Akteuren gehörte und seine Mannschaft am Ende gewann. Es war heute einfach Zug drin. Nach einem kurzen Kraftausdauer-Zirkel (bislang werden die hier noch sehr spielerfreundlich dosiert) folgte ein Spiel auf verkürztem Feld mit Anspielpunkten an den Außenseiten. Ein Spiel auf engem Raum. Ergo: viele schnelle Zweikämpfe, viele Torabschlüsse. Und viele Reibereien. Eben ein Spiel, das für die Zuschauer schön anzusehen und sehr unterhaltsam war. „Ich bin mit Robert Tesche eigentlich sehr gut befreundet“, sagte mir Tolgay Arslan anschließend, „wir haben uns anschließend auch wieder vertragen – aber selbst mit ihm habe ich mich in diesem Spiel richtig angelegt.“

Ein gutes Zeichen? Ja. Ebenso, wie die Tatsache, dass Frank Arnesen („Ich habe Ersatzakkus dabei“) fast durchgehend am Telefon hängt. Der Sportchef hat alle Hände voll zu tun, wie wir wissen. Immerhin muss noch eine ganze Menge passieren, sollte der HSV nicht wieder in den unteren Regionen spielen wollen. „Und es passiert schon ordentlich was“, sagt Arnesen, bevor er von einem Fan gefragt wird, wann dann beim HSV etwas Zählbares passieren wird. „Schon sehr bald, glaube ich.“

In Tottenham, so ist zu hören, ist auf jeden Fall schon ordentlich was los. Nachdem Rafael van der Vaart dort immer wieder platziert hatte, sich einen Wechsel – insbesondere in die Bundesliga – vorstellen zu können, scheint auch der Premier-League-Klub gesprächsbereit zu sein. Von HSV-Seite soll das Interesse an dem Niederländer nachhaltig platziert worden sein. Obgleich im Vorstand nicht alle für die Verpflichtung der einstigen Nummer 23 sind. Dennoch, und das wissen alle, bei keinem anderen Spieler auf der noch immer händeringend gesuchten Position besteht eine vergleichbar große Chance, von Fan/Investor/Mäzen Klaus Michael Kühne Geld zu bekommen. Und das ist angesichts des weiter stockenden Verkaufsstatus’ der eigenen Spieler so etwas wie ein (nicht der letzte, aber momentan der größte) Strohhalm, an den sich alle klammern.

Aber gut, zuletzt hatte uns Arnesen gesagt, es gebe zwei Spieler (Sechser und Zehner), die aus eigenen Mitteln finanziert werden könnten. Namen, die noch nirgendwo geschrieben wurden, wie uns versichert wurde. Aber eben auch Namen, die nur dann infrage kommen, wenn beim HSV Spieler abgegeben werden können. Doch diese Spieler wiederum gibt es aktuell nicht. Slobodan Rajkovic zählt dazu, ist heute aber vorzeitig zum Training erschienen, obwohl er eigentlich noch bis zum 11. Juli frei haben sollte. Anstatt zu wechseln, ist Rajkovic früher da als er muss – klingt nicht so, als ob er weg will. „Das ist lobenswert. Das zeigt seine gute Einstellung“, lobt Arnesen, wissend, dass es die Situation nicht leichter macht. Denn auch der Innenverteidiger scheint schwer zu vermitteln, zumal er beim HSV sehr gut verdient. Womit wir beim Kernproblem sind: die Spieler, die gehen sollen, müssten woanders auf Geld verzichten. Und das wollen sie natürlich nicht. Verständlicherweise. Das zählt für Rajkovic ebenso wie für Robert Tesche, Per Skjelbred (bei ihm soll Trondheim erfolglos angefragt haben), Jaroslav Drobny und am meisten natürlich der HSV-Topverdiener Paolo Guerrero. Eine Situation, die für die betroffenen Spieler nicht einfach ist. Egal mit wie viel Geld im Monat sie entschädigt werden, an der Ehre eines Profis kratzt es, wenn ihm gesagt wird, dass er nicht mehr gebraucht wird. „Das ist für jeden Spieler im ersten Moment schlimm“, sagt Arnesen, „aber im zweiten Moment erkennt er, dass man ihm mit so klaren, ehrlichen Aussagen helfen will. Denn kein Spieler spielt gern bei einem Verein, bei dem er nicht zum Einsatz kommt. Das ist doch klar.“

Klar gewonnen (zugegeben, kleiner Themenbruch…) hat am Sonntagabend übrigens Maximilian Beister. Ebenso wie die anderen Neuen Rene Adler („Dich zu lieben“ von Roland Kaiser), Rudnevs (lettische Nationalhymne), Macauley Chrisantus (Heimatlied aus Nigeria), Matti Steinmann (Udo Lindenbergs Duett mit Clueso „Cello“), Florian Stritzl (ein mir nicht bekanntes deutsches Raplied) sowie der dänische Youngster Christian Nörgaard, (die dänische Version von „Bruder Jacob“) musste Beister beim Mannschaftsabend unterhalb des Teamhotels singen. „Maxi ist er King, Maxi war mit Abstand der Beste“, lobte Arnesen, „der war so cool, als wäre das sein Beruf.“ Letztlich musste Beister sogar doppelt singen. Wie beim Grand Prix d’Eurovision üblich, musste der Sieger sein Siegerlied (Beister sang „Someone like you“ von Adele) zur Feier noch mal singen. Anders als Nörgaard (nicht Norgaard, obwohl das so auf dem Trikot steht…), dessen Lied nur Arnesen sofort erkannte. „Christian war sooo schlecht“, scherzte Arnesen anschließend, „ich habe ihm gesagt, dass das eine Schande für uns Dänen und für seien Eltern war, die beide Musiker sind. Ich habe ihm gesagt, dass er von mir eine heftige Geldstrafe aufgebrummt bekommt.“

Die hatte zuletzt tatsächlich Paolo Guerrero bekommen, der zusammen mit Tomas Rincon, Drobny und dem verletzten Ivo Ilicevic noch Urlaub hat und somit die ersten Einheiten mit dem neuen Angreifer Artjoms Rudnevs, bei dem übrigens beide „s“ am Ende des Vor- und Nachnamens mitgesprochen werden, verpasst. Zuletzt hatte es bezüglich des Namens unterschiedliche Aussagen gegeben – nur deshalb sei das hier noch mal erwähnt.

Ebenso wie die Tatsache, dass der erste Lette beim HSV gut angenommen wird. Mannschaftsintern wird er bereits Rudi genannt. Und er selbst sagt, dass er sehr glücklich ist, sich auf den nächsten Schritt freut, „der sehr hart wird. Die Bundesliga ist noch mal ein ganz anderes Kaliber als die polnische Liga. Aber dafür arbeiten wir auch härter.“

Das muss er allerdings auch. Denn obwohl Arnesen und auch Trainer Thorsten Fink immer wieder versuchen, jeglichen Druck von Rudnevs abzuwenden, setzt er sich selbst einem hohen Erwartungsdruck aus. „Wie ich gehört habe, bin ich der erste Lette in der Bundesliga. Ich repräsentiere hier mein Land. Und das möchte ich so gut machen wie zuletzt in Polen, wo ich 22-mal getroffen habe.“

Dass er eine solche Marke in der Bundesliga nicht sofort erwarten kann, ist Rudnevs klar. Der Angreifer wirkt aber sehr entspannt, verliert kein Wort zu viel. Er ist cool. Und er scheint alles im Blick zu haben. „Er ist eher ein ruhiger Typ“, sagt Arslan, der sich nicht nur außerhalb des Platzes mit dem Letten hervorragend versteht: „Vom ersten Tag an haben wir uns gut verstanden. Wir kennen schon unsere Laufwege, stimmen uns gut aufeinander ab. Und er ist mal ein ganz anderer Spielertyp als Paolo Guerrero und Mladen Petric, die viel übers Spielerische lösen können. Rudi kommt eher über die Laufarbeit, ist sehr viel unterwegs. Und dadurch reißt er viele Lücken. Zumal er nicht selten beide Innenverteidiger auf sich zog und ich dadurch unbeobachtet war.“

Lobende Worte für den Mann, der nach eigener Aussage seine Familie, Frau Santa und Tochter Arina in jeder Sekunde vermisst, die er noch ohne sie ist. „Sie ziehen wahrscheinlich zum ersten Spiel her, wenn die ganzen Vorbereitungstouren beendet sind“, sagt Rudnevs, der in Hamburg noch im Hotel wohnt und am Donnerstag mit dem Deutschunterricht beginnen will. „Die Sprache ist mir sehr wichtig“, so der 24-Jährige, der dafür sogar einen der ganz wenigen freien Tage opfert.

Rudnevs gewöhnt sich noch. So zumindest würde ich seine bisherigen Kostproben einstufen. Er zeigte in den Spielen ausbaufähige Leistungen. Im Training zeigte er aber auch, dass er zum Tormachen da ist. Er nahm wenig am Spiel teil, dafür traf er aber. „Ich bin Stürmer“, sagt Rudnevs, „und ich will zuallererst Tore machen. Ich muss viele Tore machen.“ Den Vergleich zum bisher besten HSV-Schützen, Mladen Petric, lehnt er dennoch ab. „Ich bin nicht der neue Mladen Petric – ich bin Artjoms Rudnevs. Und ich bin beim HSV“ Was die Ziele mit dieser Mannschaft sein können? „Wir haben eine sehr junge Mannschaft, die sich sehr gut versteht. Alle sind freundlich zueinander und wissen, wie sie sich neben und auf dem Platz zu verhalten haben. Hier haben alle Respekt voreinander – und das ist mir wichtig“ Für welche Tabellenregion das reichen könnte? „Schwer zu sagen“, antwortet Rudnevs, der die Bundesliga ja auch nur aus dem Fernsehen kennt. „Aber die Mannschaft hat die große Chance, jetzt zu zeigen, dass sie sich auf einem großen Level zurechtfinden kann.“

In diesem Sinne, hier in Finkenberg hat es angefangen zu regnen. Unmittelbar vor dem wahrscheinlich anzahlmäßig mit Abstand am besten besuchten Fanfest, dass hier am Montagabend um 18 Uhr beginnt. Hoffentlich haben die dort Vorkehrungen getroffen. Denn diese mehr als 500 Fans, die jedes Training zum kleinen Fest machen, haben es allemal verdient.

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Dennis Aogo musste mit leichten Sprunggelenksproblemen heute pausieren, soll aber am Dienstag voraussichtlich wieder ins Training einsteigen können.

P.P.S.: Die Fahrradtour des HSV nach Hintertux gewann Heiko Westermann. Der Kapitän absolvierte die zehn Kilometer lange, stetig ansteigende (von 1500 auf 2000 Höhenmeter) Strecke in 50 Minuten.

P.P.P.S: Das Fanfest war, wie eigentlich alles bislang in diesem Trainingslager, bestens organisiert. Unter einem riesigen Zeltdach konnten rund 500 HSV-Fans mit den Profis sprechen, Fotos machen und sich Autogramme holen. Mittendrin natürlich unsere Matzabber, die sich als erstes Rene Adler an den Tisch holten (Foto), ehe sie lange mit Frank Heinemann sprachen.