Tagesarchiv für den 8. Juli 2012

Rudnevs trifft doppelt beim 10:0 gegen Zillertalauswahl

8. Juli 2012

Es war der letzte Abend des Trainingslagers in Marbella. Der HSV hatte uns Journalisten zum Abschluss in ein nettes Restaurant eingeladen. Eine gemütliche, ungezwungen Runde sollte es werden – und die wurde es am Ende auch. Allerdings musste einer anfänglich leiden: Nikola Vidovic. Der Arme hatte sich neben den Trainer gesetzt, und hatte links neben sich noch einen Platz frei. Und das war meine Chance. Mit allen aus dem Trainerstab hatte ich schon gesprochen, nur mit dem Fitness-Guru noch nicht. Ich setzte mich also neben Vidovic, was diesen wiederum Böses erahnen ließ. Ein Journalist, der ihn nicht kennt, sitzt die nächsten zwei, die Stunden neben ihm. Da waren Fragen programmiert. Und der kroatische Kickboxmeister galt bis dahin nicht unbedingt als Mann der vielen Worte. Finstere Blicke aber hatte er parat. Für lau.

Allerdings änderte sich das relativ schnell. Zu meinem Glück. Über den HSV kommend, gelangten wir schnell bei seiner Geschichte. Und die hatte es in sich. Ihr könnt ja mal seine Heimatstadt googlen. Gebt Vukovar und „Bilder“ ein, dann könnt ihr schon erahnen, was mir der damals noch relativ frische HSV-Fitnesstrainer erzählte. Die grausame Geschichte des Bürgerkrieges, bei dem sein Heimatort von 6000000 (in Worten: sechs Millionen!!) Granaten zerbombt wurde. 84 Tage lang bombardierten Serben die Grenzstadt, bis am Ende nur noch 2000 von anfänglich über 40000 Einwohnern übrig blieben. Von diesen wiederum wurden 1500 in Arbeitslager verfrachtet und weitere 300 auf einem offenen Feld hingerichtet und in einem Massengrab vergraben. Eine brutale Geschichte, an die lediglich die früher sonntäglichen Geschichten vom Opa meines besten Freundes Marc Schemmel herankamen. Und Opa Schemmel, ein Mann mit imponierendem Format, war während des zweiten Weltkrieges Gefangener im KZ Neuengamme…

Warum ich Euch das alles erzähle?

Weil ich hoffe, Euch so ein besseres Bild von dem engen Vertrauten des Trainers zu machen. Denn dieser Nikola Vidovic ist ein Selfmade-Mann. Einer, den nach eigener Aussage nichts mehr erschüttern kann. Er hatte damals alles verloren. Familienangehörige, sein Heimatstadt, und seinen hart erarbeiteten Job als Fitnesscoach der kroatischen Nationalmannschaft. Sein gerade beendetes Studium der Sportwissenschaften war plötzlich nichts mehr wert – denn Vidovic flüchtete nach München. Hier angekommen, fing er zunächst als Türsteher im Szene-Club „P1“ an. Über Kontakte wurde er zudem tagsüber als Fitnesstrainer im Fitnessclub Grünwald angestellt, wo er letztlich Thorsten Fink kennenlernte. „Ich hatte in Deutschland bei null beginnen müssen. Nein, bei minus zehn“, erzählt Vidovic heute, „aber ich war es gewohnt, mich durchzukämpfen.“

In Kroatien hatte das begonnen, als er grundlos verprügelt und schwer verletzt worden war. Anschließend schwor sich Vidovic, der damals Basketball spielte, sich fortan selbst beschützen zu wollen. Er begann mit Selbstverteidigung, lernte Kickboxen. „Ich war schon immer ein Sportjunkie. Ich kann nicht ohne Sport“, so Vidovic, der dieses Selbstlob beeindruckend untermauerte, indem er sich letztlich den kroatischen Kickbox-Meistertitel sicherte. „Ich bin kein Freund von halben Sachen“, so die simple Erklärung des Mannes für die Überstunden. „Der ist immer da, wenn du ihn brauchst“, hatte mir David Jarolim zuletzt erzählt, bei dem das oft nötig war. Ebenso wie bei Gojko Kacar vor seiner Verletzung sowie Mladen Petric und aktuell Maxi Beister. „Sie wollten Extraschichten machen, Boxen lernen. Das mache ich nach den Einheiten“, so der 48-Jährige, dessen Kraftausdauer beim HSV trotz des derben Altersunterschiedes noch kein Spieler erreicht hat.

Zumindest erzählen die Spieler das so. Voller Respekt. Denn Vidovic ist nicht einer, der mit einer Trillerpfeife im Mund die Spieler quält. Nein, er macht alle Übungen selbst mit – oder zumindest vor. „Zeigen ist besser als 1000 Worte. Zum einen lernen es die Spieler so schneller, zum anderen sehen sie, dass ich weiß, wovon ich spreche.“ Dass das wiederum bedeutet, dass er selbst immer topfit sein muss – für Vidovic kein Problem. „Ich will mich ja fit halten. Ich muss es sogar. Ich kann eben nicht ohne. Nicht mal Heiligabend…“

Das für Vidovic diese Sommertage wie Weihnachten sind, hat einen anderen Grund. Mit einem breiten, zufriedenen Grinsen erzählt er: „Es ist das erste Mal beim HSV für mich, dass ich eine richtige, komplette Vorbereitung gestalten kann. Und ich will die Spieler stärker machen.“ Denn da ist nach seiner Auskunft noch Luft nach oben. „Alle haben ihr Programm in der Pause gut absolviert. Und wer noch etwas nachzuholen hat, der kommt eben zu mir in die Extraschicht.“ Dort wiederum muss Vidovic auch immer wieder Spieler wegschicken. „Tolgay Arslan will sehr viel. Da muss ich aufpassen, dass die Dosis stimmt. Genau so bei Heung Min Son, den ich immer eher etwas bremsen als puschen muss. Und Paolo Guerrero natürlich“, sagt Vidovic und lacht: „Der ist auch manchmal etwas zu motiviert. Vielleicht niete ich ihm ja demnächst einen Yoga-Kurs an…“

Sehr zufrieden ist Vidovic auch mit den drei Neuen. Insbesondere Rene Adler hat es dem Kroaten angetan. „Rene ist richtig gut drauf. Der hat sehr gut gearbeitet in den letzten Monaten, das sieht man. Rene ist sehr stabil.“ Und sehr präsent, wie zuletzt auch an dieser Stelle immer wieder berichtet wurde. Heute kam der 27-Jährige zu uns in die Runde. Und er lieferte einen Auftritt ab – entschuldigt, dass ich schon wieder so ein Kompliment machen muss -, der meinen ersten sehr guten Eindruck von ihm bestätigte. Der ehemalige Leverkusener ist nicht mehr der ehemalige Leverkusener. Den Blick zurück meidet er, den Blick in den Spiegel genießt er hingegen. Insbesondere, wenn er seine HSV-Klamotten trägt. „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich diesen Anblick genieße. Die Klamotten stehen mir. Mehr noch: Mir kommt es sogar schon so vertraut vor, als wäre ich schon Jahre hier.“

Ist er aber nicht. Dafür aber hat die Nummer 15 (sollte Drobny doch noch den Verein wechseln, erhält er dessen Rückennummer eins) bereits in den ersten sieben Tagen eine Führungsrolle eingenommen. „Rene verfügt über fußballerische Fähigkeiten, wie es nur wenige Torhüter haben“, hatte uns Torwarttrainer Ronny Teuber erzählt, „und das merkt man auch in seinen Ansagen. Er ist eben ein Fußballer, der ein richtig gutes Auge hat, Situationen gut einschätzt und entsprechend seine Vorderleute dirigiert.“ Kurz gesagt: Adler ist der erste Spieler der Sorte Führungsspieler, wie sie Trainer Thorsten Fink unlängst gefordert hatte.

Und diese Rolle gefällt Adler. „Ich werde nicht in diese Rolle gedrängt. Ich finde es einfach selbstverständlich, von hinten zu dirigieren, weil ich von dort alles vor mir habe. Ich habe als Torwart doch den besten Blick auf das Geschehen, daher ist es nur logisch, dass ich versuche, zu führen. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Und ich trage gern Verantwortung.“ Dass dies auch mal unangenehme Gespräche bedeutet, schreckt ihn nicht ab. „Da musst du auch schon mal jemanden zusammenscheißen, ganz klar. Aber du musst auch wissen, wie du mit wem redest. Es ist eher kontraproduktiv, wenn du jemanden zusammenstauchst, der danach Zitterfüße bekommt. Aber all das werde ich mir während der Vorbereitung erarbeiten. Auch dafür sind diese Wochen.“

Es sind notwendige Wochen, wie das Spiel gegen den TSV 1860 Rosenheim zeigte. Insbesondere spielerisch hapert es beim HSV noch. Und das, obwohl Fink gerade die spielerische Komponente hervorheben will. Um hier fundierter nacharbeiten zu können, reiste Spielanalyst Sören Meier extra mit ins Trainingslager nach Österreich. Neben den Testkicks sollen auch alle Einheiten auf dem Rasen aufgezeichnet werden, um sie anschließend auszuwerten.

Wobei der Test gegen die Zillertalauswahl nicht als wertvoll erachtet werden kann. Was allerdings diesmal nicht am HSV, sondern an der Ortsauswahl lag, die maximal Bezirksliganiveau hatte. Dennoch war es ein Laune machender Nachmittag bei bestem Sommerwetter in dem schmucken, kleinen Jahnstadion in Hippach. Das lag vor allem an der guten Stimmung der rund 1000 Anhänger. Das Spiel hingegen begann mal wieder sehr schleppend. Erst in der 21. Minute traf der als hängende Spitze aufgebotene Robert Tesche zum 1:0. Und während in der 23. Minute sogar der Ausgleich hätte fallen müssen. Jeffrey Bruma unterschätzte einen Freistoß und der dahinter postierte Zillertaler hätte nur mit dem Kopf ins Tor verlängern müssen, köpfte jedoch Rene Adler direkt in die Arme. Besser machten es Berg (24.) und noch mal Tesche (42.), die das Halbzeitergebnis auf 3:0 hochschraubten. Erst in der zweiten Halbzeit, in der die Amateurauswahl einbrach, drehte der auf allen elf Positionen ausgetauschte HSV auf. Maxi Beister (54., 89.), Macauley Chrisantus (61.), Tolgay Arslan (63., 83.) und Artjoms Rudnevs (76., 80.) trafen zum 10:0-Endstand.

Was wir aus dem Spiel mitnehmen können? Nicht viel. Außer einem Sonnenbrand bei dem einen oder anderen Zuschauer. Wir Journalisten hatten uns alle eingecremt. Weil Rene Adler das vorher angesagt hatte. Der Mann übernimmt eben Führung. In allen Bereichen.

In diesem Sinne, bis morgen! Sonnige Grüße aus dem schönen Zillertal,

Scholle

HSV: Adler (Mickel) – Lam (Norgaard), Bruma (Mancienne), Besic (Sternberg), Aogo (Jansen) – Sala (Skjelbred), Westermann (Steinmann) – Töre (Chrisantus)Tesche (Arslan), Son (Beister) – Berg (Rudnevs).
Die Spieler in Klammern sind allesamt in der 46. Minute eingewechselt worden.