Tagesarchiv für den 7. Juli 2012

Der HSV sucht im Zillertal nach Führung

7. Juli 2012

Bewölkung und Regen waren angesagt. So, wie eigentlich vor jedem Trainingslager des HSV in Österreich. Und nachdem uns die Sonne gestern ausgerechnet bei dem peinlichen 1:1 bei der TSV 1860 Rosenheim überrascht hatte, hatte ich gedacht, dass sie sich über dem HSV nach diesem Spiel erst recht nicht mehr blicken lässt. Aber: ich täuschte. Die Sonne war pünktlich zum ersten Training im Zillertal wieder da. Und sie rundete einen sensationellen Rahmen ab, den eigentlich nur große europäische Mannschaften haben. Rund 500 (!!) Fans waren in das kleine, schöne Stadion nach Hippach gekommen, um ihre Heroen hautnah zu erleben. Auf der Gegengeraden skandierten sogar lautstarke Fans immer wieder Schlachtgesänge. Kurzum: dieses Training muss Laune machen. Selbst, wenn es vermehrt um die unangenehmen Laufeinheiten geht.

„Das Hotel ist sehr schön, das Wetter passt und der Trainingsplatz ist sehr gut“, war dann auch Finks erstes Fazit bei gefühlt 30 Grad. „Und ich weiß nicht, ob außer uns noch andere Klubs so viele Fans dabei haben…“ Dennoch war auch ihm anzusehen, dass ihm der Auftritt am Vorabend nicht gefallen hatte. Geht ja auch gar nicht anders. Oder? „Wenn Du gegen einen Regionalligisten nur remis spielst, kannst du nicht zufrieden sein. Solche Spiele ärgern mich. Ich bin nie zufrieden, wenn ich nicht gewinne“, so Finks zunächst klare Ansage, eher er seine Mannschaft doch in Schutz nahm: „Wir haben unmittelbar vorher unsere Schutzimpfungen für die Südkoreareise bekommen, hatten die Anreise hinter uns und die meisten wollten sich nicht gleich am ersten Tag des Trainingslagers verletzen.“ Worte, die mich zunächst erstaunten. Warum nimmt der Trainer seine Mannschaft nach so einem Gruselkick in Schutz? Immerhin sind es alles anspruchsvolle Profis, die ob der letzten schwachen Saison noch einiges aufzuarbeiten haben. Auf jeden Fall dürfen sich diese Spieler eigentlich keine Pausen mehr gönnen, da sie zum einen alle mehr als ausreichend Sommerpause hatten und zum anderen offensichtlich genügend Dinge haben, die verbessert werden müssen, um in der Bundesliga zu bestehen. Aber gut. Es ist der erste Warnschuss gewesen. Und Fink hat das ja auch erkannt. „Ich erwarte von den Jungs am Sonntag gegen die Zillertalauswahl allemal mehr Eifer.“

Und mehr Lautstärke. Gegen Rosenheim zeigte sich mal wieder das alte Problem. Keiner macht klare Ansagen, den Torwart, der aber zu oft am weitesten von den Vorderleuten entfernt ist, mal ausgenommen. Da war nichts zu hören gegen Rosenheim. Zumindest keine taktischen Ansagen, niemand stellte die Mannschaft. Es fehlte der Leader. „Die Mannshaft ist einfach immer noch zu ruhig“, sagt Fink, „da hätte gegen Rosenheim mehr kommen müssen. Auch unsere Abwehr war mir zu ruhig.“ Womit Fink neben dem Verbalen auch meinte, dass niemand mal ein Zeichen setzte, niemand die Mannschaft führen wollte. Wobei es innerhalb der Mannschaft mit Adler, Westermann und auch Aogo zumindest drei Typen gibt, denen zugehört würde. Dennoch, eine richtige Hierarchie hat sich in dieser Mannschaft, die ja nur bei drei Veränderungen hinnehmen musste, noch nicht herauskristallisiert. „Aber es sollte dringend eine Hackordnung da sein“, moniert Fink, der selbst versucht, darauf einzuwirken. „Dass hier auf einmal die Älteren die Tore tragen und die Jungen einfach abhauen, wird es bei mir nicht geben. Dann gibt’s auf den Kopf“, sagt Fink. „Ein älterer Spieler muss sich auch nicht immer alles gefallen lassen“, so er Trainer, „denn gerade die schwierigen Typen wie Effenberg und Kahn waren die, die am meisten akzeptiert wurden. Allerdings haben sie ihre Vorreiterrolle immer auch mit Leistung untermauert.“

Womit wir vielleicht beim Hauptproblem des HSV sind. Wobei, um mal wieder etwas Ironie aus dem Spiel zu nehmen, mit Rene Adler hat der HSV zumindest auf der Torwartposition einen absolut akzeptierten Führungsspieler. Der 27-Jährige dirigiert seine Vorderleute lautstark. Und das von der ersten bis zur letzten Minute. Und er hält stark. „Rene ist schon sehr präsent“, freut sich Fink, „das macht Spaß.“ Stimmt! Adler ist ein guter Anfang. Aber eben auch noch nicht mehr als ein Anfang. „Langsam kommt Schwung in den Transfermarkt“, sagt Arnesen, der während der Trainingseinheiten fast durchgehend am Telefon ist. „Nur ganz wichtige Gespräche“, scherzte er heute, „vor allem die mit meiner Frau…“

Dennoch ist Arnesen klar, dass noch eine Menge passieren muss. Intern, was die bereits unter vertrag stehenden Spieler betrifft. Aber eben auch extern, sprich: es müssen noch dringend Verstärkungen kommen. Und obwohl ich ganz sicher kein Pessimist bin, es werden mehr als zwei Neue noch benötigt. Und sollten es nur zwei sein, dann müssen es zwei qualitativ hochwertige Spieler für die Sechs und das kreative Mittelfeld sein.

Allerdings, und das ist sehr erfreulich, Matti Steinmann macht Freude auf der Sechs. Der 17-Jährige ist sicherlich noch weit vom Bundesliga-Stamm entfernt – allerdings ist er auf einem extrem guten Weg. Der Junge hat Auge, er hat eine Handlungsschnelligkeit, die sein fehlendes Sprinttempo vergessen macht, und er hat eine Bärenruhe. Wenn er im Zentrum an den Ball kommt, kontrolliert er die Kugel. Von der Annahme bis zum sicheren Abspiel. Ich hoffe, dass ich diese Woche noch etwas mehr von ihm und über ihn erfahre. Und ich hoffe, dass der hoch gewachsene Mittelfeldmann die ersten Eindrücke weiter untermauern kann.

Der heutige Blog schließt an dieser Stelle, da wir noch zwei Termine mit Spielern haben, von denen ich Euch selbstredend morgen berichten werde. In diesem Sinne, ich werde mich vorerst verabschieden und freue mich schon auf morgen. Da wird um 7.30 Uhr gelaufen, um zehn trainiert und um 16 Uhr steht schon das zweite Testspiel gegen eine Zillertalauswahl an. Wobei ich beim Thema Testspiele noch etwas anfügen möchte. Zunächst kickt der HSV am 27. Juli bei der Eintracht Norderstedt im Edmund-Plambeck-Stadion. Noch wichtiger (und das meine ich mit einem Schmunzeln…) ist aber der 7. September 2012. Dort gastiert der HSV nämlich am Sachsenweg und spielt gegen den NTSV. Wo es die Karten dafür gibt, werde ich Euch in den nächsten Tagen an dieser Stelle noch aufschreiben.

Bis dahin!
Scholle