Tagesarchiv für den 5. Juli 2012

Rubin Kazan will Paolo Guerrero

5. Juli 2012

Es wird hart. Richtig hart. Aber das ist mit Sicherheit auch gut so. „Wir haben sehr lange Zeit“, sagt Trainer Thorsten Fink, der heute den ersten richtigen „Kraftzirkel“ mit seinen Spielern durchzog. Gewichtschlitten mit 100 Kilogramm Gewicht (nur bei Lam wurden 20 Kilo weniger draufgepackt) mussten vor- und rückwärts gezogen werden. Medizinbälle wurden gestemmt, im Liegen hin- und her geworfen und als Stütze für Liegestütze benutzt, während der andere Mannschaftsteil Fußball-Tennis spielte und Techniktraining absolvierte. „Im Moment legen wir vermehrt Wert auf die Grundlagenausdauer“, sagt Fink, der im am Freitag beginnenden Trainingslager in Österreich drei Einheiten pro Tag ankündigte. „Um 7.30 Uhr machen wir dort ein lockeres Lauftraining, um 10.30 und 16.30 Uhr gehen wir auf den Platz. Und dann Feuer frei! Viele freie Tage wird es nicht mehr geben – wir dürfen einfach keine Tage verschenken. Wir haben dieses Mal mehr Zeit – und wir können und werden deutlich mehr machen.“

Der Trainingsplan, der in Österreich vor allem harte Einheiten wie die heutige vorsieht, wird jedoch von Spielen umrahmt. Am Freitag spielt der HSV in Rosenheim gegen TSV 1860 Rosenheim (Regionalliga-Aufsteiger), am 8. Juli geht es in Hippach gegen eine Zillertal-Auswahl, bevor es am 10. Juli in Mittersill gegen den tschetschenischen Teilnehmer Derek Grozny geht. „Zudem werden wir bei jeder Einheit auf dem Platz 20 bis 25 Minuten spielen und dieses Abschlussspiel dafür nutzen, um uns taktisch weiterzuentwickeln“, sagt Fink, der am heutigen Donnerstag bereits Gespräche mit den drei Neuen (Adler, Beister, Rudnevs) führte, um die Spielidee noch mal näherzubringen. Insbesondere die Neuen haben zudem ein intensives Videostudium mit Matthias Kreutzer (hoch gelobter Verantwortlicher für Gegner-Studien und Videoanalysen beim HSV) erhalten. „Sie sollen anhand von Bildern noch mal sehen, was ich ihnen sage. Die Gespräche mit den Jungs werde ich in den Trainingslagern fortführen.“

In diesen Gesprächen wird Fink auch den neuen Verhaltenskatalog erörtern. „Viel mussten wir gar nicht verändern. Aber ein paar kleine Dinge gibt es dann doch, die ich ab sofort nicht mehr toleriere.“ Ein Beispiel? Fink: „Zum Beispiel, dass die Jungs mit Handy auf die Massagebank sind, ist ab sofort untersagt. Das geht gar nicht. Und von solchen Kleinigkeiten gibt es noch ein paar, die ab sofort untersagt sind.“ Zudem gibt es einen überarbeiteten Ernährungsplan. „Wir müssen herausfinden, warum der eine oder andere – wie Ivo Ilicevic zum Beispiel – bei uns so lange verletzt war. Vielleicht hängt das ja auch mit der Ernährung zusammen.“ Und obwohl Fink seine Spieler lobt und ihnen grundsätzlich eine sehr vernünftige Ernährung attestiert, verbannt der Trainer per sofort Süßgetränke wie Coca Cola und Limonaden aus dem Kabinentrakt. Zudem sollen Allergietests durchgeführt werden, was allerdings durchaus gängig ist bei Bundesligisten. Was Fink noch verändern will, und ob er vielleicht auch an seinem Führungsstil etwas verändern möchte? „Nein, ich bin mit meinem Führungsstil ganz zufrieden. Immerhin hat der mich hierher gebracht.“ Was er dennoch verändern will: „Wir wollen besser spielen.“

Oh ja, bitte! Tiki Taka in der Imtech-Arena. Das hätte was, wenn es nicht nur einmal am 24. Juli in der Partie gegen Barcelona vom Gegner gezeigt wird. Wobei Fink mit der Problematik umgehen muss, seinen Kader wahrscheinlich erst sehr spät zusammen zu haben. Die heute kolportierte endgültige Absage von Finks Wunsch- und Ex-Baselspieler David Abraham wollte der Coach nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Ich habe mit dem Berater gesprochen und der hat mir gesagt, das sich an Davids Haltung nichts verändert hat.“ Dessen Aussagen, dass er jetzt für Getafe alles geben würde, kommentierte Fink so: „Was soll er denn sonst sagen?“ Stimmt. Wobei das alles nicht wirklich für den Charakter des italienisch-argentinischen Innenverteidigers spricht. Immerhin hat der 25-Jährige nicht unter Einsatz von Waffengewalt seinen Vertrag bei den Spaniern unterschrieben. Insofern sollte er zu dem stehen, was er abgemacht hat. Wovon allerdings nicht auszugehen ist, wenn man Fink heute hört: „Ich gehe davon aus, dass wir bei dieser Personalie bis zum Ende der Transferperiode warten müssen. Zumal in unseren Planungen kein Geld für die Verpflichtung eines Innenverteidigers vorgesehen war. Aber ich werde weiter auf ihn warten.“

Na dann.

Besser sieht es da offensichtlich mit dem zentralen Mittelfeldspieler aus. Rafael van der Vaart wurde heiß gehandelt. Auch hier bei uns. Allerdings scheinen sich die Entscheidungsträger da nicht wirklich einig zu sein. Zumindest ist zu hören, dass eine teure Verpflichtung des Niederländers von Vorstandsseite weniger denn von der sportlichen Leitung befürwortet wird. Insofern würde ich eine Verpflichtung des Niederländers – persönlich empfände ich sie in der aktuellen Situation als Sechser im Lotto – als nicht allzu wahrscheinlich betrachten. Leider. Mir bleibt nur zu hoffen, dass sich die verantwortlichen das Thema van der Vaart noch mal überdenken…

Aber gut, bis zum ersten Spieltag ist der neue Spielmacher da, das hatte Klubboss Carl Jarchow zuletzt in der „Bild“ angekündigt. Worte, an denen sich diese HSV-Führung messen muss. Natürlich auch Frank Arnesen, der es sich zwar nicht anmerken lässt, der aber dennoch unter immensem Druck steht. Erfolgsdruck. Und das, obwohl seine Situation vielleicht eine der schwersten ist, in denen sich HSV-Sportchefs befanden. Immerhin ist nicht nur kein Geld für Neue da, sondern diese Tatsache hat sich auch bei den Spielerberatern herumgesprochen. Ergo: Interessante Spieler muss der HSV finden, die werden eher selten frei angeboten, da für die werten Berater wenig bis keine Magen zu machen sind.

Bleibt also nur ein teurer Verkauf inklusive Gehaltseinsparungen. Paolo Guerrero wird dort an erster Stelle (leider, weil er in meinen Augen noch immer der beste HSV-Angreifer ist) gehandelt. Dem Peruaner liegen bislang nur unverbindliche Anfragen aus Spanien vor. Zudem traf ich heute einen befreundeten Spielerberater, der zusammen mit einem Scout von Rubin Kazan bei Vorstandsboss Carl Jarchow vorstellig wurde. Thema: Paolo Guerrero. Und obgleich ich mir vorstellen kann, dass für den Südamerikaner Russland nicht zwingend erste Wahl sein dürfte – die Russen verfügen zumindest über ausreichend Kapital, um Guerreros Ablöse und Gehalt zu bezahlen. „Dabei muss man aber auch beachten, dass er hier in Hamburg nicht das beste Standing hat“, versuchte der Berater mit mir zu feilschen. Hintergrund: Bis ihn der Berater aufklärte, dachte er („Alex“) zunächst, ich sei ein Offizieller vom HSV…

Bin ich aber nicht. Dafür andere, die der Verein nicht zwingend halten will. „Die Spieler wissen alle, woran sie sind“, sagt Fink, „ich kann nicht sagen, ob sie wirklich suchen oder nicht. Aber sie haben auch einen Vertrag bei uns, von daher arbeite ich ganz normal mit ihnen.“ Unruhig ist Fink nach eigenen Angaben nicht. „Wie jeder Trainer der Welt hätte ich natürlich gern die gesamte Vorbereitung mit allen Spielern absolviert. Aber dem ist eben nicht so. Das ist auch okay. Aber wir haben alle die Aussage von Jarchow (bezüglich des Spielmachers, d. Red.) gehört. Ich bleibe da auch ruhig.“ Zu viele Neue erwartet der Trainer eh nicht mehr. „Sollten am Ende vier, fünf Neue erst im letzten Moment dazustoßen, wäre es sicherlich schlecht. Aber davon gehe ich auch nicht aus.“ Vielmehr seien eher zwei, drei neue Spieler noch zu erwarten.

Zwei neue entwickeln sich indes zu kleinen Geheimtipps: Matti Steinmann und Christian Norgaard. Die beiden Youngster haben heute in einem persönlichen Gespräch von Fink zwar zu hören bekommen, dass sie nicht zu viel erwarten sollen. Allerdings lobt der HSV-Coach die beiden Talente, die sich teamintern schon einen recht guten Ruf erarbeitet haben. „Sie haben beide Fähigkeiten“, so Fink, „sie haben Talent. Sie sollen in unserer zweiten Mannschaft spielen und bei uns ein wenig reinschnuppern.“ Dennoch sei längst nicht ausgeschlossen, dass sich einer der beiden – was eigentlich nur Steinmann sein dürfte – durchsetzt, wie es einst Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka beim FC Basel unter Fink schafften. „Auch die beiden haben langsam angefangen“, sagt Fink und mahnt zur Geduld: „Matti und Christian sind geerdet, die heben sich ab von den Jungs, von denen man früh sehr viel erwartet hat und die diese Erwartungen nie erfüllen konnten. Ich habe schon viele junge Spieler gesehen, die zu früh abgehoben sind und inzwischen als ewige Talente herumlaufen. So sind die beiden nicht – und darauf werden wir auch achten. Die beiden sollen einfach noch nicht zu viel erwarten.“

Aber sie dürfen viel zeigen.

In diesem Sinne, nach all dem Erfreulichen habe ich noch etwas weniger Erfreuliches. Heute erreichte uns ein Brief von einem Blogger, den ich Euch vorlegen möchte. Mit einer kleinen Geste können wir dort helfen. Und ich bin dabei! Aber lest selbst:

„Sehr geehrter Herr Matz,

ich wende mich heute mit einer Bitte an Sie: ein sehr guter Freund von
mir, mit dem ich seit vielen Jahren zum HSV fahre, wurde vor drei Monaten
in China unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet. Bis jetzt gibt es keine Anklage, die Vorwürfe sind haltlos – er ist leider ein Spielball der chinesischen Politik.

Obwohl er seit 5 Jahren in China lebt ist er weiterhin nicht nur
HSV-Mitglied sondern auch Dauerkarteninhaber. Jeden seiner Heimatbesuche legt er so, dass er möglichst mehrere Spiele mit mir anschauen kann. Er ist also wahrscheinlich der Dauerkarteninhaber mit der weitesten Anreise.
Um auch aus der Ferne immer auf dem Laufenden zu sein ist er, wie ich,
seit der ersten Stunde regelmäßiger Leser Ihres Blogs. In einem kürzlich
erschienenen Zeitungsartikel in den USA ist er mit der Raute auf der Brust
abgebildet:

http://www.bloomberg.com/news/2012-05-16/german-held-on-art-smuggling-in-china-as-buyers-dodge-tax.html

Es wäre großartig, wenn Sie die gerade veröffentlichte Facebook-Seite

http://www.facebook.com/pages/Free-Nils-Jennrich/364563893601439

in Ihrem Blog teilen könnten, jeder Unterstützer erhöht den medialen Druck
auf die chinesische Politik, gerade im Hinblick auf den
deutsch-chinesischen Rechtsdialog in der nächsten Woche.

Für eventuelle Rückfragen können Sie sich gerne telefonisch an mich wenden. Es würde mich freuen, die Solidarität unter uns Fans hier für die gute Sache gewinnen zu können!

Vielen Dank und mit sportlichen Grüßen,
Timo Hardt“

Ich hoffe, dass möglichst viele von uns Bloggern hier mitmachen und wir so ein wenig helfen können.

Bis morgen – und vielen Dank an Euch im Voraus -,

Scholle

P.S.: Auch wenn es ihm nicht mehr viel nützen wird, im Trainingsspiel präsentierte sich Macauely Chrisantus heute in guter Form. Er traf – und er wurde von Trainer Thorsten Fink gelobt.