Vom “Über-Jogi” zum Sündenbock

30. Juni 2012

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Heißt es im Volksmund. Ist wohl auch was dran. Aber ich kann mich erinnern, dass wir im Kollegenkreis so gut wie fassungslos waren, als wir am Donnerstag von der deutschen Aufstellung für das Italien-Länderspiel erfahren hatten. Und ich bin mir sicher, dass wenn der Bundestrainer seine 20 Millionen „Kollegen“ im Lande gefragt hätte, dass er mindestens zehn Millionen Einsprüche gegen diese Elf geerntet hätte. Wenn nicht noch viele, viele mehr. Nun gut, es ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern, aber was nun im „Nachhinein“ auf „Jogi“ Löw einprasselt, das hätte ich nicht vermutet. Vor dem Halbfinale wurde er in ganz Deutschland als „Über-Jogi“ gefeiert – und nun hat er mit einem Spiel plötzlich soooooo viele Gegner gewonnen. Eine höchst zweifelhafte „Ehre“. Und wer da nicht alles was zu sagen hat. Ballack, Thon, Schumacher und, und, und. Besonders die ehemaligen Nationalspieler äußern sich ja jetzt sehr, sehr kritisch. Bin gespannt, wann in diese „Hetze“ auch noch der eine oder andere Bundesliga-Trainer mit einsteigen wird.

Mein Freund Klaus ist ja einer von den 20 Millionen Bundestrainern hierzulande. Er sagte mir heute am Telefon: „Ich würde jetzt Matthias Sammer als Bundestrainer bringen. Bei dem wären solche Fehler ganz sicher nicht vorgekommen.“
Mag ja sein, aber dafür passieren dem dann eben andere Fehler. Wer ist schon fehlerfrei? Ein Bundestrainer sicher nicht. In Deutschland gab es jedenfalls noch keinen fehlerfreien Bundestrainer. Um noch einmal kurz meine Meinung in Sachen Italien-Aufstellung einfließen zu lassen: Podolski, Gomez und Kroos hätten bei mir nicht gespielt. Und wenn man ganz, ganz ehrlich ist, dann gehörte auch Schweinsteiger nicht mehr in diese Mannschaft, denn der war bei dieser EM nie bei 100 Prozent. Zu keiner Phase.

Irgendein schlauer Mensch hat kürzlich, weit vor dem Italien-Spiel, zu mir gesagt: „Der hat nach seiner langen und schweren Verletzung beim FC Bayern viel zu früh wieder angefangen. Der sollte gegen diese verdammten zweiten Plätze ankämpfen, aber das ist ja bekanntlich gescheitert. Damit jedoch ist er verheizt worden, sodass er bei dieser EM nur mit höchsten 60 Prozent dabei war.“

Kann ja sein. Eventuell waren bei Schweinsteiger aber auch ganz besonders die drei zweiten Plätze des FC Bayern zu spüren, bei ihm haben sie eventuell doch mehr Wirkung gezeigt, als er, als der DFB und als „Jogi“ Löw zugeben wollen. Natürlich gehört Schweinsteiger in die deutsche Nationalmannschaft, natürlich gehört er auch zu den festen Größen des europäischen Fußballs, aber man muss eben auch mal „nein“ sagen können. Schweinsteiger selbst aber sagte vor dem Italien-Spiel: „Ich bin fit.“ Wie bitte? Durch einen Crash-Kurs? Er mag schmerzfrei gewesen sein, aber ganz sicher nicht fit. Und ich bin gespannt, wie lange es in der kommenden Saison dauern wird, bis der „Schweini“ wirklich wieder zu hundert Prozent fit ist. Aber wenn es ein solches Vertrauensverhältnis zwischen Spieler und Bundestrainer gibt, wie es offensichtlich der Fall ist, dann hätte Löw seinem Star vielleicht in einem Vier-Augen-Gespräch klar machen müssen, dass es für die Mannschaft diesmal besser ist, ohne ihn . . .

Aber das ist vielleicht auch ein wenig zu viel verlangt. Und warum bei Schweinsteiger anfangen, wenn schon Podolski und Gomez „mittun“ dürfen? Ich wurde ja bei „Matz ab“ ausgelacht, als ich kürzlich schrieb, dass mir der FC Arsenal Leid täte. Weil die Engländer einen Mann gekauft haben, der seine Zukunft schon hinter sich hat. Da bin ich auch mal gespannt, wie sich das so auf der Insel entwickelt. Sehr, sehr, sehr gespannt sogar. Ich habe das Gefühl, dass Podolski unter die Denker gegangen ist. Er denkt zu viel über sein Spiel nach, statt wie früher unbekümmert den direkten Weg zum Tor zu suchen. Ich jedenfalls war total entsetzt über diese EM-Vorstellung des Kölners, besonders natürlich über diese 45 Minuten gegen Italien. Außer einem Foul von ihm habe ich nichts gesehen.

Nun gut, jetzt bin ich auch noch einmal mittendrin statt nur dabei. Interessant fand ich, was ZDF-Experte Oliver Kahn (43), Vize-Weltmeister von 2002 und dreimaliger „Welttorhüter des Jahres“, im Gespräch mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein zum deutschen Scheitern im EM-Halbfinale gesagt hat. Da war nämlich enorm viel Kluges und Wahres dabei:

„Was ich in den letzten Jahren beobachtet habe, ist so ein bisschen das Verleugnen ganz wichtiger, ganz zentraler Tugenden und Werte, die den deutschen Fußball früher ausgemacht haben – Grundeinstellungen wie Zweikampfhärte, Wille, Leidenschaft, Einsatz. All das hat bei der deutschen Mannschaft diesmal gefehlt. Wir tun so seit einer gewissen Zeit, ca. seit 2006, als bräuchten wir all diese Tugenden nicht mehr, als könnten wir alles immer ganz leicht, spielerisch lösen. Man hat gerade in diesem Spiel gesehen, wie wichtig diese Dinge sind. Eine dieser Tugenden heißt: Verantwortung übernehmen. Wenn es 0:1 oder 0:2 steht, wo ist dann der Spieler, der Verantwortung für das Team übernimmt…?“

Oliver Kahn sagte auch:

„Es ist oft von den ‚flachen Hierarchien’ im deutschen Fußball die Rede. Der Nachteil dabei ist, dass die Spieler nicht zur Verantwortung erzogen werden. Und genau das hat in diesem Spiel letztlich gefehlt. Wir sollten uns auf die alten Tugenden besinnen, die den deutschen Fußball groß gemacht haben. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir die modernen Facetten des Fußball, die Spielphilosophie mit den alten deutschen Tugenden verbinden können.“

Und dann gab es noch eine kleine Kritik an Löw:

„Diesmal hat das Konzept, das der Bundestrainer sich ausgedacht hat, alles andere als funktioniert. Man hat gemerkt, dass die Mannschaft in diesem taktischen System noch nie zusammengespielt hat. Kroos hatte die Aufgabe, Pirlo fast schon in Manndeckung auszuschalten. Das hat dazu geführt, dass sich Özil und Kroos fast immer auf den Füßen gestanden haben. Özil hat auch versucht, das Zentrum zu besetzen. Damit waren zwei in der Mitte, und die ganze rechte Seite blieb dann praktisch frei.“

Dabei waren dem früheren Welttorhüter auch folgende Dinge nicht verborgen geblieben:

„Wenn dann noch solche Fehler im Defensivbereich gemacht werden, eigentlich einfache, unverständliche Fehler, Konzentrationsfehler, dann muss man sich nicht wundern, wenn man gegen so eine hoch motivierte Mannschaft wie die Italiener rausfliegt. Fußball ist ja zunächst einmal ein Fehlervermeidungsspiel. Es geht darum – gerade auf diesem Niveau – so wenig Fehler wie möglich zu machen. Wenn Du natürlich solche Klopse machst wie die deutsche Mannschaft im Defensivbereich, die Italiener geradezu dazu einlädst, die Tore zu erzielen, dann wird es natürlich sehr schwierig.“

Alles war recht ist, aber da hat Kahn schon viel Wahres gesagt. Ich habe ja auch bei „Matz ab live“ unseren Gast Lotto King Karl gefragt, ob Deutschland nicht auch der eine oder andere „harte Hund“ (einer wie der Spanier Ramos, wie van Bommel bei den Niederländern) fehlt? Mein Kollegen „Scholle“ hat mich ausgelacht, als ich meine Bedenken über unsere Innenverteidigung äußerte. Badstuber und Hummels wollen Fußball spielen. Deutschland war und ist stolz darauf, nur noch ganz wenige Fouls zu begehen – aber was nützt einem ein Fairness-Preis, wenn man die großen Titel nicht gewinnt? Balotelli ist eine richtige Kante, der zur Not auch durch Betonwände marschiert – mit dem Kopf voran. „Scholle“ aber sagte zu mir: „Ach was, der Balotelli ist doch auch kein Überflieger, der hat doch keine überragende Saison gespielt. Nein, nein, den legen die Deutschen schon an die Kette . . .“

Wie Kahn schon sagte: deutsche Tugenden. Ich weiß, ich weiß, keiner kann das mehr hören. Aber fehlt uns nicht so einer wie der frühere Stuttgarter „Eisenfuß“ Karlheinz Förster? Oder Jürgen Kohler? Oder ein Willi Schulz? Von dem hieß es stets: „Wer an Schulz vorbeikommt, hat selber schuld.“ So richtige „Hacker“ gibt es doch heute gar nicht mehr. Einen „Treter“, der schon beim Auflaufen die Ellenbogen ausfährt. Der einem Angst und Schrecken einjagt, wenn man ihn nur sieht. Die deutschen Abwehrspieler wollen „nur spielen“. Um keine Freistöße in Tornähe zuzulassen. Mag ja sein, dass so etwas auch ganz gut ist, aber einen Balotelli bekommt man nur zufassen, in dem man ihm auch mal die Kante gibt. Ohne unfair zu sein – einfach nur mit gesunder Härte. Spanien hat diesen Ramos, und der wird dem Balotelli schon zeigen, wo Bartel den Most holt.

Und so sehr ich es auch begrüße, dass in Fußball-Deutschland den jungen Leuten, sogar den ganz jungen Leuten das Fußball „spielen“ beigebracht wird – es dürfte auch schon der eine oder andere Hauch von Härte vermittelt werden. Heute sind die jungen Fußballer, die kurz vor den Bundesligen stehen, alle super und großartig mit viel, viel Technik ausgebildet, aber einen Schuss sollte irgendwann doch auch mal wieder ein Thema werden. Die Mischung macht’s.

Um noch einmal kurz auf Oliver Kahn zurückzukommen: Er war trotz allem nur zweiter Sieger bei dieser EM, denn sein frühere Kollege Mehmet Scholl, der war bei der ARD der große Gewinner dieser EM. Trotz des „Wundlegens“ mit Gomez. Was Scholl alles während dieser Meisterschaft an fußballerischen Weisheiten verkündete, wie er fußballerische Feinheiten aufklärte und erklärte, das war erste Sahne. Der Mann hat es drauf, und ich kann dem großen Trapattoni nur beipflichten: „Scholl wird mal ein großer Trainer.“

Und wo ich gerade bei Irland (Trapattoni) bin. Die Uefa wird den „irländischen“ Fans (würde Rudi Völler sagen, ich kann es mir nicht verkneifen!) einen Sonderpreis verleihen – weil diese Anhänger während der EM-Tage so positiv aufgefallen sind. Die haben gesungen, geschunkelt, gefeiert – obwohl die Iren nur verloren haben. Irlands Ikone Roy Keane waren die grünen Partys nach Niederlagen allerdings ein großer Dorn im Auge. Er sagte während der EM: „Ich denke, die Spieler und Fans müssen ihre Mentalität ändern. Lasst uns nicht gegenseitig verarschen, die Anhänger wollen ihr Team gewinnen sehen. Wir sind ein kleines Land, aber lasst uns hin und wieder nicht nur mit dem Rumgesinge zufrieden geben.“ Was der ehemalige Kapitän der irischen Nationalmannschaft jetzt wohl sagt, dass Irland nun noch einen Preis für das Rumgesinge erhält. Wird Keane eventuell am Fußball generell zweifeln? Vielleicht. Ich aber habe mir damals schon gedacht: Jetzt dürfen die Fans schon nicht mal mehr singen, schunkeln und feiern. Sind zuschlagende Krawall-Brüder denn doch erwünschter? Oder wie kann man sich den idealen Zuschauer denn „schnitzen“? Schlagen sollen sie nicht, singen, schunkeln und feiern sollen sie auch nicht – eines Tages, da bin ich mir sicher, werden wir schon noch den „idealen Fan“ haben. Ob ich das allerdings noch erlebe, das bezweifle ich doch stark.

So, ansonsten bin ich froh, dass wir morgen den letzten EM-Tag vor uns haben. Nicht wegen der EM an sich, nein (es hat doch viel Spaß gebracht), sondern deswegen, weil einen Tag später der HSV in die neue Saison starten wird. Herrlich. Wunderschön. Endlich. Die Bundesliga hat uns wieder. Natürlich nicht gleich und sofort, aber den Hauch davon erleben wir auf jeden Fall schon mal. Und wenn dann noch der eine oder andere neue Spieler nach Hamburg kommen wird, dann sieht die ganz Geschichte ja auch schon wieder viel freundlicher (für den HSV und seinen Anhang) aus.

Zur Erinnerung: Morgen, nach dem EM-Finale zwischen Spanien und Italien, ist „Matz ab live“ wieder in Schnelsen und damit im „Champs“ zu Gast, und wir haben zwei besonders tolle Gäste: HSV-Kapitän Heiko Westermann und HSV-Heimkehrer Maximilian Beister. Ich freue mich – auch auf euch, wenn ihr wieder dabei seid. Ansonsten muss ich zugeben, dass ich gesundheitlich ein wenig schwächele – Magen-und-Darm-Grippe, aber volle Delle, den ganzen Tag im Bett. Und wir hatten so viel Sonne heute. Aber das sind wohl Nachwirkungen des deutschen EM-Aus . . .

Ein schönes Wochenende für alle “Matz-abber”

19.05 Uhr

207 Reaktionen zu “Vom “Über-Jogi” zum Sündenbock”

  1. Benno Hafas sagt:

    Ich weiß gar nicht weshalb das Thema HSV und SC wieder auf den Tisch kommt. Alles ist schon tausendmal durchgekaut. In den Verein eintreten und zweimal im Jahr den Arsch zur MV bewegen. Dann klappt es irgendwann.

  2. randnotiz sagt:

    neuer blog

  3. Sascha Rautenberg sagt:

    vorher gibts ne Bergische Kartoffelsuppe mit knusprigem Speckfächer und zum Dessert Welfenspeise..vieleicht lass ich mir noch etwas frisches Schwarzbrot,Butter und n Korn zur Suppe reichen..

  4. Benno Hafas sagt:

    Deutsche Nationalmannschaft Suche nach dem Leitwolf
    Wo war das Aufbäumen? Beim EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien fehlten Spieler, die Verantwortung übernehmen – Schweinsteiger und Lahm enttäuschten als Führungspersönlichkeiten. Es gibt wohl nur einen, der diese Rolle bei der WM 2014 übernehmen könnte.
    http://www.spiegel.de/sport/fussball/schweinsteiger-und-lahm-bei-em-deutsche-mannschaft-hat-keinen-leader-a-841935.html

  5. Prof. Vitzliputzli sagt:

    Wenn man diese ganze Expertise zur DFB-Auswahl mit ihrer Klugsch……., Bauernschläue und Postbesserwisserei so hört, müssten wir uns eigentlich um das Trainerwesen keine Sorgen machen. Interessant wären ihre Aussagen jeweils VOR den Spielen gewesen…
    .
    Mit mir z.B. wäre die DFB-Auswahl schon in der Gruppenphase ausgeschieden, weil bei mir Klose statt Gomez gegen Portugal gespielt hätte. Und für das Spiel gegen die Niederlande hätte ich trotzdem Klose für Gomez aufgestellt. Und trotz bevorstehenden Jubiläum, wäre Poldi bei mir gegen Dänemark auf der Bank gewesen. Dafür waren nämlich seine Leistungen gegen POR und NED zu bescheiden… Zum Griechenland-Spiel hätte ich keine Veränderungen vorgenommen. Aber vor der Italien-Partie wäre eine Rotation absolut nicht angebracht gewesen, wie es alle anderen auch so sahen – außer Herr Löw…
    Ergo: Mit mir wäre die DFB-Auswahl mit Sicherheit ins Finale eingezogen.
    Wenn ich bloß nicht schon in der Vorrunde ausgeschieden wäre…
    Tja, so ist das… ;-)

  6. WORTSPIELER sagt:

    @Prof. Vitzliputzli (17:56 Uhr)

    Ergo: Mit mir wäre die DFB-Auswahl mit Sicherheit ins Finale eingezogen.
    Wenn ich bloß nicht schon in der Vorrunde ausgeschieden wäre…

    -
    eine perle. perfekt zusammengefasst. mussu nochmal im neuen blog posten.

  7. WORTSPIELER sagt:

    ui, sehr gut. hassu schon gemacht.