Tagesarchiv für den 19. Juni 2012

Transfergerüchte und andere, erfreulichere Themen

19. Juni 2012

Frank Arnesen sagt nein. Und das nicht nur einmal, sondern wiederholt auf die Frage, ob es für Paolo Guerrero ein Angebot gibt. Der Däne wirkt sogar langsam genervt, weil er sich seit Wochen wiederholen muss: „Ich sage erst dann etwas zu Personalien, wenn sie fix sind. Vorher bringt das nur unnötige Unruhe.“ Die wiederum herrscht seit langem um Paolo Guerrero, der vom Verein sportlich hoch eingeschätzt wird, der dem Klub aber gleichzeitig mit einem Jahresgehalt von rund 3,5 Millionen Euro deutlich zu teuer ist – und den man deshalb abgeben würde. Heute wird von einem Angebot des SSC Neapel für Guerrero berichtet.

Und hier im Blog geht das Staunen um?

Viele fragen sich, ob das stimmt und tun so, als sei die Info neu. Das wiederum verwundert mich. Denn sowohl hier im Blog am 14. und 23. Mai sowie am 12. Juni und im Abendblatt haben wir darüber bereits berichtet. Damals mit dem Zusatz, der Peruaner hätte angeblich eine festgeschriebene Ablösesumme – was umgehend von Arnesen verneint wurde. Aber der Name SSC Neapel im Zusammenhang mit Guerrero sollte den meisten längst bekannt sein. Damals berichteten wir zu Beginn übrigens mit der Überschrift: „Die heiße Phase beginnt – jeden Tag ein neues Gerücht“ – irgendwie passend, oder? Denn bislang ist das Gerücht um Neapel und Guerrero nicht mehr als ein selbiges. Ein offizielles Angebot liegt dem Klub noch immer nicht vor. Genau wie damals weiß man beim HSV zwar vom angeblichen Interesse – ohne jedoch einen Anruf, eine Mail oder ein Fax aus Italien erhalten zu haben. Und bis nichts dergleichen da ist, wird Arnesen weiter munter nein sagen. So sehr es ihn auch nerven wird.

Interessant ist für den HSV, das hatte Joachim Hilke zuletzt gesagt, der dänische Markt. Das ausverkaufte Länderspiel der Dänen gegen Brasilien in der Imtech-Arena nahm der Marketingvorstand als Gradmesser für die Beliebtheit Hamburg bei den Dänen. „Ich hätte nichts dagegen, wenn jedes Spiel von uns 3000 Dänen im Stadion sind. Und das, obwohl ausgerechnet jetzt mal kein dänischer Spieler im HSV-Kader steht. Und obwohl wir mit Arnesen auch noch einen Dänen als Sportchef haben. Da der nun auch noch als Experte für den dänischen TV-Sender „TV“ bei der EM dabei ist, hat er direkten Blick auf die Nationalmannschaft unseres nördlichen Nachbarn. Und nicht nur auf die. „Der skandinavische Markt liegt mir als Däne natürlich nahe“, hatte Arnesen schon bei seinem Amtsantritt gesagt. Mit Per Skjelbred wurde bereits ein Norweger geholt. Durchgesetzt hat er sich zwar nicht, dennoch soll der HSV-Sportchef inzwischen auch Skjelbreds 19-jährigen Landsmann Markus Henriksen von Rosenborg Trondheim auf dem Zettel haben. Da dieser Spieler aber zum einen vier Millionen Euro Ablösesumme kosten soll, zudem bislang vom HSV (wie es sein Berater bestätigt hat) kein Angebot vorliegen hat, wäre es unlogisch, Arnesen danach zu fragen. Mehr als „Kein Kommentar“ ist da nicht zu erwarten. Für uns Journalisten natürlich eher suboptimal – aber grundsätzlich das Beste, was Arnesen machen kann, um den Preis für einen potenziellen Kandidaten nicht unnötig in die Höhe zu treiben.

Zumal der HSV finanziell zunächst auf Verkäufe eigener Spieler angewiesen ist. Und auch an dieser Front herrscht beim HSV derzeit Stille. Gerüchte um Interessenten für Guerrero, Tesche, Drobny und auch Zhi Gin Lam gibt es und diese sind auch beim HSV bekannt – allein konkret ist nichts. Einzig für Lam soll es konkrete Anfragen für ein Leihgeschäft gegeben haben, allerdings lehnt der HSV weiterhin ab. „Wir wollen abwarten, was sich in Sachen Kaderplanung noch tut“, sagt Fink. Der HSV-Coach schließt einen Wechsel auf Leihbasis für Lam nicht grundsätzlich aus. Vielmehr will er abwarten, ob der HSV noch Spieler dazu bekommt, die Lams Einsatzwahrscheinlichkeiten einschränken. Denn primär bleibt, so Fink, dass Lam in der kommenden Saison ausreichend – und vor allem: mehr – Spielpraxis bekommt.

Um beim HSV und einem Gerücht zu bleiben: Die Uefa erlaubte sich einen folgenschweren Fehler. In Ihrer Auflistung der Spieler beim Spiel der Kroaten gegen Spanien stand neben Mario Mandzukic nicht der Name seines aktuellen Vereines VfL Wolfsburg – sondern „HSV“. Und schon ging die Diskussion los. In kroatischen Online- und Zeitungsberichten war zu lesen, dass der Angreifer Wolfsburg verlassen wolle und bereits einen neuen Klub gefunden habe. Den wolle er allerdings erst nach der EM bekanntgeben.

Was ja jetzt für die Kroaten der Fall ist.

Zudem war aus Wolfsburg zu hören, dass Trainer und Disziplinfanatiker Felix Magath zu dem launischen Mandzukic nicht das beste Verhältnis pflegt und eine Abgabe durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Und die VW-Städter haben mit Ivica Olic eine neue Offensivkraft verpflichtet. Aber: an diesem Gerücht ist nichts dran. Zum einen dürfte Mandzukic im Gehalt zu teuer sein. Zum anderen hat der Kroate seinen Marktwert bei der EM noch mal gesteigert.

Zusammengefasst bedeutet das: Bei Guerrero dürfte noch was kommen. Bei Henriksen ist die Wahrscheinlichkeit ähnlich gering wie bei dem Schweden Rasmus Elm (24, AZ Alkmaar), der heute in der Bild genannt wurde. Lams Verleihe ist noch nicht gänzlich aus der Welt. Zumindest nicht so, wie ein Kauf des Wolfsburgers Mandzukic, der mir den Übergang zum Thema EM allerdings erleichtert. Denn dort war ich sehr überrascht, denn Lars Bender, der defensive Mittelfeldspieler, den Löw zum Rechtsverteidiger umfunktionierte, war gegen Dänemark nicht nur der gefeierte Siegtorschütze, sondern statistisch auch der beste Spieler auf dem Platz. So zumindest hat es die Castrol-Datenbank ermittelt. Die Analysen zeigen, dass der 23-Jährige in vielen Kategorien zu den auffälligsten Akteuren gehörte. Bender verlor nur zwei von insgesamt neun Zweikämpfen und fast 91 Prozent seiner Pässe fanden den eigenen Mitspieler. Dass der lange Spurt von Bender vom eigenen Strafraum bis in den gegnerischen Sechzehner schließlich mit dem Siegtreffer belohnt wurde, war ebenfalls kein Zufall. Matchwinner Bender setzte 97 Mal zum Sprint an und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 29,38 km/h. Das ist zwar nur gehobener Durchschnitt. Aber insgesamt absolvierte der gelernte Mittelfeldspieler auf der ungewohnten Verteidigerposition eine Laufleistung von 11342 Metern – mehr liefen nur Samy Khedira (11521) und der zweite Sechser und fleißigste Mann auf dem Platz, Bastian Schweinsteiger mit 12194 Meter. Entsprechend führt der Castrol-Index den Leverkusener dann auch als herausragenden Akteur mit einer Wertung von 8,93 Punkten. Der Index umfasst alle Ballkontakte und Aktionen eines Spielers und bewertet, ob sie die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Tores erhöhen oder senken. In gleicher Weise werden Punkte für Defensivaktionen vergeben. Verbesserungspotenzial bei Bender gibt es allenfalls auch statistisch, vor allem bei seinen Flanken: keine der drei Hereingaben erreichte einen Mitspieler. Aber das kann noch werden. Zumal dann, wenn sich der EM-Debütant auf dem Platz so locker gibt wie bei der Pressekonferenz des DFB.

Womit ich bei einem Thema angekommen bin, das mir fast so viel Spaß macht wie der Fußball der Nationalelf: habt Ihr die Pressekonferenzen mal verfolgt? Da war – und auch Poldi war schon da – bislang noch nicht ein Spieler auf der Empore, bei dem man irgendwann mit dem Kopf schütteln musste. Allesamt wirken reif, fokussiert auf den Sport, nehmen sich selbst nicht zu wichtig und sind trotzdem locker genug, die nicht immer allzu innovativen Fragen mit einer gesunden Portion Humor versehen zu beantworten. Diese Mannschaft macht Spaß. Und man kann von Shamballa-Bändchen halten, was man will, aber Jogi Löw hat aus der Nationalmannschaft einen verschworenen Haufen gemacht. Dass der auch noch den besten deutschen Fußball seit Jahrzehnten spielt – unfassbar. Genau deswegen konnte ich diese EM gar nicht erwarten und habe im „Matz ab“-Video vor Turnierbeginn Dieter widersprochen, dass Deutschland in der Vorrunde rausgeht. Im Gegenteil, ich war und bin noch immer bester Hoffnung, dass wir Europameister werden.

Dafür müssen wir jedoch zunächst das Viertelfinale gegen Griechenland am Freitag gewinnen. Und mit den Griechen haben wir spielerisch sicher nicht den besten Gegner erwischt – aber es ist allemal ein undankbares Spiel. Die Griechen wirken in den Spielen oft völlig teilnahmslos, inaktiv. Allein die sehr rustikale aber dafür auch ebenso konsequente Defensive hielt sie in den Gruppenspielen am Leben. Polen versäumte zum Auftakt eine höhere Führung und musste unerwartet den Ausgleich hinnehmen – und hatte am Ende sogar das Glück, nicht durch einen Foulelfer gar eine Niederlage zu kassieren. Tschechien schien die Griechen für ihr destruktives Spiel zu bestrafen und siegte 2:1. Aber im letzten Gruppenspiel mussten die Russen trotz haushoher Überlegenheit und Sturmlaufs auf ein Tor sogar ein 0:1 hinnehmen. Insofern: Aufgepasst! Diese Griechen wirken harmlos, sind es aber nicht. Wobei ich glaube, dass der Ausfall des bisher formstarken Kapitäns Georgios Karagounis den Griechen extreme Probleme bereiten wird.

Wir werden morgen zudem testen, weshalb die letzte Übertragung aus dem Champs nicht live gesendet werden konnte. Zum einen werden wir vor Ort die Leitungen einem Live-Test unterziehen, zum anderen wird ein Update auf unser mobiles, kabelloses Übertragungsgerät gespielt (mit dem wurde übrigens ein paar Tage zuvor die hoch gelobte Aogo-Sendung einwandfrei übertragen). Danach entscheiden wir, ob wir die Sendung am Freitag machen können. Das Risiko, aus der Leitung zu fliegen, werden wir auf jeden Fall nicht in Kauf nehmen. Zu Gast wäre am Freitag ab 22.45 Uhr Tolgay Arslan, der alle U-Nationalmannschaften durchlaufen hat und der sich berechtigte Hoffnungen macht, irgendwann einmal im Team der A-Nationalelf aufzulaufen.

In diesem Sinne, Daumen drücken! Für unsere Nationalelf, für Arnesens Kaderzusammenstellung – und ein wenig auch für die Sendung am Freitag.

Scholle