Tagesarchiv für den 5. Juni 2012

Bitte nicht nervös werden! Noch nicht…****Otto neuer Chefkontrolleur****

5. Juni 2012

AKTUALISIERT (Erster Absatz): Mal wieder ein Hauch Vereinspolitik im Blog. Der Aufsichtsrat tagte und wählte einen neuen Vorsitzenden. Alexander Otto soll es richten. Der ECE-Chef, der dem Amt eigentlich abgeschworen hatte ob seiner familiären und betrieblichen Verpflichtungen wurde von seinen Ratskollegen einstimmig zum neuen Chefkontrolleur gewählt und übernimmt das Amt des zurückgetretenen Ernst-Otto Rieckhoff bis zum Januar – bis zu den Neuwahlen, bei denen der Multi-Milliardär nicht mehr antreten wollte – dies aber heute etwas abschwächte: “Ich werde mich im herbst entscheiden, ob ich erneut kandidiere.” Und es scheint seit Udo Bandows erster Amtszeit das wahrscheinlich Beste, was diesem zerstrittenen Rat passieren kann. Zumindest ist er der einzige gemeinsame Nenner aller Fraktionen. Und er macht es zum Wohle des HSV. Otos Vizes sind Manfred Ertel und Eckart Westphalen.

Aber okay, zumindest sind die Räte einsichtig – was ja bekanntermaßen ein guter Anfang ist. Insofern will ich hier nicht schon vorgreifend verurteilen. Im Gegenteil, ich setze einfach mal neue Hoffnung in das Kontrollgremium, das in diesem Sommer hoffentlich noch eine ganze Menge zu tun bekommt. Immerhin hoffen wir alle noch auf eine Menge Bewegung in Sachen Kaderplanung.

Und darauf, das Frank Arnesen ein besseres Händchen hat als vergangene Saison. Da wurde das intern budgetierte (wichtig für die TV-Gelder) Ziel achter Platz um sieben Ränge verfehlt. Wobei ich mich ganz ehrlich frage, wie man vor der letzten Saison mit einem achten Rang planen konnte. Dafür gab es im Kader einen zu großen Umbruch hin zu Spielern, deren wirkliches Leistungspotenzial maximal zu erahnen war – nicht aber planbar. Und letztlich bewiesen sich die Transfers als nicht ausreichend effektiv. Einzig Töre bis zur Halbserie, Mancienne am Saisonende und Bruma auf der rechten Verteidigerposition wussten zumindest teilweise zu gefallen.

Dennoch erkannte der HSV schnell, dass es mit diesem Kader nur noch um den Klassenerhalt gehen konnte. Dass man nach dem Trainerwechsel und dem kurzzeitigen tabellarischen Aufschwung wieder sofort ins Träumen geriet und von internationalen Startplätzen schwadronierte – es spricht nicht für die Weitsicht der Verantwortlichen. Für deren Einsicht aber spricht, dass die kommende Saison mit einem elften Rang im Schnitt geplant wird. Das erscheint deutlich realistischer. „Was wir wirklich erreichen können, können wir erst nach der Transferperiode festlegen“, sagt Arnesen – und er hat natürlich Recht. „Denn erst dann wissen wir, wer in unserem Kader ist und ob wir die Ansprüche anheben können.“

Bislang ist der Weg dorthin jedoch sehr steinig und mit Absagen gepflastert. Wobei, nein: Xhaka und Kuyt haben abgesagt – weil sie international spielen wollen. Das kann der HSV nicht bieten. Und Abraham hat einfach nur kurzzeitig vergessen, dass er ja schon einen Vertrag – leider bei einem anderen Klub – unterschrieben hat. Drei Spieler, zweieinhalb Absagen – da fangen einige an zu nörgeln, was ich wiederum nicht mache. Denn meiner Meinung nach ist es richtig, wenn Arnesen seine Bemühungen ganz oben ansetzt. Der sportliche Weg von unten nach oben ist extrem hart – fragt doch mal Hoffmann und Beiersdorfer. Beide zusammen mussten mehr Absagen als Zusagen hinnehmen, bis sie irgendwann doch den so genannten „Türöffner“ in Rafael van der Vaart fanden. Anschließend hatte der HSV ganz neue Argumente, Hochkaräter anch Hamburg zu ködern.

Arnesen sucht seinen Türöffner noch. Adler ist ein Anfang, denn Fakt ist: je attraktiver die Mannschaft, desto leichter wird es bei neuen Hochkarätern. Dass auf dem Weg zu diesen Hochkarätern (noch) nicht alle „Yippiyeah“ rufen, wenn der Bundesliga-15. um die Ecke kommt, ist nur logisch. Es bedarf in diesem Fall schon sehr guten Kontakten und einer riesigen Portion Überredungskunst, um für eine Überraschung zu sorgen und einen echten Hochkaräter an Land zu ziehen.

Bei Dietmar Beiersdorfer war es das persönliche Bemühen. Zumindest erzählten mir das Rafael van der Vaart, Eljero Elia und Daniel van Buyten mal unabhängig voneinander. Alle drei besuchte Beiersdorfer mehrfach in ihrer Heimat, sprach mit den Spielern und deren direktem Umfeld. Beiersdorfer legte sehr viel Wert darauf, eine Vertrauensbasis zum Spieler und dessen Familie zu schaffen und ging damit immer wieder das Risiko, bei einer Absage immer sehr, sehr viel viel Zeit verschwendet zu haben. Er machte das, was ich mir vorgestellt habe, als Arnesen sagte: „Wir haben kein Geld – deswegen müssen wir einfach schneller, überzeigender und kreativer sein als unsere Konkurrenz.“

Insofern wundert Euch nicht, wenn ich nicht nach Absagen von Spielern nervös werde. Im Gegenteil, wenn ich von Absagen bei Spielern der Größenordnung Kuyt oder Xhaka höre, bestätigt das meine Hoffnung, dass sich der HSV trotz der schwierigen finanziellen Umstände in den oberen Regalen bedienen will. „Es wird ein sehr langer, harter Poker“, hatte mir Arnesen gestern gesagt. Und er meinte damit, dass sich der HSV gedulden muss, bis denn doch einer zusagt, den man als Soforthilfe verstehen kann und er sagte damit auch, dass sich der HSV nicht mehr nur mit Talenten zufrieden geben will. „Wir brauchen in fast allen Mannschaftsteilen noch Verstärkungen, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden“, hatte Uwe Seeler bei der Eröffnung des neuen Klubheims gesagt und einzig die Torhüterposition ausgeklammert. Ich glaube, er hat Recht.

Und ich hoffe, die aktuellen Entscheidungsträger sehen das auch so. Es fehlt ein sehr guter Innenverteidiger, ein Sechser, der das Spiel ankurbeln kann und ein offensiver Mittelfeldspieler, der Kreativität in das Offensivspiel bringt. Angenommen, Guerrero, Son, Arslan sowie Berg bleiben und Rudnevs ist die erhoffte Granate – dann bräuchten wir vorn schon quantitativ nichts mehr zu machen. Zumal wir mit Töre, Jansen, Beister und Ilicevic noch über vier offensivstarke Außen verfügen. Aber den offensiven Mittelfeldmann brauchen wir. „Diese Position hat Priorität“, hatte Trainer Thorsten Fink vor seinem Urlaubsantritt gesagt – und die Klubführung macht jetzt ernst. Es soll nicht mehr auf einen Spieler gewartet werden, der umsonst kommt. Vielmehr stehen in den nächsten Tagen erneut Gespräche mit Milliardär und HSV-Investor Klaus Michael Kühne gesucht werden. Der Speditionsunternehmer war bereits im Winter bereit, Basels Granit Xhaka zu finanzieren und soll dem vernehmen nach auch in diesem Sommer seine Hilfe angeboten haben.

Sofern Arnesen den richtigen Spieler gefunden hat, könnte es auch schneller gehen als erst „in letzter Sekunde“, wie Arnesen angekündigt hatte. Allerdings, und da lege ich mich fest, wenn es der Sache dient, warte ich gern auch bis zur letzten Sekunde der Transferperiode. Denn, und das muss allen klar sein, Frank Arnesen wird am Ende nicht an der Art und Weise gemessen, wie er Spieler nach Hamburg lockt. Vielmehr geht es darum, wen er holt und wie die einschlagen. Und ich hoffe, dass es nicht zum dauerhaften Stilmittel wird, Bekannte nach Hamburg zu holen. Letzte Serie kamen fünf Spieler von Arnesen vom FC Chelsea, dieses Jahr sollten es schon drei Ex-Spieler von Fink aus Basel (Shaqiri, Xhaka, Abraham) werden. „Meine Arbeit wird am Erfolg der Mannschaft gemessen“, hatte mir Arnesen vor zwei Wochen gesagt. „Es kann sein, dass ich die besten Spieler der Welt hole, die aber nicht zusammenspielen können. Und am Ende sagen alle: ‚Der Arnesen kann ja gar nichts’. Aber so ist mein Job.“ Dass er, wie hier im Blog diskutiert wurde, dafür so gut bezahlt wird wie kein Sportchef vor ihm – unwichtig. Zumindest so lange, wie er Erfolg nach Hamburg bringt. Es zählt im Profifußball nur das Ergebnis. Auf dem Platz – und außerhalb eben auch.

In diesem Sinne, ich hoffe, dass Arnesen seinen Worten Taten folge lässt und er – auch wenn er nie zugegeben hat, die Liga unterschätzt zu haben – personell die richtigen Schlüsse aus der abgelaufenen Saison gezogen hat.

Bis morgen. Obwohl nee, bis später. Dann an gleicher Stelle mit den Neuigkeiten von der Aufsichtsratssitzung.

Scholle (17.16 Uhr)