Tagesarchiv für den 4. Juni 2012

Ein Nähkästchen der etwas anderen Art

4. Juni 2012

So weit ist es nun schon gekommen. Hoelzenbein. Kelsterbach. Müller. Da wird bei Matz ab schon ein Nähkästchen von mir reingestellt – von fremder Hand. Das gibt es doch gar nicht. Wer es noch nicht mitbekommen hat: Eintrag Hoelzenbein heute um 7.05 Uhr. Das Schlimme an dieser Aktion ist, dass es alles stimmt. Der Herr Hoelzenbein hat eben – ich wusste es schon immer – ein gutes Gedächtnis. Und ein netter Kerl ist er obendrein. Und, um das auch noch vollständig zu machen: ein Elfmeterschinder auch. Jan Christian Müller kam einst als Fußballer vom FC Mahndorf (Bremen) zum 1. SC Norderstedt – und ich durfte über ihn berichten. Auch über den Elfmeterschinder, denn keiner fiel so schön und so schnell wie er. Und die Schiedsrichter mit ihm – nämlich auf ihn rein. Aber das steht hier nicht zur Debatte. Es geht um sein und mein Nähkästchen. Ihr müsst es eigentlich lesen, bevor ihr hier nun tiefer einsteigt. Was für ein Doppelpass, was Janny? Den hätten wir uns doch nie träumen lassen – damals . . .

Okay, zur Sache. Ich hatte also 2002 zur WM meinen Pass nicht dabei. Ich muss, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sagen, dass ich ihn nicht vergessen hatte. Ich ließ ihn wissentlich zu Hause, weil ich Angst hatte, ihn in der Fremde zu verlieren. Denn ich hatte vor der Abreise in den Unterlagen der FIFA gelesen, dass die Akkreditierung als Ausweis für die Reisen innerhalb der WM-Länder Japan und Südkorea gelte. Ein schwerer Denkfehler, denn: Die Akkreditierung hatte ich ja noch gar nicht, die musste ich mir erst in Japan holen. Das war mein Fehler. Ich hatte Angst, dass ich dort meinen Pass verlieren würde, also ließ ich ihn vorsichtshalber zu hause. Perso musste reichen – für alle Fälle.

Erschwerend kam hinzu, dass die Boden-Stewardess der Lufthansa in Hamburg eigentlich hätte danach fragen müssen. Da ich sie aber, wegen meines Übergepäcks, „rund um die Uhr“ zuquatschte, kam sie gar nicht erst zu Wort. Sie fragte weder nach meinem Pass – noch nach dem Übergepäck. Und durch. Und wech. Und tschüs.

Das Weitere hat dann Herr Hoelzenbein (Müller ist lange schon kultiger Redakteur bei der Frankfurter Rundschau) genau und eindrucksvoll beschrieben. Obwohl es noch einige Dinge nicht geschrieben hat. Zum Beispiel, dass alle Redakteure, die von diesem Pass-Ding erfahren hatten, ein Schweigegelübde abgelegt hatten: „Kein Wort darüber in den Zeitungen, nicht mal als Splitter!“ Daran hielten sich eisern auch alle. Nein, doch nicht so ganz. Eine Zeitung musste es dann doch noch schreiben. Eine, die damals kaum in Hamburg gelesen wurde: die Mopo. Dem Redakteur, der schon lange nicht mehr in Hamburg ist, bin ich heute noch „dankbar“. Das war doch sehr kollegial. Obwohl. Auch das muss ich sagen: Da ich in Japan große Schwierigkeiten hatte, mit meinem alten Computer „ins Netz“ zu kommen, half mir der Mopo-Redakteur sehr – wie auch der Herr Hoelzenbein, was nicht verschwiegen werden darf.

So, zur Nacht in Kelsterbach. Kein Auge zugemacht. Und oft geheult – gebe ich zu. Am nächsten Tag dann der Flug – mit dem zweitgrößten Jet (nach dem Jumbo) der LH. Und mit Pass! Die Boden-Stewardess sagte beim Einchecken zu mir: „Herr Matz, Sie sind einziger Europäer an Bord, ich setze Sie an Fenster, und den Sitz neben Ihnen blockieren ich . . .“ Danke, danke, danke. An Bord dann nur Japaner und Matz. Und es entstand eine Geschichte, die tags darauf auf der Seite eins des Abendblattes erschien – und zu der ich später viele Leserbriefe erhielt (alle, wirklich alle nur positiv – ihr werdet es ändern können). Die Geschichte habe ich heute noch einmal „ausgegraben“, sie hat wirklich nichts mit Fußball zu tun, deswegen warne ich alle, die wenig bis keinen Humor haben, sie zu lesen. Wie gesagt, ganz Ende. Und wer sie liest, obwohl er keinen oder gar keinen Humor hat, und mich dann dennoch vernichtet – der hat selber schuld.

Problematisch wurde auch die Einreise in Japan. Da kommt ein Redakteur aus Deutschland angeflogen – und hat keinen einzigen Koffer mit. Das musste schiefgehen. Ich wurde von Zoll, Polizei und Geheimdienst nett, höflich und unverbindlich, nein, unverbindlich nicht ganz, in ein separates Zimmer gebeten. Eröffnungsfrage: „Wo ist Ihr Gepäck?“ Das ist schon in Mayazaki. Dort, wo sich die deutsche Mannschaft während der Zeit in Japan aufhielt. Die Japaner schüttelten den Kopf und antworteten: „Es kann ja gar nicht in Miyazaki sein, weil Sie noch hier sind. Und Gepäck fliegt nie allein – auch ihres nicht. Oder es fliegt jedenfalls nur dann allein, wenn etwas schiefgegangen ist.“ Dann erzählte ich von meiner Nacht in Kelsterbach. Unklar ist mir bis heute, ob die Japaner das alles, was ich ihnen erzählte, auch verstanden haben. Aber es ging alles glatt, sie ließen mich dann doch, nach einer langen Stunde, einreisen. Auch ganz ohne Gepäck. Nur mit Laptop „bewaffnet“.

In Miyazaki war ich dann natürlich nicht nur das Tagesgespräch, sondern auch das Wochen-Gespräch. Wer den Schaden hat . . . Und, das sei mir auch noch gestattet: Zwei, die sehr, sehr laut gelacht haben, die heute sogar Chefs beim Fernsehen und einer großen deutschen Tageszeitung sind, die haben bei den später folgenden Länderspielen auch ihre Pässe vergessen. Das war denen natürlich sehr, sehr peinlich . . . Während alle anderen auch aut gelacht haben. Nun gut, Japan und Südkorea habe ich damals ganz gut überstanden – und die deutsche Mannschaft ja auch. Wobei ich noch ein ganz kleines Nähkästchen loswerden muss. Als ich in Miyazaki meinen Koffer auspackte, stieß ich nach dem ersten Drittel auf einen Zettel. Den hatte mir mein damals 16-jähriger Sohn „reingeschmuggelt“: „Lieber Papa, Du musst ab hier jetzt nicht weiter auspacken. Das bisherige langt für die Vorrunde, dann fliegt Deutschland ohnehin wieder nach Hause . . .“ Es kam, wir wissen es alle, ganz anders.

Und Japan und die vielen Japaner dort, die sind mir in dieser zeit total ans Herz gewachsen. Ein tolles Land, super freundliche Menschen dort, und unheimlich höflich. So etwas hatte ich noch nie erlebt, werde es wohl auch nie wieder erleben. Es sei denn, ich fliege noch einmal nach Japan. Mit Reisepass natürlich.
Weil ich damals so nett über meine neue Liebe Japan geschrieben und berichtet hatte, lud mich übrigens der damalige japanische Konsul in Hamburg zu einem Essen in einem japanischen Restaurant ein – mich und Frau M. Und die Frau Konsul war auch dabei. Toll.
Ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was . . .

Ja, das war ein ganz besonderes Nähkästchen, eingebrockt und aufgeschrieben von Herrn Hoelzenbein. Zu diesem (globalen) Thema kam übrigens am Sonntag ein Leserbrief, den ich hier einmal veröffentlichen möchte:

Moin Dieter,

in der letzten Nacht wurde auf N3 eine Reportage über die Deutsche
Nationalmannschaft während der EM1996 gesendet. Wirklich sehr sehenswert !

Du bist in der Reportage auch zu Wort gekommen (den Bericht kennst du
wahrscheinlich schon). Habe dich erst nicht mit deiner „hübschen” Brille von damals erst nicht
erkannt ;).

Für die Zeit während der EM und der Sommerpause wünsche ich mir im Blog
wieder mehr deiner lesenwerten Nähkästchen, anstatt ständige Lobhudeleien auf die
HSV-Geschäftsführung.

Ich kann nach wie vor als Außenstehender viele Entscheidungen überhaupt
nicht verstehen (Vertragsverlängerung mit M. Jansen und den Umgang mit Drobny, um nur
einmal zwei Beispiele zu nennen, die mir spontan eingefallen sind).

Viele Grüße, Sieverdinger Raute

Nett. Und ich finde es ja auch ganz gut, wenn ein „Matz-abber“ die Nähkästchen gut findet – und sie lesen möchte. Allerdings gebe ich jedem zu bedenken, dass so vielleicht, wenn es hoch kommt, ein Drittel der Matz-ab-User so denken. Vielen hängen die Dinger zum hals heraus. Und dann gibt es Mails wie diese: „Was soll der Scheiß, das will hier keiner lesen, ich will hier aktuell informiert werden, Fakten, Fakten, Fakten.“

Natürlich, ist klar, wird alles gemacht. Selbstverständlich, stets zu Diensten.

Um dann auch gleich aktuell werden zu wollen: es ist ja Sommerpause. Das ist Fakt. Und in der tut sich meistens, gelegentlich und auch oft, nicht so sehr viel. Auch Fakt. Beim HSV tut sich im Moment gerade davon sehr viel – nämlich kaum etwas. Ebenfalls Fakt – also Fakten, Fakten, Fakten. Da ich aber im Erfinden von solchen brandaktuellen Nachrichten eigentlich sehr schlecht bin (es gibt aber natürlich auch liebe Mitmenschen hier, die das Gegenteil behauten – ist schon klar!), beschränke ich mich auf die wenigen kleinen Geschichtchen, die es dennoch hier und dort mal gibt. So gibt es morgen (Dienstag) zum Beispiel eine Aufsichtsrat-Sitzung, bei der der neue AR-Boss bestimmt werden soll. Es soll ja, so hieß es zuletzt immer wieder, alles auf den Herrn Alexander Otto zulaufen. Aber ob er es dann auch wird? Da habe ich meine Zweifel. Obwohl es einer ja eigentlich auch werden und machen muss. Alle wollen angeblich nicht. Nicht so recht, jedenfalls. Ich tippe mal darauf, dass Manfred Ertel den verwaisten Vorsitz (von Herrn Ernst-Otto Rieckhoff) übernimmt. Mein bauch. Ertel will bislang auch nicht, aber einer muss ja . . .

Dann zum „Fall Abraham“. Nicht der Trödler, sondernd er Basler. Der Basler in Getafe quasi. Mein Bauchgefühl hat ihn gestern eigentlich schon unmöglich gemacht, heute verdichten sich diese Gefühle immer mehr. Deswegen behaupte ich einmal ganz frech: zu 99,9 Prozent könnte ihr (und natürlich auch der HSV) den Herrn Abraham vergessen. Oder auch abhaken. Und wo ich gerade dabei bin. Ich sprach gestern noch mit einem weiteren Spielerberater, um mal zu horchen, was sich so in der Szene tut. So kamen wir dann auch auf den Namen Rafael van der Vaart. Ich sagte, dass ich diesen Namen gerne wieder in Hamburg zurück hätte, und zwar mehr den Namen Rafael als den Namen Sylvie. Da hörte ich zurück: „Matz, hast du eigentlich Ahnung vom Fußball? Der van der Vaart hilft dem HSV doch nicht mehr, der ist viel zu langsam geworden. Hast du dich mal gefragt, warum der bei Tottenham schon oft nicht mehr von Anfang an gespielt hat? Nein? Das solltest du aber mal. Nein, nein, bei van der Vaart ist der Lack ab – jedenfalls das Beste davon.“ Oha. Dann muss ich mich wohl mal schlau machen. Oder wir werden es bei dieser EM nun erleben, in welcher Verfassung sich dort der „kleine Engel“ vorstellt.

Übrigens hat „Scholle“, „uns Scholle“, mit jenem HSV-Spieler gesprochen, der nicht mehr mit dem Abendblatt sprechen will. Das lässt sich wahrscheinlich doch wieder irgendwie einrenken. Da dieser HSV-Spieler ja bei Matz ab mitliest, und da dieser HSV-Spieler auch gesagt hat (zu „Scholle“), dass er das Gefühl hätte, ich (also Matz) hätte etwas gegen ihn (so sein Gefühl), so muss ich einmal ganz deutlich klarstellen:

Liebe HSV-Profis,
ich habe gegen keinen von euch etwas persönlich. Glaubt es mir. Glaubt es mir einfach mal. Der HSV ist mein Verein, schon seit Jahrzehnten, und ich kann ehrlichen Gewissens sagen, dass ich nie etwas gegen einen HSV-Spieler hatte. Nie. Niemals. Da bin ich anders als so mancher HSV-Fan, wenn ich so an die Zeiten von Trochowski, Jarolim und Drobny (zu seinen schlechten Zeiten) denke. So etwas käme für mich nie in Frage. Ich freue mich über jeden Spieler, der HSV-Profi wird, ich freue mich auf ihn und ich freue mich mit ihm, dass er es zum HSV geschafft hat. Ich akzeptiere jeden Spieler. Und ich halte auch zu ihm, weil ich – natürlich – auch zum HSV halte. Nur weil er mal schlechte Leistungen bringt, würde ich niemals einen Spieler verdammen, ihn hassen oder zum Teufel wünschen. Für mich ist ein HSV-Spieler ein besonderer Fußballer, denn er hat etwas geschafft, was ich zum Beispiel auch mal wollte, ich aber nie auch nur im Ansatz hätte erreichen können.

Deswegen, um es noch einmal ganz deutlich zu machen, ich habe gegen keinen HSV-Spieler etwas Böses. Allerdings, und das ist meine Aufgabe schon seit nunmehr 32 Jahren: Spielt ein HSV-Spieler schlecht, oder ist ein HSV-Trainer nicht in der Lage, sein Amt vernünftig auszuüben, oder ist eine HSV-Führung grottig, dann schreibe ich das. Denn das ist meine Aufgabe. Komme ich der nicht nach, dann bin ich schnell weg vom Fenster – und das will ich seit nunmehr 32 Jahren nicht. Deswegen schreibe ich das, was ich sehe und höre – mehr nicht. Natürlich, das gebe ich zu, kann ein Spieler, der lange schlecht spielt, der das von mir auch immer Schwarz auf Weiß zu lesen bekommt, dann mal auf den Gedanken kommen, dass ich böse auf ihn bin – bin ich aber nicht. Nur bleiben schlechte Leistungen bei mir immer schlecht. Tut mir Leid, so ist das schon lange, daran wird sich auch nichts mehr ändern.

Zwei Beispiele: Willi Reimann, der Trainer, hat einst gesagt: „Kritik ist okay, Kritik ist willkommen, aber sie muss oberhalb der Gürtellinie sein.“ Irgendwann habe ich dem Herrn Reimann dann gesagt: „Es kommt dabei auch immer darauf an, wo Mann den Gürtel trägt. Sie, so mein Gefühl, tragen ihn immer um den Hals . . .“ Und, inzwischen kennt sie jeder, zur Kober-Geschichte. Carsten Kober, mit dem ich eineinhalb Jahre lang keine einziges Wort wechselte, kam einst lange vor dieser Geschichte mal zu mir und sagte: „Dieter, diesmal hast du mich zu gut gesehen und beurteilt. Ich war diesmal ganz, ganz schlecht.“ Meine Antwort: „Carsten, ich habe dich eben so gesehen, trage es wie ein Mann, irgendwann sehe ich dich schlecht – und du siehst dich dann besser – es gleicht sich im Fußball doch alles immer wieder aus.“ So einigten wir uns – und dann kam es später doch zum dem (langen) Bruch.

Eines muss ich schnell noch einmal loswerden – das Ding mit der Brille (weil ich dieser Tage so oft darauf angesprochen werde). Früher trug ich eine Brille. Ich war kurzsichtig. Dann kam jener Tag, als der HSV mit einem neuen Trainer sein erstes Auswärtsspiel der Saison in Wolfsburg austragen musste (durfte). Es war der 23. August 2009, ich durfte mit meinem sehr geschätzten Kollegen Lars Pegelow (NDR 90,3) mitfahren – und legte meine Brille vor der Abfahrt das Autodach. Da lag sie am Ende der Fahrt dann – völlig überraschend – nicht mehr. Und weil ich ohnehin das Gefühl hatte, dass ich diese Brille nicht mehr benötigen würde, weil meine Augen besser geworden waren, verzichtete ich darauf, eine neue zu kaufen. Ich laufe seit diesem Tag „oben ohne“ herum, also auch ohne Kontaktlinsen (ich „höre“ sie jetzt schon schreiben: „Ich wusste es doch schon immer, es musste doch einen Grund haben, warum der Matz so schlecht sieht . . .“) . Jetzt ist es allerdings so, dass ich bei dem ganz, ganz Kleingedruckten eine Lesehilfe brauche – eine Brille. Jetzt aber, am Computer in der Redaktion, benötige ich sie noch nicht.
Alles klar?

Dann noch zu einem künftigen “Matz-ab-Treffen” – mit dem Herrn Jarchow. Noch gibt es, weil es schon viele Nachfragen gab, keinen Termin dafür. Ich werde auf den Spielplan der Saison warten, und dann einen Termin mit dem HSV-Boss absprechen. Und dann werde ich euch diesen Termin mitteilen. Eines habe ich allerdings schon versprochen – wir treffen uns vor (!) dem 1. November. Für die grobe Planung.

So, und nun der eingangs angekündigte Ohne-Fußball-Artikel von damals, als ich in Kelsterbach kurz auf der Strecke geblieben bin. Habe ich aus dem Archiv gekramt. So erschien der Bericht auf Seite eins:

Wenn das Oma sähe . . .
Was einem Hamburger im Weltmeisterschaftsland Japan auffällt
„Andere Länder, andere Sitten.” Deutsches Sprichwort

Dieter Matz

Miyazaki

Fußball-Weltmeisterschaft in Asien. Plötzlich ist Oma Margarethe allgegenwärtig. Gott habe sie selig. Aber sie dürfte nicht in Japan sein. Nicht, dass sie etwas gegen Land und Leute hätte, sie hatte es aber mit der Etikette. Stichwort Esskultur. Und so eine wie Margarethe hatte nach dem Krieg so manche Familie in ihren Reihen.
Wenn Oma, Tochter des ehemaligen Hamburger Senators und Ehrenbürgers Henry Everling, im In-Café der Konditorei Kaul in der Mönckebergstraße saß, dann hatte sie nicht nur ihren eigenen Tisch bestens unter Kontrolle. Sie beobachtete jeden und alle.

Es gab entsetzte Blicke in Richtung Nachbar: Einen Löffel mit Eis durfte keiner im Munde wenden. Erst recht nicht den halbvollen Löffel wieder ans Tageslicht bringen. Oder wenn der Ellenbogen auf dem Tisch lag oder wenn die Gabel bereits nach dem nächsten Bissen suchte, während der Mund noch mit dem Kauen beschäftigt war. Wenn sie ihre Enkel außerhalb der Etikette erwischte, gab ihnen Margarethe kurz, aber heftig einen an die Backen. Das saß. In jeder Beziehung.

Nun geht es zwar mit der deutschen Esskultur seit Jahrzehnten bergab. Ellenbogen auf den Tisch, einhändig essen, Messer ablecken – alles ist drin. Mit den Japanern aber hätte Oma Margarethe allergrößte Mühe gehabt. Denn die dürfen, was bei uns verpönt ist: schlürfen und schmatzen.

Im Land der aufgehenden Sonne nimmt das niemand übel, im Gegenteil. Nichts ist schöner, als wenn die Japaner ein Gläschen Wein trinken. Oder auch Tee. Stundenlang zelebrieren sie das. Tschiiiiiiep. Und wieder: Tschiiiiiiep. Tschiiiiiiiep. Unüberhörbar. Sie stülpen ihre Lippen wie zu einem Strohhalm, lassen die Zähne geschlossen und saugen. Wahre Minischlucke saugen sie auf, und lassen sie dann auf der Zunge zergehen: Tschiiiiiiiep. Immer und immer wieder. Sogar alte Leute sehen sich wie Frischverliebte an, wenn einem von ihnen wieder einmal ein besonders schönes Tschiiiiiiep gelungen ist.

Nein, nein, es ist schon gut, dass Oma es nie bis nach Japan geschafft hat. Bei St. Peter-Ording war damals für sie Schluss. Ein Tschiiiiiep also auf diese Weltmeisterschaft.

16.19 Uhr