Monatsarchiv für Mai 2012

Der neue HSV nimmt Formen an

24. Mai 2012

Am 22. Januar 2012 verlor der HSV 1:5 gegen Borussia Dortmund. Eine schöne Klatsche. Aber wenn sich der HSV danach auf etwas verlassen konnte, dann war es die Defensive – die nicht ganz so schlecht war (wie die anderen Mannschaftsteile). So sahen es auch Trainer und Sportchef, wenn sie nach dem Saisonschluss ihre Fazits zogen. Nun aber scheint es offenbar nicht nur Bedarf zu geben, an Mittelfeld und Angriff zu arbeiten, denn es wird auch an der Viererkette gefeilt. David Abraham soll als Innenverteidiger (vom FC Basel) kommen. Wobei der HSV mit Jeffrey Bruma, der noch ein weiteres Jahr beim HSV bleiben wird (nicht schon jetzt zum FC Chelsea zurück muss), Slobodan Rajkovic, Michael Mancienne und Heiko Westermann ja schon bereits vier Innenverteidiger in seinen Reihen hat. Also wird sich da – natürlich – etwas wird tun müssen. Ich tippe mal darauf, dass Rajkovic, der hier nie so richtig Fuß fassen konnte, noch aus Hamburg „weggelobt“ wird, und dass Bruma die Konkurrenz zu Dennis Diekmeier auf der rechten Verteidiger-Position wird, denn dort hat der 20-jährige Niederländer seine besten Spiele für den HSV gemacht. Und der Kapitän wird eine Position nach vorne geschoben – auf die Sechs. Was ich für gut halte, sogar für sehr gut. Denn auch dort wird sich Westermann hundertprozentig für sein Team einsetzen und zerreißen – so wie er es immer tut, so wie es dort auch immer David Jarolim tat.

Wenn der HSV zuletzt seine Abwehr aus dem ersten Halbjahr 2012 lobte (natürlich mit Nationalspieler Dennis Aogo links), dann könnte ich mit diesem nun neu angedachten Defensivverbund noch mehr leben. Fast alles „Kanten“, die auch im Kopfballspiel nicht so leicht zur Seite zu schieben sind, und die auch ansonsten gut „zulangen“ können. Ja, der HSV 2012 nimmt Formen an. Und Diekmeier, der bislang quasi konkurrenzlos auf rechts war, der wird um einiges zulegen müssen, wenn er weiterhin Stammspieler bleiben will. Konkurrenz belebt das Geschäft, in diesem Fall stimmt es ganz sicher – das wird ein interessantes Duell, Bruma gegen Diekmeier.

Fehlt noch der „Kreative“ im Mittelfeld. Da werden ja immer wieder interessante Namen gehandelt, und das wird sicher auch noch einige Wochen so bleiben. Aus dem „Matz-ab“-Kreis kam schon die Frage, ob der HSV nicht auch Interessen an Christian Eriksen zeigt. „Scholle“, der heute mit Frank Arnesen sprach, hatte den Namen des Landsmannes mal angefragt, aber der Sportchef befand: „Zu teuer, da haben wir keine Chance, da sind Vereine wie Barcelona dran, deswegen kann der HSV da kein Wörtchen mitreden.“ Nach Informationen des holländischen Fußballmagazins „Voetbal International“ ist der HSV auch an Demy de Zeeuw (Spartak Moskau) und Jonathan de Guzman (FC Villarreal) interessiert, aber da behaupte ich einmal: Ball flach halten, und zwar ganz, ganz flach halten. Da ist eher nichts dran.

Wenn rechts offensiv dann Maximilian Beister antritt, links offensiv entweder Marcell Jansen oder Gökhan Töre (falls der nicht noch in die Türkei verkauft wird!), dann fehlt neben Paolo Guerrero noch die zweite Offensivkraft. Dirk Kuyt? Wäre eine Lösung. Und dann hätte der HSV tatsächlich nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch eines, mit dem es nicht wieder gegen den Abstieg gehen würde – behaupte ich einmal ganz frech. Apropos Guerrero, der zeigte sich in seiner Heimat mal wieder von seiner guten Seite, denn er schoss Peru zum 1:0-Sieg über Nigeria.

Grundsätzlich aber denke ich zu den Sommer-Aktivitäten des HSV, dass wir noch einige Ein- und Verkäufe in diesem Sommer erleben werden. Auch wenn Thorsten Fink noch kurz vor Saisonende gesagt hatte: „Wir werden nicht tausend neue Leute holen, sondern gezielt einkaufen.“ Es werden vielleicht keine 1000, aber eventuell 100? Weil doch noch der eine oder andere den Weg aus Hamburg finden wird . . .
Warum denke ich da gerade an Mladen Petric? Von dem habe ich heute gelesen, dass er „enttäuscht und verärgert“ über seinen Nationaltrainer Slaven Bilic sei. Wg. Nichtberücksichtigung im EM-Kader. Und dazu passt, dass unsere Sekretärin gerade jetzt eine DVD von Borussia Dortmund (Sport-Bild) von dieser Meistersaison durch den Raum (hin zu einer Kollegin!) trägt. Wenn es eine solche DVD auch vom HSV gäbe, dann könnte Mladen Petric vielleicht ja mal einen Blick riskieren, warum Bilic ihn nicht nominieren konnte. Konnte!

Ein Thema, was mir doch immer noch sehr am Herzen liegt, ist das Thema Arjen Robben. Die Pfiffe am Dienstag, die es beim Testspiel FC Bayern gegen die Niederlande (3:2) für ihn gab, haben ja noch heute eine gewisse Nachhaltigkeit. Völlig berechtigt, wie ich finde, denn ich war auch entsetzt, wie die Bayern mit einem Bayern-Profi umgesprungen sind. Menschenverachtend. Aber sind die Leute von heute nicht so? Ich war schon einigermaßen erstaunt darüber, welche Worte NDR-Sportchef Gerd Gottlob als Kommentator dieses Spiel zu den Pfiffen gegen Robben fand. Gottlob sagte: „Das ist ja erbärmlich.“

Aber es dürfte für einen Hamburger nicht neu gewesen sein, denn, ich hoffe wir erinnern uns alle, auch in Hamburg ist das schon passiert. Zu Beginn dieser Saison wurde der HSV-Kapitän Heiko Westermann im eigenen Stadion von den eigenen HSV-Fans bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. Gnadenlos. Und auch erbärmlich. Nur ging das damals nicht durch die gesamte Republik. Und ich hatte damals auch den Verdacht, dass es für die meisten total „normal“ gewesen ist. Spielt ein Mann schlecht, so hat er Pfiffe verdient – ganz egal, ob es einer von uns ist, oder ob er vom Kiez oder von der Weser kommt. So ist sie eben heute, die etwas andere Fan-Kultur. Aber um das mit Gerd Gottlobs Worten zu sagen: „Ich finde das erbärmlich.“

Pfeifen diese Bayern-Fans übrigens auch dann, wenn Robben in der nächsten Saison einen Elfmeter zum 3:2-Siegtor gegen Borussia Dortmund verwandelt hat? Oder jubeln sie tatsächlich? Was ich für abgefahren und total pervers halten würde. Aber auch das würde wohl dazu gehören. Und fast ist es ja auch schon so, wenn wir uns an Manuel Neuer erinnern. Den wollte jeder zweite Bayern-Fan damals nicht. Und heute. Heute jubeln alle! Alles(s) Pharisäer.

Zu dieser ganz speziellen Fan-Thematik gab es heute noch zwei Agentur-Meldungen, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Berlin (dpa) – Die Deutsche Bahn will ausufernde Randale in Zügen und auf Bahnhöfen bekämpfen und hat einen Fußball-Fan-Gipfel initiiert. Das Treffen mit Vertretern der Vereine, des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der Deutschen Fußball Liga (DFL) und Fangruppen soll nach den Vorstellungen des Vorstandes der Deutschen Bahn im September stattfinden. Die Brisanz der Ausschreitungen habe enorm zugenommen, sagte Bahn-Vorstand Gerd Becht, der in Zukunft mehr Charterzüge zu den Spielen einsetzen und die Vereine für Schäden in Mithaftung nehmen will. An diesem Freitag will er sich mit Liga-Präsident Reinhard Rauball treffen.

„Rund 100 000 Fans sind jedes Wochenende mit der Bahn unterwegs. Nur zwei Prozent von ihnen machen Randale – die Kosten für die entstandenen Beschädigungen dadurch liegen im einstelligen Millionenbetrag“, erklärte Becht am Donnerstag in Berlin. Der Bahn-Vorstand bekräftigte aber trotz zuletzt gehäufter Probleme mit gewaltbereiten Fußball-Anhängern und vor dem Hintergrund des Relegations-Skandalspiels in Düsseldorf: „Wir befördern gerne Fans – sie sind unsere Kunden.“

Becht, dessen Unternehmen der Hauptsponsor des Bundesliga-Absteigers Hertha BSC ist, möchte zu Spielen nach niederländischem Vorbild mehr Charterzüge unter Vereinskontrolle einsetzen. Entstandener Schaden könnte so den Klubs in Rechnung gestellt werden. Das liefe dann nach Bechts Vorstellungen so ähnlich wie in der Mietwagen-Branche. „Die Vereine versperren sich aber im Moment noch“, meinte er.

Der Bahn-Vorstand klassifizierte anhand der Bundespolizei-Statistik die Fans von Eintracht Frankfurt, Hansa Rostock, des FC St. Pauli, Dynamo Dresden und des 1. FC Köln als besonders problematisch. Als positive Beispiele nannte er Hertha BSC und Union aus Berlin, Kaiserslautern, Stuttgart, Wolfsburg und Braunschweig.

Und dann auch noch das:

Leipzig (dapd) – Fußballspieler Benedikt Seipel von Regionalliga-Aufsteiger 1. FC Lok Leipzig wehrt sich gegen die eigenen Fans. Der Mittelfeldspieler erstattete nach der Partie seinen Clubs am vergangenen Wochenende bei Fortuna Chemnitz Anzeige gegen Unbekannt. Nach dem Spiel flogen aus dem Fanblock der Leipziger Bengalos in Richtung Spielfeld, eines traf den 25-Jährigen dabei am Kopf.

Der Spieler, der mit seinem Team in Chemnitz den Aufstieg perfekt gemacht hatte und danach eigentlich mit den eigenen Fans feiern wollte, entschied sich zur Anzeige. „Es ist ein Zeichen dafür, dass solche Vorfälle im Fußball nichts zu suchen haben“, erklärte Seipel. Der Verein hat nun um Mithilfe bei der Suche nach dem Täter gebeten, Hinweise können auch anonym gegeben werden.

Zudem schrieb uns noch unser „Matz-abber“ „Alnipe”:

Mir liegt die Jugendarbeit beim HSV sehr am Herzen, u. deshalb hab ich mir mal die Mühe gemacht u. die dt. Jugendmannschaften, die in dieser Woche im Einsatz waren, nach Buli-Zugehörigkeit zusammengezählt.
Quelle, der KICKER von heute.

Im Einsatz waren die U 18, U 16 u. U 15.

VfB – 7 Spieler
Leverks. – 4
Brämen -3
S 04- -3
Köln -3
Bayern -2
Hertha – 2
Mainz -2
Freibg -2
WOB -2
Lautern -2
Club -2
MG -1
96 -1
Eintr. -1
Hoffe -1
Augsbg. -1

HSV – —–
BVB ——-

Jena – 2

Was allerdings mit dem BVB da los ist, weiß ich nicht, aber bei der U 19 wären sicherlich einige dabei. aber egal wir geben hier wieder ein schreckliches Bild ab.

DIETER / SCHOLLE, bitte unbedingt mal den Faden aufnehmen u. die Jugendarbeit bei uns durchleuchten,
und ob uns da jetzt aktuell ein MS weiterhelfen kann, wage ich zu bezweifeln.
Ich nehme eher an, FA kann KEINE Jugendarbeit. Bei Chealski brauchte er die NICHT lernen – oder ist ENGLAND mit Jugendmannschaften in EUROPA führend? Und Nachwuchsspieler bei CHEALSKI – auch Fehlanzeige!!

Lieber „Alnipe“, wir werden uns des Themas einmal annehmen. Nicht heute, nicht morgen, aber in den nächsten Tagen. Versprochen. Weil es ja wirklich auch ganz spannend ist. In diesem Zusammenhang muss ich einmal sagen, dass ich enorm viele Zuschriften bekommen habe, in denen steht, dass wir dieses oder jenes Thema einmal aufgreifen sollten. Auch da war sicherlich einiges dabei, was tatsächlich ein Thema für uns sein könnte – werden könnte. Danke.

Dann ganz kurz noch zum „Scholle“-Beitrag vom Dienstag, er hatte ja Billy Bremner hervorgehoben, weil der so nett die damalige Dortmunder Situation durchleuchtet hatte. Das war aber, das sage ich noch einmal, nicht B. Bremner, sondern Dylan. Danke dafür. Und sorry, Bob, für die Verwechslung. Damit sei auch klargestellt, dass Dylan und B. Bremner nicht eine (dieselbe) Person ist.

17.47 Uhr

Keine Vereinspolitik – es geht wieder um Fußball

23. Mai 2012

****Korrigiert: Zitierter Post kam von Dylan, nicht von Billy Bremner***

Fußball! Ja wirklich, heute geht es nach vielen Nebensächlichkeiten der letzten Tage hier mal wieder um die schönste Nebensache der Welt. Denn beim HSV tut sich etwas. Der Name David Abraham geisterte heute durch die Gazetten – und er ist bestätigt. Nicht nur, dass ein Bild-Leser den Verteidiger des FC Basel zusammen mit Frank Arnesen und Marinus Bester fotografierte. Nein, auch vom HSV erhielt ich die Bestätigung, dass der Abwehrrecke kommen soll. Kostenfrei sogar, denn der Vertrag läuft aus. „Der HSV hat den Vorteil, dass David den Trainer kennt und der Trainer den David“, sagt Abrahams Berater Renato Cedrola. Und geht es nach Sportchef Frank Arnesen, soll der 25-jährige Argentinier noch diese Woche unterschreiben – immerhin hat der HSV prominente Konkurrenz. Neben Borussia Mönchengladbach, die dem HSV schon Granit Xhaka vor der Nase wegschnappte, sollen auch Vereine aus der Premier League an dem 1,88-Meter-Hünen interessiert sein. Zudem scheint Abraham auf einen großen Vertrag zu hoffen. „Das Finanzielle ist wichtig. Es muss wirklich alles passen“, gibt Cedrola unumwunden zu. Wobei die Frage ist, welche Steigerung sich Abraham, der in Basel rund 600000 Euro verdient haben soll, erhofft.

Dennoch, Abraham scheint sein Geld (der aktuelle Marktwert liegt bei 3,5 Millionen Euro) wird ausreichend gelobt. Ich habe heute mit einem Kollegen in der Schweiz telefoniert. Der sagte nur: „Wenn ihr den kriegen könnt, müsst ihr den nehmen. Der kann was.“ Okay, dachte ich, das sagt nicht viel aus, also weiter zu Youtube. Wobei dort meist nur die besten Szenen zu sehen sind, weil sich naturgemäß nur echte Fans des Spielers die Mühe machen, da etwas zusammenzuschneiden. Also weiter zu dem, der ihn vielleicht mit am besten beurteilen kann: HSV-Trainer Thorsten Fink. Der sagt: „David hat das komplette Paket“, so der HSV-Coach über seinen ehemaligen Abwehrchef, für den er ausschließlich lobende Worte findet: „David ist schnell, zweikampfstark und hat ein gutes Aufbauspiel. Aber vor allem hat er die absolute Siegermentalität und ist ein Teamplayer. Kurzum: er kann uns ganz sicher helfen.“

Und eine Verpflichtung des Argentiniers mit italienischem Pass macht Sinn. Zum einen, weil der HSV Slobodan Rajkovic sehr gern abgeben würde. Und zum anderen, weil Fink durchaus in Erwägung zieht, Heiko Westermann oder Jeffrey Bruma – dessen Verbleib beim HSV in den nächsten Tagen erst entschieden werden soll – ins defensive Mittelfeld vorzuziehen. „Ich spreche nicht über Personalpolitik“, sagt Fink, deutet aber auch an, dass er verschiedene Positionen für Westermann und Bruma im Kopf hat. „Es ist vieles denkbar.“

Auch weiterhin die Verpflichtung von Dirk Kuyt. Der niederländische offensive Mittelfeldspieler spielte gestern beim 3:2-Sieg des FC Bayern für die niederländische Nationalelf mit. Anschließend stellte er sich zum Interview mit meinen Kollegen von der Morgenpost und der Bild, die sich die Mühe gemacht hatten, nach München zu fliegen. Und für alle, die weiter davon träumen, den Liverpool-Star in Hamburg zu sehen, lieferte Kuyt Worte, die hoffen lassen. „Es freut mich sehr, dass ein so großer Klub wie der HSV interessiert ist“, so Kuyt, der sich allerdings nicht frühzeitig entscheiden will. Vielmehr will sich der 31-Jährige voll auf die EM konzentrieren und lässt alles weitere seinen Berater Rob Jansen machen. Und der wiederum hat bereits Kontakt mit Frank Arnesen aufgenommen. „Der HSV könnte eine Option sein“ diktierte Kuyt meinen Kollegen in die Blöcke. Was gut klingt ist in diesem Fall aber wohl noch nicht mehr als ein reines Offenhalten aller Optionen. Immerhin will Kuyt abwarten, wen Liverpool demnächst verpflichtet, nachdem FC-Trainer Kenny Dalglish gerade entlassen wurde. Zudem scheinen ihm mehrere interessante Angebote vorzuliegen, die sich mit einer guten EM auch finanziell noch mal steigern ließen.

Nein, in diesem Fall dürfen wir uns bislang nicht mehr als Außenseiterchancen ausrechnen. Was nichts heißen muss. Denn wirklich klar ist nur, dass wir keine frühe Entscheidung erwarten dürfen, was die ohnehin sehr schwierige Personalplanung beim HSV zusätzlich verkompliziert.

Als ich eben den Namen Rob Jansen schrieb, kam mir eine Erinnerung. Da war doch mal was….! Ach ja, genau – der Transfer von Ibrahim Affellay. Den hatte der HSV zu Hoffmann/Beiersdorfer-Zeiten im Frühjahr und Sommer 2010 auf dem Zettel und am Ende schon als Zugang eingeplant. Alles schien klar – und scheiterte dann doch. Weil Affellay es sich in letzter Sekunde doch noch anders überlegte. Die einen sagen, dass Affellay auch wegen des Aus’ von Beiersdorfer, der bis dahin den Kontakt zum Spieler hatte, kalte Füße bekam. Andere sagten damals, dass der Berater vom FC Barcelona gebeten wurde, zu warten. Was Sinn machen würde – immerhin wechselte Affellay im Januar 2011 zu Barca, wo er bis heute nicht glücklich wurde. Acht Liga-Einsätze sowie einmal in der Champions League eingewechselt – mehr konnte der 26-Jährige in dieser Saison nicht verbuchen. Ein Kreuzbandriss im September 2011 warf den jungen Linksaußen zurück. Seither versuchte er sich gleich zweimal im Comeback, scheiterte dabei im Mai und kam erst die letzten drei Spieltage zu Teileinsätzen. Vielleicht sollte Arnesen dort mal vorfühlen und sich nach einem Leihgeschäft erkundigen. In Hamburg könnte Affellay, der im offensiven Mittelfeld auch hinter den Spitzen den zentralen Mann geben kann, zumindest ausreichend Spielpraxis sammeln.

Vor allem, falls sich auf der rechten Bahn Vakanzen ergeben. Immerhin rechnen beim HSV noch immer einige mit einem Angebot in den nächsten Tagen und Wochen aus der Türkei für Gökhan Töre. Auch bei Paolo Guerrero könnte sich demnächst etwas tun. Angeblich saßen beim HSV-Spiel gegen Stuttgart Scouts vom SSC Neapel auf der Tribüne. Der italienische Cupsieger und Europa-League-Teilnehmer soll den Peruaner schon länger auf dem Zettel haben. Sein Abgang würde nicht nur ein großes Gehalt frei machen, sondern auch eine neue Notwendigkeit in der Offensive bedeuten. Vielleicht lässt der FC Barcelona, sofern er denn wirklich zum Jubiläums-Testspiel des HSV nach Hamburg kommt, den jungen Niederländer ja gleich in Hamburg…

Aber gut, ich fange an zu träumen. Wobei es diesmal wenigstens um Fußball geht. Nicht mehr die Vereinsmeierei. Obwohl, zugegeben: Mir gefiel heute ein Link von Dylan. Dabei handelte es sich um die Dortmunder Krise im September 2009. Damals stellte sich der intern noch umstrittene Klubboss Watzke öffentlich und demonstrativ vor seinen Trainer. Er bescheinigte Jürgen Klopp sogar eine Jobgarantie. „Ich habe totales Vertrauen zu Klopp und zu unserer Mannschaft. Ich weiß, dass wir zurückkommen in die Erfolgsspur. Klopp wird seinen Vertrag bis 2012 bei uns erfüllen. Ich gebe ihm eine 100-prozentige Job-Garantie. Da können Sie mich beim Wort nehmen!“ Und Watzke hielt Wort, wurde zusammen mit Klopp zweimal Deutscher Meister, Pokalsieger und inzwischen zur unumstritten besten Mannschaft Deutschlands. Watzke ist zum zweiteinflussreichsten Klubboss Deutschlands hinter Uli Hoeneß aufgestiegen. Watzke ist vereinsintern zwar nicht überall beliebt – aber auf allen Ebenen voll akzeptiert und respektiert. Er ist die Größe des BVB, die dem HSV fehlt. Und er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Konstanz und Geduld auszahlen können – wenn man die richtigen Leute gewähren lässt.

Oha, ich nähere mich schon wieder der Vereinspolitik, die ich nach den letzten Tagen und meinem gestrigen Blog heute unbedingt vermeiden will. In diesem Sinne, ich zieh’s durch – ich schweige diesbezüglich heute mal.

Bis morgen! Dann wieder mit Blogvater Dieter!

Scholle

P.S.: Folgende Meldung hat der HSV gerade herausgegeben: “Paul Meier, sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, wird seinen im Oktober endenden Vertrag bei den Rothosen nicht verlängern und bereits zum 1. Juni seinen Posten im Nachwuchsbereich des HSV zur Verfügung stellen. Die Trennung erfolgt in beiderseitigem Einvernehmen, erklärte Frank Arnesen. „Paul Meier hat seit zwei Jahren viele neue Gedanken und Projekte in unsere Nachwuchsarbeit gebracht. Wir wünschen ihm auf seinem weiteren Weg alles Gute“, so der Sportchef. „Es war eine tolle und aufregende Zeit, die ich beim HSV erleben durfte. Ich wünsche dem Verein, insbesondere natürlich den Mitarbeitern und Spielern im Nachwuchsbereich alles Gute für die Zukunft“, sagte Meier. Sein Nachfolger wird der bisherige Chefscout Michael Schröder.

Weniger Worte – mehr Taten, bitte!

22. Mai 2012

Er wird immer wieder erkenntlich. Der Grund, weshalb Sport und Politik strikt getrennt gehören, offenbart sich beim HSV schon in den kleinsten vereinspolitischen Entscheidungen. Dieser HSV hat es geschafft, dass vereinsintern „Fraktionen“ (Supporters, Wirtschaftsweisen, Realos, Initiative Pro HSV etc.) gebildet werden. Ein deutschlandweit in diesem Ausmaße einzigartiges Szenario. Zwar kommt es immer wieder mal vor, dass bei anderen Bundesligisten politische Scharmützel ausgetragen werden. Allerdings legen sich diese nach Paukenschlägen von verdienten Vereinsgrößen wie beispielsweise Uli Hoeneß (gegen die FCB-Ultras) schnell bei. Und wenn diese Persönlichkeiten fehlen oder wie beim HSV (Netzer, Magath) nicht wollen – führen sie wie beim 1. FC Köln irgendwann in den sportlichen Misserfolg.

Nun kann man sagen – und das zurecht – dass der HSV diesen Level spätestens in dieser Saison beschritten hat und mit etwas Geschick aber noch mehr Dusel den Erstligaverbleib sichern konnte. Allerdings, wer jetzt verteufelt, was sich beim HSV aktuell abspielt, der hat jahrelang nicht aufgepasst. Dieses politische Treiben innerhalb des Aufsichtsrates gab es vorher schon. Und auch vereinsintern wurden in den letzten Jahren Fraktionen gebildet. Vornehmlich ging es dabei um die, die Bernd Hoffmann folgten und die Supporters. Letztgenannte hatten immer wieder Probleme mit dem rigorosen Führungsstil Hoffmanns. Zwar schwiegen sie auf den Jahreshauptversammlungen zumeist, weil der sportliche Erfolg da war und der HSV in der Uefa-Rangliste beständig kletterte. Allerdings waren unter den Supporters ebenso wie in dem eingenommenen Aufsichtsrat ausreichend Gegner Hoffmanns, die nur auf den Tag des Misserfolges warteten. Und als dieser Tag kam – traten sie übel zu – und Hoffmann musste gehen.

Besser geworden ist seitdem allerdings nichts. Im Gegenteil: seitdem der HSV sich von dem damals intern unter anderem als machtorientiert geltenden Ex-Vorstandsvorsitzenden getrennt hat, brodelt es mehr denn je, weil plötzlich alle zuvor kleinlauten Fraktionen das Gefühl haben, sich einen Teil der von Hoffmann zurückgelassenen Beute sichern zu können. Alle werden gierig. Und unter dem Deckmantel der treuen Vereinssorge mobilisieren die Fraktionen möglichst viele Anhänger und versuchen, ihre Ideen in Satzungsänderungen auf lange Sicht zu etablieren. Der Kampf um die Macht ist mehr denn je entfacht.

Dass dabei nicht nur egoistische Ziele verfolgt werden will ich an dieser Stelle gar nicht bezweifeln. Aber in der Masse der vereinspolitischen Querelen gehen diese nur zu leicht unter und führen das objektive Mitglied in einen unüberwindbaren Irrgarten der politischen Interessen. Oder wisst Ihr, wer mit wem was erreichen will?

Nein, das wissen nur die wenigsten. Eigentlich wissen das sogar nur die Urheber und Steuermänner der Fraktionen. Und selbst die verlieren oft die Orientierung. So, wie es Bernd Hoffmann nach dem Aus von Dietmar Beiersdorfer erging. Plötzlich hatte er das komplette Feld für sich – und dies wurde ihm zu groß. Der verdiente Vorstandsvorsitzende mit der Qualität, den HSV finanziell zu führen, wurde Opfer seiner eigenen Politik. Plötzlich musste er alle Felder – Wirtschaft, Vereinspolitik in- und extern und fatalerweise auch den sportlichen Bereich führen – und ging daran kaputt.

Dennoch, für alle, die hier noch immer große Anti-Hoffmann-Blogs vermuten: dem ist nicht so. Mir geht es nicht um die Schuld einzelner. Vielmehr steht es für mich außer Frage, dass der HSV mit Hoffmann noch immer gut fahren würde, wenn sich dieser auf sein ursprüngliches Verantwortungsgebiet beschränkt hätte. Zusammen mit Beiersdorfer war es die beste Konstellation des HSV seit den Achtzigern.

Dass dem nicht mehr so ist, hat viele Gründe. Allein gelernt hat daraus offenbar niemand. Zumindest nicht genug. Und das gilt beim HSV heute für alle. Die Vergangenheit sollte als Warnung dienen. Es ist klar, dass es nicht nur einen Weg gibt, der zum Erfolg führen kann. Ich behaupte einfach mal, dass alle Fraktionen grundsätzlich tatsächlich von ihrem Weg überzeugt sind und will niemanden eine funktionierende Idee absprechen. Aber es kann und darf am Ende nur einen gemeinsamen Weg geben, den man gemeinsam gehen muss, wenn man wirklich Erfolg haben will. Dafür wiederum hat der Verein das demokratische Werkzeug der Mitgliederversammlung, deren Votum zu respektieren ist. Daher ist im Nachzug dieser Wahlen häufiger Zurückhaltung angesagt. Der Klügere gibt nach, heißt es schon bei den kleinen Kindern, wenn sie im Sandkasten Recht und Unrecht versuchen zu trennen. Und das sollte auch für die hochtrabend politisch Orientierten beim HSV gelten. Jetzt mehr denn je.

Deshalb – und zwar ausschließlich nur aus dieser Befürchtung – glaube ich, dass die Fernwahl für diesen HSV noch ungeeignet ist, dass sie zu früh kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Demokratie unabdingbar ist. Aber ich bin mir sicher, dass die verschiedenen Fraktionen das Instrument der Fernwahl noch zu leicht missbrauchen könnten. Weil der breiten Masse der 70000 Mitglieder einfach der Überblick fehlt. Fehlen muss, würde ich sagen. Denn gerade die, die nicht in Hamburg ansässig sind, haben zu wenige Informationsquellen, um sich ein objektives Bild der Lage beim HSV machen zu können. Und selbst die hiesigen Mitglieder können bei der inzwischen vorhandenen Vielzahl von Fraktionen, Vorwürfen und Gerüchten nur noch mit größter Mühe einen Überblick bewahren. Wenn Ihr wüsstet, wie oft man als HSV-Journalist vor einer Mitgliederversammlungen angeschrieben und angerufen wird, um von der jeweiligen Idee überzeugt zu werden…. Ich hoffe vielmehr, dass andere Vereine den Schritt zur Fernwahl noch vor dem HSV gehen, und der HSV aus deren Erfahrungen lernen kann. So ist das Risiko des Missbrauchs der Fernwahl minimiert – ohne sie aus den Augen zu verlieren.

Deshalb bleibt momentan nur die leise Hoffnung, dass dieses vereinspolitische und vereinsschädigende Wirrwarr möglichst schnell vom sportlichen Erfolg eingeholt wird, ehe es noch tiefere Wunden hinterlassen kann. Wie schon in für die Mannschaft, gilt diesmal für die Mitglieder und noch mehr für die Amtsinhaber des HSV: Taten statt Worte.

Getan wird derzeit was für die HSV-Anlage Ochsenzoll. Während die dort ansässigen HSV-Bundesligafrauen aus Kostengründen abgemeldet wurden (das sorgte heute für ne Menge Gesprächsstoff), wird in Steine investiert. Zuletzt wurden zwei Millionen Euro für das heute eingeweihte neue Vereinshaus gesteckt. Bei der Eröffnung traf ich den Vorstand (außer Arnesen) sowie den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Otto. Mit dem ECE-Chef, der im Kontrollgremium als Moderator zwischen den Parteien gilt, sprachen wir über die neue Konstellation im Aufsichtsrat.

Herr Otto, dürfen wir Ihnen zu Ihrer neuen Rolle gratulieren?
Alexander Otto: Müssen Sie nicht. Aber Danke. Wobei ich diese Rolle ja nicht das erste Mal interimsweise übernehme und das Glück habe, dass jetzt die etwas ruhigere Phase der Sommerpause bevorsteht.
Im Januar 2011 wollten Ihre Ratskollegen, dass Sie den Vorsitz übernehmen, damals sagten Sie aus familiären Gründen ab. Würden Sie diese Rolle diesmal auch über längere Zeit übernehmen?
Otto: Meine Situation hat sich wenig verändert. Beruflich bin ich sehr eingespannt und ehrenamtlich ist es eher mehr geworden. Ich habe einen Job, der mir nicht sehr viel Zeit lässt – und dennoch steht meine Familie bei mir weiter an allererster Stelle. Der Vorsitzende ist ein Job, der sehr viel zeit braucht, die ich nicht habe. Ich würde den Anforderungen dieses Amtes nicht gerecht werden können. Deshalb möchte ich gerade an diesem Punkt noch mal erwähnen, was für tolle Arbeit Otto Rieckhoff hier geleistet hat in den letzten eineinhalb Jahren. Er war fast rund um die Uhr als Vorsitzender unterwegs.
Wer wäre in Ihren Augen denn ein geeigneter Kandidat für den Vorsitz?
Otto: Ich bin optimistisch, dass sich da jemand finden lässt. Das ist eigentlich immer so. Aber wir haben jetzt erst einmal eine ganze Menge zu besprechen nach der Mitgliederversammlung. Wir waren auf dem Weg einer sehr, sehr guten Zusammenarbeit. Die Nachfolge wollen wir Anfang Juni nach ausreichend Gesprächen benennen. Ich glaube, dass das in einer harmonischen Form durchführen. Mein Ziel ist es, dass wir wieder da anknüpfen, wo wir vor der Mitgliederversammlung aufgehört haben. Ich glaube auch, dass wir zunehmend zusammengerückt sind.
Das verwundert. Gerade am Sonntag wirkte das anders…

Otto (lacht): Stimmt. Vielleicht war das den warmen Temperaturen und der sehr, sehr langen Sitzung noch geschuldet. Es gab glaube ich auch ein paar Missverständnisse, die auch teilweise aufgeklärt wurden zwischenzeitlich. Aber ich denke schon, dass wir wieder eine gute Basis finden werden. Ich glaube auch, dass wir es dem HSV auch geschuldet sind, weil jetzt stehen ganz andere Themen im Vordergrund. Die sportliche Situation, die wirtschaftliche Situation des HSV. Gerade in der Vergangenheit gab es ganz unterschiedliche Meinungen zu Satzungsänderungen – deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, dem HSV einen gesunden wirtschaftlichen Rahmen zu verpassen und sportlich unsere Ergebnisse zu verbessern.
Waren Sie überrascht von Herrn Rieckhoffs Schritt?

Otto: Ich glaube, er hat einfach nur ein paar Möglichkeiten aufgezeigt. Er hat ja auch klargestellt, dass er nur Varianten aufzeigen wollte. Er hat die Möglichkeit aufgezeigt, die es gibt, wenn dieser Satzungsänderungswunsch durchgeht. Wobei es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, dass man bei einem verkleinerten Aufsichtsrat nur einen neuen Aufsichtsrat nachwählt. (Anmerkung: Im Januar stehen Horst Beckers, Ian Karans, Alexander Ottos und Jörg Debatins Posten zur Neuwahl an, während die beiden Delegierten Ronny Wulff und Ernst-Otto Rieckhoff neu bestimmt werden. Demnach hätte Ottos Vorschlag bedeutet, dass zu den vier weiter im Amt befindlichen Kontrolleuren zwei Delegierte und nur ein neu Gewählter hinzukommt. Ergo: sieben statt zwölf Aufsichtsräte) Ich fand es überraschend, dass das Thema so groß behandelt und diskutiert wurde. Aber das zeigt, dass es nicht gut war, dass in einem so großen Kreis zu besprechen.

Recht hat er. Rieckhoff hätte es in einer der 23 (!!) AR-Sitzungen der letzten Saison ankündigen und intern behandeln können. Das hätte viel Diskussionsstoff vorweggenommen und auf der Mitgliederversammlung nicht für unnötige Verwirrung und zeitliche Verzögerungen gesorgt.

In diesem Sinne, sportlich gab es auch etwas: Während Reagy Ofosu aus der U23 nach Ingolstadt wechselt, hat Sven Neuhaus seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Und das soll es mit Ersatzkeepern des HSV für heute noch lange nicht gewesen sein, denn Raphael Wolf kehrt vom österreichischen Bundesligisten SV Kapfenberg in die Bundesliga, zu Werder Bremen zurück. Der ehemalige U23-Keeper des HSV unterschrieb einen Vertrag bis 2015. Auch Wolfgang Hesl ist wieder Erstligist. Der 26-Jährige wechselt ablösefrei von Dynamo Dresden zum Bundesligaaufsteiger Greuther Fürth.

Willkommen zurück!

In diesem Sinne, auf dass wir die nächsten Wochen wieder mehr über Fußball sprechen, diskutieren und schreiben können. Zum Beispiel darüber, warum ein Kevin Großkreutz nicht mal im vorläufigen EM-Kader steht… Aber vor allem über den HSV und die hoffentlich bald gefundenen Verstärkungen für die neue Saison. Oder wie sagte Uns Uwe Seeler heute in die Kamera, just in dem Moment, in dem HSV-Vorstandsboss Carl Jarchow ihn begrüßte: „Klar ist, dass wir zur neuen Saison noch ne ganze Menge machen müssen. Wir brauchen da noch einige Verstärkungen…“ Recht hat er. Hoffen wir darauf, dass das alle wissen und auf dem Weg dahin bedingungslos zusammenarbeiten.

Scholle

Rieckhoffs Rücktritt und Krohns Abgang

21. Mai 2012

Es musste ja so kommen. Ernst-Otto Rieckhoff ist von seinem Posten als Aufsichtsrats-Vorsitzender des HSV zurückgetreten. Erwartungsgemäß. Allerdings hat er nur den Posten abgegeben, seinen Stuhl im Rat wird er weiterhin haben – bis zum Januar 2013. Bei der Jahres-Hauptversammlung des HSV wird sich Rieckhoff dann nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Die Vorkommnisse bei der Mitglieder-Versammlung am Sonntag ließen ihm wohl auch keine anderen Ausweg, als genau diesen. Ich hatte sogar mit einem sofortigen Rückzug aus dem Aufsichtsrat gerechnet, aber das hätte wahrscheinlich auch wie ein Fluch ausgesehen, sodass die nun getroffene Entscheidung wohl die richtig ist.

Rieckhoff wollte mit der am Sonntag ausgesprochenen Rückzugs-Forderung (des gesamten Aufsichtsrates) wachrütteln und ein Zeichen setzen, es ist ihm wohl nur zur Hälfte gelungen. Zwar hielt er eine umjubelte Rede, die mehrfach von Bravo-Rufen und Beifallssalven unterbrochen wurde, aber weil dieser HSV gegenwärtig in sich zu sehr zerstritten ist, konnte es nicht nur bei diesem Applaus bleiben. Es gibt im Moment mindestens drei Lager innerhalb des HSV: Die Supporters-Gefolgschaft um Ralf Bednarek und Manfred Ertel, die „Realos“ (die seit Wochen mächtig Dampf machen!) – und die ganz „normalen“ Mitglieder, die nur zusehen wollen, wie dieser Machtkampf eines Tages enden wird.

Bitter, dass es so weit in diesem Traditions-Klub kommen konnte, aber diese Entwicklung wird nicht mehr zu unterbinden sein. Was sicherlich auch zum Großteil dem alten Aufsichtsrat zu verdanken ist, der sich in der Ära vor Carl-Edgar Jarchow zu sehr vom Vorstand „einlullen“ ließ, der dem bunten Treiben im Klub nur zugesehen hat, durchgewinkt und abgenickt hat. Ein Kontrollorgan jedenfalls waren diese Herren zu keiner Zeit, ihnen wurde nach allen Regeln der Kunst auf den Köpfen herumgetanzt – und nun erntet der HSV die Früchte dieser wenig ruhmreichen Vergangenheit.

Am Sonntag hieß es oft: „Nicht die Großen schnappen die Kleinen, sondern die Schnellen schnappen die Langsamen.“ Für den HSV müsste aber ein Zusatz her: „Die schnellen Cleveren schnappen die langsamen und dummen Träumer.“ Wer immer noch von einem HSV von 1960 träumt, der sollte demnächst einmal „umsatteln“ und der Realität in die Augen blicken. Nichts ist mehr, so wie es mal war, und dass bald alles total anders sein wird, daran wird schon kräftig gearbeitet. Von allen Seiten, denn jeder fühlt sich dazu berufen, diesen HSV zu „übernehmen“. Weil alles das, was vorher gelaufen ist, viel zu schlecht und amateurhaft gewesen ist. Wobei das im Kern ja nicht einmal von der hand zu weisen ist. Blickt man aus Hamburg aber immer mal wieder nach München (wo sie jetzt dreimal Zweiter geworden sind), dann wird dieser Vorzeige-Klub immer noch ein wenig anders regiert und geführt, als es die Hamburger Herren nun mit dem HSV vorhaben.

Wer wird Rieckhoff nun als AR-Boss ersetzen? Ich tippe mal auf das Duo der bisherigen Stellvertreter, also Manfred Ertel/Alexander Otto. Oder die „Altmeister“ Ronny Wulff oder Jürgen Hunke? Letzterer hat allerdings am Sonntag erklärt, dass er keinen Posten mehr haben will, auch keinen Posten mehr übernehmen will. Und immer wieder muss ich daran denken, was Hunke auch noch gesagt hat: „Es geht hier nur noch um Macht.“ In dem Fall war der Satzungs-Änderungsantrag, die Reduzierung des zwölfköpfigen Aufsichtsrates gemeint. Aber es könnte alles damit gemeint und verbunden sein, denn keine „Seite“ dieses Machtkampfes im HSV ist besser als die andere. Keine. Sie alle wollen nur an die Macht und ihren Verein führen, lenken und befehligen.

Mir tat der HSV an diesem Sonntag besonders Leid, und auch der Abgang von Dr. Peter Krohn war absolut daneben und besorgniserregend. Eine solche Figur, die sich jahrelang so um die Raute bemüht hat, hat einen Sonntag wie diesen einfach nicht verdient. Es war das erste Mal in der Krohn-Geschichte, dass der „General“ von der Bühne gebuht wurde. Er sagt dazu: „Mit tat es Leid, dass ich nicht zu Ende reden konnte, ich habe das zutiefst bedauert. Und es tat auch weh, denn in meinem Alter, mit meiner Gesundheit – ich komme immer noch zu diesen Versammlungen, andere schon lange nicht mehr . . .“ Dann sagte Krohn auch: „Ich musste in dieser Situation einfach ein Zeichen setzen, deswegen bin ich gegangen.“

Für immer? Hat er nun mit dem HSV, seinem HSV abgeschlossen? Peter Krohn: „Nein, nein, um Himmels Willen, nein, ich werde weiter ein engagierter HSVer bleiben. Ich kann zwar keine Tore schießen oder verhindern, aber ich kann auf das Wesentliche n diesem Klub achten – und das werde ich auch.“ Der ehemalige Präsident hatte natürlich zahlreiche Anrufer an diesem Tag, die ihm alle Trost zusprachen, aber ich hatte das Gefühl, dass Krohn so etwas gar nicht will und braucht. Am Tag danach zeigte er sich kämpferisch wie eh und je. Er sagt: „Ich wollte mit meiner Rede darauf hinweisen, dass es in dieser Phase, in der sich der HSV jetzt befindet, Wichtigeres als Satzungsänderungen gibt. Natürlich sind Satzungsänderungen wichtig, ganz klarer Fall, aber der HSV landete auf Platz 15. Das ist doch mehr als eine Warnung für uns. Da muss man doch mindestens mal eine Stunde drüber reden – und dann erst zu den Satzungsänderungen kommen Zumal, diese ja ohnehin erneut nicht alle zur Sprache gekommen sind. Ich wollte mit meiner Rede die Botschaft geben, dass es so nicht weitergehen kann.“

Und Peter Krohn wollte wissen, wie es nun weitergehen wird, mit dem HSV. Er hat, das ist ihm deutlich anzumerken, große Angst um die Raute. Er sagt nämlich auch. „Mir ist es zu wenig, wenn wir Jubelarien anstimmen, weil wir nicht abgestiegen sind. Ich bitte Sie, wo sind wir denn?“ Dann fügt er leise an: „Man kann jetzt nur noch beten. Und darauf hoffen, dass die neue Saison etwas besser wird, dass die Verantwortlichen mal wieder ein glückliches Händchen haben werden . . .“

Dem kann man sich nur anschließen. Obwohl – mir fehlt ein wenig der Glaube. Wenn ich bei meinen Kollegen von der „Bild“ lese, dass Sportchef Frank Arnesen den Vertrag von Marcell Jansen um drei Jahre verlängern will, weil er (der Ex-Nationalspieler) sich „top entwickelt“ hätte, dann frage ich mich, was wir daraus lernen sollen? Wer hat sich top entwickelt? Ich sage mal so: Wenn Marcell Jansen sich in dieser abgelaufenen Saison top entwickelt hat, dann bin ich nun auf dem besten Wege zum Nobel-Preis. Und ich werde der Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck. Ganz sicher. Denn auch ich habe mich „top entwickelt“. Übrigens: Ich bin nicht mehr gefragt bei dieser nun beginnenden Europameisterschaft, Marcell Jansen auch nicht mehr. Noch Fragen?

So, jetzt noch schnell kleine andere Dinge:

Trainer Thorsten Fink wollt ja seinen Ex-Schützling Xhaka vom FC Basel, hat ihn aber nicht bekommen. Warum nicht? Wenn ihr folgende Meldung gelesen habt, werdet ihr euch ein Bild davon machen können:

„Granit Xhaka kommt mit den besten Empfehlungen. Das mit geschätzten 8,5 Millionen Euro
teuerste Juwel in der Geschichte des fünfmaligen deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach ist für den Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld ein echter Hochkaräter. „Ich sehe große Ähnlichkeiten mit Bastian Schweinsteiger, den ich bei den Bayern mit 18 Jahren zu den Profis geholt habe“, sagte der Meistertrainer der Bild.
Seine Ziele mit Mönchengladbach hat Xhaka bereits klar formuliert: „Ich bin nicht hier, um gegen den Abstieg zu spielen. Ich will in die Champions League, dafür werde ich in den beiden Quali-Spielen im August richtig Gas geben. Danach will ich eine gute Saison spielen. Das ist für mich ein Platz unter den ersten fünf.“

Dann gab es heute noch das:

Das unter skandalösen Umständen zu Ende gegangene Bundesliga-Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt. Das teilte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes am Montag in Frankfurt mit. Der Einspruch wurde als unbegründet abgewiesen, sagte der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz. Die Berliner haben nun eine weitere Möglichkeit, vor dem DFB-Bundesgericht Einspruch einzulegen.

Das DFB-Sportgericht hatte sich am Freitag nach mehr als sechsstündiger Beweisaufnahme vertagt. Hertha hatte nach der 2:2 ausgegangenen Partie in Düsseldorf Protest eingelegt.
Weil Fortuna-Anhänger schon vor dem Abpfiff den Rasen stürmten, hatte Schiedsrichter Wolfgang Stark das Spiel für 21 Minuten unterbrochen. Als die Fans den Rasen wieder verlassen hatten, pfiff der Referee die Partie noch einmal für 93 Sekunden an. Einen Tag später legte die Hertha Einspruch ein. „Ein regulärer Spielbetrieb war für uns nicht mehr möglich“, begründete Manager Michael Preetz.

Gegen die Berliner Profis Lewan Kobiaschwili, Christian Lell, Thomas Kraft und Andre Mijatovic hat der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen eingeleitet. Diese Fälle werden zu einem späteren Zeitpunkt behandelt. (dpa)

Und auch das nur zur Beachtung (und weil man ersehen kann, wie gut Platz 15 doch eigentlich ist:

Eintracht Frankfurt ist der einjährige unfreiwillige Ausflug ins Fußball-Unterhaus teuer zu stehen gekommen. „Die Zweite Bundesliga hat uns elf Millionen gekostet“, sagte Finanzvorstand Thomas Pröckl bei einer Bilanzpressekonferenz des Bundesliga-Aufsteigers am Montag. Das Eigenkapital sei von 15,95 Millionen Euro zum Abschluss der Saison 2010/2011 auf 4,99 Millionen Euro gesunken.

Und zum guten Schluss auch noch dies:

Am 22. Mai 2012 eröffnet der Hamburger Sport-Verein sein neues Vereinshaus auf der Sportanlage in Norderstedt. Um 15 Uhr wird in der neuen Gastronomie mit dem Namen „Anno 1887″ offiziell das erste Bier gezapft. Hierzu haben sich der HSV-Vorstand, Uwe Seeler und Aufsichtsratmitglied Alexander Otto angekündigt. Zur Eröffnung erwartet der neue Chef Sens mehrere hundert Gäste, darunter auch einige bekannte Gesichter des HSV. Bei Live-Musik wird das Anno 1887 zur Feier des Tages bis spät in den Abend geöffnet haben, so dass auch nach Feierabend jeder herzlich willkommen ist.

18.39 Uhr

Eilmeldung: Rieckhoff tritt zurück

21. Mai 2012

Jetzt ist es amtlich. Wie gestern schon vermutet, dass diese Mitgliederversammlung Konsequenzen haben wird: Ernst-Otto Rieckhoff tritt als Vorsitzender des HSV-Aufsichtsrates zurück. Der ehemalige HSV-Schatzmeister bleibt aber im Aufsichtsrat – auf jeden Fall bis zur Wahl im Januar 2013. Und, darauf wurde ich eben aufmerksam gemacht (danke dafür!), Rieckhoff wird dann nicht wieder zur Wahl antreten.
Mehr dazu hier in den nächsten Stunden an dieser Stelle.

14.53 Uhr
Und noch eine Eilmeldung:

Frankfurt/Main (dpa) – Das unter skandalösen Umständen zu Ende gegangene Bundesliga-Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt. Das teilte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes am Montag in Frankfurt mit. Der Einspruch wurde als unbegründet abgewiesen, sagte der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz. Die Berliner haben nun eine weitere Möglichkeit, vor dem DFB-Bundesgericht Einspruch einzulegen.
Das DFB-Sportgericht hatte sich am Freitag nach mehr als sechsstündiger Beweisaufnahme vertagt. Hertha hatte nach der 2:2 ausgegangenen Partie in Düsseldorf Protest eingelegt.
Weil Fortuna-Anhänger schon vor dem Abpfiff den Rasen stürmten, hatte Schiedsrichter Wolfgang Stark das Spiel für 21 Minuten unterbrochen. Als die Fans den Rasen wieder verlassen hatten, pfiff der Referee die Partie noch einmal für 93 Sekunden an. Einen Tag später legte die Hertha Einspruch ein. „Ein regulärer Spielbetrieb war für uns nicht mehr möglich“, begründete Manager Michael Preetz.
Gegen die Berliner Profis Lewan Kobiaschwili, Christian Lell, Thomas Kraft und Andre Mijatovic hat der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen eingeleitet. Diese Fälle werden zu einem späteren Zeitpunkt behandelt.

Der 20. Mai 2012 – ein legendärer Tag!

20. Mai 2012

Ohnsorg-Theater. Das war Ohnsorg-Theater – aber volle Delle. Kennt ihr „Tratsch im Treppenhaus“? Ich glaube es war bei „Tratsch im Treppenhaus“, als Henry „Opa“ Vahl angetrunken nach Hause kommt und immer wieder sagt: „Nigge-nigge-nigge-ding.“ Und dabei fasst er immer in einen Schuhkarton, in dem ein Kaninchen sitzt. „Opa“ kommt vom „Karnickel-Züchter-Verein“. Daran habe ich heute den ganzen Tag denken müssen. Der „Karnickel-Züchter-Verein“ muss HSV heißen. Ganz klar. Man, war das wieder eine Horror-Veranstaltung. Zum Davonlaufen. Was war das denn bloß? Das hat doch mit Profi-Fußball und Erster Liga nichts mehr zu tun. Es ist einfach nur noch traurig. Selbstdarsteller ohne Ende, Wichtigtuer, Aufschneider – und viele, viele selbstverliebte Leute. Unfassbar. Ich habe schon viele verzweifelte Leute bei HSV-Mitgliederversammlungen gesehen, aber so viele wie heute? Noch nie. Kopfschüttelnd sind viele schon früh davon gelaufen, auf und davon. Der frühere Schatzmeister Gerhard Flomm sprach vielen aus dem Herzen: „Wahnsinn, der pure Wahnsinn, ein große Katastrophe.“

Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Wirklich nichts. Dieser Tag, dieser 20. Mai 2012, der wird dem HSV schwer geschadet haben. Ganz schwer. Der ohnehin schon zerstrittene Aufsichtsrat ist nun noch mehr auseinander gebracht worden, als ohnehin schon. Ich rechne in den nächsten Stunden ganz schwer mit dem Rücktritt des AR-Bosses Ernst-Otto Rieckhoff, aber dazu komme ich noch. Es ist unheimlich viel Porzellan zerschlagen worden, ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob sich Sportchef Frank Arnesen gefragt hat, in was er hier hineingeraten ist. Okay, okay, er verdient ‚ne Mark Fünfzig beim HSV, das ist auch Schmerzensgeld dafür, mal einen solchen schlimmen Tag zu überstehen, aber es muss für den Dänen trotzdem die Härte, nein, die Oberhärte gewesen sein. Jeder normale Mittel-Europäer muss sich nach diesem Tag fragen: „Womit habe ich das verdient?“

Und: Wenn das so weitergeht, dann lieber HSV, ja, dann gute Nacht, dann steht dem Klub aber eine absolut „ruhmreiche Zukunft“ bevor – aber hallo! Dann könnte der Klub tatsächlich irgendwann mal wieder auf Grand Punktspiele austragen . . . Es war an diesem legendären Tag bei so vielen Redner von der „großen HSV-Familie“ die Rede – wie infam. Wenn das eine Familie sein soll, dann bitte, dann möchte ich bitte nichts mit Vater, Mutter, Oma, Opa und meinen Geschwistern mehr zu tun haben. Das ist doch alles nur noch scheinheilig – erbärmlich.

Eigentlich würde ich jetzt mit diesem Beitrag aufhören, weil ich zu aufgebracht bin nach dieser Un-Veranstaltung, aber ich war dienstlich vor Ort, ich muss darüber berichten, also komme ich meiner Chronisten-Pflicht nach. Schweren Herzens, das gebe ich zu.

Es begann gleich – gegen 11.20 Uhr – mit einem großen Eklat. Einer der ersten Redner, wie könnte es anders sein, war vor 586 HSV-Mitgliedern der frühere HSV-General Dr. Peter Krohn. Er wollte gleich loslegen wie zu seinen besten Zeiten, wurde aber von Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff aus allen Träumen gerissen: „Lieber Peter, du hältst hier eine Grundsatzrede, dabei sind wir aber noch nicht, ich bitte dich, zum Schluss zu kommen.“ Krohn erwiderte: „Du kannst ja deine Ordner die Anweisung geben, dass sie mich hier vom Pult wegschleppen sollen . . .“ Es klang sehr lustig, aber es war bitterer Ernst! Ja, es ging gleich in die Vollen. Weil Krohn dann aber seine Rede fortsetzen wollte, wurde er von einigen HSV-Mitgliedern ausgebuht. „Wollen Sie, dass ich aufhöre?“, fragte der Doktor, und diejenigen, die gebuht hatten, sagten laut: „Ja.“ Krohn ging. Und verließ die Mitgliederversammlung. Natürlich „allerbester Laune“. Es könnte, so vermute ich mal, sein letzter Auftritt beim HSV und damit auch für den Klub gewesen sein.

Ja, soweit ist es jetzt schon gekommen, dass ein Dr. Peter Krohn vertrieben wird. Aber das blieb nicht der einzige Höhepunkt, wenn auch (vielleicht) der unrühmlichste.

Interessant war auch Punkt sechs der Tagesordnung: Antrag auf Änderung der Satzung durch Ingo Thiel. Die Mitgliederversammlung möge beschließen, die Satzung um den Buchstaben „j“ zu ergänzen, der da lautet: „Beschlussfassung über Verträge, die darauf abzielen, Investorenmodelle umzusetzen.“

Hinter den Kulissen gab es vorab schon einige Gespräche zwischen Vorstand und Thiel, man hatte sich schon geeinigt – Thiel zog seinen Antrag zurück, hielt aber zuvor trotz allem eine – sehr gute – Rede. Ich horchte besonders an jenem Punkt auf, als er von schweren Beschimpfungen gegen sich im Internet sprach – natürlich anonym. Ja, lieber Herr Thiel, so geht es da jeden Tag zu, nicht nur wegen einer Satzungsänderung. Wobei Thiel nicht auf die Einzelheiten, die es zu diesem Punkt unterhalb der Gürtellinie gab, einging. Er sagte lediglich – und das ist noch milde: „Alle haben sie keine Ahnung, aber ich als wahrer HSV-Fan, ich habe Ahnung.“ Und: „Ein HSV-Anhänger weiß grundsätzlich alles besser.“

Natürlich. Immerhin sagte Thiel auch, und das hatte er bei seinen Gesprächen mit dem Vorstand erfahren: „Sportchef Frank Arnesen war noch vom alten Vorstand eingestellt worden, und dieser Vorstand hatte ihm damals 15 bis 20 Millionen Euro mehr für neue Einkäufe versprochen . . .“ Diese 15 bis 20 Millionen waren aber weit und breit nicht mehr zu sehen. Aber man sich kann sich ja auch mal versprechen, keine Frage. Ingo Thiel beendete seinen Vortrag mit: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich diesem Vorstand und dem weitaus überwiegenden Teil des Aufsichtsrat mehr traue, als dem alten Vorstand.“ Dafür gab es viel Beifall.

Vorstands-Boss Carl-Edgar Jarchow zu dem Vortrag Thiels: „Ich habe schon bei der letzten Mitgliederversammlung am 15. Januar gesagt, dass ich das Kühne-Modell damals nicht unterstützt habe, und ich werde es auch künftig nicht unterstützen. Nur eines ist dieses Modell ganz und gar nicht, es ist kein Investoren-Modell. Es ist ein Modell, mit dem Herr Kühne der größte private Sponsor des HSV geworden ist. Er hat als Sicherheit Anteile von Spielern erhalten, die bereits beim HSV unter Vertrag standen, so etwas lehnt dieser Vorstand ab, so etwas wird es in Zukunft nicht geben.“

Hoch interessant wurde es auch beim Punkt der Fernwahl (Briefwahl). Auch da ging es, wie nicht anders zu erwarten, hoch her. Der ehemalige Präsident Jürgen Hunke war dagegen und sagte: „Wir haben keine müde Mark mehr in der Kasse, wollen aber 100 000 Euro für diesen Versuch ausgeben. Als wenn wir keine anderen Sorgen haben.“ Und: „Ein Bundesliga-Verein besteht aus sportlicher Qualität und aus finanzieller Qualität, aber an beiden Punkten stimmt es bei uns nicht, und daran sollten wir vor allen Dingen arbeiten.“

Alexander Otto, der stellvertretende Aufsichtsrats-Vorsitzende, ist für die Briefwahl und befand: „Ich habe hier nur gehört, dass so etwas nicht geht, aber ich glaube, dass wir im HSV auch mal überlegen sollte, dass etwas geht. Und was geht. Wir müssen auch bereit sein, Mut zu haben. Mut zur Entscheidung, Mut etwas zu verändern.“

Aber geht es wirklich noch um die Briefwahl? Oder um die anderen Tagespunkte? Jürgen Hunke brachte es auf den Punkt: „Es geht um Macht.“ Genau. Ganz genau! Die eine Partei im HSV will mehr Macht als die andere. Nur darum geht es noch, nur darum. Der Verein an sich ist in sich total zerstritten. Und ich frage mich, wie lange sich einige hohe Hamburger Persönlichkeiten diesen Klub noch antun wollen – und werden?

Um Macht ging es wohl auch – und vor allem – beim Punkt: Verkleinerung des Aufsichtsrates. Ein Antrag von AR-Mitglied Horst Becker (der nach für Rede viel Beifall und Bravo-Rufe erntete). Genau zu diesem Punkt platzte eine Bombe – die Rede von Ernst-Otto Rieckhoff. Der u.a. sagte: „Der ganze Aufsichtsrat muss komplett aus der Öffentlichkeit heraus. In anderen Vereinen wissen die Fans gar nicht, wer das was im Aufsichtsrat macht, bei unserem Aufsichtsrat wissen sie alles. Leider nicht immer nur das Positive, und das möchte ich gerne ändern, aber in der derzeitigen Konstellation halte ich das nicht für machbar. Und wenn ich das so sehe, dann geschieht das in höchster Glaubwürdigkeit, denn ich stehe ja nicht in dem Verdacht, persönliche Interessen zu verfolgen, denn ich säge ja gerade an meinem eigenen Stuhl. Auch bei einer neuen Entscheidung in Sachen Aufsichtsrat zählt für mich nur das Wohl des HSV.“

Rieckhoff weiter: „Der HSV steht derzeit auf dem Prüfstand und wird Veränderungen erleben. Der HSV muss seine nähere Vergangenheit dringend korrigieren, gerade nach dem Verlauf der letzten Saison und der für mich unrühmlichen Vereinspolitik der letzten drei Jahre. Und in diesem Zuge müssen wir den Aufsichtsrat verkleinern, und ihn klein machen für einen neuen HSV. Und hierbei sollten dann auch die Mitglieder entscheiden, welche Mitglieder in den Aufsichtsrat sollen. Dafür müssten eleganterweise alle Aufsichtsrats-Mitglieder im Januar zurücktreten und sich möglicherweise neu zur Wahl stellen.“ Rieckhoffs Rede wurde mehrfach von Beifall und Bravo-Rufen unterbrochen. Aber er sprach weiter: „Ein neuer Start für den Aufsichtsrat wäre somit gesichert. Ja, folgen Sie mir, und nehmen Sie die Chance für einen effektiveren HSV wahr, indem Sie dem Antrag von Horst Becker zustimmen.“

Darauf erwiderte Manfred Ertel, der stellvertretende Aufsichtsrats-Chef: „Wenn ich Otto Riekchoff nun widerspreche, dann weil es immer einzelne Punkte gibt, in denen man unterschiedlicher Meinung sein kann. Aber ich muss jetzt schon zugeben, dass ich von dem Beitrag meines Kollegen, den ich sonst sehr schätze, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite, einigermaßen perplex bin. Denn die Wirklichkeit, von der Otto Rieckhoff hier geredet hat, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die man diesem aktuellen Aufsichtsrat anhängen kann. Und schon gar nicht den Personen, die erst seit einem Jahr in diesem Aufsichtsrat sind.“ Und: „Über unsere Tätigkeit, lieber Otto, hast du bislang hier an dieser Stelle ganz andere Beiträge gehalten.“ Dazu sagte Manfred Ertel auch: „Den Vorschlag, den du, Otto, hier gemacht hast, wir sollten alle zurücktreten, den, so hätte ich mir gewünscht, den hättest du wenigstens ein einziges Mal im Aufsichtsrat vortragen sollen, bevor er hier über 500 Vereinsmitglieder damit konfrontiert werden.“

Professor Dr. Jörg F. Debatin stellte sich (für mich überraschend) auf die Seite von Rieckhoff („Einen besseren Aufsichtsrats-Vorsitzenden als Otto Rieckhoff hätten wir in der Phase nie bekommen, er hat hier segensreich gewirkt“), der Supporters-Chef Ralf Bednarek aber sagte frei heraus: „Lieber Otto, ich bin, ehrlich gesagt, entsetzt über deine Rede.“ Und weiter: „Faktisch willst du ignorieren, was die Mitgliederversammlung bei den letzten Wahlen entschieden hat. Das ist so ein bisschen das Thema der heutigen Versammlung. Ich habe das Gefühl, es soll etwas geändert werden an der Satzung, weil einigen Leuten die Zusammenstellung in diesem Aufsichtsrat nicht passt.“

Und dann wurde es DEUTLICH. Bednarek sagte das, was schon viele Leute seit Monaten wissen: „Machen wir uns doch nichts vor. Wir haben doch nicht das Problem dass wir zwölf oder elf Aufsichtsräte haben, wir haben das Problem im Verein, dass keiner dem anderen glaubt. Hier haben doch alle Seiten immer nur geguckt, welche Fehler machen die andere Seite.“

Endlich hat es mal einer ausgesprochen. Hinter der vorgehaltenen Hand war schon lange die Rede davon, dass der Aufsichtsrat heillos zerstritten ist, nur wurden alle Mitglieder immer nur für dumm verkauft: „Alles in Ordnung, wir verstehen uns bestens, wir arbeiten auch besser zusammen als vorher.“ Toll. Danke, Ralf Bednarek für diese Aufklärung.

Aufsichtsrats-Mitglied Björn Floberg sagte: „Otto Rieckhoff wurde hier für seine Ehrlichkeit gelobt, aber er hatte nicht den Schneid, uns von seinem Vorschlag des Rücktritts etwas im Aufsichtsrat zu sagen . . .“

Ja, dieser Abend war schon legendär. Übrigens, die Abstimmungsergebnisse sahen wie folgt aus:
Für die Fernwahl waren 256, dagegen 324, es gab fünf Enthaltungen. Und für die Verkleinerung des Aufsichtsrates waren 262, dagegen 244 (bei vier Enthaltungen). Damit war auch dieser Antrag abgelehnt, denn er hätte eine Dreiviertel-Mehrheit bekommen müssen.

So, nun muss ich enden, denn sonst bin ich am Ende. Und ihr hättet diesen Beitrag erst gegen Mitternacht. Um 19.15 Uhr ging dieser Tag heute im Volkspark zu Ende – zum Glück. Mögen die Klugen in diesem Verein dafür sorgen, dass es künftig nur noch viel, viel bessere Mitgliederversammlungen gibt. Sonst könnten diejenigen, die heute dabei waren, ihren Enkeln in Jahren berichten, dass sie dabei waren, als dieser Klub den ersten richtigen Schub nach unten bekommen hat.
Mich stimmt diese Vorstellung total traurig, denn ich habe einen in sich zerstrittenen Verein namens HSV erlebt, erleben müssen.
Leute, wacht auf! Tut etwas dagegen. Gemeinsam. Es geht nur gemeinsam, sonst geht es immer so weiter. Ein Lager, zwei Lager, drei Lager? Mensch, wir sind ein HSV. Und so zerstritten richtet ihr ihn, weil ihr nur euch und eure Interessen seht (egal welches Lager!), zu Grunde. Und das darf doch nicht geschehen. Kehrt um auf diesem falschen Weg, kehrt endlich um, bevor es zu spät ist.

21.08 Uhr

Wegen Adler – Stein lobt den HSV!

19. Mai 2012

20 Punkte auf einmal. Nach dieser mageren Saison. Ein Traum! Doch dieser Traum erfüllt sich nur an diesem Sonntag, wenn der HSV zur Fortsetzung bitte. Zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung, die am 15. Januar aus Zeitgründen abgebrochen werden musste, und die nun am Sonntag um 11 Uhr in der Imtech-Arena weitergeführt wird. Mit 20 Punkten auf der Tagesordnung. Die Pforten des Stadions werden bereits eine Stunde vor dem „Anpfiff“ von Aufsichtsrats-Chef Ernst-Otto Rieckhoff geöffnet. Es sind viele Anträge auf Änderung der Satzung eingegangen, die dürften wahrscheinlich auch lebhaft diskutiert werden. Brisanz ist gegeben, denn es geht auch um die Köpfe im Aufsichtsrat. Endlich wird das heiße Thema, das vielen HSV-Mitgliedern (und sicher auch vielen Fans) schon seit Jahren ein Dorn im Auge ist, einmal angepackt – nämlich die Zahl zwölf. Was mich optimistisch stimmt ist die Tatsache, dass einige Räte ja selbst dafür sind, die Zahl zu reduzieren. So wie es heute noch aussieht, gibt es diesmal etwas auf die „Zwölf“. Und das ist auch gut so.

Ich bin gespannt, wie viele Mitglieder an diesem Sonnen-Tag tatsächlich erscheinen, und wie hoch die Wellen schlagen werden. Zudem könnte es ja auch noch die einen oder anderen Abstecher zur schwächsten HSV-Saison aller Zeiten geben – und in diesem Fall auch um die Frage, wer diese verkorkste 49. Bundesliga-Spielzeit hauptsächlich zu verantworten hat. Wie gesagt, es könnte viel Feuer in dieser Veranstaltung sein.

Ich sprach über den HSV 2011/12 und über den HSV der Zukunft mit einem der Helden von 1983. Uli Stein hat 228 Erstliga-Spiele für den HSV bestritten, und er hat, obwohl er seit Jahren im Westen wohnt, immer noch die Raute im Herzen. Er beschäftigt sich oft mit „seinem HSV“, und er spricht viel und oft mit ehemaligen Kollegen, die immer noch in Hamburg beheimatet sind. Ich hatte ja kürzlich hier schon meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Verpflichtung von Ex-Nationaltorwart Rene Adler ein Hoffnung auf bessere Zeiten für den HSV sein könnte. Wie sieht das ein so erfahrener Keeper wie Uli Stein, der ja in der Vergangenheit oftmals den Geschehnissen innerhalb des Klubs sehr skeptisch und auch sehr kritisch gegenüber stand?

„Auch ich habe diese Hoffnung. Wenn Rene Adler tatsächlich fit ist, und davon gehe ich mal schwer aus, denn der HSV wird Adler ja ordentlich durchgecheckt haben, dann gehört er zur Creme de la Creme des deutschen Fußballs, und dann kann man davon ausgehen, dass er dem HSV auch richtig gut helfen wird. Adler steht von der Leistung her auf einer Stufe mit Manuel Neuer, und diese Verpflichtung wird dem HSV bestimmt sehr gut tun.“ Stein sagt aber auch: „Ich hoffe sehr für ihn und den Verein, dass Adler nun mal von Verletzungen verschont bleibt, dass er dem HSV dann auch wirklich eine ganze Saison ohne Unterbrechungen zur Verfügung stehen kann.“

Dass Rene Adler verpflichtet wurde, das begrüßt Uli Stein ausdrücklich: „Ich hätte ihn trotz der Tatsache, dass auch Jaroslav Drobny noch da ist, auf jeden Fall auch geholt. Und ich habe ja von meinen Bekannten in Hamburg auch gehört, dass der HSV noch einen guten Nachwuchstorwart hat, Florian Stritzel, Jugend-Nationalkeeper, von dem halten in Hamburg ja auch einige sehr, sehr viel. Eventuell gibt der Verein ja auch la einem ganz jungen Mann die Chance, Gladbach, Leverkusen und Hannover haben das ja in der Liga schon vorgemacht. Und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Drobny den HSV doch noch verlassen wird. Das muss er ganz allein wissen, ob er sich ein weiteres Jahr auf der Bank antun will.“

Um noch einmal auf Adler zu kommen. Uli Stein sagt weiter: „Dafür, dass er ein so guter Torwart war und hoffentlich auch wieder wird, kostet er ja relativ wenig Geld. Dafür musste man ihn holen. Und hinten fängt man an mit dem Erfolg, steht die Null, dann kann man darauf aufbauen. Nein, in diesem Fall muss ich sagen, dass der HSV sportlich die richtige Entscheidung getroffen hat, diesmal gibt es nichts zu kritisieren.“ Wobei Uli Stein durchaus Kritik anzubringen hat: „Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum der HSV Drobny nicht zum FC Bayern ziehen ließ, als es das Angebot aus München gab. Da wollte der HSV offenbar zu viel Geld und hat zu hoch gepokert, und das war wirtschaftlich nicht der klügste Schachzug. Wenn man die Chance hat und es dann nicht macht, dann ist das für mich nicht nachvollziehbar. So gut wie sie das mit Adler gemacht haben – mit Drobny haben sie da gleich einen neuen Flop hinterher gelegt. Das macht keinen Sinn für mich.“

Und macht es denn Sinn für ihn, dass nun noch vor der Mitgliederversammlung der Vertrag von den Vorstands-Herren Carl-Edgar Jarchow und Joachim Hilke um zwei Jahre verlängert wurden? Uli Stein: „Das kann man so oder auch so sehen. Natürlich hat der HSV seine schlechteste Saison aller Zeiten gespielt, aber vielleicht sollte man den Leuten, die ja erst knapp über ein Jahr im Amt sind, noch eine zweite Chance geben. Viel schlechter als zuletzt kann man es ja nicht mehr machen, aber dieser Vorstand musste ja ein schweres Erbe antreten. Es war wie beim Trainer, alle mussten sie das übernehmen, was ihnen überlassen wurde. Jetzt, mit der neuen Saison, da hat Thorsten Fink endlich die Chance, seine Ideen umzusetzen, seine Mannschaft aufzubauen. Und so sollte es auch für den Vorstand sein, und deswegen halte ich es auch für in Ordnung, dass diese Verträge verlängert wurden.“

Uli Stein, heute 57 Jahre alt, wollte kürzlich ja auch die Funktionärsebene betreten, und zwar die bei seinem Stamm-Klub Arminia Bielefeld. Das hat sich allerdings zerschlagen. „Ich habe alles das, was die Arminia betrifft, erst einmal auf Eis gelegt. Generell aber habe ich schon Interesse, so etwas mal zu machen, es muss ja nicht Bielefeld sein“, sagt Stein. Also wäre der HSV ein Thema? Stein: „Warum nicht?“

Viele seiner früheren Teamkollegen sollten schon beim HSV einsteigen, oftmals wurde die Rolle als Aufsichtsrats-Mitglied gehandelt – doch die meisten winkten ab. Stein: „Das war auch richtig so, das hätte ich auch gemacht. Als Aufsichtsrat kannst du doch nichts bewegen, da hast du keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Deshalb kann ich mir nur vorstellen, entweder als Sportchef zu arbeiten, oder als Vorstandsmitglied. Aber der Sportchef-Posten ist beim HSV ja besetzt, und die Vorstands-Posten sind auch fest vergeben . . . Aber in den Aufsichtsrat – niemals, das ist unvorstellbar für mich.“ Er sagt auch noch: „Das hat man ja auch in der Hoffmann-Ära gesehen, da waren ja viele Aufsichtsrats-Mitglieder einseitig – und zwar für die Belange des Vorstandes – beeinflussbar. Und genau so etwas ist nichts für mich.“

Und was traut der frühere Nationaltorwart dem HSV in Zukunft sportlich zu? Stein: „Du musst eines machen, aber das wird der Thorsten Fink viel besser wissen, und ich halte viel von Fink, der hat für mich beim HSV super Arbeit geleistet, und das mit einem ganz kleinen Etat, du musst jetzt eine Mannschaft zusammenstellen, die auch als Einheit aufritt. In der nun abgelaufenen Saison waren da elf Einzelspieler, oder auch 18 oder 19 – aber es war kein Team. Du hast weder auf dem Rasen noch außerhalb etwas von einem Teamgeist gespürt oder erlebt, da hat jeder nur sein eigenes Ding gemacht – und da muss jetzt reagiert werden. Da muss wieder eine Mannschaft auf den Platz, die zusammenhält, und die für die Raute und auch für die Fans marschiert und läuft. Das war das ganz große Manko des HSV in den letzten Jahren, speziell in der letzten Saison.“

Uli Stein sagt aber auch: „Vielleicht sollte man in diesem Jahr nicht nur in der Nachwuchs-
Abteilung des FC Chelsea nach neuen HSV-Spielern suchen, Talente gibt es auch in anderen Vereinen – selbst in deutschen Klubs. Das ist auch ein Manko gewesen, das lief mir zu einseitig ab. Es gibt so viele Klubs, die sehr gute Nachwuchsarbeit verrichten, dann sollte man eben auch dort mal gucken. Der HSV hat doch ein Scouting-System – was macht denn die? Dann muss man da auch mal ansetzen, wenn da nichts kommt, dann muss man eben auch dort mal neue Gesichter präsentieren.“

Stein weiter: „Bei anderen Klubs hat man es doch gesehen, dass man junge Leute nach oben bringt, und dass man die dann auch für viele, viele Millionen verkaufen kann. Das wäre doch auch eine Chance für den HSV. Zum Beispiel der Gladbacher Reus, der ein Götze, ein Schürrle. Solche Jungs muss man mal rausbringen, dann kann man auch mal richtig Geld schnappen – aber beim HSV sieht es da ja im Moment düster aus. Auch finanziell. Da gibt es ja wohl nichts mehr. Aber das ist auch irgendwie klar, denn man muss sich mal überlegen, wie viel Geld da in der Vergangenheit verpulvert wurde. Für nichts. Das war schon abenteuerlich. Wer hat da auch nur irgendetwas kontrolliert? Da wurden Millionen zum Fenster hinausgeschüttet, aber für was? Für null Erfolg. Das passt doch nicht zum HSV.“

Genau.

Aber bevor Uli Stein beim HSV in irgendeiner Form mitwirken wird, da erledigt er selbstverständlich noch seinen Job als Torwart-Trainer von Aserbaidschan – unter der Regie von Chef-Coach Berti Vogts. Beide Herren haben noch einen Vertrag bis Mitte 2013 – und fliegen am Sonntag erst einmal nach Tokio, zum Länderspiel gegen Japan. „Dieser Job macht mir Spaß, man kommt viel in der Welt herum“, sagt Uli Stein. Und genau das hat der HSV im Moment ja auch nicht zu bieten . . .

Ganz kurz möchte ich noch auf Düsseldorf gegen Hertha eingehen. Am Montag erst die Entscheidung, wie es nun weitergehen soll – ein Wiederholungsspiel? Ich glaube eigentlich nicht mehr daran, nach all den Dingen, die Schiedsrichter Wolfgang Stark so von den Berliner Spielern geschildert hat. Aber gespannt bin ich, wie die Strafen für die Fußballer ausfallen werden. Wenn ich so an Paolo Guerrero denke, da wurde das Strafmaß ja schon sehr, sehr weit nach oben gesetzt, demnach müsste sich der gute Kobiaschwili eigentlich einen Verein im Ausland suchen, in Deutschland wird er in den nächsten Jahren wohl kaum zum Zuge kommen können . . .

So, nun wünsche ich euch viel, viel Spaß beim Grillen und beim Champions-League-Finale. Meinen Tipp bin ich ja schon im Film mit „Scholle“ losgeworden – stellt euch auf einen langen Abend ein.

Trotz allem drücke ich dem deutschen Fußball die Daumen, es wird mal wieder Zeit . . .

18.51 Uhr

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