Tagesarchiv für den 28. Mai 2012

Selbstkritik ist nichts für mich . . .

28. Mai 2012

Es muss 1966 oder 1967 gewesen sein. Der 18-jährige Matz durfte in der Regionalliga-Mannschaft von BU ein Freundschaftsspiel bestreiten, auf Grand bei Vorwärts in Billstedt, wo ein Vereinsjubiläum gefeiert wurde. BU war damals Zweitliga-Klub – weil es noch keine Zweite Liga gab. Das Spiel endete 3:3, ich wurde Mitte der zweiten Halbzeit eingewechselt – und spielte schlecht, unheimlich schlecht. Ich spielte so, wie ein Fan spielt, der plötzlich mit seinen Fußball-Lieblingen „daddeln“ darf. Ich erstarrte vor Ehrfurcht. Vorwärts trat damals noch mit Hans-Jürgen „Dittschi“ Ripp an, der später HSV-Profi wurde. Über dieses Spiel berichteten später einige Zeitungen, so auch das Hamburger Abendblatt, das den (inzwischen schon lange verstorbenen) Kollegen Manfred Heun geschickt hatte. Und Heun zerriss mich in seinem Artikel, er putzte mich total runter. Eigentlich völlig berechtigt, weil ich tatsächlich grottig gespielt hatte, aber ich schwor mir damals: „Wenn ich jemals wieder etwas mit diesem Heun zu tun haben werde, dann werde ich kein Wort mit ihm reden. Und sollte er sogar irgendwann (davon habe ich – wie wohl jeder Junge – geträumt) und irgendwo Profi sein, und dieser Heun will ein Interview von mir haben, dann werde ich ihn eiskalt abblitzen lassen. Jawoll, das wollte ich. Weil ich nur noch sauer auf ihn war . . .

Später wurden wir dann, wie das Leben so spielt, Kollegen beim Abendblatt. Wir gingen gemeinsam zum HSV, um über die Spiele und Turniere zu berichten, wir gingen auch zum Nachbarn ans Millerntor. Noch Jahre. Und natürlich habe ich mit ihm gesprochen. Und irgendwann, nach langer, langer Zeit, habe ich ihm auch von dem damaligen Vorwärts-Spiel und von meinem Vorhaben berichtet. Wir haben beide gelacht . . .

Warum ich das schreibe? Mein Abendblatt-Kollege Florian Heil wollte heute mit einem HSV-Profi (ich nenne bewusst den Namen nicht!) ein Interview führen. Heil erhielt aber – per Handy (telefonisch) – eine kurze und knappe Absage: „Lies dir mal die letzten zehn Berichte von Matz ab über mich durch, dann weißt du, warum ich nicht mit dem Abendblatt rede . . .“

Alles menschlich, alles verständlich – alles okay. Es bleibt jedem – so würde „Dittsche“ formulieren – unbenommen, hier und dort ein Interview zu geben, und hier und dort eines zu verweigern. Das, was Heil erlebte, ist mir als Redakteur natürlich auch schon passiert. Ich erinnere an den HSV-Spieler Carsten Kober, der heute ein „Matz-abber“ („Master of Grätsche“) ist, und mit dem über eineinhalb Jahre lang einst Funkstille herrschte. Beide haben wir kein Wort miteinander gesprochen – bis es sich dann auf der Rückreise von einem UI-Cup-Spiel in Budweis so ergab, dass wir im Flieger nebeneinander saßen. Da fand dann die Versöhnung statt – heute sind wir noch immer freundschaftlich miteinander verbunden – nicht wahr, mein Carsten?

Auch mit Stefan Schnoor gab es einmal eine solche (kürzere) Schweigephase, vor der wir uns kurz aber heftig angeschrien hatten. Es ging um „ungerechte“ Kritiken. Was sonst. Und ich erinnere mich an einen HSV-Spieler namens Florian Weichert (erinnert ihr euch noch?), der ein heftiges Wortgefecht mit mir wie folgt beendete: „Ich rede nicht mehr mit Ihnen, Sie hören von meinem Anwalt.“ Wir waren eigentlich „per Du“ – ich habe aber auch nie von seinem Anwalt gehört. Heute ist er Fernseh-Kollege beim MDR, und als wir uns beide einmal bei der Arbeit trafen, da begrüßten wir uns wie Freunde. So geht es dann auch. Bei allem Ärger.

Nun zu heute. Ich muss sagen, dass ich über diese Interview-Verweigerung ein wenig erstaunt bin – um nicht zu sagen entsetzt. Aber es spricht natürlich auch eine deutliche Sprache. Selbstkritik ist heutzutage ein Fremdwort. Für die meisten Profis jedenfalls. Auch irgendwie verständlich, denn jeder möchte in diesem (Millionen-)Spiel bleiben, möchte seinen Lebensstandard eher verbessern, das heißt, er muss „oben“ bleiben. Wenn es geht, dann Nationalspieler sein, aber auf jeden Fall immer Erste Liga. Das ist ganz sicher ein harter Kampf, da geht es auch – wir haben das zuletzt in Hamburg eindrucksvoll gemerkt – um Existenzen. Die Familien müssen ernährt werden, und das geht in Liga eins eben besser als in Liga zwei.

Der HSV stand über Wochen auf der Kippe. Das geht an die Nerven. Auch an die Substanz. Und es verklärt dem einen oder anderen Spieler auch ganz sicher den Blick für die Realität. Und wenn nicht das, dann muss wenigstens verbal für die eigene Stellung tüchtig gekämpft werden. Wenn diese Phase erst einmal angebrochen ist, dann ist es natürlich wenig hilfreich, wenn man (Mann) dann in den Zeitungen die schreckliche, die entlarvende sportliche Wahrheit über sich lesen muss. Auch das sehe ich ein. Aber was sollen wir, was soll ich denn machen? Der HSV hat sich in diesem Jahr so kräftig in die eigene Tasche gelogen, das kann und darf doch niemand so hinnehmen. Da wurden uns – hart formuliert – „Gurkenspiele“ als gut hingestellt. Und Grotten-Kicks als fast hervorragend. Wir erinnern uns doch alle, wie oft uns gesagt wurde: „Diese Mannschaft hat Qualität, sie ist viel besser als ihr Tabellenstand.“ Wie oft wurde es uns gepredigt? Zu oft!

Wo ist der HSV letztlich mit seiner Qualität gelandet? Genau.

Hätte in den Zeitungen tatsächlich stehen müssen: „Der HSV hatte bei der 3:4-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln wieder einmal viel, viel Pech gehabt, er hat 90 Minuten das Spiel bestimmt und nur auf ein Tor gespielt – aber der Gegner schoss leider und völlig unverdient die Tore. Kopf hoch, Jungs! Solche Spiele gibt es mal. Der HSV hat davon in dieser Saison leider etwas mehr, aber das gleicht sich immer wieder aus – so ist der Fußball. Weil der HSV im Grunde genommen auch nur Klasse-Spieler hat. Jeder für sich ist ein großer Individualist, jeder ist Nationalspieler und gehört zu den Besten seines Landes, und ganz sicher könnte auch jeder von diesen HSV-Spielern den Tempo-Fußball bei Borussia Dortmund mitspielen, oder beim FC Bayern die eine oder andere Partie Rasenschach. Sie alle, diese HSV-Spieler, haben unglaubliche Qualitäten, sie rennen, spielen, rasen, kämpfen und graben den Rasen um, so wie es vor ihnen nur die Mannschaft von 1983 getan hat. Besser kann ein HSV kaum noch sein. Dass dieser HSV auf Platz 15 steht, ist reiner Zufall, hat nichts, aber auch absolut zu sagen, ein jeder Spieler kann doch deutlich mehr, kann auch im Training viel, viel besser – und wird das schon bald, im nächsten Spiel, zeigen.“

Wer eine solche Berichterstattung wünscht und will (auch als Profi), der sollte sich besser Grimms Märchenbuch zulegen . . .

Und – nur mal zur Erinnerung, weil man ja schnell geneigt ist, vor allem das Schlechte zu vergessen:

Die Kollegen der „Mopo“ veröffentlichten nach der geglückten und grandiosen Rettung (ich bin noch immer sehr, sehr froh und erleichtert) die Statistik über die durchschnittlich pro Spiel gelaufenen Kilometer aller Bundesliga-Mannschaften. Platz eins: Nürnberg 119, 9 km. Platz zwei: Freiburg 119,8 km. Platz drei: Werder 119.3. Platz letzter (!): Hamburger SV 111,1 km. Zufall? Und wenn es darauf ankam, den Gegner zu jagen, dann wies der HSV mit 53,3 Kilometern den zweitschlechtesten Wert der Liga auf – alle (!) Abstiegskonkurrenten kamen mindestens auf 60 Kilometer. Zufall? Konnten sie nicht, oder wollten sie nicht?

Die Kollegen der „Bild“ hatten dazu auch noch folgende Statistik auf Lager:
In dieser Saison hatte der HSV mit nur 36 Zählern die wenigsten Punkte in seiner 49-jährigen Bundesliga-Geschichte, noch nie stand der HSV so schlecht wie diesmal – Platz 15. Nur Hertha BSC und Kaiserslautern hatten weniger Siege als diese acht, auf die es der HSV 2011/12 brachte – bei einem Torverhältnis von 35:57. Dazu gab es sieben Heimniederlagen und nur drei Heimsiege – bei 17 Spielen! Die Flanken waren schlecht wie nie: Dennis Diekmeier brachte es auf 228 Flanken, aus denen zwei Tore resultierten. Dennis Aogo bereitete sein letztes Flanken-Tor in der Liga im August 2009 vor, Marcell Jansen im Dezember desselben Jahres – 2009. Marcell Jansen hatte zudem die höchste Fehlpassquote aller Bundesliga-Spieler, 32 Prozent seiner Bälle landeten beim Gegner. Mladen Petric wurde mit sieben Treffern (davon drei Elfmeter) der schlechteste Top-Torjäger des HSV in der Bundesliga-Geschichte. Und: Beim 0:4 gegen Stuttgart sprintete Petric in Halbzeit eins ganze 24 Meter.

Diese leicht negative Statistik ließe sich sicher noch ausweiten, aber ich möchte sie in Ausschnitten nur noch einmal jenem HSV-Profi komprimiert vor Augen führen, der sich schlecht (von mir, von Matz ab und dem Hamburger Abendblatt) behandelt fühlt. Wer bei einer solchen niederschmetternden Saison-Bilanz noch erwartet, dass er majestätisch hofiert und gepudert wird, der sollte seine Einstellung zum Beruf überdenken. Mich macht das auf jeden Fall enorm nachdenklich. Aber vielleicht ist da auch eine Entwicklung an mir vorbeigegangen, ich bin ja schon ein alter Sack. Wenn ich früher schlecht gespielt habe, dann war ich geknickt, sauer auf mich und auch fix und foxi. Dann brauchte ich nicht selten mal eine oder zwei Schlaftabletten, um überhaupt ein Auge (in der Nacht nach dem Spiel) zuzubekommen.

Um das auch noch schnell zu sagen: Ich wollte heute kein Interview mit jenem HSV-Profi, ich bin also nicht getroffen von der Absage – ich bin nur betroffen.

Nein, nein, wer mir – als HSV-Profi – jetzt noch verkaufen will, er war gut und nur die anderen waren schlecht, der liegt für mich nur ganz grausam daneben. Und dann denke ich schon gleich mit Schrecken an die nächste Saison. Da geht das „In-die-eigene-Tasche-lügen“, dieser sportliche Selbstbetrug, dann doch munter und genau so weiter. Warum sollte man diese Einstellung auch ändern? Hat ja Erfolg gehabt! Aber wie soll der HSV dann tatsächlich noch einmal auf einen grünen Zweig kommen? Wie? So geht es doch nicht!

Selbstkritik? Ist wahrscheinlich doch nur etwas für den Nebenmann.

Nein, nein, träum schön weiter, lieber HSV-Profi – und wenn Du, was ich ja ganz stark annehme, jetzt nicht mehr mit mir sprechen möchtest, so werde ich auch dieses Drama noch überstehen. Aber vielleicht denkst Du ja auch in einer stillen Minute kurz, nur ganz kurz darüber nach, ob ich tatsächlich so gravierend danebenliege, wie Du jetzt glaubst. Und ob es nur gekränkte Eitelkeit ist, die Dich zu diesem Abschalten veranlasst hat? Ich hätte es gut gefunden, wenn einer (oder mehrere) von den HSV-Spielern nach dieser desolaten Saison gesagt hätte – öffentlich (!): „Das war alles so schlecht, so grausam und erschütternd, wir sollten uns schämen. Und ich verspreche hier und heute, dass ich mich in der Spielzeit 2012/13 so reinhänge für den HSV, wie noch nie. Wie noch nie! Ich habe, das weiß ich sehr wohl, auch etwas gutzumachen, deswegen gebe ich alles für den HSV. Und im Grunde genommen stimmt es schon, ich habe zuletzt viel zu wenig getan – ich will wieder der Alte werden.“

Alles Gute wünsche ich Dir für die nächste Saison, ich werde, so habe ich es stets mit allen Spielern gehalten (die nicht mehr mit mir reden wollten), Dich weiterhin so beurteilen, wie ich es sehe. Und nicht so, wie es mir eingeredet werden soll.
Das hast Du übrigens, um noch mal aus dem Nähkästchen zu plaudern, mit dem großen Manfred Kaltz gemeinsam. Der nahm mich mal nach dem Training in Ochsenzoll beiseite, weil ihm meine Benotung zu schlecht war: „Alter, wenn du mir nicht bald wieder bessere Noten gibt’s, dann muss ich mal mit deinem Chef reden – dann warst du die längste Zeit bei . . .“ Ich habe ihm geantwortet: „Alter, wenn mein Chef das meint, dann soll er – ich gebe Dir aber weiter die Noten, die Du aufgrund deines Spiel in meinen Augen verdient hast.“ Kaltz ging nie zu meinem Chef. Und wir reden auch heute noch freundschaftlich verbunden miteinander.

PS: Ich weiß genau, dass Trainer und Sportchef ob dieser sportlichen „Top-Leistungen“ des HSV 2011/12 auch ähnlich desillusioniert waren, wie ich. Und wie viele andere Fans natürlich auch. Nur hatten sie während dieser verkorksten Saison doch gar keine andere Chance als die, die Spieler (Bild nennt sie in der Statistik die „Versager“) zu „loben“. Hätten sie sie niedergemacht, wäre so manch selbstkritischer HSV-Profi eventuell auf die Barrikaden gegangen, hätte sich schmollend zurückgelehnt und auf Dienst nach Vorschrift geschaltet. Nein, nur so, mit Lob (als Notlüge), konnten sie sie fast alle bei der Stange und bei Laune halten, nur so bestand die Hoffnung auf den Klassenerhalt – denn sonst hätte ja die Zweite von Rodolfo Cardoso Bundesliga spielen müssen. Und ob die es denn ebenso gut gerichtet hätte, wie die „Erste“? Da mag so mancher doch Zweifel haben, berechtigte Zweifel.

Und noch ein PS: Heute gibt es keine Ver- und keine Einkäufe beim HSV. Is ja Finxten, wie mir ein “Matz-abber” schrieb.
Ich wünsche euch ein schönes Rest-Finxten noch.

15.15 Uhr