Tagesarchiv für den 26. Mai 2012

Deutsch-dänische Blamagen

26. Mai 2012

„Herrlich! Mal ehrlich, das hat doch etwas von einer Weltmeisterschaft, oder?“ HSV-Vorstandsmitglied Joachim Hilke war ganz begeistert von der Atmosphäre im Volkspark. International war es, die Farbe Rot war beherrschen, mit ein wenig Gelb abgesetzt: Dänemark gegen Brasilien. So Rot war das Stadion noch nie. Wahrscheinlich. Aber: Endlich wieder einmal großer und richtiger Fußball in Hamburg, es war einfach nur herrlich. Besonders die weiblichen Fans waren eine Augenweide, speziell natürlich die Damen aus Südamerika. Und dazu dann der Fußball – das hatte schon was. Obwohl mein Freund „Dicki“ mir mit auf den Weg in die Arena gab: „Pass bloß auf, dass die Brasilianer nicht zu gut spielen, denn sonst wissen ja die HSV-Fans, wie richtig guter Fußball aussieht.“

Egal, die Werbung für Hamburg war auf jeden Fall schon mal weltmeisterlich. Von den 40 000 Dänen, die über die A 7 angerollt kamen, könnten sich ja eventuell ein Drittel in die wunderschöne Arena an der Elbe verliebt haben – und kommen dann zur Bundesliga wieder. Vielleicht. Und so ganz nebenbei bekommt der HSV für diese Partie ja auch ein wenig Kleingeld in die leere Kasse: 500 000 Euro. Könnte ja eine kleine Anzahlung für – sagen wir mal – einen Rafael van der Vaart sein. Könnte. Zum Beispiel

Der Rasen top, die Fans friedlich und bestens gelaunt (wenn auch der eine oder andere Däne das Spiel vor dem Stadion auf dem Rasen verschlief – „leicht“, nur ganz „leicht“ alkoholisiert), la Ola (die Welle), das Wetter wie zu herrlichsten WM-Zeiten 2006 – Fußballherz, was willst du mehr?

Nun ja, vielleicht hätte eine etwas bessere dänische Mannschaft zu diesem Sonnabend und vor allem zu diesem Spiel auch ganz gut gepasst. Das war ja erschreckend, jedenfalls eine Halbzeit lang. Sommer-Fußball, was der nördliche Nachbar spielte. Ohne Abwehr, ohne Mittelfeld, ohne Sturm. Und noch einmal ohne Abwehr. Und völlig ohne Tempo. So sollte Dänemark mal bei dieser EM gegen Deutschland auftreten. Werden sie wohl nicht, aber dieser Auftritt wird so manchem Dänen doch zu denken geben. 3:0 stand es zur Halbzeit, 3:0. So deutlich einseitig verlief auch diese Partie. Die Brasilianer waren alle perfekt am Ball (außer Torwart Jefferson, der kam mir wie ein Schmetterlings-Fänger vor!), sie hatten Lust, sie waren alle schnell und hatten Ideen – das war traumhaft. Dafür, dass Brasilien erst für die WM 2014 im eigenen Lande eine neue Mannschaft aufbauen will, war das schon sehenswert – und enorm unterhaltsam. Hulk vom FC Porto schoss im ersten Durchgang zwei Tore, hinzu kam ein Eigentor des Dänen Zimling. Ziemlich bitter gelaufen, wobei sich der frühere Bundesliga-Spieler Poulsen beim 2:0 den Ball abluchsen ließ, und beim 3:0 Agger. Und beim 1:0 ließ Torwart Sörensen den Schuss von Hulk durch die Hosenträger ins Netz fliegen. Das sah schon alles sehr amateurhaft aus – hoffentlich lassen sich die Deutschen davon einlullen. Nimmt man dieses Spiel als Grundlage für eine EM-Partie, könnten man als Löw-Schützling leicht überheblich werden . . .

„3:0 zur Pause für die Heimmannschaft, das hatten wir auch lange nicht mehr“, sagte Lotto King Karl, der gemeinsam mit Dirk Dröge durch das Programm dieses Nachmittags führte. Immerhin aber hatten die Dänen etwas auf Lager, was auch dem HSV gut zu Gesicht stehen würde: Als der Dänen-Torwart Sörensen in der Anfangsphase verletzt war, kam ein „Mediziner“ zu ihm ans und hinter das Tor, hörte sich die Sorgen des Keepers an – und sofort signalisierte der Mediziner per Funk (!) zur Bank, wie schwer diese Verletzung ist. Der Torwart musste wenig später ausgewechselt werden. Aber das war schon neu. So etwas habe ich in der Bundesliga noch nie gesehen, aber ist schnell, effektiver und einfach nur profihaft. Denn sofort nach dem Signal machte sich der zweite Keeper warm . . . Wieder was gelernt.

Was zudem festgehalten werden muss: Das Beste an Dänemark waren an diesem Bilderbuch-Nachmittag die Fans. Die machten erst Stimmung, dann waren sie nach dem 0:2 kaum noch zu hören und zu sehen, doch als sie den Schock verdaut hatten, waren sie voll wieder da: „Danmark, Danmark, Danmark!“ Konnte sich sehen und hören lassen. Trotz der Tatsache, dass sie nach dem Halbzeitpfiff des guten Münchner Schiedsrichter Dr. Felix Brych (unser Mann für die Olympischen Spiele in London) ein riesiges Pfeifkonzert veranstalteten. Aber watt mutt, datt mutt.

Und von den Brasilianer habe ich gelernt, dass es am Zuckerhut tatsächlich doch noch bessere Fußballer gibt, als Thiago Neves und Alex Silva gibt. Die hatte sich der HSV ja einst zu eigen gemacht, aber besser wäre es wohl gewesen, die richtig guten Brasilianer nach Hamburg zu holen – und nicht die dritte Wahl.

Apropos: Bei den Dänen spielte Christian Eriksen mit, der Ajax-Spieler wird ja als großes Talent und als kommender Mann im europäischen Fußball gepriesen, aber so richtig viel war davon in Hamburg nicht zu sehen. Vielleicht lag es ja daran, dass die dänische Truppe allgemein zu schwach war.

Dass das Spiel in der zweiten Halbzeit verflachte, das lag wohl daran, dass die Brasilianer nicht mehr wollten, und die Dänen noch immer nicht richtig konnten. Daran konnte auch das Ehrentor nichts ändern, denn das war irregulär. Bendtner stand bei seinem Abstaubertor im Abseits (71.), aber die Brasilianer reklamierten nicht einmal. Die zweite Halbzeit war dennoch eine Klasse schlechter als die erste.

Egal, denn dann gab es Schweiz gegen Deutschland. Bayern-frei. Und obwohl die deutsche Mannschaft schwungvoll startete, so war das doch eine Enttäuschung, diese Vorstellung der Löw-Bubis. Ein leichtes Training unter Wettkampfbedingungen. Ähnlich wie Dänemark. Deutschland verlor 3:5. Wie einst, 1954, als es ein 3:8 in der Schweiz gegen Ungarn gab.

Alles halb so wild, und wahrscheinlich werden beide Trainer, sowohl Morton Olsen als auch Jogi Löw, unisono sagen: „Wenn wir heute schon in EM-Form wären, dann hätten wir ganz sicher etwas falsch gemacht – nein, nein, wir bemühen uns selbstverständlich um eine Punktlandung zur EM.“ Natürlich, klar Trainer, sowieso. Wobei ja wohl allen klar wie Kloßbrühe sein dürfte, dass diese deutsche Mannschaft ohnehin kein zweites Mal in dieser Formation antreten wird.

Dennoch tat es schon weh, wie diese Gegentore fielen. Beim 1:0 der Schweiz schlief die rechte Abwehrseite, Höwedes lief hinterher, in der Mitte standen Hummels und Schmelzer schlecht – der (Ex-)Leverkusener Derdiyok traf nach Belieben (21.). Und in der 23. Minute traf Derdiyok nochmals. Weite Flanke aus der linke Halbposition, Mertesacker steht schlecht, Dortmunds Schmelzer (der „Ersatzmann“ für unseren Dennis Aogo!) kommt zu spät, und Torwart-Debütant Marc-Andre ter Stegen (Mönchengladbach) blieb auf „halber Höhe Vanilla“ etwas verkümmert stehen – Kopfball, Tor, 2:0 für die Eidgenossen. Immerhin: Hummels verkürzte Sekunden vor der Pause per Kopf auf 1:2 – Pause.

Und nach dem Seitenwechsel gleich 3:1. Derdiyok? Oder der Fast-Hamburger Xhaka mit dem Arm? Wie auch immer, die deutsche Abwehr nahm dänische Züge an – nicht vorhanden. Dabei wäre Mertesacker, der Funkturm, eigentlich prädestiniert, per Kopf dahinten aufzuräumen – aber der Arsenal-Profi machte es nicht. Dafür hatte er wieder einen und seinen obligatorischen „Roller“ im Repertoire. Und der geht so: Wenn Mertesacker viel Zeit und viel Platz hat, dann guckt er wie ein Spielmacher und streichelt den Ball mit der Sohle still vor sich hin – bevor er ihn nach vorne spielt. Das hat einst Franz Beckenbauer so gemacht, aber dem hat man das auch immer abgenommen, nur Mertesacker? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Köpfen wäre besser. Und noch besser wäre köpfen, wenn gegnerische Standards in den deutschen Strafraum segeln. Aber gut, Jogi Löw wird es registriert haben.

Wie natürlich auch das Tor zum 2:3. Ein Weitschuss von Schürlle, Benaglio spring (absichtlich? Nein, ein Scherz!)) zur Seite, Tor (63.). Aber ter Stegen wollte das nicht auf sich sitzen lassen, auch er kann Torwartfehler – 2:4 per Kopf von Lichtseiner. Eindeutig ging dieser Treffer auf das Konto des deutschen Torhüters. Und auch Schmelzer sah wieder alles andere als gut dabei aus – aber Aogo ist jetzt im Urlaub.

Um noch einmal auf das Wort Torwartfehler zurückzukommen. Wolfsburgs Benaglio legte dem (Ex-)Mönchengladbacher Reus das 3:4 vor (73.). In der 76. Minute dann endlich mal wieder ein schöner Freistoßtrick. Allerdings der Schweizer. Ist mir rätselhaft, warum das erstens Deutschland nie schafft, und zweitens auch keine (oder kaum eine) deutsche Profi-Vereinsmannschaft. Die haben alle keine Zeit, so etwas ein zu studieren . . . Erst traf der frühere HSV-Spieler Reto Ziegler (der hier nie zum Zuge kam!) den Pfosten, und dann staubte Mehmedi zum 5:3 ab. Es handelte sich bei diesem Treffen in Basel aber nicht um ein Handballspiel. Und die Deutschen kamen ja immerhin direkt aus einem knallharten Trainingslager aus Südfrankreich. Erst die Anforderungen im täglichen Training, dann die Reisestrapazen – da muss man schon Mitleid haben. Aber, wie geschrieben, es geht hier ja um die Löwsche Punktlandung.

So, das war der Fußball-Tag heute, gleich geht es mit „Matz ab live“ weiter, „Scholle“ und ich haben zwei Kollegen zu Gast: Lars Pegelow vom NDR 90.3 und unseren „verlorenen Sohn“, Christian Pletz, der einst von „Matz ab“ (und natürlich dem Hamburger Abendblatt) zu Red Bull Salzburg gewechselt ist. Also bis gleich.

PS: Ich werde zu Beginn eine kleine Frage stellen – ich habe noch ein HSV-Trikot im Schrank, das derjenige erhält, der die richtige Antwort zuerst in den „Matz-ab-Blog“ schreibt.

19.48 Uhr