Tagesarchiv für den 22. Mai 2012

Weniger Worte – mehr Taten, bitte!

22. Mai 2012

Er wird immer wieder erkenntlich. Der Grund, weshalb Sport und Politik strikt getrennt gehören, offenbart sich beim HSV schon in den kleinsten vereinspolitischen Entscheidungen. Dieser HSV hat es geschafft, dass vereinsintern „Fraktionen“ (Supporters, Wirtschaftsweisen, Realos, Initiative Pro HSV etc.) gebildet werden. Ein deutschlandweit in diesem Ausmaße einzigartiges Szenario. Zwar kommt es immer wieder mal vor, dass bei anderen Bundesligisten politische Scharmützel ausgetragen werden. Allerdings legen sich diese nach Paukenschlägen von verdienten Vereinsgrößen wie beispielsweise Uli Hoeneß (gegen die FCB-Ultras) schnell bei. Und wenn diese Persönlichkeiten fehlen oder wie beim HSV (Netzer, Magath) nicht wollen – führen sie wie beim 1. FC Köln irgendwann in den sportlichen Misserfolg.

Nun kann man sagen – und das zurecht – dass der HSV diesen Level spätestens in dieser Saison beschritten hat und mit etwas Geschick aber noch mehr Dusel den Erstligaverbleib sichern konnte. Allerdings, wer jetzt verteufelt, was sich beim HSV aktuell abspielt, der hat jahrelang nicht aufgepasst. Dieses politische Treiben innerhalb des Aufsichtsrates gab es vorher schon. Und auch vereinsintern wurden in den letzten Jahren Fraktionen gebildet. Vornehmlich ging es dabei um die, die Bernd Hoffmann folgten und die Supporters. Letztgenannte hatten immer wieder Probleme mit dem rigorosen Führungsstil Hoffmanns. Zwar schwiegen sie auf den Jahreshauptversammlungen zumeist, weil der sportliche Erfolg da war und der HSV in der Uefa-Rangliste beständig kletterte. Allerdings waren unter den Supporters ebenso wie in dem eingenommenen Aufsichtsrat ausreichend Gegner Hoffmanns, die nur auf den Tag des Misserfolges warteten. Und als dieser Tag kam – traten sie übel zu – und Hoffmann musste gehen.

Besser geworden ist seitdem allerdings nichts. Im Gegenteil: seitdem der HSV sich von dem damals intern unter anderem als machtorientiert geltenden Ex-Vorstandsvorsitzenden getrennt hat, brodelt es mehr denn je, weil plötzlich alle zuvor kleinlauten Fraktionen das Gefühl haben, sich einen Teil der von Hoffmann zurückgelassenen Beute sichern zu können. Alle werden gierig. Und unter dem Deckmantel der treuen Vereinssorge mobilisieren die Fraktionen möglichst viele Anhänger und versuchen, ihre Ideen in Satzungsänderungen auf lange Sicht zu etablieren. Der Kampf um die Macht ist mehr denn je entfacht.

Dass dabei nicht nur egoistische Ziele verfolgt werden will ich an dieser Stelle gar nicht bezweifeln. Aber in der Masse der vereinspolitischen Querelen gehen diese nur zu leicht unter und führen das objektive Mitglied in einen unüberwindbaren Irrgarten der politischen Interessen. Oder wisst Ihr, wer mit wem was erreichen will?

Nein, das wissen nur die wenigsten. Eigentlich wissen das sogar nur die Urheber und Steuermänner der Fraktionen. Und selbst die verlieren oft die Orientierung. So, wie es Bernd Hoffmann nach dem Aus von Dietmar Beiersdorfer erging. Plötzlich hatte er das komplette Feld für sich – und dies wurde ihm zu groß. Der verdiente Vorstandsvorsitzende mit der Qualität, den HSV finanziell zu führen, wurde Opfer seiner eigenen Politik. Plötzlich musste er alle Felder – Wirtschaft, Vereinspolitik in- und extern und fatalerweise auch den sportlichen Bereich führen – und ging daran kaputt.

Dennoch, für alle, die hier noch immer große Anti-Hoffmann-Blogs vermuten: dem ist nicht so. Mir geht es nicht um die Schuld einzelner. Vielmehr steht es für mich außer Frage, dass der HSV mit Hoffmann noch immer gut fahren würde, wenn sich dieser auf sein ursprüngliches Verantwortungsgebiet beschränkt hätte. Zusammen mit Beiersdorfer war es die beste Konstellation des HSV seit den Achtzigern.

Dass dem nicht mehr so ist, hat viele Gründe. Allein gelernt hat daraus offenbar niemand. Zumindest nicht genug. Und das gilt beim HSV heute für alle. Die Vergangenheit sollte als Warnung dienen. Es ist klar, dass es nicht nur einen Weg gibt, der zum Erfolg führen kann. Ich behaupte einfach mal, dass alle Fraktionen grundsätzlich tatsächlich von ihrem Weg überzeugt sind und will niemanden eine funktionierende Idee absprechen. Aber es kann und darf am Ende nur einen gemeinsamen Weg geben, den man gemeinsam gehen muss, wenn man wirklich Erfolg haben will. Dafür wiederum hat der Verein das demokratische Werkzeug der Mitgliederversammlung, deren Votum zu respektieren ist. Daher ist im Nachzug dieser Wahlen häufiger Zurückhaltung angesagt. Der Klügere gibt nach, heißt es schon bei den kleinen Kindern, wenn sie im Sandkasten Recht und Unrecht versuchen zu trennen. Und das sollte auch für die hochtrabend politisch Orientierten beim HSV gelten. Jetzt mehr denn je.

Deshalb – und zwar ausschließlich nur aus dieser Befürchtung – glaube ich, dass die Fernwahl für diesen HSV noch ungeeignet ist, dass sie zu früh kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Demokratie unabdingbar ist. Aber ich bin mir sicher, dass die verschiedenen Fraktionen das Instrument der Fernwahl noch zu leicht missbrauchen könnten. Weil der breiten Masse der 70000 Mitglieder einfach der Überblick fehlt. Fehlen muss, würde ich sagen. Denn gerade die, die nicht in Hamburg ansässig sind, haben zu wenige Informationsquellen, um sich ein objektives Bild der Lage beim HSV machen zu können. Und selbst die hiesigen Mitglieder können bei der inzwischen vorhandenen Vielzahl von Fraktionen, Vorwürfen und Gerüchten nur noch mit größter Mühe einen Überblick bewahren. Wenn Ihr wüsstet, wie oft man als HSV-Journalist vor einer Mitgliederversammlungen angeschrieben und angerufen wird, um von der jeweiligen Idee überzeugt zu werden…. Ich hoffe vielmehr, dass andere Vereine den Schritt zur Fernwahl noch vor dem HSV gehen, und der HSV aus deren Erfahrungen lernen kann. So ist das Risiko des Missbrauchs der Fernwahl minimiert – ohne sie aus den Augen zu verlieren.

Deshalb bleibt momentan nur die leise Hoffnung, dass dieses vereinspolitische und vereinsschädigende Wirrwarr möglichst schnell vom sportlichen Erfolg eingeholt wird, ehe es noch tiefere Wunden hinterlassen kann. Wie schon in für die Mannschaft, gilt diesmal für die Mitglieder und noch mehr für die Amtsinhaber des HSV: Taten statt Worte.

Getan wird derzeit was für die HSV-Anlage Ochsenzoll. Während die dort ansässigen HSV-Bundesligafrauen aus Kostengründen abgemeldet wurden (das sorgte heute für ne Menge Gesprächsstoff), wird in Steine investiert. Zuletzt wurden zwei Millionen Euro für das heute eingeweihte neue Vereinshaus gesteckt. Bei der Eröffnung traf ich den Vorstand (außer Arnesen) sowie den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Otto. Mit dem ECE-Chef, der im Kontrollgremium als Moderator zwischen den Parteien gilt, sprachen wir über die neue Konstellation im Aufsichtsrat.

Herr Otto, dürfen wir Ihnen zu Ihrer neuen Rolle gratulieren?
Alexander Otto: Müssen Sie nicht. Aber Danke. Wobei ich diese Rolle ja nicht das erste Mal interimsweise übernehme und das Glück habe, dass jetzt die etwas ruhigere Phase der Sommerpause bevorsteht.
Im Januar 2011 wollten Ihre Ratskollegen, dass Sie den Vorsitz übernehmen, damals sagten Sie aus familiären Gründen ab. Würden Sie diese Rolle diesmal auch über längere Zeit übernehmen?
Otto: Meine Situation hat sich wenig verändert. Beruflich bin ich sehr eingespannt und ehrenamtlich ist es eher mehr geworden. Ich habe einen Job, der mir nicht sehr viel Zeit lässt – und dennoch steht meine Familie bei mir weiter an allererster Stelle. Der Vorsitzende ist ein Job, der sehr viel zeit braucht, die ich nicht habe. Ich würde den Anforderungen dieses Amtes nicht gerecht werden können. Deshalb möchte ich gerade an diesem Punkt noch mal erwähnen, was für tolle Arbeit Otto Rieckhoff hier geleistet hat in den letzten eineinhalb Jahren. Er war fast rund um die Uhr als Vorsitzender unterwegs.
Wer wäre in Ihren Augen denn ein geeigneter Kandidat für den Vorsitz?
Otto: Ich bin optimistisch, dass sich da jemand finden lässt. Das ist eigentlich immer so. Aber wir haben jetzt erst einmal eine ganze Menge zu besprechen nach der Mitgliederversammlung. Wir waren auf dem Weg einer sehr, sehr guten Zusammenarbeit. Die Nachfolge wollen wir Anfang Juni nach ausreichend Gesprächen benennen. Ich glaube, dass das in einer harmonischen Form durchführen. Mein Ziel ist es, dass wir wieder da anknüpfen, wo wir vor der Mitgliederversammlung aufgehört haben. Ich glaube auch, dass wir zunehmend zusammengerückt sind.
Das verwundert. Gerade am Sonntag wirkte das anders…

Otto (lacht): Stimmt. Vielleicht war das den warmen Temperaturen und der sehr, sehr langen Sitzung noch geschuldet. Es gab glaube ich auch ein paar Missverständnisse, die auch teilweise aufgeklärt wurden zwischenzeitlich. Aber ich denke schon, dass wir wieder eine gute Basis finden werden. Ich glaube auch, dass wir es dem HSV auch geschuldet sind, weil jetzt stehen ganz andere Themen im Vordergrund. Die sportliche Situation, die wirtschaftliche Situation des HSV. Gerade in der Vergangenheit gab es ganz unterschiedliche Meinungen zu Satzungsänderungen – deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, dem HSV einen gesunden wirtschaftlichen Rahmen zu verpassen und sportlich unsere Ergebnisse zu verbessern.
Waren Sie überrascht von Herrn Rieckhoffs Schritt?

Otto: Ich glaube, er hat einfach nur ein paar Möglichkeiten aufgezeigt. Er hat ja auch klargestellt, dass er nur Varianten aufzeigen wollte. Er hat die Möglichkeit aufgezeigt, die es gibt, wenn dieser Satzungsänderungswunsch durchgeht. Wobei es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, dass man bei einem verkleinerten Aufsichtsrat nur einen neuen Aufsichtsrat nachwählt. (Anmerkung: Im Januar stehen Horst Beckers, Ian Karans, Alexander Ottos und Jörg Debatins Posten zur Neuwahl an, während die beiden Delegierten Ronny Wulff und Ernst-Otto Rieckhoff neu bestimmt werden. Demnach hätte Ottos Vorschlag bedeutet, dass zu den vier weiter im Amt befindlichen Kontrolleuren zwei Delegierte und nur ein neu Gewählter hinzukommt. Ergo: sieben statt zwölf Aufsichtsräte) Ich fand es überraschend, dass das Thema so groß behandelt und diskutiert wurde. Aber das zeigt, dass es nicht gut war, dass in einem so großen Kreis zu besprechen.

Recht hat er. Rieckhoff hätte es in einer der 23 (!!) AR-Sitzungen der letzten Saison ankündigen und intern behandeln können. Das hätte viel Diskussionsstoff vorweggenommen und auf der Mitgliederversammlung nicht für unnötige Verwirrung und zeitliche Verzögerungen gesorgt.

In diesem Sinne, sportlich gab es auch etwas: Während Reagy Ofosu aus der U23 nach Ingolstadt wechselt, hat Sven Neuhaus seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Und das soll es mit Ersatzkeepern des HSV für heute noch lange nicht gewesen sein, denn Raphael Wolf kehrt vom österreichischen Bundesligisten SV Kapfenberg in die Bundesliga, zu Werder Bremen zurück. Der ehemalige U23-Keeper des HSV unterschrieb einen Vertrag bis 2015. Auch Wolfgang Hesl ist wieder Erstligist. Der 26-Jährige wechselt ablösefrei von Dynamo Dresden zum Bundesligaaufsteiger Greuther Fürth.

Willkommen zurück!

In diesem Sinne, auf dass wir die nächsten Wochen wieder mehr über Fußball sprechen, diskutieren und schreiben können. Zum Beispiel darüber, warum ein Kevin Großkreutz nicht mal im vorläufigen EM-Kader steht… Aber vor allem über den HSV und die hoffentlich bald gefundenen Verstärkungen für die neue Saison. Oder wie sagte Uns Uwe Seeler heute in die Kamera, just in dem Moment, in dem HSV-Vorstandsboss Carl Jarchow ihn begrüßte: „Klar ist, dass wir zur neuen Saison noch ne ganze Menge machen müssen. Wir brauchen da noch einige Verstärkungen…“ Recht hat er. Hoffen wir darauf, dass das alle wissen und auf dem Weg dahin bedingungslos zusammenarbeiten.

Scholle