Tagesarchiv für den 21. Mai 2012

Rieckhoffs Rücktritt und Krohns Abgang

21. Mai 2012

Es musste ja so kommen. Ernst-Otto Rieckhoff ist von seinem Posten als Aufsichtsrats-Vorsitzender des HSV zurückgetreten. Erwartungsgemäß. Allerdings hat er nur den Posten abgegeben, seinen Stuhl im Rat wird er weiterhin haben – bis zum Januar 2013. Bei der Jahres-Hauptversammlung des HSV wird sich Rieckhoff dann nicht mehr zur Wiederwahl stellen. Die Vorkommnisse bei der Mitglieder-Versammlung am Sonntag ließen ihm wohl auch keine anderen Ausweg, als genau diesen. Ich hatte sogar mit einem sofortigen Rückzug aus dem Aufsichtsrat gerechnet, aber das hätte wahrscheinlich auch wie ein Fluch ausgesehen, sodass die nun getroffene Entscheidung wohl die richtig ist.

Rieckhoff wollte mit der am Sonntag ausgesprochenen Rückzugs-Forderung (des gesamten Aufsichtsrates) wachrütteln und ein Zeichen setzen, es ist ihm wohl nur zur Hälfte gelungen. Zwar hielt er eine umjubelte Rede, die mehrfach von Bravo-Rufen und Beifallssalven unterbrochen wurde, aber weil dieser HSV gegenwärtig in sich zu sehr zerstritten ist, konnte es nicht nur bei diesem Applaus bleiben. Es gibt im Moment mindestens drei Lager innerhalb des HSV: Die Supporters-Gefolgschaft um Ralf Bednarek und Manfred Ertel, die „Realos“ (die seit Wochen mächtig Dampf machen!) – und die ganz „normalen“ Mitglieder, die nur zusehen wollen, wie dieser Machtkampf eines Tages enden wird.

Bitter, dass es so weit in diesem Traditions-Klub kommen konnte, aber diese Entwicklung wird nicht mehr zu unterbinden sein. Was sicherlich auch zum Großteil dem alten Aufsichtsrat zu verdanken ist, der sich in der Ära vor Carl-Edgar Jarchow zu sehr vom Vorstand „einlullen“ ließ, der dem bunten Treiben im Klub nur zugesehen hat, durchgewinkt und abgenickt hat. Ein Kontrollorgan jedenfalls waren diese Herren zu keiner Zeit, ihnen wurde nach allen Regeln der Kunst auf den Köpfen herumgetanzt – und nun erntet der HSV die Früchte dieser wenig ruhmreichen Vergangenheit.

Am Sonntag hieß es oft: „Nicht die Großen schnappen die Kleinen, sondern die Schnellen schnappen die Langsamen.“ Für den HSV müsste aber ein Zusatz her: „Die schnellen Cleveren schnappen die langsamen und dummen Träumer.“ Wer immer noch von einem HSV von 1960 träumt, der sollte demnächst einmal „umsatteln“ und der Realität in die Augen blicken. Nichts ist mehr, so wie es mal war, und dass bald alles total anders sein wird, daran wird schon kräftig gearbeitet. Von allen Seiten, denn jeder fühlt sich dazu berufen, diesen HSV zu „übernehmen“. Weil alles das, was vorher gelaufen ist, viel zu schlecht und amateurhaft gewesen ist. Wobei das im Kern ja nicht einmal von der hand zu weisen ist. Blickt man aus Hamburg aber immer mal wieder nach München (wo sie jetzt dreimal Zweiter geworden sind), dann wird dieser Vorzeige-Klub immer noch ein wenig anders regiert und geführt, als es die Hamburger Herren nun mit dem HSV vorhaben.

Wer wird Rieckhoff nun als AR-Boss ersetzen? Ich tippe mal auf das Duo der bisherigen Stellvertreter, also Manfred Ertel/Alexander Otto. Oder die „Altmeister“ Ronny Wulff oder Jürgen Hunke? Letzterer hat allerdings am Sonntag erklärt, dass er keinen Posten mehr haben will, auch keinen Posten mehr übernehmen will. Und immer wieder muss ich daran denken, was Hunke auch noch gesagt hat: „Es geht hier nur noch um Macht.“ In dem Fall war der Satzungs-Änderungsantrag, die Reduzierung des zwölfköpfigen Aufsichtsrates gemeint. Aber es könnte alles damit gemeint und verbunden sein, denn keine „Seite“ dieses Machtkampfes im HSV ist besser als die andere. Keine. Sie alle wollen nur an die Macht und ihren Verein führen, lenken und befehligen.

Mir tat der HSV an diesem Sonntag besonders Leid, und auch der Abgang von Dr. Peter Krohn war absolut daneben und besorgniserregend. Eine solche Figur, die sich jahrelang so um die Raute bemüht hat, hat einen Sonntag wie diesen einfach nicht verdient. Es war das erste Mal in der Krohn-Geschichte, dass der „General“ von der Bühne gebuht wurde. Er sagt dazu: „Mit tat es Leid, dass ich nicht zu Ende reden konnte, ich habe das zutiefst bedauert. Und es tat auch weh, denn in meinem Alter, mit meiner Gesundheit – ich komme immer noch zu diesen Versammlungen, andere schon lange nicht mehr . . .“ Dann sagte Krohn auch: „Ich musste in dieser Situation einfach ein Zeichen setzen, deswegen bin ich gegangen.“

Für immer? Hat er nun mit dem HSV, seinem HSV abgeschlossen? Peter Krohn: „Nein, nein, um Himmels Willen, nein, ich werde weiter ein engagierter HSVer bleiben. Ich kann zwar keine Tore schießen oder verhindern, aber ich kann auf das Wesentliche n diesem Klub achten – und das werde ich auch.“ Der ehemalige Präsident hatte natürlich zahlreiche Anrufer an diesem Tag, die ihm alle Trost zusprachen, aber ich hatte das Gefühl, dass Krohn so etwas gar nicht will und braucht. Am Tag danach zeigte er sich kämpferisch wie eh und je. Er sagt: „Ich wollte mit meiner Rede darauf hinweisen, dass es in dieser Phase, in der sich der HSV jetzt befindet, Wichtigeres als Satzungsänderungen gibt. Natürlich sind Satzungsänderungen wichtig, ganz klarer Fall, aber der HSV landete auf Platz 15. Das ist doch mehr als eine Warnung für uns. Da muss man doch mindestens mal eine Stunde drüber reden – und dann erst zu den Satzungsänderungen kommen Zumal, diese ja ohnehin erneut nicht alle zur Sprache gekommen sind. Ich wollte mit meiner Rede die Botschaft geben, dass es so nicht weitergehen kann.“

Und Peter Krohn wollte wissen, wie es nun weitergehen wird, mit dem HSV. Er hat, das ist ihm deutlich anzumerken, große Angst um die Raute. Er sagt nämlich auch. „Mir ist es zu wenig, wenn wir Jubelarien anstimmen, weil wir nicht abgestiegen sind. Ich bitte Sie, wo sind wir denn?“ Dann fügt er leise an: „Man kann jetzt nur noch beten. Und darauf hoffen, dass die neue Saison etwas besser wird, dass die Verantwortlichen mal wieder ein glückliches Händchen haben werden . . .“

Dem kann man sich nur anschließen. Obwohl – mir fehlt ein wenig der Glaube. Wenn ich bei meinen Kollegen von der „Bild“ lese, dass Sportchef Frank Arnesen den Vertrag von Marcell Jansen um drei Jahre verlängern will, weil er (der Ex-Nationalspieler) sich „top entwickelt“ hätte, dann frage ich mich, was wir daraus lernen sollen? Wer hat sich top entwickelt? Ich sage mal so: Wenn Marcell Jansen sich in dieser abgelaufenen Saison top entwickelt hat, dann bin ich nun auf dem besten Wege zum Nobel-Preis. Und ich werde der Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck. Ganz sicher. Denn auch ich habe mich „top entwickelt“. Übrigens: Ich bin nicht mehr gefragt bei dieser nun beginnenden Europameisterschaft, Marcell Jansen auch nicht mehr. Noch Fragen?

So, jetzt noch schnell kleine andere Dinge:

Trainer Thorsten Fink wollt ja seinen Ex-Schützling Xhaka vom FC Basel, hat ihn aber nicht bekommen. Warum nicht? Wenn ihr folgende Meldung gelesen habt, werdet ihr euch ein Bild davon machen können:

„Granit Xhaka kommt mit den besten Empfehlungen. Das mit geschätzten 8,5 Millionen Euro
teuerste Juwel in der Geschichte des fünfmaligen deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach ist für den Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld ein echter Hochkaräter. „Ich sehe große Ähnlichkeiten mit Bastian Schweinsteiger, den ich bei den Bayern mit 18 Jahren zu den Profis geholt habe“, sagte der Meistertrainer der Bild.
Seine Ziele mit Mönchengladbach hat Xhaka bereits klar formuliert: „Ich bin nicht hier, um gegen den Abstieg zu spielen. Ich will in die Champions League, dafür werde ich in den beiden Quali-Spielen im August richtig Gas geben. Danach will ich eine gute Saison spielen. Das ist für mich ein Platz unter den ersten fünf.“

Dann gab es heute noch das:

Das unter skandalösen Umständen zu Ende gegangene Bundesliga-Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt. Das teilte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes am Montag in Frankfurt mit. Der Einspruch wurde als unbegründet abgewiesen, sagte der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz. Die Berliner haben nun eine weitere Möglichkeit, vor dem DFB-Bundesgericht Einspruch einzulegen.

Das DFB-Sportgericht hatte sich am Freitag nach mehr als sechsstündiger Beweisaufnahme vertagt. Hertha hatte nach der 2:2 ausgegangenen Partie in Düsseldorf Protest eingelegt.
Weil Fortuna-Anhänger schon vor dem Abpfiff den Rasen stürmten, hatte Schiedsrichter Wolfgang Stark das Spiel für 21 Minuten unterbrochen. Als die Fans den Rasen wieder verlassen hatten, pfiff der Referee die Partie noch einmal für 93 Sekunden an. Einen Tag später legte die Hertha Einspruch ein. „Ein regulärer Spielbetrieb war für uns nicht mehr möglich“, begründete Manager Michael Preetz.

Gegen die Berliner Profis Lewan Kobiaschwili, Christian Lell, Thomas Kraft und Andre Mijatovic hat der DFB-Kontrollausschuss Ermittlungen eingeleitet. Diese Fälle werden zu einem späteren Zeitpunkt behandelt. (dpa)

Und auch das nur zur Beachtung (und weil man ersehen kann, wie gut Platz 15 doch eigentlich ist:

Eintracht Frankfurt ist der einjährige unfreiwillige Ausflug ins Fußball-Unterhaus teuer zu stehen gekommen. „Die Zweite Bundesliga hat uns elf Millionen gekostet“, sagte Finanzvorstand Thomas Pröckl bei einer Bilanzpressekonferenz des Bundesliga-Aufsteigers am Montag. Das Eigenkapital sei von 15,95 Millionen Euro zum Abschluss der Saison 2010/2011 auf 4,99 Millionen Euro gesunken.

Und zum guten Schluss auch noch dies:

Am 22. Mai 2012 eröffnet der Hamburger Sport-Verein sein neues Vereinshaus auf der Sportanlage in Norderstedt. Um 15 Uhr wird in der neuen Gastronomie mit dem Namen „Anno 1887″ offiziell das erste Bier gezapft. Hierzu haben sich der HSV-Vorstand, Uwe Seeler und Aufsichtsratmitglied Alexander Otto angekündigt. Zur Eröffnung erwartet der neue Chef Sens mehrere hundert Gäste, darunter auch einige bekannte Gesichter des HSV. Bei Live-Musik wird das Anno 1887 zur Feier des Tages bis spät in den Abend geöffnet haben, so dass auch nach Feierabend jeder herzlich willkommen ist.

18.39 Uhr

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