Tagesarchiv für den 19. Mai 2012

Wegen Adler – Stein lobt den HSV!

19. Mai 2012

20 Punkte auf einmal. Nach dieser mageren Saison. Ein Traum! Doch dieser Traum erfüllt sich nur an diesem Sonntag, wenn der HSV zur Fortsetzung bitte. Zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung, die am 15. Januar aus Zeitgründen abgebrochen werden musste, und die nun am Sonntag um 11 Uhr in der Imtech-Arena weitergeführt wird. Mit 20 Punkten auf der Tagesordnung. Die Pforten des Stadions werden bereits eine Stunde vor dem „Anpfiff“ von Aufsichtsrats-Chef Ernst-Otto Rieckhoff geöffnet. Es sind viele Anträge auf Änderung der Satzung eingegangen, die dürften wahrscheinlich auch lebhaft diskutiert werden. Brisanz ist gegeben, denn es geht auch um die Köpfe im Aufsichtsrat. Endlich wird das heiße Thema, das vielen HSV-Mitgliedern (und sicher auch vielen Fans) schon seit Jahren ein Dorn im Auge ist, einmal angepackt – nämlich die Zahl zwölf. Was mich optimistisch stimmt ist die Tatsache, dass einige Räte ja selbst dafür sind, die Zahl zu reduzieren. So wie es heute noch aussieht, gibt es diesmal etwas auf die „Zwölf“. Und das ist auch gut so.

Ich bin gespannt, wie viele Mitglieder an diesem Sonnen-Tag tatsächlich erscheinen, und wie hoch die Wellen schlagen werden. Zudem könnte es ja auch noch die einen oder anderen Abstecher zur schwächsten HSV-Saison aller Zeiten geben – und in diesem Fall auch um die Frage, wer diese verkorkste 49. Bundesliga-Spielzeit hauptsächlich zu verantworten hat. Wie gesagt, es könnte viel Feuer in dieser Veranstaltung sein.

Ich sprach über den HSV 2011/12 und über den HSV der Zukunft mit einem der Helden von 1983. Uli Stein hat 228 Erstliga-Spiele für den HSV bestritten, und er hat, obwohl er seit Jahren im Westen wohnt, immer noch die Raute im Herzen. Er beschäftigt sich oft mit „seinem HSV“, und er spricht viel und oft mit ehemaligen Kollegen, die immer noch in Hamburg beheimatet sind. Ich hatte ja kürzlich hier schon meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die Verpflichtung von Ex-Nationaltorwart Rene Adler ein Hoffnung auf bessere Zeiten für den HSV sein könnte. Wie sieht das ein so erfahrener Keeper wie Uli Stein, der ja in der Vergangenheit oftmals den Geschehnissen innerhalb des Klubs sehr skeptisch und auch sehr kritisch gegenüber stand?

„Auch ich habe diese Hoffnung. Wenn Rene Adler tatsächlich fit ist, und davon gehe ich mal schwer aus, denn der HSV wird Adler ja ordentlich durchgecheckt haben, dann gehört er zur Creme de la Creme des deutschen Fußballs, und dann kann man davon ausgehen, dass er dem HSV auch richtig gut helfen wird. Adler steht von der Leistung her auf einer Stufe mit Manuel Neuer, und diese Verpflichtung wird dem HSV bestimmt sehr gut tun.“ Stein sagt aber auch: „Ich hoffe sehr für ihn und den Verein, dass Adler nun mal von Verletzungen verschont bleibt, dass er dem HSV dann auch wirklich eine ganze Saison ohne Unterbrechungen zur Verfügung stehen kann.“

Dass Rene Adler verpflichtet wurde, das begrüßt Uli Stein ausdrücklich: „Ich hätte ihn trotz der Tatsache, dass auch Jaroslav Drobny noch da ist, auf jeden Fall auch geholt. Und ich habe ja von meinen Bekannten in Hamburg auch gehört, dass der HSV noch einen guten Nachwuchstorwart hat, Florian Stritzel, Jugend-Nationalkeeper, von dem halten in Hamburg ja auch einige sehr, sehr viel. Eventuell gibt der Verein ja auch la einem ganz jungen Mann die Chance, Gladbach, Leverkusen und Hannover haben das ja in der Liga schon vorgemacht. Und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Drobny den HSV doch noch verlassen wird. Das muss er ganz allein wissen, ob er sich ein weiteres Jahr auf der Bank antun will.“

Um noch einmal auf Adler zu kommen. Uli Stein sagt weiter: „Dafür, dass er ein so guter Torwart war und hoffentlich auch wieder wird, kostet er ja relativ wenig Geld. Dafür musste man ihn holen. Und hinten fängt man an mit dem Erfolg, steht die Null, dann kann man darauf aufbauen. Nein, in diesem Fall muss ich sagen, dass der HSV sportlich die richtige Entscheidung getroffen hat, diesmal gibt es nichts zu kritisieren.“ Wobei Uli Stein durchaus Kritik anzubringen hat: „Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, warum der HSV Drobny nicht zum FC Bayern ziehen ließ, als es das Angebot aus München gab. Da wollte der HSV offenbar zu viel Geld und hat zu hoch gepokert, und das war wirtschaftlich nicht der klügste Schachzug. Wenn man die Chance hat und es dann nicht macht, dann ist das für mich nicht nachvollziehbar. So gut wie sie das mit Adler gemacht haben – mit Drobny haben sie da gleich einen neuen Flop hinterher gelegt. Das macht keinen Sinn für mich.“

Und macht es denn Sinn für ihn, dass nun noch vor der Mitgliederversammlung der Vertrag von den Vorstands-Herren Carl-Edgar Jarchow und Joachim Hilke um zwei Jahre verlängert wurden? Uli Stein: „Das kann man so oder auch so sehen. Natürlich hat der HSV seine schlechteste Saison aller Zeiten gespielt, aber vielleicht sollte man den Leuten, die ja erst knapp über ein Jahr im Amt sind, noch eine zweite Chance geben. Viel schlechter als zuletzt kann man es ja nicht mehr machen, aber dieser Vorstand musste ja ein schweres Erbe antreten. Es war wie beim Trainer, alle mussten sie das übernehmen, was ihnen überlassen wurde. Jetzt, mit der neuen Saison, da hat Thorsten Fink endlich die Chance, seine Ideen umzusetzen, seine Mannschaft aufzubauen. Und so sollte es auch für den Vorstand sein, und deswegen halte ich es auch für in Ordnung, dass diese Verträge verlängert wurden.“

Uli Stein, heute 57 Jahre alt, wollte kürzlich ja auch die Funktionärsebene betreten, und zwar die bei seinem Stamm-Klub Arminia Bielefeld. Das hat sich allerdings zerschlagen. „Ich habe alles das, was die Arminia betrifft, erst einmal auf Eis gelegt. Generell aber habe ich schon Interesse, so etwas mal zu machen, es muss ja nicht Bielefeld sein“, sagt Stein. Also wäre der HSV ein Thema? Stein: „Warum nicht?“

Viele seiner früheren Teamkollegen sollten schon beim HSV einsteigen, oftmals wurde die Rolle als Aufsichtsrats-Mitglied gehandelt – doch die meisten winkten ab. Stein: „Das war auch richtig so, das hätte ich auch gemacht. Als Aufsichtsrat kannst du doch nichts bewegen, da hast du keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Deshalb kann ich mir nur vorstellen, entweder als Sportchef zu arbeiten, oder als Vorstandsmitglied. Aber der Sportchef-Posten ist beim HSV ja besetzt, und die Vorstands-Posten sind auch fest vergeben . . . Aber in den Aufsichtsrat – niemals, das ist unvorstellbar für mich.“ Er sagt auch noch: „Das hat man ja auch in der Hoffmann-Ära gesehen, da waren ja viele Aufsichtsrats-Mitglieder einseitig – und zwar für die Belange des Vorstandes – beeinflussbar. Und genau so etwas ist nichts für mich.“

Und was traut der frühere Nationaltorwart dem HSV in Zukunft sportlich zu? Stein: „Du musst eines machen, aber das wird der Thorsten Fink viel besser wissen, und ich halte viel von Fink, der hat für mich beim HSV super Arbeit geleistet, und das mit einem ganz kleinen Etat, du musst jetzt eine Mannschaft zusammenstellen, die auch als Einheit aufritt. In der nun abgelaufenen Saison waren da elf Einzelspieler, oder auch 18 oder 19 – aber es war kein Team. Du hast weder auf dem Rasen noch außerhalb etwas von einem Teamgeist gespürt oder erlebt, da hat jeder nur sein eigenes Ding gemacht – und da muss jetzt reagiert werden. Da muss wieder eine Mannschaft auf den Platz, die zusammenhält, und die für die Raute und auch für die Fans marschiert und läuft. Das war das ganz große Manko des HSV in den letzten Jahren, speziell in der letzten Saison.“

Uli Stein sagt aber auch: „Vielleicht sollte man in diesem Jahr nicht nur in der Nachwuchs-
Abteilung des FC Chelsea nach neuen HSV-Spielern suchen, Talente gibt es auch in anderen Vereinen – selbst in deutschen Klubs. Das ist auch ein Manko gewesen, das lief mir zu einseitig ab. Es gibt so viele Klubs, die sehr gute Nachwuchsarbeit verrichten, dann sollte man eben auch dort mal gucken. Der HSV hat doch ein Scouting-System – was macht denn die? Dann muss man da auch mal ansetzen, wenn da nichts kommt, dann muss man eben auch dort mal neue Gesichter präsentieren.“

Stein weiter: „Bei anderen Klubs hat man es doch gesehen, dass man junge Leute nach oben bringt, und dass man die dann auch für viele, viele Millionen verkaufen kann. Das wäre doch auch eine Chance für den HSV. Zum Beispiel der Gladbacher Reus, der ein Götze, ein Schürrle. Solche Jungs muss man mal rausbringen, dann kann man auch mal richtig Geld schnappen – aber beim HSV sieht es da ja im Moment düster aus. Auch finanziell. Da gibt es ja wohl nichts mehr. Aber das ist auch irgendwie klar, denn man muss sich mal überlegen, wie viel Geld da in der Vergangenheit verpulvert wurde. Für nichts. Das war schon abenteuerlich. Wer hat da auch nur irgendetwas kontrolliert? Da wurden Millionen zum Fenster hinausgeschüttet, aber für was? Für null Erfolg. Das passt doch nicht zum HSV.“

Genau.

Aber bevor Uli Stein beim HSV in irgendeiner Form mitwirken wird, da erledigt er selbstverständlich noch seinen Job als Torwart-Trainer von Aserbaidschan – unter der Regie von Chef-Coach Berti Vogts. Beide Herren haben noch einen Vertrag bis Mitte 2013 – und fliegen am Sonntag erst einmal nach Tokio, zum Länderspiel gegen Japan. „Dieser Job macht mir Spaß, man kommt viel in der Welt herum“, sagt Uli Stein. Und genau das hat der HSV im Moment ja auch nicht zu bieten . . .

Ganz kurz möchte ich noch auf Düsseldorf gegen Hertha eingehen. Am Montag erst die Entscheidung, wie es nun weitergehen soll – ein Wiederholungsspiel? Ich glaube eigentlich nicht mehr daran, nach all den Dingen, die Schiedsrichter Wolfgang Stark so von den Berliner Spielern geschildert hat. Aber gespannt bin ich, wie die Strafen für die Fußballer ausfallen werden. Wenn ich so an Paolo Guerrero denke, da wurde das Strafmaß ja schon sehr, sehr weit nach oben gesetzt, demnach müsste sich der gute Kobiaschwili eigentlich einen Verein im Ausland suchen, in Deutschland wird er in den nächsten Jahren wohl kaum zum Zuge kommen können . . .

So, nun wünsche ich euch viel, viel Spaß beim Grillen und beim Champions-League-Finale. Meinen Tipp bin ich ja schon im Film mit „Scholle“ losgeworden – stellt euch auf einen langen Abend ein.

Trotz allem drücke ich dem deutschen Fußball die Daumen, es wird mal wieder Zeit . . .

18.51 Uhr