Tagesarchiv für den 12. Mai 2012

Herr Kühne, van der Vaart und all die anderen Goldfische

12. Mai 2012

Am Sonntag um 15 Uhr in Büdelsdorf gegen den VfB Stuttgart, am Dienstag dann noch ein letzter Kick vor der Sommerpause, und zwar in Lüneburg. Und das war es dann auch mit der Saison 2011/12. Endlich, möchte ich meinen. Die 90 Minuten gegen Dorchtersen /Assel waren schon wieder schlimm genug. 2:1 gewonnen. Etwas besser war da schon die Mannschaft von Rodolfo Cardoso, die in dieser Saison gegen Drochtersen/Assel mit 5:2 gewann. Aber, ich weiß, ich weiß, was sollen Quervergleiche, sie bringen ja doch nichts – es ist so, wie es ist. Und für die Profis muss es ja auch irgendwie eine Qual sein, nach einer solchen Saison noch über die Dörfer tingeln zu müssen. Solche Spielchen haben nicht den kleinsten Reiz für einen Bundesliga-Spieler, denn die für Amateure ist es das Spiel des Jahres, sie kämpfen, sie beißen, sie treten, sie geben keinen Millimeter freiwillig ab. Da muss ein Profi schon eine absolut astreine Einstellung haben, um dagegen zu halten, um die wahre Überlegenheit auch auf dem Rasen zu zeigen. Aber nach einer solchen Minus-Serie? Da ist jeder nur froh, wenn er die Buffer bis Anfang Juli einmotten und im Urlaub erst einmal vom Fußball abschalten kann. Das ist schon nachvollziehbar. Aber zweimal müssen die Helden des HSV eben doch noch mal ran, denn es muss ein wenig Kleingeld in die leere Kasse. Und die Cracks werden ja auch weiterhin fürstlich entlohnt, es ist ja nicht so . . .

Derweil „ackern“ die Verantwortlichen weiter am neuen HSV. Zwei „Goldfische“ sind schon da, weitere sollen noch an Arnesens Angelhaken. Und wenn ich hier kürzlich meinem Bauchgefühl habe freien Lauf gelassen, als ich mal mutmaßte, dass über den Herrn Kühne eventuell eine Rückkehr von Rafael van der Vaart möglich sein könnte, so gibt es jetzt schon die eine oder andere Stimme, die dieses (mein) Bauchgefühl unterstützen. Einige „Experten“, die in Sachen Transfers auch sonst das „Gras wachsen hören“, wollen etwas von einer Dreiecks-Verbindung zwischen Kühne, dem HSV und dem blonden “kleinen Engel“ wissen. Was mich allerdings noch stutzig macht: Mein Kollege Babak Milani von der „Bild“ ist ja mit Rafael van der Vaart, der in Tottenham nicht gerade königlich behandelt worden ist (spielte nicht immer von Beginn an), ganz eng befreundet, deswegen müssten eigentlich die „vier großen Buchstaben“ zuerst von einer solchen (großartigen – wie ich finde!) Verbindung wissen. Aber gut, vielleicht sollen ja auch noch nicht die Pferde scheu gemacht werden, weil es ja noch genügend Zeit gibt, um einen solchen Transfer einzutüten. Und in England läuft ja auch die Saison noch . . .
Aber, um das noch mal ganz „offiziell“ zu schreiben: mit Rafael van der Vaart beim HSV (zurück) könnte ich sehr gut leben . . .
Ja, das wird noch eine spannende Zeit. Und vielleicht auch nicht so aufregend, wie die nun abgelaufene Saison. Absteigen kann der HSV ja nun nicht mehr . . . Nur noch viel dafür tun, dass wieder einmal bessere Zeiten auf die Raute zukommen. Ihr habt euch in den letzten Tagen (nach dem Augsburg-Spiel) ja genügend Gedanken gemacht, wie es weitergehen kann, weitergehen muss, weitergehen soll. Ich habe mal zwei Beiträge aus euren Reihen herausgepickt. Wünsche und Sorgen zweier HSV-Fans.

Von „RauteImHerzen” kam u. a. dieses:

„Ich habe jetzt die Schnauze voll, werde keine Dauerkarte bestellen, denn ich lasse mich nicht weiter verarschen von diesen Nullos. Dann verzichte ich auf HSV-Spiele im Stadion und schaue mir die Spiele am Fernseher an, notfalls schalte ich dahin um, wo Fußball gespielt und gekämpft wird.

Frank Arnesen muss jetzt das Kunststück vollbringen, die Mannschaft so zu ergänzen, dass sie in der nächsten Saison konkurrenzfähig ist, Stand heute ist der HSV für mich auf Platz 18 gesetzt. Das heißt: Spieler verlaufen und hungrige ablösefreie Spieler verpflichten. Und alles Geld zusammenkratzen, einen gestandenen Spielgestalter und ein Backup zu verpflichten. Denn die Kassen sind leer, sonst würde man längst Adler und verpflichtet haben, auch wenn ein Drobny noch auf der Gehaltsliste steht. Wenn es um die 2 – 3 Mio. Einsparung geht, müssen wir kurz vor der Pleite stehen…

Wen soll der HSV freisetzen?

Marcell Jansen. Verletzungsanfällig, ohne Esprit, megaempfindlich, viel palavernd. Ein Maximilian Beister oder ein Zhi-Gin Lam kann das sicher perspektivisch besser, wenn man ihn lässt.

Paolo Guerrero. Rackert zwar oft, ist aber noch öfter unbeherrscht. Ist bei den Schiris und den Ligabonzen als Brutalo abgestempelt

Dennis Aogo. Zeigt als Nationalspieler viel zu wenig. Müsste für 5 Mios. verkäuflich sein, dafür kriegen wir zwei Spieler seines Niveaus vom Typ Slalomstange der Abwehr, auch wenn ich glaube, dass er einer der wenigen ist, die sich voll reinhängen.

Dennis Diekmeier. Rennt schnell, ist offensiv stark, aber defensiv eine Zumutung. Bringt sicher auch 2-3 Mio.

Robert Tesche. Ohne Worte. Gern auch ablösefrei.

Heiko Westermann. Kein Abwehrchef, sondern ein Unsicherheitsfaktor. Macht viel zu viele Fehler. Wann war der mal richtig Chef auf dem Platz? Bringt sicher auch 2-3 Mio.

Ivo Ilicevic und Marcus Berg würde ich weiter vertrauen, sie könnten in einer neuen Mannschaft Aktivposten werden. Berg muss nur noch mehr spielen.

Gökhan Töre muss noch viel lernen, den würde ich mit aller Macht festhalten. Auch Slobodan Rajkovic wird sich entwickeln.

Tomas Rincon? Ein Kämpfer, den man nur als Zerstörer einsetzen soll, aber nicht als Spielaufbauer. das kann er nicht.“

Von „FinchLarsen“ der folgende Beitrag:

„Dass auch Aogo nicht mit zur EM fährt ist nicht gut, auch Westermann, Jansen, Diekmeier und Bruma sind aussortiert. Damit ist klar, der HSV ist kein Verein mehr der N11-Spieler stellt. Es muss aber das Ziel des HSV sein N11-Spieler zu stellen, nicht nur weil es den Marktwert steigert, sondern weil es junge Spieler mit Ambitionen zum HSV bringt. Die Argumentation, dann können wir zumindest mit allen Spielern in die Vorbereitung starten ist die Argumentation eines 2te- 3te – 5te Liga Vereins.

Um Aogo tut es mir wirklich leid. Das Genick hat ihm wohl das Frankreich Spiel gebrochen, als er – wie beim HSV gelernt – irgendwo vorne rumirrte um dann mit falschen Stellungsspiel die Niederlage zu verschulden. Neben Aogos Bringschuld hat der Verein die Aufgabe jeden Spieler besser zu machen. Aogo, von Big Martin Jol entdeckt und bis in die N11 gefördert ist kaputttrainiert worden, auch wenn er seinen Teil dazu beigetragen hat. Der HSV 2012, graue Maus, zum Heulen, Es gibt Tage, wo man als HSV Fan so traurig ist, dass man sich noch trauriger machen möchte.“

Die Sache mit den Nationalmannschaften darf noch um einen Spieler ergänzt werden: Mladen Petric. Auch er ist in Polen und der Ukraine nicht dabei. Als Spieler nicht. Und Urlaub wird er dort bestimmt auch nicht machen wollen. Das der kroatische Nationaltrainer Slaven Bilic auf Petric verzichtet, ist ja sogar nachvollziehbar. Der Ex-Torjäger hat in dieser (abgelaufenen) Saison absolut nichts gebracht. Und allgemein gilt: Die stets und ständig hervorgehobene „Qualität des HSV“ und seinen Spielern mag ja durchaus in den Köpfen der Hamburger Verantwortlichen vorhanden gewesen sein, aber sie alle wurden widerlegt. Die Nationaltrainer aller Herren Länder haben das eben ganz, ganz anders gesehen. Was nicht nur Thorsten Fink und Frank Arnesen zu denken geben sollte, sondern auch den Herren Nationalspielern des HSV. Sie bekamen die Quittung für eine erschütternde Saison, und wenn man dann am Ende aus der Nationalmannschaft fliegt, dann geht es schonungsloser eben nicht.

Wobei ich Dennis Aogo einmal ausnehme. Er mag sich letztlich durch das Frankreich-Länderspiel aus dem Team gespielt haben, aber ich mache dafür vor allem die desaströse HSV-Saison verantwortlich. Aogo war ganz sicher noch einer der besseren Hamburger in dieser Spielzeit, er hat vor allen Dingen stets und ständig Verantwortung übernommen – als einer der wenigen Spieler dieser oft überforderten Mannschaft. Um Aogo, so gab der Verein einst bei der Vertragsverlängerung mit dem Nationalspieler bekannt, um Aogo herum sollte ein neues HSV-Team aufgebaut werden. Das misslang zwar 2011/12 gründlich, aber an Dennis Aogo lag es gewiss nicht – er hat seinen Part dabei erfüllt. Was ihm ja auch mehrfach von den Verantwortlichen (Arnesen, Fink) bestätigt wurde. Ich muss deutlich sagen, dass sich Dennis Aogo zu einem echten Führungsspieler gemausert hat, obwohl ich auch zugeben muss, dass er fußballerisch nicht immer überzeugt hat. Insgesamt stagnieren seine Leistungen – aber auch das liegt gewiss nicht nur an ihm. Ich würde mir wünschen, dass solche Defizite, die sich ja nicht nur im Frankreich-Spiel offenbarten, durch ein individuelles Training, oder besser, durch ein individuelleres Training, abgestellt werden würden. Oder dass es auf diese Art auf jeden Fall einmal versucht werden würde. Aber darauf warte ich schon seit Jahrzehnten bei jedem HSV-Bundesliga-Trainer vergeblich drauf.
Mal abgesehen von Ricardo Moniz, der sich während des Trainings von Martin Jol doch mitunter das eine oder andere Talent „griff“, um mit ihm Einzeltraining (auf dem Nebenplatz) zu veranstalten. Und: Der große Martin Jol hatte tatsächlich nichts dagegen, er ließ seinem Technik-Trainer freie Hand und ließ ihn gewähren. Nachahmenswert. Unbedingt.

Apropos Jol. Kürzlich flüsterte mir ein „guter Geist“ während eines HSV-Trainings zu, dass der Coach des FC Fulham latentes Interesse an Marcell Jansen habe. Ach wenn’s doch wahr wäre – habe ich so bei mir gedacht. Auch im Interesse von Jansen – natürlich. Wer von euch erinnert sich nicht daran, dass der Linksfuß noch um die Jahreswende immer wieder laut von einer EM-Teilnahme (2012!) träumte? Dabei war er in meinen Augen, und nicht nur in meinen, absolut chancenlos. Jansen soll ja nach eigenen Angaben „so fit wie nie“ in diese Saison gegangen sein, aber davon war zu keiner Phase dieser Spielzeit etwas zu sehen. Wenn das anders gewesen wäre, dann wäre er sicherlich auch einmal in die Nähe der Nationalmannschaft gekommen, aber da gab es nichts, nicht einmal das kleinste Zeichen von Jogi Löw. Deswegen wäre es vielleicht auch ganz im Sinne von Jansen, wenn es einmal eine Klimaveränderung (sprich Vereinswechsel) für ihn geben würde. Eine neue Herausforderung setzt vielleicht doch noch einmal ungeahnte Kräfte frei – wer weiß?

Aber der „gute Engel“, der mir von Jols Interesse berichtete, der sagte auch, dass der HSV erstens Jansen nicht gehen lassen, und zweitens wohl eine sehr hohe Ablösesumme fordern will. Oder sind die HSV-Herren eventuell auch (schon) so clever, dass sie den Preis ein wenig in die Höhe treiben wollen? Denn für „ein Butterbrot und ein Ei“ sollte auch ein Ex-Nationalspieler nicht von Hamburg auf die Insel wechseln dürfen. Der HSV hat schließlich nichts, aber auch rein gar nichts zu verschenken. Auch an einen ehemaligen HSV-Trainer nicht. Bei Geld hört die Freundschaft auf.

Kurz möchte ich noch einmal zur Kritik an Heiko Westermann (in diesem Bericht oben) kommen. „Wann war er mal richtig Chef auf dem Platz?“ So wurde gefragt. Das kann ich nicht so stehen lassen. Ich habe viele Spiele gesehen, in denen Westermann Chef auf dem Platz war. Und Fels in der Brandung. Wenn der Kapitän heute in der „Bild“ verkündet, dass der HSV ohne Thorsten Fink abgestiegen wäre, dann ehrt es ihn, aber er stellt dabei sein Licht unter den Scheffel. An Heiko Westermann konnten sich die jungen Leute im Team anlehnen – und ein gutes Beispiel nehmen. Westermann ist sicher kein Filigran-Techniker, das wird er auch nicht mehr, aber er ist einer, der für sein Team immer alles gibt – und das hat er stets vorbildlich gemacht. Da war er auf Augenhöhe mit Dennis Aogo und David Jarolim. Ich bin mir ganz sicher, dass der HSV ohne Heiko Westermann auch abgestiegen wäre – aber zum Glück hatten wir ihn ja in jeder Partie dabei. Nicht auszudenken, wenn er einmal für längere Zeit gefehlt hätte (verletzt oder gesperrt).

So, das Damen-Pokalfinale ist gelaufen, der große Außenseiter FC Bayern bezwingt den 1. FFC Frankfurt mit 2:0! Demnächst beginnt das Herren-Traum-Finale – und jedes Mal sitze ich dann vor dem Fernseher und bin traurig. In dieser Saison ist der HSV zwar höchst unglücklich aus dem Pokal ausgeschieden (in Stuttgart – morgen die Revanche?), aber zu oft schon wurde der DFB-Pokal zu leicht und zu locker von den Hamburgern abgeschenkt. Und wer einmal in Berlin war, und zwar schon lange, lange vor dem Anpfiff, der weiß, welche einmalige Atmosphäre dort herrscht. Wer tagsüber auf dem Kurfürstendamm herumläuft, der weiß, wie besonders ein solches Pokal-Wochenende ist. So etwas muss man ganz einfach mal mitgemacht haben – am besten natürlich mit dem eigenen Verein. Aber ein solches Vergnügen liegt ja schon ein wenig länger zurück. Damals, zu Happels Zeiten . . .

Lang, lang ist es her. Aber schön war es doch!

18.45 Uhr